A. »Da ich mich einmal Ihren Meisterhänden anvertraut habe, so machen
Sie nur, wie es Ihnen gefällt! Die Verantwortlichkeit liegt ganz bei
Ihnen.«
B. »Sehr gut, mein Herr! Sie brauchen nicht im geringsten besorgt zu
sein! Mit diesem Brenneisen werde ich nun Ihren Schnurrbart ausziehen.
So...., ach wie schneidig Sie nun aussehen! Sie sehen wie ein echter
Deutscher aus! Aber zu einem eleganten Herrn ist ein Parfüm wohl
unentbehrlich. Kaufen Sie doch ein Fläschchen, ich habe alle Sorten in
meinem Schrank vorrätig -- hier, das ist Veilchen... o, wie schön das
riecht!... dies hier ist Heliotrop, auch was Feines... Das Kostbarste
ist aber dieses Fläschchen, Herr! Das ist Rosenöl... der edelste Tropfen
überhaupt, den es gibt!«
A. »Sie verstehen Ihre Sachen gut anzupreisen, Herr Barbier! Sie sind
ein tüchtiger Geschäftsmann, vor dem man auf seiner Hut sein muß. Doch
werde ich Ihnen zu Liebe ein Fläschchen abkaufen, es sei denn, daß Sie
Ihre Sachen nicht so teuer losschlagen.«
B. »I, Gott bewahre! Daß ich der reellste Mensch bin, das wissen ja alle
Mannschaften und Passagiere des »König Albert.« Außerdem sind alle
meine Sachen zollfrei und Sie werden sie ebenso billig kriegen wie
in Deutschland... Ist Ihnen denn sonst nichts gefällig? Hier, diese
Schnurrbartbinde? Kämme? Pomade?«
Da aber seine Aufmunterungen zu weiteren Ankäufen bei mir nicht
verfangen wollten, so schlug er ein anderes Thema an, indem er sagte:
B. »Hören Sie, mein Herr! Die Haare der Herren Japaner sind doppelt so
stark wie die der Europäer. Meine Werkzeuge werden demnach doppelt so
schnell stumpf. Außerdem fliegen die struppigen Haare im Zimmer umher
und ich muß meine Augen wohl in Acht nehmen.«
Ich merkte aus seinen Reden heraus, daß er auf ein tüchtiges Trinkgeld
reflektierte und sagte ganz verschmitzt:
A. »Ganz recht! Die Arbeit eines Barbiers mag wohl eine recht schwere
sein, besonders wenn er einen unserer Landsleute unter seiner Schere
hat. Aber ein geschickter Meister wie Sie weiß in allem Bescheid. Ihnen
macht wohl ein so eigenartiges Haar wie das unsrige viel Spaß beim
Schneiden, nicht wahr?«
In der Tat hatte aber der Barbier recht. Denn durch den Luftzug des
Ventilators, der sehr gut funktionierte und die drückend heiße Luft der
Barbierstube bedeutend herabsetzte, flogen unsere struppigen Haare in
dem Raum umher, daß die Insassen nicht wenig davon belästigt wurden. Im
großen und ganzen habe ich gesehen, daß der deutsche Barbier bei
weitem ungeschickter ist als der unsrige. Außerdem ist letzterer viel
peinlicher und vorsichtiger. -- In Schweiß gebadet, mit Haaren bedeckt,
kam ich, eine kleine Flasche Parfüm in der Hand und unter dem Kinn den
winzigen Schnurrbart, den letzten Rest meines ehemaligen Vollbartes,
zurück. Einmal und nicht wieder! -- Später erfuhr ich, daß es allen
meinen Landsleuten ebenso ergangen war und daß jeder eine Flasche Parfüm
erstanden hatte.
Der japanisch-russische Krieg.
Unter den Passagieren befanden sich Engländer, Franzosen und Deutsche in
ziemlich gleicher Zahl und so oft diese auf dem Verdeck zusammenkamen,
wurden Gespräche über allerhand politische Gegenstände geführt. Wovon
man uns besonders oft erzählte, das war der japanisch-chinesische Krieg
und die große Tapferkeit der japanischen Soldaten, welche, wie man
meinte, in jeder Beziehung die chinesischen bedeutend übertreffen,
speziell im Punkte der Mannszucht und Disziplin. Es wurde auch viel
von der großen Beute erzählt, welche die verbündeten Soldaten bei
den letzten Unruhen in Nordchina gemacht hätten. Einige französische
Kaufleute, welche sich auf der Rückreise von China befanden, berichteten
uns genaue Einzelheiten und behaupteten, daß bei diesen Wirren ein
ungeheurer Reichtum von China nach Europa transportiert worden sei: so
zeigte einer von ihnen eine sehr schöne Uhr, eine goldene mit mehreren
Kapseln versehene Taschenuhr, verschwenderisch mit Edelsteinen und
Brillanten übersäet, und erzählte hierbei, daß dieselbe aus dem
kaiserlichen Palast in Peking stammen solle. -- Ein anderer, erst in
Singapore an Bord gekommener Passagier bemerkte mit ernster Miene, daß
er bei seiner Abfahrt ein Gerücht vernommen hätte, daß zwischen Japan
und Rußland ein Krieg ausgebrochen sei. Wir glaubten dies zwar nicht,
immerhin aber war ein neues Thema angeregt und von allen Seiten wurde
über dasselbe lebhaft debattiert. Der Brennpunkt war die Frage: welche
der beiden Nationen Sieger bleiben werde? Wir hörten ruhig mit zu und
nach längerem Hin- und Herraten stellte sich als Resultat heraus,
daß Japan bei einem kürzeren Kriege die meisten Chancen hätte! Jedoch
würden, falls der Krieg sich längere Zeit hinziehen würde, die Russen
wohl imstande sein, die Oberhand zu gewinnen, da sie bei der Größe
ihres Reiches im Verhältnis zu dem kleinen Japan dieses an Menschenzahl
übertreffen. Wir enthielten uns jeder Äußerung, da trat ein
hochgewachsener Mann mit großem Vollbart ungeduldig in den Kreis und
sagte mit ernster, dröhnender Stimme: »Was kann denn Rußland gegen
Japan ausrichten? Japan besitzt ja bei strengster Disziplin eine
ausgezeichnete Kriegsmacht und eine wohlgerüstete Flotte von 25 000
Tonnen. Die russischen Barbaren, die nur zum Sengen und Brennen, Rauben
und Morden geeignet sind, können gegen ein so vorzüglich organisiertes
Heer nichts tun. Wenn einige behaupten, daß die Japaner im Körperbau
kleiner sind als die Russen, und infolgedessen im Kampfe Mann gegen Mann
nicht standhalten könnten, so muß ich dies entschieden bestreiten, denn
im Kriege ist der Körperbau der einzelnen Soldaten nicht maßgebend,
sondern der in ihnen wohnende Geist, die Opferfreudigkeit, die
