Bewegliche Königspuppen.
Der Karren Thornpipe's ist in einfachster Weise eingerichtet:
eine Deichsel, an der der wilde zottige Köter angespannt ist; ein
viereckiger, auf nur zwei Rädern ruhender Kasten, der deshalb auf den
hügeligen Wegen der Grafschaft leichter fortzuziehen ist; zwei Griffe an
der Rückseite, um das Ganze, gleich den Wagen hausierender Händler, auch
schieben zu können; über dem Kasten ein leichtes Leinenzeltdach auf vier
Eisenstäben, das, wenn es auch nicht ganz gegen die hier kaum jemals
brennende Sonne, so doch gegen den endlosen Regen des höheren Irlands
schützt. Das Ganze ähnelt also den leichten Wägelchen, die die
Drehorgeln durch Stadt und Land tragen, jene Instrumente mit
kreischenden Pfeifentönen, denen sich noch eine Art Trompetengeschmetter
zugesellt. Eine Drehorgel ist es freilich nicht, womit Thornpipe von
Stadt zu Stadt zieht, oder in der complicierteren Maschinerie ist die
Orgel wenigstens zum einfachen Pfeifchen zusammengeschmolzen, wie sich
das sogleich zeigen wird.
Der Kasten ist nach unten nämlich durch einen bis zu einem
Viertel seiner Höhe aufragenden Deckel geschlossen. Wird dieser
zurückgeschlagen, so bietet sich den Zuschauern ein für diese meist
verblüffender Anblick.
Zur Vermeidung von Wiederholungen empfehlen wir, Thornpipe's gewohnte
Erläuterungen achtsam anzuhören. Jedenfalls hat sich der wandernde
Schausteller mit der unermüdlichen Beredsamkeit den berühmten Brioché,
den Schöpfer der Marionettentheater auf den Messen und Märkten
Frankreichs, zum Muster genommen.
»Ladies und Gentlemen....«, so beginnt er unabänderlich, um sich das
Wohlwollen der Zuschauer zu sichern, selbst wenn er das jämmerlichst
zerlumpte Dorfpublicum anredet.
»Ladies und Gentlemen! Hier erblicken Sie den großen Festsaal des
königlichen Schlosses zu Osborne auf der Insel Wight.«
Das Kasteninnere stellt in der That einen Salon im Kleinen vor; vier
Planken bilden seine Wände, worauf Thüren und drapierte Fenster gemalt
sind; da und dort stehen hochmoderne Möbel aus Pappe, die mit Stiften
auf einem farbigen Teppich festgehalten sind, Tische, Armstühle und
Sessel, so angeordnet, daß sie die Bewegungen der Personen, der Prinzen,
Prinzessinnen, Herzöge, Marquis, Grafen und Baronets nicht hindern
können, die mit ihren vornehmen Gemahlinnen inmitten dieser officiellen
Empfangscour einherstolzieren.
»Im Hintergrunde, so fährt Thornpipe fort, bemerken Sie den Thron der
Königin Victoria, überragt von dem carmoisinrothen Sammtbaldachin mit
goldenen Fransen und haargenau dem Throne nachgebildet, auf dem Ihre
graziöse Majestät bei den Hoffestlichkeiten Platz nimmt.«
Der betreffende Thron mißt hier acht bis zehn Centimeter in der Höhe,
und obgleich der Sammt nur durch wollebestäubtes Papier vertreten ist
und die Goldfransen aus einfacher gelber Schnur bestehen, so verschlägt
das nicht das mindeste bei den Wackeren, die noch niemals ein solches
ausgesprochen monarchisches Möbelstück zu Gesicht bekommen haben.
»Auf dem Throne, belehrt Thornpipe weiter, erblicken Sie die Königin --
die Aehnlichkeit derselben wird garantiert! -- in ihrer Galatracht; den
an den Schultern gehaltenen Königsmantel, die Krone auf dem Haupte und
das Scepter in der Hand.«
Wir, die wir niemals die Ehre genossen, die Beherrscherin
des Vereinigten Königreiches und Kaiserin von Indien in ihren
Staatsgemächern zu erblicken, können für die zweifellose Aehnlichkeit
der hohen Dame mit der sie darstellenden Puppe natürlich nicht gutsagen.
