Das Schauspiel mein Stück zu nennen, ist vielleicht kühn, aber nicht
ohne Berechtigung, wenn es nicht noch toller wäre und nicht ohne
Torheit, es eines von Dumas zu nennen. Dumas ist ein verteufelt armes
Luder, weil er tot ist, und ich habe keinen Orgueil an der Frage. Man
kann auf ihr wie eine schöne Frau auf einem Dagobert die gewagtesten
Positionen einnehmen. Ich überlasse die Lösung meinen kleinen Feinden,
die mir seine Fehler vorzuwerfen nicht ermatten werden und auch mit
Sicherheit bereit sind, meine Vorzüge in sein Talent zu jonglieren.
Was mich an dem Schmarrn des Franzosen reizte, war das Genialische, das
auch im Kitsch noch zuckt als Geste und Kerl und Blut. Ich hatte
wahrlich nicht den Ehrgeiz, mich von dem Schmiß der Sache zu einer neuen
Sache locken zu lassen, da ich ja die Freiheit und Möglichkeit wohl
hätte, von mir selbst mich zu allen möglichen Stücken reizen zu lassen,
und ich hatte keineswegs die Lust, den Franzosen zu schlucken, sondern
die Absicht, ihn zu vervollkommnen und diesen verruchtesten und
geliebten Reißer zu einem neuen Stück von Haltung zu machen. Es ging
weniger um die Polierung, eher um das Fundament, und gewiß nicht um eine
Bearbeitung, sondern bestimmt nur um Theater und um sicher besseres
Theater, als in zehn dünnseeligen Geiststücken meiner immer abstrakter
vom Blut wegwandernden Generation.
Der europäische Gascogner hatte sich die Sache leicht gemacht, wußte
prêcher pour sa paroisse und sagte umgekehrt wie die Englischen gern
Baumwolle, wenn er Jesus meinte, was Heine nicht in seiner Begeisterung
störte, als in der Hauptrolle Frédérik Lemaître dem romanischen Sketsch
am einunddreißigsten August Achtzehnhundertsechsunddreißig im Théâtre
des Variétés vor den Untertanen einer demokratisierenden Bourgeoisie und
vor verprügelten Aristokraten die Weltrichtung gab ... und Dumas damit
aus dem Gekrisch literarischer Diebstähle herausriß, in das ihn
Gardisten seines lächelnden Freundes Victor Hugo gewickelt hatten.
Damals wars rassiger Bluff. Heut ist die Innerlichkeitssubstanz
Geschwätz und Geplausch. Zwischen die (wundervollen) Trüks muß nun Seele
hineinschmettern. Es müssen Menschen dahin, wo er Dramatisches suchte
und Effekte fand, es darf Wahrheit dort sein, wo er gaunerte und
Glissandos machte. Wo er gallisch krähte, muß Schicksal hinein.
Denn schließlich handelt es sich darum, daß dieses funny animal, dieser
tolle Bursche, Kean, nicht aus Unordnung schlampig, sondern aus
elementaren Leidenschaften ungesammelt ist. Daß es nicht auf das Kostüm
ankommt, sondern auf dies Exemplar von Menschen, nicht auf die
Verwirrungen, sondern auf die Dämonie. Daß es von Bedeutung ist, daß die
Backfische und Mondänen und Kokotten des französischen Theaters nicht
aus Bleichsucht gütig und aus Hurerei lasziv und aus Neugier
abenteuerlich sind, sondern daß sie aus Güte konsequent und aus
Lebenskenntnis tragisch und aus Enttäuschungen überlegen scheinen. Und
daß schließlich nicht bei sentimentalen Saucen verblieben, sondern
wahrhaftig zu festeren Ergebnissen fortgeschritten werden muß. Alles
andere ist Unsinn. Das ist der Weg der Operation.
Der Weg, der keinen anderen Ehrgeiz der Exkursion kannte als den
handwerklichen zum sachlichen Theater in einer theaterlosen Zeit, schob
in alle Kurven eine amüsante Grenze. Man erblickte stets die Neigung,
den alten Faiseur des Genialischen mit einer schonen Brüskheit aus dem
Wagen zu schmeißen, aber man behielt ihn mit Respekt und lächelnd bei.
Die Fahrt erhielt eine seltsame Mischung von Gefahr und Grazie, von
Respekt und Tragödie, von Fatum und Causerie.
Man spiele daher in den Untergründen, ohne die Eleganz zu verletzen. Man
spiele ganz modern, aber zeitlos. Man boxe und morde exakt, mit
Kenntnis, aber nicht ohne Verständnis für die Not der Herzen. Man spiele
schließlich mit voller Aktualität, aber durch Stilisiertes ins Breitere
der Gefühlsvorgänge gedämpft. Momentan, aber nicht salonhaft. Tragisch,
aber mit Verschweben. Scharf, rasch, nicht ohne viel Graziles und mit
bedeutender Phantasie.
Kreuzeckhaus, Februar 1921.