Seit diesen Ereignissen waren viele Wochen vergangen, und der Herbst
wütete im Land. Das Laub der Waldbäume war seinen Stürmen zum Opfer
gefallen, ruhelose Wolken eilten über die verödete Landschaft, Kälte und
Nässe jagten die Menschen in ihre Wohnstätten, in denen sie sich gegen
den langen und rauhen Winter verschanzten.
Das Schloß schien gewachsen. Nackt und schwerfälliger als im Sommer
stand es grau im schwarzen Netzwerk seiner kahlen Bäume, nur der Efeu
im Hof blieb grün, in ihm überwinterten die Sperlinge. Die
Wirtschaftsgebäude und Scheunen waren deutlicher aufgetaucht, sie
schienen sich an den majestätischen Steinkoloß des Schlosses zu drängen,
und ihre Fenster sahen zu dem verarmten Garten und seinen Grabenteichen
hinüber. Dort schwamm das gelbe Laub der Ahornbäume auf den stillen
Wasserflächen, in denen sich die Mauern und der leere graue Himmel
spiegelten.
Die Leiche der jungen Frau war nicht gefunden worden. Helmut hatte
damals in Tagen eines furchtbaren Schwankens bald alle Kräfte suchen
lassen, dann wieder in Augenblicken eines verfinsternden Grauens ließ er
die Leute von ihrer traurigen Arbeit rufen und erteilte den Befehl, es
dürfte nicht mehr geforscht werden. So verging eine Woche. Er ließ den
Bezirk des Moors, in dem die Leiche vermutet wurde, absperren, aber ihn
selbst trieb es wieder und wieder hinaus. Oft erwachte er in der Nacht,
durchirrte das dunkle Schloß, bis er hinausgefunden hatte, und schlich
stundenlang, bedächtig auf den Fußspitzen auftretend, an den Moorgräben
dahin. Es kam vor, daß er mit einem Stock vorsichtig den Schlammgrund
durchprüfte und daß er erstarrend und die Stirn voll kalten Schweißes
zurückwankte, wenn er einen nachgiebigen Widerstand zu spüren vermeinte.
Als drei Wochen vergangen waren, verlangte er eines Mittags plötzlich,
es sollte noch einmal nach der Toten gesucht werden. Afra erhob
Widerspruch, mußte die Leute aber endlich gehen lassen, da der junge
Gutsherr in einen Zustand erregten Trübsinns verfiel, der durch nichts
zu beschwichtigen war. Sie sandte Arbeiter ins Moor, verbot ihnen aber,
nach der Leiche Ausschau zu halten.
»Sie sollen nur mit den Augen suchen und vorsichtig auftreten, damit
keine Blasen aufsteigen«, erklärte Helmut Afra. »Wenn sie mit ihren
Stangen wühlen, trüben sie den Grund, und es ist nichts mehr
erkenntlich. Auch könnten sie mit ihrer groben Hantierung Elsbeths Hände
oder ihr Gesicht verletzen.«
Afra wandte ihr Gesicht, das schmaler und blaß geworden war, von ihm ab.
Sie hatte alle Mittel, die ihrer jungen Erfahrung zu Gebote standen,
durchprüft, um ihm zu helfen. Erst als sie spürte, daß er ihren
Trostworten mit einer beinahe wollüstigen Hingabe lauschte und daß er
dabei lächeln und nur ihren Mund betrachten konnte, während sie sprach,
mied sie mit Furcht und Abscheu jedes Wort über sein Mißgeschick.
Friedel war geblieben, obgleich sein schmachvolles Verhalten in jener
bösen Nacht ihm selbst und allen anderen unvergeßlich eingeprägt war.
Aber man fühlte, daß er sich tief und ehrlich schämte, und sein Bemühen,
alles gutzumachen, hatte etwas Rührendes und versöhnte. Er nahm sich
Helmuts mit einer Geduld an, die ihm niemand zugetraut hatte, und wo die
Haltlosigkeit des anderen voll qualvoller Preisgabe war, setzte bei
Friedel ein Zartgefühl ein, das immer wieder an sein im Grunde gutes
Herz glauben ließ. Es ist zweifellos seiner Fürsorge und seinem
Verständnis zu danken gewesen, daß Helmut sich langsam aus der
Verfinsterung rettete, die über seinen Geist hereinzubrechen drohte.