Doch zugegeben, daß sie sich bei großen Hoffestlichkeiten mit der Krone
schmückt, so wird sie in der Hand doch schwerlich ein Scepter führen,
das, wie sein Ersatzstück hier, mehr dem Dreizack Neptuns gleicht. Das
einfachste bleibt es freilich, Thornpipe aufs Wort zu glauben, und das
thaten kluger Weise auch die Zuschauer.
»Zur Rechten der Königin, erläutert Thornpipe ferner, mache ich das
geehrte Publicum aufmerksam auf Ihre königlichen Hoheiten den Prinzen
und die Prinzessin von Wales, wie Sie die Herrschaften gelegentlich
ihrer letzten Reise durch Irland gewiß selbst gesehen haben.«
Kein Zweifel, da steht der Prinz von Wales als britischer Feldmarschall,
und die Tochter des Königs von Dänemark, angethan mit kostbarem
Spitzenkleide, das hier freilich kunstvoll aus Silberpapier geschnitten
ist, wie solches zum Schmucke von Bonbonschachteln verwendet wird.
Auf der andern Seite stehen der Herzog von Edinburgh, der Herzog von
Connaught, der von Fife, der Prinz Battenberg mit den Prinzessinnen,
ihren erlauchten Gemahlinnen, kurz die ganze königliche Familie, so
angeordnet, daß sie vor dem Throne einen Halbkreis bilden. Unzweifelhaft
erwecken diese bezüglich ihrer Porträttreue immer »garantierten« Puppen
mit den gemalten Gesichtern und ihrer dem Leben abgelauschten Haltung
eine deutliche Vorstellung von dem Hofe Englands.
Dann folgen die Großofficiere der Krone, darunter der Großadmiral Sir
Georges Hamilton. Thornpipe befleißigt sich, mit dem Ende seines Stabes
alle der Bewunderung des Publikums zu empfehlen, unter der Hinzufügung,
daß jeder von ihnen seinem Range entsprechend den ihm nach der
Hofetiquette zukommenden Platz einnimmt.
Da hält sich vor dem Throne in ehrfurchtsvoller Unbeweglichkeit ein
hochgewachsener Mann von ausgesprochen angelsächsischem Typus, der nur
ein Minister der Königin sein kann.
Es ist auch einer, nämlich der Chef des Cabinets von St. James, den man
an dem unter der Last der Geschäfte etwas gekrümmten Rücken leicht genug
erkennt.
Thornpipe geht weiter in seinen Erklärungen.
»Und neben dem Premierminister, zur Rechten, der ehrwürdige Herr
Gladstone.«
Wahrlich, es wäre schwierig gewesen, den berühmten »Oldman« nicht zu
erkennen, den schönen Greis, der sich noch immer aufrecht hält,
der immer bereit ist, seine liberalen Anschauungen gegen die der
conservativen Regierung zu vertheidigen. Vielleicht könnte es auffallen,
daß er den Premierminister mit freundlichem Blicke betrachtet; doch was
bei Wesen aus Fleisch und Bein unmöglich wäre, das hat bei Puppen aus
Pappe und Holz ja nicht viel auf sich.
Ein außergewöhnlicher Anachronismus verschuldet auch noch eine
andre Nebeneinanderstellung, denn Thornpipe bläst die Backen auf und
verkündet:
»Hier, Ladies und Gentlemen, stelle ich Ihnen Ihren berühmten Landsmann
O'Connell vor, dessen Name in jedem irländischen Herzen allezeit ein
Echo finden wird.«
Ja, da befand sich O'Connell am Hofe Englands und im Jahre 1875, obwohl
er schon seit einem Vierteljahrhundert todt war. Auf einen dagegen
erhobenen Einwand hätte Thornpipe jedenfalls geantwortet, daß der große
Agitator für einen Sohn Irlands immer fortlebt. Mit ähnlicher Begründung
hätte er da auch Parnell aufstellen können, obwohl dieser Politiker
jener Zeit kaum bekannt war.
