Schiffskapelle

mitteilen. Auf dem Schiffe wird an jedem Tage mehrere Male konzertiert,

regelmäßig morgens und abends. Die Kapelle besteht aus Stewards, die

ihre Sache vortrefflich verstehen und sehr gut spielen. Nachdem sie beim

Essen aufgewartet und ihre Kellnerpflichten erfüllt haben, begeben sie

sich auf das Verdeck und beginnen hier ihr Konzert, welches gewöhnlich

mehrere Stücke umfaßt, jedoch werden vorwiegend lustige Sachen gespielt.

Ich hatte geglaubt, daß die Kapelle nur aus Berufsmusikern bestände,

habe mich jedoch davon überzeugt, daß diese nur von den Stewards

gebildet wurde und konnte mir danach wohl vorstellen, wie weit

verbreitet und wie hochentwickelt die Musik in Europa sein mag. In

Europa scheint fast jeder Musiktreibender zu sein und besonders in

Deutschland, wo die meisten ohne Unterschied des Geschlechtes mindestens

ein Musikinstrument gut spielen sollen. Bei uns befassen sich fast nur

Frauen mit Musik, während Männer bloß unter den Berufsmusikern zu finden

sind. Außerdem fehlt unsern althergebrachten Instrumenten meistenteils

die Harmonie; sie klingen teils melancholisch, teils eintönig. Auch sind

sie wegen ihrer leisen Töne nur in einem kleinen Zimmer zu hören, in

einem großen Raum oder im Freien würden sie einfach verhallen. Daß nach

dem oben Gesagten unsere althergebrachte Musik nicht zum Tanze geeignet

ist, versteht sich von selbst.

[Illustration: Musik an Bord.]

In der Tat ist es eine Lücke in der Kultur unseres Landes, daß man

bisher auf das ästhetisch so bedeutsame Mittel der Musik keine

besondere Sorgfalt verwendet hat. Es werden jedoch jetzt in den Schulen

Gesangstunden abgehalten; in der Musikschule, in welcher ein deutscher

Kapellmeister angestellt ist, werden alle europäischen Musikinstrumente

gelehrt; die Militär- und Marinekapellen sind ganz nach europäischem

Muster eingerichtet, auch gibt es eine Hofkapelle und mehrere

Privatkapellen, die echt europäische Musik vortragen. Aber da die Musik

ebenso wie die Malerei, ja wie jede Kunst, mit dem Charakter des Volkes

aufs innigste zusammenhängt, so werden noch Jahre vergehen, bevor sich

diese Musik in ihrer modernen Technik in unserm Heimatlande eingebürgert

haben wird. Von einem jungaufblühenden Lande kann man ja nicht

verlangen, daß es mit einem Schlage in allen Dingen gleich die höchste

Stufe erreicht; man muß ihm vielmehr Zeit lassen und allmählich wird

unser Volk sicher auch diese ihm bisher noch fehlenden Talente zur

Entwickelung bringen, um dann auch hier einen ehrenvollen Platz

einzunehmen. In materiellen Dingen kann man ja schnell Riesenschritte

machen, aber in Kunst und Wissenschaft, die dem Volke in Fleisch und

Blut übergehen sollen, da muß man sich schon in Geduld fassen; doch

die Zukunft wird auch hierin Wandel schaffen, ja vielleicht Wunder

vollbringen.

Wohltätigkeitskonzerte,

deren Reinertrag für verunglückte Angestellte des >Norddeutschen Lloyd<

oder deren Witwen und Waisen verwendet werden sollen, werden auf jeder

Fahrt einmal arrangiert und daran beteiligen sich sämtliche Passagiere.

Für das unsrige war ein vielseitiges Programm aufgestellt, von dem ich

hier einige Nummern anführen möchte. Eingeleitet wurde das Fest durch

Ansprache des Kapitäns und des für dieses Fest gebildeten Komitees,

worin besonders der Zweck betont und schon im Voraus der Dank für die

Mildtätigkeit der Teilnehmer und Spender ausgesprochen wurde. Hierauf

folgten die heiteren Vorträge: ein Herr spielte vorzüglich Klavier, eine

Dame trug einige Stücke auf der Zither vor, von mehreren Passagieren

wurden verschiedene kleine Possen aufgeführt, eine junge Dame

erfreute die Zuhörer durch den Gesang einiger schöner Lieder u. s. w.

