»Der Liebe Sehnsucht fordert Gegenwart.« -- Goethe, mit jedem
Pulsschlage seiner Empfindung nach greifbarer Gegenständlichkeit,
nach sinnenfälliger Wirklichkeit drängend, ist zu versichern
nicht müde geworden, daß persönliche Bekanntschaft erforderlich
sei, »das Siegel eigentlich auf jedes wahre sittliche Verhältnis
zu drücken.« Doch auch er hat einmal geglaubt, mit Augen der
Sehnsucht den fernenden Nebel durchdringen zu können, der ihm
ein leiblich nie geschautes Antlitz verbarg, mit Armen der
Freundschaft hinüberreichen zu können über eine Kluft, die
keine unmittelbare Begegnung überbrückte. In jener bedeutsamen
Zeit deutscher Geistesentwicklung ist das gewesen, da unsere
Literatur, wiedergeboren aus dem Schoße frisch erwachten
Naturgefühles, aufbrausend im »Sturm und Drang« erneuerter
Jugendfülle, alle suchenden Seelen in gleichen Bann schlug, da
Goethe, der diese neue Literatur mitgeschaffen, jung wie sie,
voll leidenschaftlichen Verlangens, einstimmende Herzen von Nähen
und Weiten forderte.
»Sturm und Drang« -- an dem ergreifendsten Erzeugnis dieser
aufgewühlten Epoche, an den »Leiden des jungen Werthers« hatte
sich Auguste Luise Gräfin zu Stolberg-Stolberg entzündet, als
sie im Januar 1775 an den ihr fremden Dichter den ersten Brief
richtete. Geboren am 7. Januar 1753, Sprößling eines uralten
niederdeutschen Geschlechtes, lebte sie »still und bewegt« ein
unscheinbares reiches Leben; das südliche Holstein, die dänische
Insel Seeland, die Niederungen der Elbmündung sind mit ihrem
Wechsel von Wiese und Buchenwald, von Moor und Ackerfläche, von
schäumender Meeresbrandung und kosendem Landsee der begränzte
Schauplatz dieses weiten Daseins gewesen. Gustchens Vater, Graf
Christian Günther, war seit 1756 Hofmarschall der Königin-Witwe
Sophia Magdalena in Kopenhagen; als er 1765 starb, hatte er jedes
seiner zahlreichen Kinder für alle Folgezeit gefestigt in dem
ihm eigenen Sinne lauterer Frömmigkeit und frohen Bekennermutes.
Die Mutter (gest. 1773), eine harmonische Natur, den »schönen
Seelen« des Pietismus verwandt, mit regsamer Empfindung und
Kraft der Phantasie begabt, ward den Ihren gemütvolle Erweckerin
einer entschiedenen Neigung und Fähigkeit zur Dichtkunst, und
dieser allgemeine poetische Geist vertiefte und verklärte sich
an Wesen und Werk des Messias-Dichters Klopstock, der, 1751 nach
Dänemark berufen, in vertrautester Freundschaft zur Familie
stand. Klopstock ist der Leitstern geblieben, nach dem die
Stolberge ihr Leben und Dichten gerichtet haben; nach seinem
Muster hat Gustchens ältere Schwester Katharina ihr biblisches
Drama »Moses« verfaßt. Und auch Bruder Friedrich Leopold, dessen
schöner ausdauernder Enthusiasmus sich die Liebe jugendlicher
Mitstrebenden wie die Anerkennung kritischer Nachwelt erwerben
durfte, ist der früh eingesogenen Bewunderung Klopstocks niemals
untreu geworden, ob er gleich voll Selbstgefühls sein _Zögling_
nicht hat heißen mögen, den schlichten Ton singbaren Liedes jeder
volltönenden Odenform vorgezogen hat und, von dem Wehen des
»Sturmes und Dranges« ergriffen, einzig im eigenen Bewußtsein,
in der sich selbst verbürgenden Dichterkraft Maß und Richtschnur
seines Schaffens hat erkennen wollen.
»Sturm und Drang« -- wohl müßte es reizvoll sein, diese mächtige
Bewegung sich in empfindsamer Mädchenseele bewähren zu sehen,
aber die Briefe Gustchens, die uns solchen Anblick bieten
könnten, sind den Flammen zum Opfer gefallen, denen Goethe 1797
die Dokumente aller seiner persönlichen Beziehungen überantwortet
hat. Dafür zeigen uns seine eigenen Antworten vom Jahre 1775
das Schauspiel der jungen Zeit in seiner erhabensten Gestalt.
Wie machtvoll weht uns aus diesen Zeilen, die mit strudelnder
Feder »hingewühlt« sind, der feurige Atem des Dichtergenius
entgegen, der das Mysterium der Welt und des eigenen Herzens zu
lösen ringt, der die Wirrsale des Daseins, das Wonne und Schmerz
zugleich ist, in künstlerischen Formen zu bändigen strebt!