Da und dort stehen noch andre Höflinge verstreut, deren Namen uns
entgehen, alle mit Ordenssternen und Bändern übersäet, politische und
kriegerische Berühmtheiten, darunter Se. Gnaden der Herzog von Cambridge
neben dem seligen Lord Wellington, der verstorbene Lord Palmerston
neben dem verstorbenen Pitt; endlich Mitglieder der Pairskammer in
vertraulichem Gespräche mit solchen aus dem Hause der Gemeinen; hinter
diesen eine Reihe =Horse-guards= in Parade, im Salon zwar, aber doch
zu Pferde, eine Andeutung, daß es sich hier um ein Fest handelt, wie es
selbst im Schlosse zu Osborne selten vorkommt.
Das Ganze umfaßt etwa fünfzig kleine Männchen, die alle schreiend bemalt
sind und mit steifer Würde alles darstellen, was an Hocharistokratie, an
Auszeichnung und Rangstellung in der militärischen und politischen Welt
des Vereinigten Königreiches vorhanden ist.
Man bemerkt sogar, daß die britische Flotte nicht vergessen wurde, und
wenn die königliche Yacht »Victoria and Albert« hier nicht unter Dampf
ist, so sieht man wenigstens Schiffe an die Fensterscheiben gemalt,
durch die man die Rhede von Spithead zu erkennen glaubt. Mit guten Augen
würde man gewiß die Yacht »Enchantereß« unterscheiden können, mit Ihren
Ehren den Lords der Admiralität an Bord, die in einer Hand ein Fernrohr,
in der andern ein Sprachrohr halten.
Mit der Behauptung, daß seine Schaustellung einzig in ihrer Art sei,
hat Thornpipe das Publicum nicht betrogen. Auf jeden Fall macht sie eine
Reise nach der Insel Wight unnöthig. Außerdem bereitet sie nicht nur
den Gassenbuben, die sie mit Bewunderung betrachten, sondern auch den
Erwachsenen, die niemals über die Grenzen Connaugths hinauskommen, ein
wirkliches Vergnügen. Der Parochialgeistliche lächelt vielleicht im
Stillen darüber; der Droguist kann sich nicht enthalten zu bestätigen,
daß die Aehnlichkeit der dargestellten Personen überraschend sei, obwohl
er diese in seinem Leben nicht gesehen hat. Der Fleischer gestand ein,
was er hier sehe, übertreffe seine Vorstellungen davon, denn er könne
nicht glauben, daß bei einem Empfange am Hofe so viel Luxus und Glanz
entfaltet werde.
»Nun, Ladies und Gentlemen, nimmt Thornpipe wieder das Wort, das ist bis
jetzt noch gar nichts. Sie glauben jedenfalls, daß diese königlichen und
die andern Personen sich gar nicht bewegen könnten. Fehlgeschossen! Sie
leben wirklich, ich versichere es, leben, wie Sie und ich selbst,
was Sie sofort sehen sollen. Vorerst bin ich so frei, eine kleine
Einsammlung zu veranstalten, wozu ich mich Ihrem geneigten Wohlwollen
empfehle.«
Das ist der kritische Augenblick für solche Schausteller, wenn die
Sammelbüchse unter den Zuschauern zu kreisen beginnt. Ganz gewöhnlich
zerfallen letztere in zwei Classen: in die, die sich aus dem Staube
machen, um nicht in die Tasche greifen zu müssen, und in die, welche
dableiben mit der Absicht, sich umsonst zu amüsieren -- die zweite
Classe bildet übrigens die Mehrzahl. Wohl giebt es noch eine dritte
Classe, die der Zahlenden, deren sind aber so wenige, daß es sich gar
nicht verlohnt, von ihnen zu sprechen. Das zeigte sich deutlich genug,
als Thornpipe seinen kleinen Umgang antrat und dazu ein liebenswürdiges
Lächeln heuchelte.
Sicherlich hätte man bei der ganzen Lumpengesellschaft, die nicht von
der Stelle wich, keine zwei Coppers finden können, und alle, die das
weitere Schauspiel unentgeltlich genießen wollten, wendeten beim
Nahen der Sammelbüchse einfach den Kopf ab, so daß nur fünf bis sechs
Zuschauer in die Tasche griffen, was den Ertrag von einem Schilling drei
Pence ergab, den Thornpipe mit süßsaurer Miene einsteckte. Was
half's? Er mußte sich, in Erwartung einer reicheren Ernte bei der
Nachmittagsvorstellung, schon begnügen und lieber das angekündigte
Programm durchführen, als etwa das Geld zurückzugeben.