Afra beobachtete Friedel aus der Entfernung mit Aufmerksamkeit und
Bewunderung, und als sie einmal durch einen Zufall ungesehen die Zeugin
eines Vorgangs wurde, der sie bewegte, sagte sie abends zu Friedel:
»Ohne Sie ginge es jetzt in Wartalun kaum noch gut, Friedel.«
Das war gewiß wenig, und der Tonfall dieser Worte deutete auf kaum mehr
als auf einen höflichen Scherz hin, aber Friedel beglückten sie bis in
den Grund seines Herzens hinein. Ihn hätte nichts freudiger stimmen
können als die Zuversicht, von Afra nicht für unnütz gehalten zu werden.
Er nahm am Abend dieses Tages zum erstenmal wieder seine Geige hervor,
stimmte sie froh unter seinen nachdenklichen Augen und antwortete dem
Mädchen, als die herbstliche Nacht über die einsame Heimstätte ihres
weltverlorenen Daseins niedersank.
Und Afra verstand ihn. Ihre Natur, die sich unter keinen Vorurteilen der
Weltbetrachtung und Beurteilung anderer entwickelte, ließ in seltsam
sicherem Kraftbewußtsein allem Umgebenden seine Art. Sie betrachtete die
Menschen, die ihr begegneten, ohne sie zu richten. Sie wußte mit einer
Zuversicht die nicht zu überreden war, wessen sie selbst bedurfte, aber
sie wertete neben ihren Ansprüchen das Zurückgewiesene deshalb nicht
geringer. Es mochte eine Folge der hochherzigen Geisteskraft des Grafen
Konstantin sein, in der ihr erstes Erkennen erwacht war, eine Folge
ihrer frühen Vereinsamung und zugleich der ungewöhnlichen Forderungen,
die die Ereignisse des letzten Jahrs an ihre Natur gestellt hatten. Es
war, als erschlösse das Erleiden der Menschen, die in ihre Nähe gedrängt
worden waren, manche wohlverriegelte Pforte zu ihrem eigenen Herzen, das
oft in seinen Hoffnungen auf das eigene Geschick und in seiner Kraft,
sich darin zu bewähren, so hart erscheinen konnte.
Zu Anfang November ereigneten sich Tage von großer Klarheit und
Schönheit, die im Hauch ihrer noch einmal spärlich von der Sonne
durchwärmten Luft und in ihren Gerüchen etwas vom Frühling mit sich
brachten. Die Stürme ruhten nach ihrem Werk, und der Winter zögerte noch
mit seinem Einzug.
Afra ritt an einem dieser Tage durch den schweigsam gewordenen Forst,
über die Kuckucksburg von Wendalen heim nach Wartalun. Nathanael war aus
Cismaren für einige Stunden bei ihr gewesen, und die letzten größeren
Abschlüsse über Jungvieh, über Korn und Rüben waren unterzeichnet und
verrechnet worden. Nicht ganz so froh wie sonst nach ihren
geschäftlichen Erledigungen ritt sie dahin. Sie hatte sich deutlich
dabei beobachtet, daß sie hier und da nachgiebiger gewesen war als sonst
und als es den Traditionen des Guts entsprach. Aber im ernüchternden
Wechsel von Werten und Zahlen und Worten hatte sie diesmal eine
Müdigkeit überkommen und ein ihr ganz neues Gefühl von Gleichgültigkeit
gegen Erwerb oder Besitz. Sie dachte auf dem Heimweg darüber nach,
worin diese Tatsache, die sie quälte, ihren Ursprung haben mochte. Lag
es vielleicht daran, daß niemand Rechenschaft von ihr forderte? Sie
verwarf diese Erwägung, denn es handelte sich ja nun nicht mehr allein
um fremdes Eigentum. Vielleicht hatte sie über Helmuts großer Gabe, die
sicherlich eher raschherzig als großmütig gewesen war, erfahren, wie
leicht es für sie war, zu Besitz zu kommen, und diese Einsicht hatte ihr
ihr eifriges Feilschen mit dem jüdischen Kaufmann als kleinlich
erscheinen lassen.
