KEAN: Er wird es Helène sagen, daß ich ihn zu ihr gehetzt. Sie wird die
Unerschütterlichkeit des Herzens nicht verkennen, das diese Qualen
arrangiert, um sie als Zeichen für sie zu erdulden. Herz, sei stark
genug, dies Training zu ertragen.
REGISSEUR _kommt_: Sind Sie in fünf Minuten nicht fertig, haben wir eine
Oper. Aber im Publikum.
KEAN: Warfen Sie Monseigneur schon einmal hinaus? Sie Taschenmesser.
REGISSEUR _zu Salomon_: Bewach ihn. Treib ihn an. Schleif ihn hinüber.
Deine Anstellung als Pfand. _Ab._
KEAN: Lassen Sie die Ouverture anfangen. Ich spiele sechs Akte aus vier
Stücken zum Benefiz. Ich habe zehn Wölfe im Herzen. Ich habe nie so
gespielt. Friseur. _Wird geschminkt. Klopfen an der Tapetentür. Salomon
öffnet. Giza._
GIZA: Die Gräfin ... der Fächer?
KEAN: Vergessen? Welcher? Such ihn. Neben.
GIZA: Mit Türkisen und weißen Pfaufedern.
KEAN: Von Wales. Verdammt. Ist er da?
FRISEUR: Der Herr bei Monseigneur steckte ihn ein.
KEAN: Du sahst es. Ließest es. Sagtest nichts. Läßt mich bestehlen.
Schaf, Hornisse, du Roß ... Salomon, nicht da? _Salomon aus dem
Nebenraum, kopfschüttelnd. Kean, nicht mehr schreiend, zu Giza, ruhig_:
Mein Kind, Sie flüstern in der Loge ins Ohr der Gräfin, ihr Gatte habe
den Fächer. Sofort. Ohne Aufsehn. Und ruhig. Ich rechne, sagen Sie, mit
der ganzen Klugheit der Gräfin. _Giza durch die Wand ab._
KEAN _fassungslos_: Gewitter über meinem Haupt. Prasselt alles wie ein
Taubenschlag herunter? Habe ich das gewollt? Verknallter Frühlingstag,
mein Gott. Ganz verloren. Alles entzwei. Keine Rettung. Kein Ausweg,
eins, zwei, drei, vier. Ich habe verloren. Ich kann schlafen gehn.
Abtreten. Aus. _Schnallt den Dolch ab._ Ich spiele nicht.
FRISEUR: Die Augenbrauen noch schwarz.
KEAN: Trottel, Intrigant. Ich spiele nicht.
SALOMON: Das Benefiz.
KEAN: Weg.
SALOMON: Bob?
KEAN: Schlag Plakate an. Ich laufe Seil über Hydepark. Fünf Pfund der
Platz. Ich werde Seiltänzer, charmanter Abgang. Fünf Pfund, ich
garantiere den Absturz. _Schelle._
FRISEUR: Die Ouverture hat begonnen.
REGISSEUR _kommt_: Kean. In die Kulisse. Avanti.
KEAN: Ich spiele nicht, Herr.
REGISSEUR: Ihr Vertrag.
KEAN: Gebrochen.
REGISSEUR: Angestelltenrat?
KEAN: Ich werde Seiltänzer.
REGISSEUR: Die Kasse abgeschlossen. Unmöglich mehr, zurückzuzahlen. Sie
zünden das Theater an.
KEAN: Rösten Sie.
REGISSEUR: Ich befehle Ihnen, aufzutreten.
KEAN: Befehlen Sie Ihrem Bauch. Ich will nicht. Ich kann nicht. Herr,
sehen Sie nicht: ich bin verrückt. Mein Herz ist explodiert. Ich bin
schwer verwundet. Innerlich. Hundert Geschoßfetzen. Kann ich singen,
wenn ich verrecke? _Schlägt vor Erregung einen Tisch dem Regisseur vor
die Beine. Bob erscheint._
BOB: Spiel, Junge, sonst schlag ich dir die Knochen entzwei. _Regisseur
feuert ihn mit Gesten an._ Ich blas dich in die Luft. Stümper. Nicht
einmal spielen kannst du. Solar plexus blow. _Stößt ins Horn._ Splendid.
Narrenhaus.
KEAN: Halt das Maul, Bob. Hinaus, Zigeuner. Stramm gestanden. Ich
kommandiere nun. Ich spiel nicht.
BOB: Respekt vergißt du. Heuschrecke. Quatsch. Boxen kannst du nicht.
Seiltanz kannst du nicht. Niagarasprung ... schmonzes. Spielen willst du
nicht. Knockout. Stümper. Auf die Knie. O ... u ... adet. Rabenaas,
unfaires. Sollte dich erledigen mit savate, ins Parterre mit upper cut.
Vatermörder. Spiel oder krepier. Splendid, sträubt sich. Krieg dich an
den Ohren.