Ausdauer, der unerschütterliche Mut, der den Tod nicht scheut, das
Nationalbewußtsein, welches sie, treu ergeben bis zum letzten Atemzuge,
ihr Leben hingeben läßt. Alle diese Tugenden sind den japanischen
Soldaten eigen. Daß übrigens der moderne Krieg kein Kampf der einzelnen
Menschen gegeneinander, sondern ein Wettstreit der materiellen wie der
geistigen Kräfte ist, ist jedem wohl bekannt. Der Umstand, daß Rußland
infolge der Größe seines Landes viel mehr Menschen ins Feld stellen
könnte, hat auch nicht viel zu sagen; denn bei einem Kriege ist die
Beweglichkeit der Truppen ausschlaggebend und nicht ihre Zahl. Daß die
Japaner die flinksten Soldaten waren, das haben sie bei den letzten
Unruhen in Nordchina vor den Augen der verbündeten Soldaten Europas und
Amerikas vortrefflich bewiesen. Bei einer noch so langen Lanze kann
nur die Spitze töten und die Ochsen können nicht mit Hasen um die
Wette laufen. Die Russen haben auch unser Land vernichtet, unser Volk
ermordet; ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, wie sie meine
Eltern und Geschwister getötet haben. Wir haben Rache geschworen gegen
diese Unmenschen. Wir haben noch zwei Millionen kriegstüchtige Männer,
die stets bereit sind, die Waffen gegen Rußland zu kehren. Wenn also
Japan mit Rußland in Krieg gerät, so würden wir die Russen von hinten
anfallen, auch wenn wir dieses Unterfangen mit dem Leben bezahlen
müßten. Wir würden alles opfern und Japan zur Seite stehen!«
Wer ist denn der? fragten wir uns verwundert, worauf der Unbekannte
unter lautem Seufzer erwiderte, daß er einer der unglücklichen,
mißhandelten, heimatlosen Polen sei. Ob seine Reden Beifall fanden oder
nicht, wissen wir nicht; aber wir bemerkten, daß, als er die Grausamkeit
der Russen erwähnte, seine Augen funkelten, seine Glieder zitterten, und
in dem Augenblick, als er seine geballte Faust erhob, konnte man wohl
ermessen, welch glühender Haß ihn gegen die Russen beseelte. Durch das
Feuer seiner Rede hingerissen, dachten wir unwillkürlich an das traurige
Ende seines Reiches und fühlten mit ihm. Wir konnten nicht umhin, uns im
Stillen zu sagen, daß manches von dem Vorgebrachten wahr sei, wenn wir
auch nicht alles glaubten, was uns dieser Pole mit Feuereifer vortrug.
Die Mahlzeiten auf dem Schiffe.
Hans Küchenmeister, dem wir unsern leiblichen Teil anvertraut hatten,
verstand seine Sache vortrefflich, sodaß wir unter seiner Obhut gut
aufgehoben waren. Zudem war er sehr freigebig. Denn jeden Mittag und
Abend bestand die Speisenfolge aus vielen Gängen, sodaß man trotz des
gutes Appetites, den die frische Seeluft bei sämtlichen Passagieren
erregte, nicht alles verzehren konnte. Morgens früh um 6 Uhr gab es das
erste Frühstück mit Kaffee oder Tee, Brödchen, Früchten u. s. w., um
8 Uhr das zweite, dazu eine warme Fleischspeise, um 11 Uhr Kaffee mit
einem kleinen Imbiß, mittags gegen 1 Uhr das große Mittagessen mit
vielen Gängen, dann nachmittags um 4 Uhr wieder Kaffee und um 7 Uhr das
Abendessen, dem um 9 Uhr noch einmal Kaffee, Tee, Zitronenwasser oder
sonstige erfrischende Getränke folgten. Ich muß wirklich gestehen, daß
die Verpflegung auf dem Schiffe gut, sehr gut war, und doch hatte ich
eins zu tadeln und das waren die salzigen Speisen. Als ich am ersten
Tage meines Aufenthaltes an Bord den ersten Löffel Suppe zu Munde
führte, glaubte ich reines Salzwasser getrunken zu haben, sodaß ich
den Löffel sofort fortlegte, und so wie mir erging es meinen sämtlichen
Landsleuten. Einige Tage konnten wir nichts essen, bis uns der Hunger
quälte und wir uns nach und nach an die salzige Kost gewöhnen lernten.
Daß der Hunger der beste Koch sei, gilt also erst recht auf dem
Schiffe! Zwar hatte ich schon in der Heimat gehört, daß die Gerichte der
Deutschen viel schärfer als die unsrigen wären, aber wir hatten nicht
geahnt, daß die Speisen bei ihnen so salzig genossen würden. Daß wir
nach dem Essen immer ungeheuren Durst empfanden, ist selbstverständlich
und wir konnten uns nun erklären, weshalb täglich soviel Bier verzapft
wurde und weshalb die Deutschen so große Mengen dieses Gebräues
vertilgen.
[Illustration: Ein Schiff in Sicht.]
Charakterskizzen einzelner Nationen.
Unter den vielen Nationalitäten, die sich an Bord befanden, traten die
verschiedensten Gebräuche und Gewohnheiten hervor. So fiel es mir auf,
daß die Engländer -- Damen wie Herren -- besonderes Gewicht auf die
Toilette legten. Beim Abendessen z. B. erschienen die Engländer stets in
schwarzer Kleidung, während die andern Passagiere sich so zeigten, wie
sie gerade angezogen waren, und sich nicht erst besonders
umkleideten. Ebenso erschienen die englischen Damen dekolletiert in
Gesellschaftstoilette. Am Sonntag zum Gottesdienst waren fast immer nur
Engländer zugegen, die der Predigt ihres landsmännischen Predigers,
der lange als Missionar in China tätig gewesen sein sollte, andächtig
zuhörten. Andere Nationen erschienen zu dieser Feier höchst selten. Auch
waren es ausnahmsweise Engländer, die sich mit großer Beweglichkeit an
den Spielen beteiligten und sich dabei selbst alte Leute mit den Kindern
vergnügten. Daß die Engländer auch im Kartenspiel groß sind, habe
ich bereits oben erwähnt. -- In Colombo war eine englische
Schauspielertruppe an Bord gekommen. Das Benehmen derselben aber war
nicht gerade lobenswert zu nennen. Sie waren zwar lebhaft, hatten aber
wenig feine Manieren, wie sie bei andern ihrer Landsleute oft zu finden
sind; besonders war das Singen, Schreien, Trinken u. s. w. der Damen
recht unschön, sodaß wir ordentlich aufatmeten, als diese Gesellschaft
das Schiff verließ.