Dieser Gedanke befriedigte sie nicht, wo mochten die wahren Gründe
liegen? Sie sah zur Rechten durch die kahlen Birken ins Moor, dessen in
eigentümlichem Rotgelb leuchtende Herbstfarben zu erlöschen begannen und
das weit und öde dalag. Die Heidehügel darin sahen wie unruhige Wogen
eines erstarrten Meeres aus, und die armen Kiefern, die hier und da ihre
spärlichen Äste reckten, schienen zu frieren. Wer unter dem erstorbenen
Leben dieser feuchten Fläche seinen letzten Schlaf schlief, war allem
Mein und Dein, allem Reich und Arm in ein großes Einerlei der Ruhe
entrückt.
Ihre Gedanken verloren sich im rötlichen Sonnenlicht des raschen Abends,
durch den sie im Beginn ihres Menschenbewußtseins dahinritt. Sie ließ
sich von ihren Gedanken treiben, die sie in die Zeit zurückführten, in
der noch Graf Konstantin über Wohl und Wehe von Wartalun gewacht hatte.
Beim Gedanken daran, wie er mit Nathanael umgesprungen war, kam ihr ein
Lächeln auf die Lippen, deren klare Frische einen kaum spürbaren Zug von
Erleiden bekommen hatte. Ihr war, als habe er stets die eine Hand für
eine Liebkosung bereit gehabt und die andere für die Peitsche. Nathanael
hatte oft dreimal das Schloß verlassen, ehe seinem hochgemuten Peiniger
das kleinste Zugeständnis zu entlocken war. Er kletterte zornig auf
seinen kleinen zweirädrigen Wagen, schrie seinen Groom an, der Fratzen
schnitt, und die Fahrt ging in entschlossener Eile von dannen. Dann
hatte ihr Graf Konstantin die Hand auf die Haare gelegt oder den Arm um
die Schultern und ihr lächelnd gezeigt:
»Siehst du dort die Pappel bei der Kätnerhütte? Dort kehrt er um.«
So war es in der Regel gekommen. Einmal nämlich hatte sich der Händler
erst am anderen Tage wieder eingefunden, und das hatte ihn um den ganzen
Weizen gebracht, denn Graf Konstantin war nicht mehr für ihn zu
sprechen. Der Verwalter hatte ihm achselzuckend erklären müssen, das
Korn verfaulte nicht in den Scheunen von Wartalun ... Seit jener Zeit
fuhr er bei Uneinigkeiten wegen der Kaufsumme nur bis an die hohe
Wegpappel mit ihrem Krähennest.
Eine heimliche Erregung machte das junge Mädchen ungeduldig. Sie sprang
vom Pferd. Der Wald lag hinter ihr, Wartalun stand rötlich von der
Abendsonne bemalt hinter den nassen Stoppelfeldern im lichtgrauen
Himmel. Wenn sie in das Reich ihrer Erinnerung hinein, in dem Graf
Konstantin herrschte, der Gedanke verfolgte, daß Wendalen nun ihr
Eigentum war, so sann sie in heimlicher Qual darüber nach, daß es sein
Besitz gewesen war. Wie hätte sie ihm für ein einziges Lächeln der
Zustimmung gedankt, es hätte sie befreit und froh gemacht. Der
triumphierende Leichtsinn ihrer Selbstsucht war oft für lange erloschen.
Sie empfand für Augenblicke das furchtbare Wunder des Todes als
deutliche Wahrheit. Hinter der harten gläsernen Wand, durch die kein
Geschrei, kein Winken und kein Pochen drang, irrte ihr Heimweh nach dem
verblichenen Herrn. Erst seit ihre Liebe unter blutigen Opfern und
zerstörender Sehnsucht von ihr gefordert wurde, wußte sie, wem sie
gehörte.
Da sie in den zurückliegenden Wochen oft an langen Abenden auf Friedels
romantisches Geschwätz gelauscht hatte, begann sie in einsamen Stunden
oft über die Art nachzudenken, wie er die Ereignisse betrachtete. Denn
wenn Friedels törichtes Herz sich auch gedankenlos verirren konnte, so
hatten seine Aussprüche doch oft etwas von jener melancholischen
Hellsichtigkeit, die schwache Naturen zuweilen auszeichnet, wenn sie in
große Schicksale verwoben werden oder unversehens dem dahinschreitenden
Tod in die großen Augen schauen müssen.