Hervorzuheben war die Leistung eines amerikanischen Offiziers, der als

Dame verkleidet und schön geschminkt, die drolligsten Sachen vortrug und

bei sämtlichen Zuhörern wahre Lachsalven erweckte. Hierauf wurden von

mehreren Damen die Gaben eingesammelt und jeder gab soviel er geben

konnte. Wie man uns beim Schluß des Festes mitteilte, war eine ziemlich

bedeutende Summe zusammengekommen.

Die entgegengesetzten Gefühle der Hin- und Herreise.

Welch' ein bedeutender Unterschied liegt in den Gefühlen, mit welchen

man die Hinreise macht und denen, die die Rückreise erweckt, und doch

wohnen diese beiden Gegensätze auf einem und demselben Schiffe friedlich

nebeneinander. Ein eifriger Beobachter könnte hier die schönsten Studien

machen. Um bei uns, die wir uns auf der Fahrt von der Heimat befanden,

anzufangen, so fühlten wir mit jedem Tage die Entfernung, welche uns von

unsern Lieben trennte, größer werden. In den ersten Nächten blieb uns

erquickender Schlummer fern. Denn ein eigentümliches Gefühl, gemischt

aus der freudigen Aussicht, viel Schönes zu sehen und zu lernen, und

aus dem Unbehagen, das Vaterland und die Seinigen so lange zu verlassen,

hielt uns wach. Ja, es war, als ob eine Leere im Herzen entstünde, und

in gleichem Maße, wie die Entfernung wuchs, glaubte man von Tag zu Tag

ein Fortschreiten dieser Empfindung wahrzunehmen. Es ist uns dabei zu

Mute, als ob jemand hinter unserem Rücken stände und uns fortwährend

nach hinten zöge.

Wie anders dagegen ist das Gefühl derjenigen, die sich auf der Rückreise

befinden. Mit jedem Tage nähert man sich mehr und mehr der heimatlichen

Küste und man kann wohl sagen, mit jeder Meile wächst die Freude und die

Sehnsucht, die Lieben wieder vor sich zu haben, sie sprechen zu hören

und sie in die Arme schließen zu können. Schon auf dem Schiff erzählten

die auf der Rückreise Befindlichen gern und viel von der Heimat und man

fühlt hier so recht die Wahrheit des Wortes: »Weß das Herz voll ist,

deß läuft der Mund über,« während die Dahinfahrenden -- besonders in

den ersten Tagen -- meist stumm und nachdenklich den Kopf hängen

lassen oder, die Hände aufs Schiffsgeländer gestützt, in das weite Meer

hinausstarren. Man könnte diese beiden Arten, die ich eben geschildert

habe, als die normalen bezeichnen, denn ein jeder, welcher eine Heimat

besitzt, wird beim Abschied Schmerz, beim Wiedersehen Freude empfinden.

Nun gibt es aber noch Menschen, die sozusagen keine Heimat haben,

d. h. die nach einem neuen Ziele streben und die Brücke hinter sich

vollständig abgebrochen haben, oder solche, die aus reiner Reiselust

von einem Weltteil zum andern fahren, bald hier, bald dort ihr Heim

aufschlagen und überall zu Hause sind. Die Gefühle dieser Menschen sind

selbstverständlich andere, oder vielleicht könnte man von ihnen sagen,

sie fühlen überhaupt nichts Besonderes, da sie ja nichts zu verlieren

und nichts zu gewinnen haben.

Unser Schiff.

[Illustration: Staatskabine des »König Albert«.]