Die Deutschen sind stillerer Natur; sie sitzen gewöhnlich bei einem
Glase Bier, rauchen Zigarren oder lesen irgend etwas, was sie auf
dem Schiff bekommen, wie Novellen, Reisebeschreibungen u. s. w., die
Bibliothek des Schiffes steht zwar jedem jederzeit zur Verfügung, wird
aber am meisten von Deutschen in Anspruch genommen. Die interessantesten
Bücher gehen stets von einem Deutschen zum andern, sodaß wir diese kaum
zum Lesen erhielten. Einige von ihnen sitzen im Winkel des Rauchsalons
und sind so in ihre Lektüre vertieft, daß sie kaum merken, was um sie
vorgeht. Um ihr Äußeres bekümmern sich die Deutschen bedeutend weniger
als die Engländer, sie geben sich ganz ungezwungen. Von ihnen kann man
sagen: wahrlich ein leselustiges Volk.
Die Franzosen sind immer aufgeweckt, fröhlich und gesprächig, sie
gehen meistens in laut geführter Unterhaltung auf dem Promenadendeck
spazieren, mischen sich in jedes Gespräch, spielen Karten, trinken,
rauchen Cigaretten und sind immer vergnügt und guter Dinge. Ich sprach
mit einem Franzosen und sagte, daß seine Landsleute zwar sehr leutselig,
gewandt im Verkehr und witzig seien, aber daß sie in mancher Beziehung
zu leichtlebig und ihrer Regierung allzuoft Sorgen bereiten, sodaß
diese stets darauf bedacht sein müsse, neue Ablenkungen für das Volk zu
finden, wenn es sich nicht allzuviel mit den politischen Angelegenheiten
beschäftigen sollte. Da sagte mir der Franzose, daß diese Ansichten fast
von allen Menschen geteilt, aber in Wirklichkeit nicht zutreffend seien.
Er meinte, man könne wohl die Pariser so beurteilen, aber wenn man von
dem ganzen französischen Volke spräche, so sei dies etwas übertrieben.
Paris ist eine Weltstadt, in der alle Nationen in großer Anzahl
vertreten sind; will man daher echte Franzosen kennen lernen, so darf
man diese nicht in Paris suchen. Wenn man einmal ins Innere des Landes
kommt, wird man ein Volk mit stillerem, ruhigerem Charakter antreffen,
das von den sogenannten Parisern sehr absticht. Schlicht, einfach und
gehorsam, sanft wie ein Lämmchen, kümmern sich diese Leute wenig oder
garnicht um Politik. Als ein Beispiel dafür könnte man jene merkwürdige
Begebenheit mit Dreyfus anführen, über den in Paris so viel geschrieben
und gesprochen wurde. Man nahm an, daß dies die Stimme ganz Frankreichs
wäre, in Wirklichkeit aber wußte man außerhalb von Paris nur wenig
von ihm. Während die ganze Stadt in großer Aufregung war, als der
Verurteilte nach seinem Verbannungsorte geschickt werden sollte,
stand man dieser Sache im Lande ziemlich kühl gegenüber. Um den echten
Franzosen kennen zu lernen, sollte man also ins Innere gehen, nur dort
kann man Land und Leute richtig beurteilen. Ich gab seinen Ausführungen
Recht und versicherte ihm, daß dieselben viel Überzeugendes hätten.
Wie sich nun unsere Landsleute auf dem Schiffe bewegten, was sie
trieben und wie sie lebten, brauche ich hier nicht zu erörtern, denn
der japanische Charakter ist ja uns allen bekannt. Sollte jedoch irgend
jemand sein, der es wissen möchte, nun gut, der mag selbst die Reise
antreten.
Die Seekrankheit.
Ja, die Seekrankheit ist eine wunderbare Krankheit! Gottlob, daß sie
auf unserer Fahrt nicht so schlimm auftrat, trotzdem wir von Colombo bis
Aden fast fünf Tage lang ziemlich hohen Wellengang hatten. Es ist ein
unheimliches Gefühl, wenn das Schiff so stark schaukelt, sich jetzt
auf diese, nun auf jene Seite legt; bald glaubt man in einen Abgrund zu
versinken, bald zu den Wolken emporgetragen zu werden. Und dann, wenn
sich das Hinterschiff aus dem Wasser erhebt, das dumpfe Getöse der
Schrauben, das man noch lange nach beendigter Fahrt zu vernehmen glaubt.
An einem besonders stürmischen Tage konnten die meisten den Speisesaal
nicht betreten. Eine Dame war vom Anfang der Fahrt bis zum Ende
seekrank, sodaß sie fortwährend auf dem Verdeck liegen mußte und weder
essen noch schlafen konnte; sie sah wirklich mitleiderregend aus. Ein
junger Deutscher pflegte sie sehr aufopfernd, sodaß man glauben konnte,
die beiden ständen sich auch im sonstigen Leben näher. Beide verließen
das Schiff in Neapel, um ihre Reise von dort aus zu Land fortzusetzen.
Unsere besten Wünsche begleiteten sie, und wir hofften, daß sie
glücklich und gesund ihre Heimat erreicht haben.