Jetzt verwandelte sich aber die bisher stumme Bewunderung in eine laute
lärmende Kundgebung des Beifalls. Es begann ein Händeklatschen, ein
Trampeln mit den Füßen und ein »Aoh«rufen, daß man's wohl bis zum Hafen
hinunter hätte hören können.
Thornpipe hatte mit seinem Stabe an den Kasten geschlagen, worauf ein
von niemand beachtetes leises Seufzen Antwort gab. Plötzlich erschien
die ganze Scene wie durch ein Wunder in naturgetreuer Bewegung.
Die durch einen inneren Mechanismus bewegten Puppen schienen wirklich
Leben bekommen zu haben. Ihre Majestät die Königin Victoria hatte zwar
den Thron nicht verlassen, was ein Verstoß gegen die Etiquette gewesen
wäre, sie hatte sich nicht einmal erhoben, sie bewegte aber das
gekrönte Haupt und hob und senkte das Scepter, wie die Kapellmeister
den Tactierstock beim Dirigieren. Die Mitglieder der königlichen Familie
drehen und wenden sich, grüßend und Grüße erwidernd, hier- und
dorthin, während die Herzöge, Marquis und Baronets in größter Ehrfurcht
vorüberdefilieren. Der Premierminister verneigt sich vor Herrn
Gladstone, der es ihm gleichthut. Nach ihnen schreitet O'Connell auf
unsichtbarer Fuge mit Ernst und Würde vor, und ihm folgt der Herzog
von Cambridge, der einen Charaktertanz aufzuführen scheint. Die
andern Persönlichkeiten schließen sich dem Zuge an, und die Pferde der
Horse-guards bäumen sich schweifwedelnd, als wären sie nicht in einem
Saale inmitten des Schlosses von Osborne, sondern auf dessen geräumigem
Hofe aufgestellt.
Das Ganze vollzieht sich unter einer leisen, aber scharfen
Musikbegleitung, bei der allerdings manche Töne nicht zum Ausdruck
kommen. Doch wie hätte Paddy -- der für Musik so empfänglich ist,
daß Heinrich VIII. das Wappen des Grünen Erin noch mit einer Harfe
bereicherte -- davon nicht entzückt sein sollen, obgleich er statt
=God save the Queen= oder =Rule Britannia=, den melancholischen
Nationalgesängen des traurigen Vereinigten Königreiches, lieber eine
irische Weise gehört hätte.
Für Jeden, der die Maschinerie eines größeren Theaters noch nicht
kannte, mußte der Vorgang hier entschieden etwas Wunderbares an sich
haben; so entfesselte denn auch der Anblick dieser sich bewegenden
Puppen bei den Zuschauern einen Enthusiasmus ohne Gleichen.
Da, wie durch einen Ruck im Mechanismus, senkt die Königin ihr Scepter
so tief, daß sie damit den runden Rücken des Premierministers berührt.
Ein doppeltes Hurrah der Zuschauer braust durch die Lüfte.
»Sie leben wahrhaftig! ruft einer der Umstehenden.
-- Es fehlt ihnen nur die Sprache! bemerkte ein andrer.
-- Das laßt Euch nicht leid thun!« setzt der Pharmazeut hinzu, der in
unbewachten Augenblicken den Demokraten heraussteckt.
Er hatte auch Recht. Man denke sich nur Puppen, die höfische Redensarten
drechseln.
»Ich möchte wohl wissen, was sie in Bewegung setzt, läßt sich der
Schlächter vernehmen.
-- Das ist der reine Gottseibeiuns, äußert ein Matrose.
-- Ja, der Teufel, rufen einige schon halb überzeugte Matronen, die
sich dem Geistlichen zugewendet bekreuzen, während der fromme Herr eine
nachdenkliche Miene macht.
-- Wie könnt Ihr annehmen, daß der Teufel in diesem Kasten steckt,
erwidert ein wegen seiner Naivetät bekannter Ladenjüngling, der Teufel
ist dazu viel zu groß...