Wie schon mehrfach erwähnt, hatten wir uns auf dem deutschen

Reichspostdampfer »König Albert«, dem >Norddeutschen Lloyd< gehörig,

eingeschifft, und da uns dieser Dampfer bei der Überfahrt so gute

Dienste geleistet hat, so fühle ich mich verpflichtet, über ihn zu

schreiben und ihn meinen Landsleuten, die nach mir die Fahrt nach

Deutschland unternehmen werden, zu empfehlen. Der Dampfer ist ca. 150 m

lang und 20 m breit und ist der größte Dampfer des >Norddeutschen

Lloyd<, welcher von Japan nach Deutschland verkehrt. Er kann außer einer

ungeheuren Ladung noch etwa 2400 Passagiere (davon 2000 dritter Klasse)

beherbergen. Auf unserer Fahrt wurden an Kajütenpassagieren erster

und zweiter Klasse aufgenommen 54 Personen in Japan, 40 Personen in

Shanghai, 40 in Hongkong, 45 in Singapore, 13 in Penang und 15 in

Colombo. Wie viele Passagiere sich außerdem noch in der dritten

Klasse befanden, ist mir nicht bekannt. Auch eine ziemlich bedeutende

Schiffsbesatzung -- ungefähr 200 Köpfe -- war an Bord.

[Illustration: Promenadendeck des »König Albert«.]

Auf dem Dampfer unterscheidet man das Hauptdeck, über diesem das

Oberdeck, hierüber das untere, dann das obere Promenadendeck und

ganz oben das kleine Sonnendeck. Vorzüglich eingerichtet und wahrhaft

künstlerisch ausgestattet ist der Speisesaal, welcher auf dem unteren

Promenadendeck liegt; ferner das sehr große Musikzimmer, beide für

Passagiere erster Klasse. Aber auch Speisesaal und Damenzimmer für die

Passagiere zweiter Klasse, welche sich auf dem Oberdeck befinden, sind

äußerst geräumig und schön eingerichtet. Für die Passagiere erster

sowohl wie zweiter Klasse ist je ein Rauchsalon vorhanden. Sämtliche

Räume werden mittels unzähliger elektrischer Glühlampen erleuchtet.

Einer besonders luxuriösen Ausstattung erfreut sich die Staatskabine,

die ihrerseits wieder aus Wohn-, Schlaf- und Badezimmer besteht. Aber

auch die Kajüten erster und zweiter Klasse sind gut und praktisch

eingerichtet und man kann in ihnen die lange Überfahrt, auch wenn sie

sechs Wochen oder noch länger dauert, bequem überstehen. Wir haben uns

darin jedenfalls sehr wohl gefühlt und ich glaube dasselbe von jedem

andern Passagier annehmen zu dürfen. Auch die Verpflegung auf dem Schiff

ist -- wie ich schon einmal erwähnt habe -- geradezu ausgezeichnet,

ich will nicht verfehlen, auch an dieser Stelle meiner Zufriedenheit

Ausdruck zu geben. Es ist dies ja nur eine Bestätigung dessen, was

man öfters sagen hört, daß der >Norddeutsche Lloyd< und

die >Hamburg-Amerika-Linie<, diese beiden größten deutschen

Schiffsgesellschaften, alles aufbieten, um die schnellsten und

größten, zugleich aber auch die bequemsten und mit den neuesten

Sicherheitsmaßregeln versehenen Schiffe in Dienst zu stellen. Hoffen

wir, daß es ihnen noch lange gelingen wird, in diesem edlen Wettstreit

an der Spitze zu bleiben, denn davon würden wir als Passagiere den

größten Vorteil haben; das Reisen würde immer sicherer und angenehmer

werden.

[Illustration: Damensalon des »König Albert«.]

Trauriges während der Fahrt.

Wie uns auf unserer Fahrt viel Interessantes und Erfreuliches passiert

ist, so hat es uns aber auch am Gegenteil nicht gefehlt.

Bei einer langen Fahrt, die anderthalb Monate dauert, und bei der großen

Menge von Fahrgästen, die sich auf unserm Schiff befand, kann es nicht

vermieden werden, daß manch' unangenehme Ereignisse vorkommen. So

erzählte man mir, daß fast jede Fahrt Unglücksfälle, ja sogar nicht

selten Todesfälle aufzuweisen hat. Leider traten diese beiden bei

unserer Fahrt in verstärktem Maße vor, denn sie fingen bereits nach

einer Fahrt von acht Tagen an. Zuerst überraschte uns der bereits

erwähnte Todesfall eines Passagiers, eines Engländers, der mit seiner

Familie von Japan nach Hause reiste. Der Verstorbene soll lungenleidend

gewesen sein und hatte wohl von der Seefahrt Stärkung und Besserung

seiner Krankheit erwartet. Aber der Mensch denkt und Gott lenkt! Der

Leichnam des Verstorbenen wurde in Hongkong beigesetzt. In wie großer

Trauer seine Hinterlassenen zurückblieben, läßt sich denken.