Gegen die Seekrankheit gibt es meiner Erfahrung nach zwei
Verhaltungsweisen, entweder man liegt ganz still oder man bewegt sich
fortwährend so viel wie nur irgend möglich. Ich habe bemerkt, daß
korpulente Personen mehr von dieser Krankheit geplagt wurden, als andere
Menschen. Unter meinen Landsleuten befand sich auch einer, der sehr
leicht seekrank wurde, er blieb die meiste Zeit in der Kajüte und ließ
sich selten sehen. Beim Essen erschien er -- da der Hunger ihn plagte --
aß sehr schnell, fast ohne zu kauen und -- verschwand. Gingen wir jedoch
an Land, so war unsere Kolonie stets vollzählig, sodaß wir es hinnehmen
mußten, als ein Deutscher zu uns sagte: »Eigentümlich, wenn Sie an Land
gehen, sind Sie vollzählig, sonst nicht.«
Ich habe stets mit meiner Seetüchtigkeit geprahlt und sie auch auf
der ganzen Fahrt bewahrt, ausgenommen an einem Tage. An diesem Tage,
glücklicherweise dem einzigen während der ganzen Seereise, bin auch
ich ein Opfer dieser heimtückischen Krankheit geworden. Das wollte ich
eigentlich geheim halten, aber da ich versprochen habe, meine Erlebnisse
treu mitzuteilen, so fühle ich mich verpflichtet, der Wahrheit zu Ehren
auch dieses zu berichten. Die Seekrankheit verursacht ein geradezu
unbeschreibliches Gefühl, zumal wenn man, wie ich, beim Bade von ihr
überrascht wird. Eine große Welle stürmte heran, der ganze Schiffbau hob
und senkte sich in schaukelnder Bewegung; es hob und senkte sich auch
mir im Innern, sodaß ich das Gleichgewicht verlor und vergebens nach
einem Halt suchte... Der Angstschweiß trat mir auf die Stirn... es
schwindelte mir vor den Augen... der Magen krampfte sich zusammen... ein
Pressen im ganzen Körper... »und es wallet und brauset und siedet« und
-- ich war seekrank, ich, der ich sonst mit mitleidigem Lächeln auf die
seeschwachen Passagiere herabschaute! Gottlob, daß diese Krankheit sonst
keine nachteiligen Folgen hat! Glücklich derjenige, dem es vergönnt ist,
von einer solchen Reiseerinnerung verschont zu bleiben!
[Illustration: Auf dem Vorderdeck des »König Albert«.]
Der Nebel.
Eine der gefährlichsten Erscheinungen während der Fahrt ist der Nebel,
und zwar am gefährlichsten, wenn das Schiff sich in der Nähe eines
Strandes oder gar einer Klippe oder Sandbank befindet. Ein Sturm ist
zwar für Schiffe ebenfalls gefährlich, jedoch kann man bei der festen,
soliden Bauart der heutigen großen Dampfer und der theoretisch wie
praktisch hochstehenden Ausbildung der Führer einem Sturm mit Ruhe
entgegensehen, zumal wenn sich das Schiff auf hoher See befindet. Etwas
anderes ist es aber mit dem Nebel, da nützt sowohl die Festigkeit des
Schiffes als auch die kunstgerechte Führung fast garnichts, denn bei
dichtem Nebel kann man ja kaum zwei Schritte weit sehen. Zwar werden
allerlei Mittel angewendet, um die Gefahr zu verringern; man hat auch
die verschiedensten Apparate erfunden, um die augenblickliche Lage des
Schiffes möglichst genau zu bestimmen, aber trotz alledem ist bei einem
Nebel die Gefahr für Schiff und Besatzung bei weitem größer als bei
einem Sturm. Als wir von Hongkong nach Singapore fuhren und uns nicht
weit von der Insel Formosa befanden, wurden wir eines Morgens von
einem dichten Nebel überrascht. Dieser Teil des Meeres ist wegen der
zahlreichen Klippen, welche jene Insel umgeben, den Schiffern als
einer der gefährlichsten bekannt. Es verursacht ein unheimliches und
angstvolles Gefühl, wenn auf dem Schiffe allerlei Anstalten getroffen
werden, die auf eine ernste Gefahr hindeuten. Die Fahrgeschwindigkeit
wird auf ein Minimum herabgesetzt, nur langsam bewegt sich das Schiff
vorwärts; von Zeit zu Zeit liegt es ganz still. Die Glocken werden in
einem fort geläutet; die Dampfpfeife und das Nebelhorn ertönen, um
bei etwaiger Annäherung eines anderen Schiffes einen Zusammenstoß zu
vermeiden, dazwischen hört man das Kommando der Offiziere. Zwar sind
die stärksten elektrischen Lichter angezündet; da man sich jedoch
gegenseitig auf ein paar Schritte kaum erkennen kann, so ist klar, daß
auch dies wenig hilft. In solch einer ernsten Stunde hört alles lebhafte
Treiben an Bord auf; es wird totenstill und jeder hat mit sich selbst
zu tun. Er denkt an das, was ihm im Leben am nächsten steht, läßt so
manches an sich im Geiste vorüberziehen, sein fernes Heim, seine lieben
Angehörigen, die von dem furchtbaren Ernst der Stunde keine Ahnung
haben. Dieser angstvolle Zustand währte etwa drei Stunden, und als dann
der dichte Nebelschleier zerriß, sahen wir auf der einen Seite, nicht
allzuweit von uns, einen Postdampfer vorüberfahren. Bei diesem Anblick
befiel uns unwillkürlich ein Grausen. Was hätte uns zustoßen können,
wenn sich der Nebel nicht aufgeklärt hätte! Durch Gottes Hilfe war
diesmal ein Unglück vermieden, sonst hätten wir vielleicht hier ein
nasses Grab in dem unendlichen Meere gefunden. Das schöne Lied von
Goethe möchte ich hier anführen, worin er »die glückliche Fahrt« --
freilich weniger nach gefährlichem Nebel als nach lang anhaltender
Windstille -- besingt:
»Die Nebel zerreißen,
Der Himmel ist helle
Und Äolus löset
Das ängstliche Band.
Es säuseln die Winde,
Es rührt sich der Schiffer.
Geschwinde! Geschwinde!
Es teilt sich die Welle,
Es naht sich die Ferne;
Schon seh' ich das Land!«
Die Schiffsbegleiter.
Wirklich interessante Erscheinungen sind die verschiedenen Tierarten,
welche dem Schiffe unterwegs begegnen oder dasselbe ein Stück begleiten.
Zunächst sind es die Möven, jene schöne Art von Seevögeln, welche in
großer Anzahl das Schiff umkreisen. Wenn sich letzteres dem Strande oder
dem Hafen nähert, sieht man viele hunderte von diesen Vögeln, die auf
den Augenblick warten, wo alle Überbleibsel der Speisen, wie Brot,
Fleisch u. dergl., über Bord geworfen werden. Es ist ein sehr
anziehendes Schauspiel, wenn diese Seevögel, nachdem sie eine Zeitlang
durch die Luft geschwebt sind, mit einem Male zum Wasser hinabschießen,
um kleine Fische zu fangen. Einige tauchen unter, andere bleiben so
recht vergnügt auf der Oberfläche der Wellen. Wenn man von Bord aus
dieses lustige, harmlose Treiben zwischen dem blauen Himmel und dem
grünen Meere betrachtet, so könnte man diese zierlichen Tiere beinahe
beneiden und meinen, man möchte wohl auch solch ein Vogel sein, um so
recht vergnügt und froher Dinge in der freien Luft zu schweben und sich
ohne Sorgen in Gesellschaft der Kameraden zu tummeln. Aber auch diese
Vögel haben ein Leben voller Gefahren. So sahen wir eines Abends einige
Möven, welche unserem Schiffe folgten und vor Mattigkeit kaum noch
zu fliegen vermochten. Diese hatten sich wahrscheinlich von ihrem
heimatlichen Strande zu weit entfernt und konnten ihn nicht
mehr erreichen. Sie waren so matt, daß sie sich, ohne vor uns
zurückzuschrecken, am Schiffsgeländer niederließen und sich mit bloßen
Händen fangen ließen. Am nächsten Morgen gaben wir unsere kleinen
Gefangenen, nachdem wir sie tüchtig gefüttert hatten, wieder frei, in
der Hoffnung, daß sie den Weg zum heimatlichen Strande zurückfinden
würden.