»Er läßt niemand in deine Nähe, Afra«, hatte er einmal gesagt, als vom
Grafen Konstantin die Rede war, »verstehst du seine Warnungen? Ich für
meinen Teil, als Lump und Handlanger, werde wohl noch verschont bleiben,
bis ich es eines Tages mir oder dir deutlich sagen werde.«
»Was?« hatte sie gefragt.
»Daß ich dich für alle Ewigkeit lieben muß.«
Wie er dabei sein Gesicht niederneigte und wie er dann schwieg, das
hatte etwas so Trauriges und Wahrhaftiges gehabt, daß es einen Schein
von Wahrheit auf seine Worte übertrug.
Wie hätte sie lachen mögen, aber das Lachen war schwer geworden in
Wartalun. Trotzdem hatte sie es getan, aber Friedel war nicht aus seiner
nachdenklichen Versunkenheit zu reißen.
»Das Lachen trifft ja nicht mich«, sagte er leise. »Lachst du über
Helmut oder über ...«
So hatte er durch eine phantastische Vermengung seiner Grübeleien mit
der Finsternis der zurückliegenden Geschehnisse oft eine eigenartige
Wirkung erreicht, die das Mädchen peinigte, weil sie ihm um Graf
Konstantins willen glauben wollte. Denn alle Liebe ist mit Magischem
verwoben, und sie neigt ihr Rosenhaupt oft über die unbeständigen
Grenzen unseres Erkennens in die bevölkerten Abgründe des Unerkennbaren.
»Was denkst du beglücktes Alltagswesen aus Daseinskraft und
Frühlingswohlstand dir eigentlich?« fuhr Friedel fort. »Meinst du, es
sei nur so viel wahr, als sich erkennen läßt? Wer dem Wesen der Dinge
nachforscht, wird um seiner Erkenntnis willen als Ketzer verbrannt.
Nicht wahr, was an Großem und Bedeutsamem geschieht, das denkt man sich
für gewöhnlich dort und dort, hinter Bergen, bei anderen, in der Ferne
oder in Büchern. Man muß den Menschen mit Fingern die Augen aufreißen,
bevor sie glauben lernen, daß sie selbst es sind, die zum Himmel fahren
oder die der Teufel holt. Nenn's, wie du willst, aber den meisten geht's
erst nachher auf, daß sie selber Helden des Welttreibens begegnet sind.
Und es ist gut. Die größten Schicksale wüten unter Blinden ...«
Was hatte er nur mit alledem gemeint? Es war wohl richtig, daß man
Lebendiges an seiner Wirkung erkannte und daß die Liebe im Tod kein
Hindernis für ihren Segen oder für ihren Fluch findet. Das Mädchen blieb
stehen und streichelte Jonis warmen Hals, sah in die klugen Augen des
Tiers, das sie anschaute, und versuchte ihrer Traurigkeit Herr zu
werden.
Sie fühlte sich den neuen Menschen von Wartalun auf eine Art verbunden,
die nicht im natürlichen Verhältnis zu ihren Ansprüchen und ihrer
Wesensart stand, aber das vereinsamte Schloß wies seine Bewohner
aufeinander an und verknüpfte sie enger, als dies unter gewöhnlichen
Umständen der Fall gewesen wäre. Die gemeinsamen schweren Erlebnisse
führten eine Art herber Vertraulichkeit mit sich, streiften den Zwang
der gesellschaftlichen Lebensgewohnheiten ab und schlossen zusammen. So
war auch zwischen Friedel und ihr eine Art Freundschaft entstanden, die
zuweilen beinahe in Gereiztheit ausartete. Afra kam in dieser Zeit
zuweilen der Gedanke, Wartalun einmal zu verlassen, um in einer ganz
neuen Welt von Menschen und Eindrücken leben zu lernen.