Bei der betreffenden Stelle meines Reiseberichts habe ich schon erwähnt,

wie unerwartet und erschreckend mich die Nachricht getroffen hatte, daß

in Hongkong mein Freund und früherer Schüler Dr. Okoshi, den ich

dort aufsuchen wollte, verstorben war, und daß einen Tag vorher sein

Leichenbegängnis stattgefunden hatte.

Im Indischen Ozean hörten wir plötzlich, daß ein Matrose verschwunden

sei. Es wurde überall nach ihm gesucht, aber vergebens; er konnte nicht

aufgefunden werden. Da entdeckte man nach etwa vier Tagen seine Leiche

im Kohlenlager auf dem Boden des Schiffes. Man nahm an, daß er entweder

von der ungeheuren Höhe herabgestürzt oder daß er durch Kohlengase

erstickt sei. Der Leichnam wurde nach Seemannsart in das Meer gesenkt.

Wohin man einen Leichnam zur Ruhe bestattet -- ob in die dunkle Erde

oder in das tiefe Meer -- scheint ziemlich gleich zu sein, und doch ist

es ein unheimliches Gefühl, wenn man sieht, wie in stiller Nacht beim

Mondschein der Überrest eines unserer Mitmenschen in die Tiefe der

unendlichen weiten See versenkt wird. Die Erde hat den Menschen geboren

und es ist naturgemäß, daß er wieder in die Erde hineingesenkt wird.

Heißt es doch: »Von Erde bist Du geworden, zur Erde sollst Du wieder

werden!« Nur in der Erde findet man die rechte Ruhe, nur auf der Erde

kann man einen Grabhügel errichten, mit Denkmal und Blumen zieren, nur

vor dem Grabhügel haben die Hinterbliebenen das Gefühl, dem Toten immer

noch nahe zu sein. In dem ewig bewegten Meere, in dem wild stürmenden

Element scheint uns ein sanftes Ruhen nicht möglich. Doch des Seemanns

Los ist es, daß er fern von der Heimat in der Tiefe der See sein Grab

findet, wo kein Hügel, kein Stein später an ihn erinnert. Aber trotzdem

wünscht sich jeder Seemann gerade den Tod auf der See und dort sein

Begräbnis.

In Aden mußte ich erfahren, daß mein Kollege, Prof. Tachibana, welcher

mich in Deutschland erwarten sollte, von einer schweren Krankheit

befallen, seine Rückreise nach Japan angetreten habe. Ich wollte diesen

Herrn auf seinem Posten in Deutschland ablösen und hatte geglaubt, ihn

in voller Gesundheit anzutreffen. In meiner auf dem Schiffe verfaßten

Reisebeschreibung hatte ich der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß mein

Kollege, wenn auch nicht ganz gesund, so doch gestärkt und gekräftigt

sein Heimatland wieder erreichen und seine Lieben umarmen möge. Aber als

ich in Berlin ankam, erhielt ich die tief erschütternde Nachricht, daß

er unterwegs auf dem Schiffe dahingeschieden sei -- eine Kunde, die mich

in große Trauer versetzte. Aus den Briefen meiner Freunde, die ich zu

gleicher Zeit aus meiner Heimat erhielt, ersah ich, daß mein Kollege

noch das japanische Meer erreicht und noch vor seinem letzten Atemzuge

am Horizont die blauen Gipfel seines teuren Vaterlandes emportauchen

gesehen hat. In stiller Wehmut soll er die Heimat mit seinen Blicken

verschlungen haben, als wollte er sie tief in sein Herz versenken. Mit

den Worten, daß es ihm doch noch vergönnt gewesen, die heimatlichen

Berge zu schauen, soll er verschieden sein. Würde er nur noch wenige

Stunden gelebt haben, so hätte er noch den Heimatboden betreten und

seine Familie begrüßen können. Allein, wie der deutsche Dichter sagt:

»Mit des Geschickes Mächten ist kein ew'ger Bund zu flechten,« das

Unglück kommt unerwartet und »rasch tritt der Tod den Menschen an.«

Die Frau und Kinder des Heimgegangenen, die ihn an der Landungsbrücke

mit Sehnsucht erwarteten, um ihn nach langer Abwesenheit in ihrer Mitte

zu bewillkommnen, konnten nur noch seine leblose Hülle umarmen.