Die eintönige Fahrt wird ferner durch die fliegenden Fische
unterbrochen. Diese sind jedoch nicht überall anzutreffen; sie scheinen
bestimmte Strecken im Meere zu verschiedenen Zeiten aufzusuchen. So
sahen wir sie tagelang garnicht, an anderen Tagen dagegen konnten wir
sie in bedeutender Zahl beobachten. Sie schnellen mittels ihrer großen
langen Flossen über die Oberfläche des Wassers wie ein abgeschossener
Pfeil dahin. Von weitem hat ihre Fortbewegung viel Ähnlichkeit mit dem
Fluge einer Schwalbe.
Das Interessanteste von allem aber war unsere Begegnung mit einem
Walfisch. Ca. 400-500 m vom Schiffe entfernt, entdeckten wir eines Tages
ein schwarzes Etwas. Wir glaubten ein Wrack oder eine Klippe vor uns zu
haben, aber als wir einige Zeit aufmerksam hingesehen hatten, bemerkten
wir, daß diese schwarze Masse sich immer mehr hob und dann plötzlich
verschwand. Dieses wiederholte sich mehrmals. Da auf einmal ragte ein
Riesenkörper empor, und nun erkannten wir einen mächtigen Walfisch.
Weil er sich von dem Meere fast senkrecht abhob, konnten wir die ganze
Gestalt sehr gut erkennen. Wenn wir auch bei der Entfernung die Länge
des Tieres nicht genau nach Metern zu bemessen vermochten, so war uns
doch das eine klar, daß wir einen mächtigen Riesen des Meeres vor uns
hatten. Es war ein imposanter Anblick, dieses Auf- und Untertauchen des
gewaltigen Tieres, und wir verfolgten dasselbe mit unseren Augen, so
lange es irgend möglich war. Ich hätte gewünscht, die Fahrt des
Schiffes auf einige Augenblicke hemmen zu können, damit auch alle andern
Passagiere an diesem Schauspiel sich hätten weiden können, aber leider
war es unmöglich, und so mußten die, die es nicht gesehen, mit unserer
Erzählung fürlieb nehmen.
Nicht so imposant wie diese Riesen sind die Delphine, aber auch sie
tragen zur Unterhaltung viel bei und bringen einige Abwechslung in das
Leben an Bord. Wir haben viele Delphine in einzelnen Gruppen beobachten
können, einmal sogar zu mehreren Hunderten. Sie scheinen ein bis zwei
Meter groß zu sein, tauchen mit ihrem plumpen Körper kopfüber unter
oder schnellen aus dem Wasser heraus, um über dem Meeresspiegel ihre
Kunststücke zu üben. -- So hat auch das Meer durch seine Bewohner seinen
Tribut zur Unterhaltung der Passagiere dargebracht.
Das Leben an Bord.
Demjenigen, der zum ersten Male zu Schiff reist und nun mehrere Wochen
an Bord zubringen muß, wird eigentümlich zu Mute, wenn er sich sein
neues Heim näher ansieht. So will ich denn hier versuchen, meinen Lesern
und besonders meinen jungen Freunden in der Heimat einen flüchtigen
Einblick in dieses neue Leben zu verschaffen, damit sie bei einer
späteren Reise besser Bescheid wissen. Zunächst die Kajüte. Man denke
sich einen Raum von 2½ bis 3 m im Quadrat, auf der einen Seite zwei
Bettstellen übereinander und neben diesen einen Kleiderschrank von etwa
½ m Breite und ½ m Tiefe, auf der andern ein Sofa. Zwischen Sofa
und Betten befinden sich zwei große Spiegel mit Waschtoilette schräg
gegenüberliegend, sodaß zwischen diesen noch ein freier, allerdings
nicht großer Raum übrig bleibt. Hier stehen die kleineren Koffer, das
sogenannte Handgepäck, während die großen Koffer in dem Magazin für
Passagiergepäck aufbewahrt werden, das täglich zu einer bestimmten Zeit
den Reisenden zugänglich ist. Eine Leiter für den Inhaber des oberen
Bettes ist selbstverständlich auch vorhanden, damit sich derselbe in
seine in der ersten Etage liegenden Gemächer zurückziehen kann. Die
Waschtoilette besteht aus Waschschüssel, Wasserkaraffe, Gläsern,
Nachtgeschirr, Seife und Handtüchern und ist äußerst praktisch
eingerichtet; man braucht sie nur herunterzuklappen, dann hat man eine
hübsche große Fläche mit dem Nötigen vor sich. Nach Benutzung klappt man
alles wieder hoch und spart auf diese Weise viel Raum. Auf dem Schiffe
muß man sich überhaupt daran gewöhnen, mit wenig Raum auszukommen, da
dieser das Kostbarste in der schwimmenden Wohnung ist. Zum Zudecken
des Körpers während des Schlafes benutzt man wollene Decken, welche vom
Schiffe geliefert werden. Das ist die ganze »komfortable« Einrichtung
einer Kajüte. Anfangs schien es mir, als ob ich mich in dieser engen
Behausung nicht frei bewegen könnte, ohne irgendwo anzustoßen, vermochte
ich doch mit ausgestreckten Armen die Decke zu berühren! Obwohl wir
Japaner so zierlich gebaut sind, kam mir meine neue Welt doch so winzig
vor, daß ich glaubte, ich hätte selbst für meine kleine Person keinen
Platz darin. Aber wie der Mensch sich an alles gewöhnt, so gewöhnten
auch wir uns bald an unsere Kajüte und meinten später ein großes Reich
zu besitzen. Man bedenke, ein Handausstrecken genügt, und alles was
man haben will, kann man erreichen und fassen: kann es etwas bequemeres
geben? So fühlten wir uns in diesem engen Raum am Ende ganz wohl, vor
allen Dingen fanden wir ihn sehr praktisch. Wenn man an die vielen
Zimmer denkt, die man sonst zu Hause zu bewohnen pflegt, dann muß man
sich unwillkürlich sagen: Welch' eine Verschwendung, welch ein großer
Luxus ist eine so große Wohnung! Kann man doch mit bedeutend weniger
auskommen! So dachten wir oft verständnisvoll an den Griechen Diogenes,
der in einer Tonne gelebt haben soll, an Sokrates, der gesagt hat,
daß Nichts bedürfen göttlich sei, daß demnach derjenige, welcher am
wenigsten bedürfe, der Gottheit am nächsten sei.
