In seiner Abwesenheit hatte sich folgendes zugetragen.
Die traurigen Austreibungen, infolge deren nicht nur einzelne Farmen,
sondern oft auch ganze Dörfer von ihren Bewohnern verlassen werden, sind
in den Grafschaften Irlands gar nichts seltenes. Die armen Leute, von
der Stätte verjagt, wo sie geboren wurden und auch noch zu sterben
erwarteten, könnten aber zurückkehren, die Thüren der Häuser sprengen
und in diesen wieder ein Obdach suchen, das sie anderswo nicht fanden.
Nun, das Mittel, sie daran zu hindern, ist höchst einfach. Die
Häuser werden eben ganz unbewohnbar gemacht. Man richtet dazu einen
»=battering-ram=« (eine Art Mauerbrecher) auf, dieser besteht aus einem
Balken, der an einer Kette pendelt, welche an drei langen aufrechten und
oben verbundenen Pfählen hängt. Dieser »Widder« zertrümmert alles. Das
betreffende Haus wird seines Daches beraubt, der Schornstein umgestoßen
und der Herd zerstört. Man zerschmettert damit die Thüren und drückt die
Fensterrahmen ein. Nichts als die nackten Wände bleiben übrig.... Steht
dann die Ruine dem Sturmwind offen, ergießt sich der Regen hinein
und sackt sich der Schnee darin, dann können der Landlord und seine
Untergebenen sicher sein, daß sich niemand mehr hier aufhalten kann.
Ist es bei den so häufigen Executionen dieser Art, die an den rohesten
Vandalismus streifen, wohl ein Wunder, daß sich ein so glühender Haß im
Herzen der irländischen Bauern angesammelt hat?
Hier in Kerwan war die Austreibung gar von noch traurigeren
Nebenumständen begleitet gewesen.
An dem unmenschlichen Werke hatten auch Haß und Rache ein gutes Theil
gehabt. Harbert, der Murdock seine Beleidigungen heimzahlen wollte,
hatte sich nicht begnügt, mit den Helfershelfern im Namen des Middleman
vorzugehen, sondern ihn auch, da er den jungen Farmer schon schwarz
angeschrieben wußte, noch denunciert, und die Polizisten hatten Befehl
erhalten, sich der Person desselben zu versichern.
Zuerst wurden Martin, seine Frau und seine Kinder aus dem Hause
getrieben, während die Schergen das Innere der Wohnung demolierten.
Nicht einmal die alte Großmutter wurde verschont. Aus ihrem Bett
gerissen und auf den Hof geschleppt, hatte sie sich noch einmal
zu erheben vermocht, um in ihren Mördern die Mörder Irlands zu
verfluchen... dann war sie todt zusammengebrochen.
In diesem Augenblicke hatte sich Murdock, der noch hätte entfliehen
können, auf die Elenden gestürzt. Sinnlos vor Zorn schwang er eine
Axt. Sein Vater und sein Bruder hatten wie er ihre Familie vertheidigen
wollen.... Vergeblich! Die Beamten und Constabler waren in der
Uebermacht und der Sieg blieb dem Gesetze, wenn man dieses Wort noch für
ein Attentat auf alles, was gerecht und menschlich ist, gebrauchen darf.
Eine gewaltthätige Auflehnung gegen die Organe der Polizei lag hiermit
so auf der Hand, daß außer Murdock auch Martin und Sim in Haft
genommen wurden. Und obgleich seit 1870 keine Austreibung ohne einen
Schadenersatz an die bisherigen Pächter stattfinden darf, hatten sie
durch ihren Widerstand diese Wohlthat obendrein verwirkt.
Auf der Farm konnte der bejahrten Großmutter doch kein christliches
Begräbniß zu Theil werden. Man mußte sie nach einem Kirchhof überführen.
So betteten ihre beiden Enkel sie also auf eine Tragbahre und trugen
sie fort, während Martin, Martine und Kitty mit ihrem Kinde auf dem Arme
ihnen inmitten der Constabler folgten.
Der Leichenzug schlug den Weg nach Limerick ein, und ein ergreifenderes
Bild, als dieser Trauerzug einer ganzen verhafteten Familie, die die
Leiche einer armen, hochbejahrten Frau begleitete, konnte es wohl nicht
geben.
Findling, der sein Entsetzen endlich überwunden hatte, lief durch die
verwüsteten Räume des Hauses, wo die Trümmer der Möbel umherlagen; immer
rief er laut... keiner, keiner antwortete ihm!...
Jetzt dachte er auch an seinen Schatz, an die Kieselsteine, die ihm
die Zahl der seit seinem Verweilen in Kerwan verflossenen Tage angeben
mußten. Er suchte die Kruke, worin er sie verwahrt hatte, und fand diese
unzerbrochen in einem Winkel.
Ach, diese Kiesel! Auf der Schwelle sitzend, begann Findling sie zu
zählen: es waren deren fünfzehnhundertvierzig.
Das entsprach vier Jahren und achtzig Tagen -- vom 20. October 1877 bis
zum 7. Januar 1882 -- die er auf der Farm verlebt hatte.
Jetzt mußte er die Stätte verlassen und wollte versuchen, die Familie,
die ja zur seinigen geworden war, wieder aufzufinden.
Vor dem Aufbruche machte Findling noch ein Packet aus seiner Wäsche, die
er in einer halbzerbrochenen Schublade gefunden hatte. In der Mitte des
Hofes aber brach er ein Loch neben der am Tage der Geburt des kleinen
Mädchens gepflanzten Tanne aus dem harten Boden und verscharrte darin
das Gefäß, das seine Kieselsteine barg.
Dann warf er noch einen letzten wehmüthigen Blick auf das zerstörte
Haus und wanderte nach der Landstraße zurück, die schon das Dunkel der
Dämmerung beschattete.
_Ende des ersten Theiles._