-- Na, wenn er nicht drin steckt, so steht er draußen! schwatzt eine
alte Stadtklatsche. Der da, der dieses Schauspiel vorführt...
-- Ach nein, unterbricht sie der Droguist, Ihr wißt doch, daß der Teufel
nicht irländisch spricht!«
Das ist die Wahrheit, die Paddy ohne Widerspruch zugiebt, und man
einigte sich also darüber, daß Thornpipe wegen seines rein irischen
Dialects der Teufel nicht sein könne.
Wenn die Sache also nicht mit Hexerei zuging, mußte nothwendiger
Weise ein innerer Mechanismus vorhanden sein, der diese kleine Welt
in Bewegung setzte. Niemand hatte Thornpipe jedoch etwa eine Feder
aufziehen sehen. Ja, als die Bewegungen sich zu verlangsamen begannen,
da hatte -- eine Besonderheit, die dem Pfarrer nicht entging -- ein
Peitschenhieb Thornpipe's unter den von der Decke verhüllten Kasten
genügt, die Puppengesellschaft aufs neue zu beleben.
Den Pfarrer drängte es, zu erfahren, wem diese fühlbare Aufmunterung
wohl gegolten haben möge, deshalb fragte er Thornpipe:
»Sie haben wohl einen Hund dort in Ihrem Kasten?«
Der Mann sah ihn, die Stirn runzelnd, an, als finde er diese Frage etwas
indiscret.
»Da drin ist, was eben drin ist! antwortete er. Das bleibt mein
Geheimniß. Ich fühle mich nicht verpflichtet, es zu verrathen...
-- Dazu sind Sie nicht verpflichtet, meinte der Geistliche, wir aber
haben doch das Recht, zu vermuthen, daß es ein Hund ist, der Ihren
Mechanismus treibt...
-- Nun ja... ein Hund! gab Thornpipe ärgerlich zu, ein Hund in einem
Trommelkäfig. Es hat mir Zeit genug gekostet, ihn so weit zu dressieren.
Und welchen Lohn hab' ich nun für meine Mühen erhalten? Nicht die Hälfte
von dem, was man jedem Geistlichen für das Lesen einer einzigen Messe
bezahlt!«
Eben als Thornpipe seinen Satz beendete, stand der Mechanismus still,
zum großen Mißvergnügen der Zuschauer, deren Interesse noch lange nicht
befriedigt war. Der Puppenvorzeiger ging daran, den Karrendeckel zu
schließen und erklärte, daß die Vorstellung zu Ende sei.
»Würden Sie bereit sein, noch eine zweite zu geben? fragte da der
Pharmazeut.
-- Nein! erklärte Thornpipe, der viele verdächtige Blicke auf sich
gerichtet sah, mit barscher Entschiedenheit.
-- Auch nicht, wenn wir Ihnen für eine Einnahme von zwei Schillingen
einständen?
-- Weder für zwei noch für drei Schillinge!« rief Thornpipe.
Er dachte nur, sich aus dem Staube zu machen, das Publicum schien aber
nicht in der Laune, ihn so schnell fortzulassen. Auf einen Wink seines
Herrn zog der Köter in der Gabeldeichsel schon an, als sich ein langer,
mit Schluchzen untermischter Klagelaut aus dem Kasten hören ließ.
Wüthend rief Thornpipe, wie schon früher einmal:
»Wirst Du schweigen, Hundejunge!
-- Das ist kein Hund, der da drin steckt, sagte der Geistliche, den
Karren zurückhaltend.
-- Und doch! versetzte Thornpipe.
-- Nein... das ist ein Kind!...
-- Ein Kind!... Ein Kind!« wiederholten die Zuschauer.
Jetzt ging in der Empfindung der Leute eine mächtige Veränderung vor
sich.
Nicht Neugier, sondern Theilnahme war es, die sich in ihrer drohenden
Haltung kundgab. Ein Kind war in diesem an der Seite offenen Kasten
verborgen, und wurde mit der Peitsche angetrieben, wenn es anhielt, weil
ihm die Kräfte erlahmten, sich in seinem Käfig zu bewegen.