Diese herzzerreißende, qualvolle Szene, welche sich entwickelte,

soll unbeschreiblich gewesen sein. Mein Freund, der mich hiervon

benachrichtigte, schrieb mir, daß ihn selbst der Anblick dieser Trauer

so ergriffen habe, daß er mir, statt einer eingehenden Beschreibung,

nur noch Tränen hätte senden können. Dieses läßt sich aber auch leicht

denken! Ein trostloseres und erschütternderes Bild kann man sich schwer

vorstellen. Auch ich kann nicht schildern, wie sehr mein Gemüt bei der

Nachricht vom Tode meines Kollegen in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Als ich meine diesbezüglichen Aufzeichnungen in meinem Tagebuch

niederschrieb, war jede Silbe eine Träne!

So hat das unerbittliche Schicksal dafür gesorgt, daß mir auf meiner

Reise auch das Traurige nicht erspart geblieben ist.

Die englischen Kolonien.

Daß England die größte Seemacht ist und große Kolonien besitzt, ist

allgemein bekannt. Wenn man aber eine Weltreise macht, so kann man sich

davon überzeugen, daß die englischen Besitzungen tatsächlich über die

ganze Erde zerstreut liegen.

Der größte Teil meiner langen Fahrt ging auch an der Küste der

englischen Kolonien entlang. Die ganze Strecke, von Hongkong aus längs

der indischen Küste, also Singapore, Penang, Colombo, Aden bis in das

Mittelländische Meer, gehört den Engländern und so beherrschen sie den

ganzen Ozean. Wie die Engländer zu allen diesen Besitzungen gekommen

sind, ist zu bekannt, als daß es hier wiederholt zu werden brauchte.

Ebenso braucht nicht erzählt zu werden, welch' große Reichtümer England

aus all seinen Kolonien zieht.

Sehe ich aber mit meinen eigenen Augen die Völkerschaften längs der

ganzen Küste, so kann ich nicht umhin, an ihren früheren Zustand

zurückzudenken, an die Zeiten, in welchen diese Nationen noch ihre

Freiheit und Selbständigkeit besaßen. Jetzt liegen sie da, von der

gewaltigen Macht niedergedrückt und zerquetscht, so daß sie nur noch

als Tributpflichtige dem Gewaltherrscher zu Füßen liegen. Nicht selten

findet man jedoch unter diesen Völkern Männer, welche ihr Los beklagen

und ihre Freiheit mit Wehmut zurücksehnen. Allein damit ist es wohl

für immer vorbei, denn die Ketten, welche der Starke um sie geschlungen

hält, sind felsenfest und können nicht mehr abgeschüttelt werden.

Wenn es in der Welt so bleibt, wenn der Stärkere immer den Schwächeren

niederzwingt, wenn stets nur Macht und Recht des Stärkeren Geltung

finden: dann wird der Friede der Welt wohl immer gestört werden, und dem

Schwachen wird nichts weiter übrig bleiben, als sein Unglück in Demut zu

ertragen und dem Starken Handlangerdienste zu leisten. Wenn der Stärkere

nur aus Egoismus handelt, wenn dieser der ausgesprochenste maß- und

rücksichtsloseste ist, verbunden mit Brutalität und Barbarei, dann

werden alle Grundsätze der Humanität mit Füßen getreten. Wie die

entsetzlichen Barbareien des jüngsten südafrikanischen Krieges, der sich

aus dem räuberischen Einfall des Jameson entwickelt hat, die Empörung

aller Parteien der zivilisierten Länder wachgerufen haben, und bei

allen, die ein Herz in der Brust fühlen und denen die Grundsätze

der Gerechtigkeit und der Menschlichkeit teuer sind, gerechten Zorn

entflammten, so wird auch jeder andere Übergriff immer beurteilt werden,

und dem Schwächeren wird Beistand nicht fehlen.

Tokio - Berlin: Von der japanischen zur deutschen Kaiserstadt · 第 18 / 25 题