Die Einrichtung der Kajüten der ersten und zweiten Klasse ist so
ziemlich gleich, nur sind sie in der ersten Klasse etwas geräumiger und
haben eine bessere Ausstattung. Meine Kajüte hatte einen Vorzug, das
waren zwei Luken, durch die sie frische Luft und Licht erhielt; bei
schönem Wetter blickte auch wohl die Sonne herein und verlieh dem
Raum ein freundliches Aussehen. Die Kajüten aber, die in der Mitte
des Schiffes liegen, sind dunkel und ohne Luken, sodaß man stets
elektrisches Licht anzünden muß, um einigermaßen sehen zu können;
außerdem sind sie mit einem Ventilator versehen, welcher elektrisch
betrieben wird und für frische Luft sorgt. Aber leider ist seine
Tätigkeit nur in einer bestimmten Höhe fühlbar, denn ober- und unterhalb
derselben entsteht kein Luftzug, sodaß im ganzen in einer solchen Kabine
keine angenehme Luft herrscht. Noch einen andern Übelstand bringt der
Ventilator mit sich, das ist sein Geräusch, welches recht unangenehm auf
die Nerven wirkt.
Nachdem man des Nachts in der Kajüte der Ruhe gepflegt hat, fängt
mit Anbruch des Tages das Leben auf dem Verdeck an. Sobald die Glocke
läutet, steht man auf, geht eine Zeitlang auf dem Verdeck spazieren und
nimmt dann, wenn die Glocke zum zweiten Male ertönt, das erste Frühstück
ein. Einige jedoch standen schon vor dem ersten Glockenschlag auf
und wanderten auf dem Verdeck umher, denn es ist unstreitig von allem
Schönen das Schönste, wenn man sich früh morgens erhebt und die weite
unendliche See mit dem wunderbaren Aufgang der Sonne betrachtet. Die
erhabene Unendlichkeit des Meeres, von dem in mattem Rot gefärbten
Dunstschleier am Horizont begrenzt -- welche Herrlichkeit! Ich mußte
dabei öfters an ein Gespräch unseres verstorbenen Kultusministers
Vicomte Mori mit dem chinesischen Staatsmann Li-Hung-Tschang denken, als
jener noch als Gesandter von Japan am Pekinger Hofe weilte. Li fragte
ihn nämlich einmal, was er in der Welt für das Schönste und Erhabenste
halte, worauf jener zur Antwort gab, daß es für ihn nichts Schöneres und
Erhabeneres gäbe, als wenn er sich mitten auf dem endlosen Meere befinde
und das Auge über die weite, weite Fläche schweifen ließe. Nur in diesem
Augenblick fühle man, entrückt von allem irdischen Staube, das wahrhaft
Schönste und Erhabenste! Li-Hung-Tschang, der auf seine scheinbar
einfache Frage vielleicht eine politische Antwort zu erhalten geglaubt
hatte, war ob dieser unerwarteten gefühlvollen Entgegnung nicht wenig
erstaunt und konnte nicht umhin, sein Gegenüber als einen ebenso
empfindungsreichen wie geschickten Diplomaten anzuerkennen.
Auf das erste Frühstück folgt, wie schon oben erwähnt, in langem Abstand
das zweite. Nach diesem wird durch Lesen oder Unterhaltung die Zeit auf
dem Promenadendeck vertrieben, bis die Glocke zum Mittagessen ruft und
auch diese Beschäftigung unterbricht. Nach dem Essen folgt die Siesta
bis zur Vesperzeit. Da sieht man fast alle Passagiere langgestreckt auf
den Rohrstühlen liegen und schlafen. Erst am Abend, wenn es kühler wird,
beginnt ein regeres Leben. Da wird der Rauchsalon stark besetzt, auf dem
Promenadendeck spaziert man paarweise plaudernd umher oder bildet hier
und da Gruppen, von denen Witzworte hin- und herfliegen. So geht es bis
spät in die Nacht hinein, um endlich ermüdet seine enge Behausung
wieder aufzusuchen und, des glücklich überstandenen Tages froh, durch
erquickenden Schlaf sich zum nächsten Tage zu stärken. Ein Tag gleicht
dem andern, nur das Ziel rückt immer näher und neugierigen Auges
betrachtet man den Ort, wo sich das Schiff befindet, auf der an Bord
befindlichen Landkarte. Jeden Tag einmal wird nämlich auf dieser
Karte angezeigt, wieviel Meilen das Schiff in den letzten 24 Stunden
zurückgelegt hat und welche Stelle es augenblicklich einnimmt.
Im allgemeinen kann man sagen, daß nächst dem Essen und Trinken das
Schlafen die Hauptbeschäftigung der Passagiere ausmacht und daß Morpheus
vor allen andern Göttern hier sein Szepter schwingt:
»Hoch vor allen
Gaben des Himmlischen
Sei mir gepriesen
Du, der Seele
Lebendes Wasser,
Gliederlösender
Heiliger Schlaf.
-- -- -- -- -- -- --
-- -- -- -- -- -- --
Ein heilig Bad
Bist Du, o Schlummer,
Würziger Kraft voll.
Mut und Erneuung
Atmet die Psyche,
Wenn Deine Woge
Sanft die bewußtlos
Schwimmende trägt
Von Leben zu Leben,
Von Strand zu Strand.«
So priesen wir mit Geibel den süßen erquickenden Schlaf. Er
hauptsächlich verscheucht die furchtbare Langeweile während der öden,
eintönigen Wasserfahrt, sei es, daß er den Schläfer in die Heimat zu
seinen Lieben entführt, sei es, daß er vor ihm in den prächtigsten
Farben Zukunftsbilder von dem Lande entrollt, wohin er fährt, die aber
leider von ebenso kurzer Dauer sind, wie sie der rauhen Wirklichkeit
wenig entsprechen. Aber auch andere Bilder ziehen vor dem Geiste des
Träumers vorbei, und nur das Rasseln der Schrauben und das Plätschern
der Wellen erinnern ihn von Zeit zu Zeit an die Wirklichkeit, an das
rastlose Vorwärtsstreben des Dampfers.