Wie wechselt in diesem klopfenden Busen, der Himmel und Hölle
nebeneinander umschließt, die Flut der tiefsten Empfindung;
aus lichter Klarheit und Götternähe ins Dunkel der Erdennot
hinabgestürzt, auftauchend aus Kleinmut und Verzweiflung zu
hoffnungfreudiger Zuversicht auf die eingeborene Kraft und das
waltende Schicksal, ergreift dieses Gemüt jeden neuen Zustand
mit ungestümer Leidenschaft. Dem Überschwang des Gefühls versagt
sich das sonst so gefügige Wort; in bedeutungschwerem Stammeln,
halben abgebrochenen Lauten einer erschütterten Vollnatur macht
sich der Sturm des Innern Luft. »Ich bin wie ein klein Kind«, ein
Kind, das, hingegeben jedem Augenblick, sich in lallenden Tönen
überstürzt, um von Leiden und Freuden sich zu entlasten, die das
Herz erdrücken möchten. So hatte auch Werther einst gerufen:
»O was ich ein Kind bin!« Und wie hier die »Leiden des jungen
Werthers«, so klingen andere Dichtungen dieser reichen Epoche an
anderen Stellen unserer Briefe an. »Ich will Ihnen keinen Namen
geben, denn was sind Namen gegen das unmittelbare Gefühl«, dieses
erste Wort Goethes an Gustchen ist wahrhaft wesensverwandt jenem
Faustischen Bekenntnis: »Nenn's Glück! Herz! Liebe! Gott! Ich
habe keinen Namen Dafür!«
»Faust« steigt auf aus unseren Briefen; unmittelbar in die
Werkstatt des Dichters wird uns ein Einblick erlaubt, wenn
wir auf die Umschreibung des »Rattenliedes« stoßen. Und neben
»Faust« steht »Stella«, das kühne »Schauspiel für Liebende«,
herausgeboren aus dem seligschmerzlichen Verhältnis zu Lili
Schönemann. Lili -- das ist der Gegenstand der Frankfurter
Briefe. Wir sehen das unlösbare Geflecht von Qual und Entzücken,
in dem sich Goethe verfangen hat. Das blütenjunge Mädchen,
vollkommen schön und liebenswürdig, in kindlicher Harmlosigkeit
sich des Zaubers erfreuend, der von ihr ausgeht, und wiederum
fähig und bereit, dem Geliebten Familie und Heimat aufzuopfern,
erhebt ihn mit der Kraft ihrer innigen Neigung zur Höhe
überirdischen Glückes, und eine finstere Gewalt zerrt ihn
unbarmherzig hinab in den Abgrund innerlicher Verstörtheit:
das Grauen vor der Alltäglichkeit, der er sich überliefern
soll, die Furcht vor dem platten Nachbar- und Gevatterwesen,
der Widerwillen gegen das spießbürgerliche Getriebe, die leere
Selbstgefälligkeit eines verrottenden Gemeinwesens. Hin und her
gerissen zwischen Liebe und Freiheitssehnen, findet Goethe keinen
Standpunkt zu ruhiger Erwägung, sein Groll kehrt sich gegen die
Braut, die des unseligen Zwiespaltes unschuldige Ursache ist, er
plagt sie mit abweisender Kälte und büßt sein Unrecht in bittern
Selbstvorwürfen, er übergibt sich dem Strudel gesellschaftlicher
Vergnügungen, um die innere Unruhe zu übertäuben. So geht das
herzbeklemmende Schauspiel dem unausweichlichen Ende entgegen:
»Lili sieben Worte gesagt«. Mit der grandiosen Unbefangenheit des
Genies läßt er seinen Schmerz auf dem heiligsten Vorgang aller
Geschichte als auf einem Gleichnis eigenen Erlebens haften:
seine Liebe ist es, die er ans Kreuz geheftet hat, die das Haupt
senkt und spricht: Es ist vollbracht.
Getreuen Bericht dieser traurig-süßen Bräutigamszeit hat Goethe
dem unbekannten Mädchen abgestattet; aber immer aufs neue bricht
die Klage durch, daß er das Letzte, Tiefste, Geheimste nur von
Mund zu Munde sagen könne. So ist er denn also schon damals der
bittern Wahrheit inne geworden, daß aller Seelenkraft zum Trotz
die persönliche Gegenwart ganz allein ein wahres Verhältnis zu
bestimmen und zu befestigen vermögend sei, und doch bleibt er
noch unerschöpflich in der Erfindung von Mitteln, das Getrennte
wirksam zu vereinigen. Von Tag um Tag, von Stunde um Stunde
gibt er Rechenschaft, um sich über alle Fernen hinweg ganz
darzustellen; er bittet: »Schreiben Sie doch auch immer die
Daten«, weil er die lange Zeit hinwegtilgen zu können hofft, die
Gustchens Briefe haben reisen müssen, er borgt Hilfe von seiner
Zeichenkunst und gibt der Freundin ein Bild seiner Stube --
jener Stube, die seine Seufzer um Lili gehört, seinen »Faust«,
seine »Stella« hat entstehen sehen. Aber »Sturm und Drang« legt
sich zur Ruhe, Goethe reift fester Männlichkeit entgegen, die
nur in unmittelbarer Gegenständlichkeit wesen und wirken mag,
und in demselben Maße, wie ihm volle Realität alles Seins zur
Lebensbedingung wird, welkt das hastig emporgetriebene Verhältnis
zu Gustchen Stolberg ab.