»Das Kind!... Das Kind heraus!« klang es von allen Seiten.
Thornpipe sah sich einer Uebermacht gegenüber. Er wollte jedoch
Widerstand leisten und seinen Karren vorwärts schieben.... Vergeblich.
Der Schlächter packte ihn an der einen, der Droguist an der andern Seite
und so wurde das Gefährt tüchtig geschüttelt. Der königliche Hof dürfte
wohl niemals einen solchen Verlauf seiner Feierlichkeiten erlebt haben,
bei dem die Prinzen die Prinzessinnen stießen, die Herzöge die Marquis
umrannten, der Premierminister hinfiel und einen Sturz des ganzen
Cabinets damit herbeiführte... kurz, ein Durcheinander, wie es im
Schlosse Osborne gewiß nur vorkäme, wenn ein Erdbeben die ganze Insel
Wight erschütterte.
Thornpipe wurde bald überwältigt, wenn er sich auch wie ein Rasender
wehrte. Alle betheiligten sich dabei. Der Karren wurde untersucht,
der Droguist kroch zwischen die Räder und zog aus dem Kasten ein Kind
hervor....
Ja, ein Jüngelchen von etwa drei Jahren mit bleichem, leidendem Gesicht,
mühsamem Athem und mit Beinchen, die mit Striemen überdeckt waren.
Kein Mensch in Westport kannte den Kleinen.
So gestaltete sich das erste Erscheinen des »Findlings«, des Helden
dieser Erzählung. Wie er diesem Wütherich in die Hände gefallen und
wer sein Vater wäre, das war schwerlich zu ergründen. In Wahrheit
hatte Thornpipe das Kind vor neun Monaten in der Dorfstraße von Donegal
aufgelesen und zu dem nun erkannten Dienste verwendet.
Eine wackre Frau nahm das Bürschchen in die Arme und suchte es
aufzumuntern. Alle drängten sich um den Kleinen. Das arme Eichkätzchen,
das verurtheilt gewesen war, seinen Käfig unter dem Karrenkasten in
Drehung zu versetzen, hatte ein interessantes, ja intelligentes Gesicht;
aber auf diese Weise sich den Unterhalt verdienen zu müssen -- und in so
zartem Alter!
Endlich öffnete der kleine Knabe die Augen und warf sich rückwärts, als
er Thornpipe gewahrte, der herantrat und mit der Aufforderung: »Gebt mir
den Jungen zurück!« ihn wiederzuerlangen suchte.
»Seid Ihr sein Vater? fragte der Geistliche.
-- Ja..., antwortete Thornpipe hastig.
-- Nein... das ist mein Papa nicht! rief weinend das Kind, das sich der
Frau anschmiegte.
-- Er gehört Euch gar nicht an! wetterte der Droguist.
-- Ein gestohlener Bursche ist's! setzte der Schlächter hinzu.
-- Und wir geben ihn nicht zurück!« erklärte der Pfarrer.
Thornpipe wollte sich nicht ergeben. Mit geröthetem Gesicht und
zornsprühenden Augen verlor er ganz die Fassung und war schon daran,
»auf irländisch zu spaßen«, d. h. ein Messer zu ziehen, als sich zwei
kräftige Männer auf ihn stürzten und ihn entwaffneten.
»Jagt ihn davon!... Jagt ihn fort! heulten die Frauen.
-- Mach' Dich auf den Weg, Spitzbube! sagte der Droguist.
-- Und laßt Euch in der Grafschaft nicht wieder erblicken!« schloß der
Geistliche mit einer drohenden Bewegung.
Thornpipe trieb den Hund mit der Peitsche an und der Karren rollte die
Hauptstraße von Westport wieder hinauf.
»Der Schurke! -- so machte sich der Pharmazeut noch Luft -- ich gebe ihm
keine drei Monate, bis er das Menuet von Kilmainham getanzt hat!«
Dieses Menuet tanzen, bedeutet nach landläufiger Sprechweise, seine
letzte Gigue vor einem Galgen abtanzen.
Der Pfarrer fragte das Kind nach seinem Namen.
-- »Findling« heiß' ich,« lautete die sichere Antwort.
Und in der That: es hatte keinen andern Namen.