Handel an Bord.
Jedesmal, wenn das Schiff in einen Hafen einläuft, wird es von den
Landbewohnern besucht, die, mit den verschiedensten Produkten ihres
Landes reichlich beladen, auf das Deck kommen, um mit den Insassen
Handel zu treiben. Manchmal ist die Zahl dieser Geschäftsleute so
ungeheuer und das Gedränge an Bord so groß, daß man sich kaum frei
bewegen kann. Sie verursachen auch gelegentlich so großen Lärm, daß man
nicht imstande ist, sein eigenes Wort zu verstehen. Hierbei kann man
jedoch die verschiedensten Charaktere der Völker sehr gut kennen lernen
und auch die Art und Weise studieren, wie sie ihre Waren feilbieten.
[Illustration: Ausladen der Fracht in einem Hafen.]
In Hongkong und Shanghai kommen die Chinesen. Gestickte Seide, Tusche,
Pinsel, Geldstücke, meistenteils alte Kupfermünzen, Schnitzereien aus
Ebenholz und Elfenbein, goldene und silberne Ringe, Knöpfe, Nadeln,
Gürtelschlösser u. s. w. sind ihre Spezialitäten. In Penang bringen
ebenfalls die Chinesen Schmuckgegenstände und insbesondere wunderhübsche
Kunstkistchen in verschiedenen Größen, aus schönem Holz verfertigt,
zum Verkauf. In Colombo erscheinen die braunen Eingeborenen mit den
verschiedensten Sachen aus Elfenbein, mit allerlei Arten von Edelsteinen
wie Rubinen, Saphiren, Topasen u. s. w., worunter natürlich auch
viele falsche sind, die aber die Verkäufer mit ernster Miene als
echte Edelsteine anpreisen. Auch Bergkristalle und Granaten, metallene
Gegenstände, ferner Gewürz, Tee, Kaffeebohnen, alle möglichen Früchte,
eigentümliche Waffen aus langen scharfen Knochen von Tieren und Fischen
u. s. w. werden hier angepriesen. In Port Said werden besonders Brokat,
goldgestickte Teppiche und Tischdecken in herrlichster Ausführung,
Korallen, kurze Uhrketten aus Metall mit Geldstücken, Straußenfedern,
Straußeneierschalen, buntgeflochtene Körbe und anderes angeboten; ferner
gute und sehr billige Cigaretten, aber man darf leider nicht zu viel
davon kaufen, denn wenn man nach Italien kommt, werden sie verzollt und
der Zoll beträgt ungefähr das Doppelte von dem, was man dafür bezahlt
hat. In Neapel kann man außer verschiedenen feinen Schmuckgegenständen
geschnitzte Figuren, Knöpfe, Gemmen u. s. w. aus Lava und Marmor als
Spezialitäten erwerben. Erwähnen möchte ich noch, daß an jedem Orte
Photographien und Ansichtspostkarten zu haben sind. Die Verkäufer sind
fast überall zudringliche, mitunter unsaubere Leute, so daß sie Jedem
Abscheu einflößen und man froh ist, wenn sie das Schiff verlassen haben.
In einzelnen Häfen kommt man diesen Händlern sogar mit größtem Mißtrauen
entgegen, da sie als unehrliche Leute bekannt sind, und vorsichtshalber
werden sämtliche Behälter und Türen verschlossen. In Port Said z. B.
wurde mit ihnen sehr derb verfahren. Hier erwarteten die Matrosen,
an der Schiffstreppe mit Knütteln Posten stehend, die Ankömmlinge und
ließen niemanden herauf. Aber obwohl es Hiebe hagelte, wichen diese
Kerle nicht von dannen und schließlich gelang es doch einigen von ihnen,
hindurchzuschlüpfen oder die Matrosen mit Geld oder Waren zu bestechen.
Gerade in Port Said, wo die Kaufleute den verschiedensten Völkern
angehören, wie Indern, Arabern, Italienern u. a. m., widert einen die
Gesellschaft besonders an, so daß man mit Ekel die angebotenen Sachen
zurückstößt. Zudem sprechen diese Händler eine eigentümliche, man
könnte sagen, eigene Weltsprache, d. h. ein Gemisch von allen Sprachen,
Englisch, Italienisch, Französisch, Deutsch, Arabisch u. s. w., von
jeder Sprache etwas. Im allgemeinen wird sonst Englisch gesprochen,
oder richtiger gesagt, geschrien. Doch geht der Handel mitunter auch
sprachlos mittelst Gestikulationen, Achselzucken u. s. w. gut von
statten. Wie unehrlich dieses Gesindel ist, mußte einer von uns bei
folgender Gelegenheit erkennen: derselbe kaufte eine Photographie und
bezahlte mit einem Goldstück, worauf der Verkäufer herausgeben sollte;
aber kaum hatte dieser das Goldstück in der Hand, so verschwand er in
der großen Menge und kam nicht wieder zum Vorschein. Aber auch, wenn
diese Kerle herausgeben, muß man vorsichtig sein und aufpassen, da sie
nicht selten falsches Geld bei sich führen. Auch Wechsler erscheinen mit
großen Beuteln voll Gold und Silbermünzen an Bord. Diese erhalten zwar
wegen der hohen Prozente, die sie für sich beanspruchen, wenig
Aufträge, verdienen aber doch immerhin ganz beträchtlich, da man in den
verschiedenen Gewässern mit verschiedenen Geldsorten zahlen muß. Auch
Schneider erscheinen mit Kleidungsstücken, die sie verhältnismäßig
billig ablassen. Sie kaufen auch von den Passagieren und Mannschaften
alte Kleider, Wäsche u. s. w. Im allgemeinen sind die Preise der an Bord
feilgebotenen Gegenstände außerordentlich hoch; man muß deshalb sehr
handeln und kann gewiß sein, das betreffende Stück schon für die Hälfte
des geforderten Preises zu erhalten. Die meisten Sachen sind auch
minderwertig. Die Verkäufer preisen sie jedoch ungeheuer an und wissen
stets einige davon los zu werden. Natürlich kaufen die Passagiere in
vielen Fällen für teures Geld Sachen, die keinen Pfennig wert sind --
ich, der ich imitierte gefärbte Glaskugeln für echte Korallen hielt und
kaufte, gehörte auch leider zu diesen -- aber man befindet sich einmal
auf der Reise und da macht es doch Vergnügen, etwas mitzubringen oder
seinen Lieben aus der Ferne Kleinigkeiten zu senden, auch wenn man diese
Freude teuer bezahlen muß.