KEAN: Mein Lehrer ... guter Lehrer, Gott verzeih mir, hinaus, du Hund.
_Schmeißt ihn raus._
REGISSEUR: Ich gehe zur Bühne und zurück und zähle auf zwanzig. Vor der
Tür. Kommen Sie nicht bei einundzwanzig, laß ich Sie auf die Bühne
schleifen, Herr, und aufs Podium werfen in einem Sack.
KEAN: Gut. Schmeißt mich in die neue Karriere. Zirkus. Ketten bereit.
Fesselsprenger über dem Seil -- -- -- a me me gusta un harenque ...
porque es muy dulce -- -- -- _Regisseur hinaus. Salomon mit
ausgebreiteten Armen gegen die Tür._ Du ... sperrst mich ein? Du auch
... spritzt gegen mich Gift? Wegen deiner Stellung? Bist du schon so
zertreten? _Schiebt mit dem Fuß nach ihm, Salomon heulend ihm zu Füßen._
SALOMON: Treten Sie mir den Bauch ein. Hab ich diese elende Position
nicht nur wegen Ihnen behalten? Ich schütze Sie vor dem Schleifen.
KEAN: Steh auf! _Fieberhaft._ Alles verloren. Ich habe auf eine Karte
alles gesetzt und rasch verloren. Der Fächer ist die falsche Karte, die
man mir ins Spiel gemogelt. Wales muß den Fächer decken gegen Graf
Koefeld. Wales renkt das Spiel wieder ein, das ich schon fast verlor.
Vor fünf Minuten bestürmte ich ihn, weil ich mich oben dachte, im
Übermut in die Loge der Gräfin zu gehen, nun sitzt er dort und muß mich
decken. Die Leute haben andere Waffen wie wir. Man vermeidet dort den
Angriff, man ist klüger wie wir, Salomon. Er wird sich zurückziehn,
verschwinden, von Helène zurückeilen. Das Feld ist frei. Ich habe keinen
sichtbaren, aber einen unsichtbaren Konkurrenten.
SALOMON: Was kann ein Gegner schaden, der kein Stichwort hat,
aufzutreten?
KEAN: Daß ich ein Werkzeug des Wales bin, ein Perpendikel seiner Laune.
Wenn er gut ist, überdacht von seiner Güte. Wenn er gemein ist, ein
Tänzer auf dem Zufall. Immer geschenkt, dargeboten, geduldet. Gibt es
eine Frau, die das erträgt? Gibt es einen Mann, der in dieser Rolle
wirkt? Unerträglich. Unmöglich.
SALOMON: So werde ich den Prinzen aus der Welt schaffen, um einen guten
Abgang aus ihr zu haben.
KEAN: Zu grob. Das schafft seinen Schatten nicht fort. Treue Trottelei,
Salomon. Das verstehst du nicht.
SALOMON: Das scheint meine Schwäche.
KEAN: Ich kann ihn nur wieder mit Großmut überwinden. Solche Partien
können nur auf dem höchsten Terrain gesiegt werden. Helène kennt die
Niveauunterschiede genau, und man hat sie nur, wenn man deutlich sie
erobert. Ich muß auf sie verzichten. Das ist die einzige Waffe, sie doch
zu bekommen. Ich überlasse sie Wales als dem Größeren. Ich trete zurück,
um ihn zu erhöhen. Ich muß mich auswetzen wie ein Geschwür und ihm freie
Bahn lassen. So wird sie mich wieder holen. Du bist zu wenig Mann, um
das zu begreifen. Hier wird mit großen Einsätzen der Kühnheit pointiert.
Ich kann nicht kleinmütiger sein wie seine Großmut. Aber ich spiele um
alles. Denn ich liebe sie mehr als ein Toller. Ich muß ruhig bleiben und
lächeln. Nur so kriege ich sie.
SALOMON: Das scheint mir der ungefährlichste Ausweg.
KEAN _auf und ab gehend, man hört den Regisseur draußen zählen_. Aber
wird mein Herz größer sein wie mein Blut? Kann ich Wales nun in Helènes
Loge sehen? Vor einer Viertelstunde ein Kitzel für den Sieger. Als
Unterlegener ein Gelächter. Kann ich stolzer sein als Besiegter wie der
Sieger, der sich nichts merken läßt? Werde ich es aushalten, mein Gott?
Ich bin ohne Kraft, Salomon, und brauche ein kühnes Herz. Man lernt
soviel in seiner Leidenschaft. Ich muß größer sein wie mein Schmerz.
Kühner als mein Glaube. Ich muß es haben, Salomon ... woher? ... ich muß
es haben, oder ich bin kaput. -- -- -- Den Dolch, Salomon ... den Dolch
... Ich muß spielen.
SALOMON: Er spielt. _Singt_: Ach Gottsche, schenk mern Hambelmann, un e
Kordel dezu, daß er zawwele kann.