Die einzige Gelegenheit, die sich ihm geboten hat, die Vertraute
seiner Frankfurter Leiden persönlich kennen zu lernen, hat
Goethe versäumt, als er im Dezember 1775 ihre Brüder, entgegen
dem ursprünglichen Plane, allein von Weimar abreisen ließ.
Der herzogliche Freund hielt ihn damals fest, und sie, die
nun auf länger denn ein Jahrzehnt seines heißen Verlangens
unerreichbarer Pol sein sollte, Charlotte v. Stein. Nur selten
wird Charlottens Name genannt in den Briefen, die Gustchen noch
aus Weimar erhalten hat, der Einfluß ihres stetig-milden Wesens
ist jedoch nicht zu verkennen. Wie viel ruhiger der Ton, wie
viel gleichmäßiger Bericht und Erzählung, wie viel gedämpfter
der Ausdruck neuen Leides, dessen Ursache im Dunkel bleibt! Die
zahlreichen Gedankenstriche, die, wie Erdrisse einen heißen Boden
zerklüften, die fiebernden Frankfurter Briefe durchsetzten,
kommen seltener und seltener aus ruhig fortlaufender Feder. Wie
erfrischender Frühwind eines herrlichen Sommermorgens weht es
heran, wie ein Wipfelgruß aus dem geliebten Garten am Park. Alle
seine früheren Geliebten habe sie beerbt, hat Goethe der teuern
Frau gestanden; sie ist auch in Gustchen Stolbergs Besitzrecht
eingetreten, als verstehende Frauenseele die Beichten eines
umgetriebenen Dichterherzens entgegenzunehmen. Hier war die
lebendige Hand, die sich kühlend auf die erhitzte Stirne legen
konnte, Fülle der Wirklichkeit, Kraft der Gegenwart -- da mußte
Gustchens Bild zu leerem Schemen verblassen.
Und noch einmal, nach einem Menschenalter voll wechselnden
Schicksals, ist Gustchen ungerufen vor den Stummgewordenen
hingetreten, um in eindringlichem Bekehrungsversuch zu erweisen,
wie nahe ihrem liebevollen Herzen der Freund der Jugend geblieben
sei. Kein Mephistopheles begrinse das Vertrauen dieser guten
Seele, die, ihres Glaubens voll, sich heilig quält, ihn, der ihr
einst so viel von seinem tiefsten Selbst geschenkt, verloren
halten zu sollen! Goethes Antwort, ernst und würdig, ist das
erhabenste Bekenntnis seiner reinen Weltfrömmigkeit. Mehr
als einmal ist er das Ziel eifriger Christianisierungslust
gewesen, die er dann wohl mit derbem Spott in ihre Schranken
zurückverwiesen hat -- was ist's, das ihn gutmeinender Anmaßung
hier mit Milde und verzeihendem Verständnis begegnen heißt? Ist
es der beredt-herzliche Ton der unerbetenen Mahnung? das Andenken
längst versunkener Zeit? der gesellschaftliche Rang der Gräfin?
Alles das mag zusammengewirkt haben, aber ein Entscheidendes
kommt hinzu: die letzte Liebe ist's, die wie der volle Glockenton
einer weltentrückten Bergeskirche vernehmbar wird. Was ihn Ulrike
v. Levetzow empfinden gelehrt hatte, die liebliche Jungfrau, der
er im Sommer 1821 entgegengetreten war, das hat Goethe, wenige
Monate nach dem Briefe an Gustchen, offenbart:
Dem Frieden Gottes, welcher euch hienieden
Mehr als Vernunft beseliget -- wir lesen's --
Vergleich ich wohl der Liebe heitern Frieden
In Gegenwart des allgeliebten Wesens.
Der Friede Gottes, dem frommen Gemüt eines Kindes entflossen,
er ist es, der Goethes letzten Brief an Gustchen Stolberg
durchzieht; die reine Seele, die nur darum in Goethes Leben
eingetreten zu sein scheint, um wie ein Spiegel das Bild seines
Liebens aufzunehmen, sie hat nun ihre Sendung ganz erfüllt, da
auch Ulrikens ätherischer Geist leise an ihr vorübergeglitten ist.
Eine zierliche Greisin, das feine Gesicht von kurzgeschnittenen
silberweißen Haaren umrahmt, hat Gustchen im Kreise liebender
Enkel ihren Lebensabend verbracht, regsam und anteilnehmend bis
ans Ende. Sie ist gestorben in Kiel am 30. Juni 1835.
_Max Hecker._
Goethes Briefe
an
Auguste Gräfin Stolberg