In Singapore, Port Said und Colombo kommen auch viele kleine
Eingeborene, Knaben, unbekleidet, fast wie Affen aussehend, mit ihren
Kähnen zum Schiff heran. In Colombo haben dieselben aus Baumstämmen
ausgehöhlte, langgestreckte Fahrzeuge, welche sie geschickt bewegen.
Natürlich treiben diese Kinder keinen Handel mit den Schiffsinsassen,
machen aber ebenso wie die andern Kaufleute gute Geschäfte. Sobald
sie die Passagiere am Schiffsgeländer erblicken, schreien sie mit
krächzender Stimme oder zeigen mit der Hand, daß man Geldstücke ins
Wasser werfen möchte, wonach sie mit unglaublicher Geschicklichkeit
hinabtauchen. Einzelne von ihnen, die besonders gewandt sind, verdienen
hierdurch viel Geld. Da sie unbekleidet sind, infolgedessen keine
Taschen haben, stecken sie die aufgefischten Geldstücke in den Mund. --
In Neapel sahen wir gleichfalls derartige Taucher, doch waren es hier
erwachsene Männer in hellen Badeanzügen, ganz fein aussehend. In dieser
Verschiedenartigkeit prägte sich recht deutlich der Gegensatz zwischen
den Naturvölkern und der zivilisierten Welt aus.
Tanzvergnügen an Bord.
Auf unserer Fahrt fand für die erste und zweite Klasse je ein großes
Tanzvergnügen statt. Hierzu wurde das Promenadendeck mit farbigen
Tüchern und Fahnen schön ausgeschmückt und abgegrenzt. Viele farbige
elektrische Lampen wurden angezündet, so daß man glauben konnte, sich
nicht auf einem Schiffe, sondern in einem festlich geschmückten Saale zu
befinden. Sämtliche Herren und Damen erschienen festlich gekleidet: die
Damen fast ohne Ausnahme in heller Toilette, die Herren in schwarzen
Gesellschaftsanzügen oder in hellen Sommerkostümen. Nach dem Abendessen
nahm die Schiffskapelle ihre Plätze ein und begann zu spielen. Als
Einleitung kam ein Promenadenstück, dann folgten die verschiedenen
Tänze wie Walzer, Polka, Rheinländer, Quadrille und wie sie alle heißen,
welche bis tief in die Nacht hinein getanzt wurden. Wir Japaner waren
auch dazu eingeladen und sahen diesem Treiben mit Vergnügen zu, wenn
wir denselben auch kein allzugroßes Interesse entgegenbrachten. Die
elastischen Gestalten drehten sich, einander mit dem Arm umschlingend,
oder bewegten sich nach dem Kommando eines Herrn von einer Seite zur
andern durcheinander. Bald glichen sie Schmetterlingen, die paarweis von
Blume zu Blume flattern, bald sich drehenden Kreiseln. Wie ich hörte,
sollen alle diese Tänze fast über ganz Europa verbreitet sein, doch soll
fast ein jedes Land außerdem noch eigene Nationaltänze haben. Überhaupt
wird in Europa das Tanzen sehr gepflegt und schon in frühester
Jugend erlernen Knaben und Mädchen diese Kunst entweder im geselligen
Zusammensein der einzelnen Familien oder bei einem Tanzlehrer, welchem
selbst Schulen, besonders Mädchenschulen sehr entgegenkommen, so daß sie
ihm mitunter für seine Tanzstunden die Turnhalle überlassen. So wird
in Europa fast jede Gelegenheit ausgenutzt, um ein Tanzvergnügen zu
veranstalten, ungerechnet jene, die in vielen öffentlichen Lokalen
stattfinden. Ein guter Tänzer wird in Europa sehr gern gesehen und
eingeladen; er kommt dadurch leichter in die Gesellschaft hinein und
erhält einen großen Bekanntenkreis, der ihm in mancher Beziehung von
Nutzen ist.
Im Zusammenhang mit Obigem erzählte mir ein Deutscher, daß in größeren
Städten große, prachtvoll ausgestattete Säle seien, wo täglich getanzt
wird, die sogenannten öffentlichen Tanzhallen. Hier jedoch seien
fast nur Mädchen zu finden, die keinen guten Lebenswandel führen und
leichtlebige Herren, die auf nicht gerade anständige Art ihr Geld
verprassen. Die besseren Tanzvergnügungen, d. h. diejenigen, die von
Familien, Vereinen oder aus einem bestimmten Anlaß für engere Kreise
veranstaltet werden, haben jedoch -- wenn man so sagen darf -- einen
Vorteil, und das sind die vielen Ehen, die durch diese gestiftet werden,
insofern sie es ermöglichen, daß die jungen Leute sich kennen lernen.
Ich weiß nicht, ob die Eheschließung dem Tanzen wirklich so viel zu
verdanken hat, auf jeden Fall ist es aber klar, daß der Mensch dadurch
aufgeheitert und angeregt wird, daß bei manchem ein wirkliches Bedürfnis
befriedigt und ihm nach anstrengender Arbeit eine wohltuende Erfrischung
gewährt wird. Gegen diese Lichtseiten hat der Tanz natürlich auch seine
Schattenseiten, nämlich die, daß gerade dadurch viele Menschen, Männer
wie Frauen, leichtsinnig werden, die Arbeit im Stich lassen, nur dem
Vergnügen huldigen, wie denn auch wohl manche moralische Untugenden und
Laster hier ihre Brutstätte haben.
Auf dem Schiffe bemerkte ich, daß sogar ältere Leute, besonders
Engländer, viel und gern tanzten, ein Beweis, wie rüstig und gelenkig
man sich selbst bis ins hohe Alter hinein erhalten kann. Auch bei uns in
Japan haben wir bereits vor mehreren Jahren versucht, europäische Tänze
einzuführen, aber da dieselben unserem Geschmack nicht entsprachen, so
werden sie jetzt nur wenig getanzt. Einzelne Kreise haben seiner Zeit
sogar einen Maskenball nach europäischem Muster veranstaltet, jedoch ist
es auch hier bei diesem einen Versuch geblieben. Der Hauptgrund, daß
wir uns an diese Tänze nicht gewöhnen können, liegt wohl in der
Verschiedenheit unserer Kleidung, Wohnung und vor allen Dingen unserer
althergebrachten Musik, welche zum Tanze ungeeignet ist.