„Jawohl, sie lügen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
sonst manchmal übertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
diesem Krieg abgewöhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
mehr als die Wahrheit.“
Plötzlich unterbrach sich der Lehrer: „Kinder, es ist schon halb neun
Uhr, schnell die Bücher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich möchte
von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
erzählt ihr mir dann. Jetzt muß gelernt werden und zwar fest. Stramm an
die Pflicht wie unsere Soldaten!“
Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militärischer;
etwas vom Krieg war hereingeweht.
Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
bei seinen Schülern bleiben. Als er nach der Pause zurückkam und über
den großen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schüler.
„Seid ihr die ganze Zeit über im Schulzimmer geblieben?“ fragte er, als
er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
oft den Sprecher für die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
Antwort: „Draußen ist ein ganzer Haufen Volksschüler; da können wir
nicht hinaus. Wir haben oft Händel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
Schule vorbeigekommen sind.“--„Die gehören auch nicht herein ins
Gymnasium!“ Der ganze Schülerchor stimmte zu.
Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darüber gesprochen
hatte, es werde schwierig sein, daß sich die Schüler der verschiedenen
Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. „Vielleicht
läßt es sich so einrichten, daß auf unser Stockwerk keine
Volksschulklasse kommt,“ entgegnete er, „ich werde noch mit dem Herrn
Rektor darüber sprechen.“
Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschluß hielt er
es nicht mehr aus. „Macht eure Bücher zu,“ rief er, „ich will das schon
verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir müssen uns doch erst miteinander
aussprechen. Wir gehören zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
Kriege, die wir ganz kühl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Häuser, in unser
Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
Wirkung gezeigt. So dürfen wir uns auch die Zeit gönnen, miteinander
davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
einen schöneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, daß ihr
alle aufsteht, um eurem Mitschüler die Teilnahme und seinem Vater die
Ehre zu erweisen!“
Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
bewegt von der Ehrung.
„Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Näheres gehört über den Tod deines
Vaters?“
„Ja,“ antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
seinem Vater etwas zu melden hatten. „Ja, wir haben gehört, daß mein
Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Geschoß,
diesmal an den Kopf. Er stürzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebüsch, daß ihn der Feind nicht
sähe, und legten ihm einen Notverband an. Dann mußten sie wieder ins
Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
bis der Feind zurückgedrängt und geschlagen war. Man konnte die vielen
Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
aus ihrer Truppe, daß sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
zu suchen, obwohl es fast unmöglich schien in dem fremden Gelände und in
der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
ihnen, daß sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
noch erfahren, daß die Schlacht gewonnen war, und hat uns Grüße
schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
er gesagt: ‚Laßt mich auf dem Schlachtfeld begraben.‘ Seine Soldaten
haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darüber abgegeben. Aus zwei
Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen mußten, ein Kreuz gemacht und
haben das Grab mit Feldblumen bestreut.“
Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. „So liegt er auf dem Schlachtfeld
begraben,“ sagte er, „das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? ‚Wenn ich auf dem Feld der Ehre
für Deutschlands Größe fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
Fürstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
ein. Grüßt mir meinen Kaiser.‘--Seht, so schreibt ein Fürst. So mag sich
auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trösten, wenn ihr gefallener
Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.
Nun aber möchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehört haben, den
letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
hat ihn nach stundenlangen Kämpfen, selbst todmüde und durchnäßt noch
nachts gesucht, gestärkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
einmal Volksschüler. In der Schlacht, im fürchterlichsten Ernst des
Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
nun möchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
beweisen, daß wir Deutsche alle Brüder sind, alle zusammen gehören,
reich und arm, vornehm und gering, Lateinschüler und Volksschüler! Unser
Kaiser hat gesagt: ‚Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
noch Deutsche.‘ Wollt ihr sagen: ‚Wir kennen keinen Klassenunterschied
mehr, nur deutsche Kameraden?‘“
„Ja, bei Gott, das wollen wir.“ Helmut, der Offizierssohn, hatte das
gerufen, und das „ja“ ging durch die ganze Klasse.
Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenüber lag.
Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein älterer, erfahrener Mann und
Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
nächsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschüler
an: „Haltet Frieden mit den Lateinschülern, die alberne Feindschaft
verbitte ich mir. Wenn draußen Krieg ist, muß im Land Frieden sein, auch
unter den Buben. Verstanden?“
Einer gab Antwort: „Die wollen gar nichts von uns, die sind
hochmütig.“--„Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
den Hochmütigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
Neid; weil sie alle zusammen _eine_ große Aufgabe haben und nur _einen_
Wunsch: daß wir siegen. Siegen können wir nur, wenn wir alle einig
sind. Und siegen müssen wir doch oder nicht?“--„Ja, ja!“ das kam allen
aus dem Herzen.
Um zehn Uhr, während der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschüler des gegenüber
liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des geräumigen
Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
fremd einander gegenüberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
„Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
abschicken, daß sie nachschauen und dann berichten.“ Darauf erfolgte ein
großes Hallo, natürlich wären am liebsten alle davon gesprungen,
Volksschüler und Lateinschüler, die einen so gut wie die andern.
„Herr Professor, schicken Sie mich,“ baten alle Gymnasiasten und
umdrängten ihren Lehrer.
„Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
Brüder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug.“ Noch ehe er
weiterreden konnte, rief ein kleines Bürschlein: „Ich, Herr Professor,
ich, meine drei Brüder sind im Feld!“