Als sie die Pforte zum Park erreicht hatte und unter den alten Buchen,
die zum Walde hinüberführten, ihre Füße im dürren Laub raschelten,
schlug sie Joni die Zügel um den Hals und ließ das Pferd seines Weges
ziehen. Sie selbst schritt nachdenklich in den Park hinein, zwischen den
gelichteten Büschen hin über die feuchten Wege auf die Tannen zu, unter
denen die Grabstätte des Grafen Konstantin zu finden war. Die feinen
Spitzen der Tannen umgaben die kleine dunkle Kuppel der Kapelle wie eine
grüne, zackige Krone, sie erblickte tiefer, hinter den ruhigen
geschwungenen Ästen der letzten Bäume schon das eiserne Gitterwerk des
Tors, als sie erschrocken innehielt und mit großen Augen durch das
gelichtete untere Gezweig starrte.
Sie sah gegen die schwarzen Stäbe des Eingangs die Gestalt eines Mannes
lehnen. Er hielt seine eine Hand am schweren Schloß der geschmiedeten
Pforte, als habe er eben den finsteren Raum verlassen, und etwas scheu,
als besänne er sich, sah er in den Garten hinein. Es war, als zögerte
er, den Weg zu betreten, der von diesem Ort der Ruhe zurück unter die
Menschen führte. Im Verwirrenden ihres großen Erstaunens und in der
rötlichen Dämmerung, die im Tannenschatten herrschte, hatte Afra für
einen Augenblick das beklemmende Empfinden, als schauten die Augen des
Verstorbenen unter dieser Stirn hervor, die nur schmal unter der
breiten, weichen Krempe eines schwarzen Huts kenntlich war. Es war dies
sicherlich die Folge ihrer phantastischen Gedanken, die an diesem
Nachmittag ungewöhnlich lange bei dem Toten geweilt hatten; aber
trotzdem begann ihr Herz eine stürmische Arbeit, die ihr fast den Atem
raubte, und sie hielt sich an einem Stämmchen fest, das neben ihr am
Rand des Rasens wuchs. Es war so still im Garten, daß sie jenseits der
Hecke Jonis trägen Schritt im Laubwerk vernahm und das tickende
Niedersinken eines Ahornblatts im Geäst. Es ergriff sie eine
unverständliche Angst, der Fremde möchte ihr sein Gesicht voll zuwenden
und ihr so Gewißheit geben, daß auch seine Züge, sein Mund und seine
Wangen dem Verstorbenen glichen. Es gelang ihr nicht, sich von diesem
Grauen zu befreien. Ihre Gedanken jagten bunt und sinnlos durcheinander,
sie kannte sich nicht wieder, ward plötzlich so zornig, daß sie
zitterte, und wünschte im nächsten Augenblick, Aja und Fenn möchten zur
Stelle sein. Der Gedanke daran beruhigte sie plötzlich, als stärkte sie
die Zuversicht, daß die Treue und Kraft der Tiere durch keine Gedanken
oder übersinnliche Erscheinungen zu beeinträchtigen waren. Aber sie
blieb stehen und betrachtete den Eindringling.
Alles an ihm war seltsam unbestimmbar. Der formlose Hut, der zweifellos
nicht mehr sehr ansehnliche dunkle Mantel und die etwas plumpen Stiefel,
denen man lange, ermüdende Märsche bei schlechter Witterung anzumerken
glaubte. Es war nicht festzustellen, ob er einen schwachen Bart trug
oder ob die Schatten um seinen Mund und um sein Kinn natürliche Furchen
seines Gesichts waren, das deutlich einen Zug von Leid oder Entbehrung
aufwies, ja beinahe von Elend sprach. Aber diese Beobachtung beruhigte
sie nicht, dieser Zug seines Angesichts weckte kein Mitleid bei ihr, da
er nichts von Schwäche oder Müdigkeit verriet, sondern vielmehr die
Anzeichen einer leidenschaftsvollen Kraft und einer Trauer, die nicht
von äußerem Unheil oder Mißgeschick herzurühren schien.
Je länger sie in einer ihr völlig fremden Anspannung zu diesem Manne
hinübersah, um so mehr verflog die anfängliche Furcht, die sie so
fremdartig überfallen hatte, und sie wurde sich deutlich eines
Vertrauens zur Erscheinung dieses Menschen bewußt, der nicht schön und
nicht häßlich war, nicht gefällig und nicht ungefällig, von dem aber wie
ein heimlicher Schein eine stete und ruhige Menschenwürde ausging.
Diese Eindrücke klärten sich im Sinn des jungen Mädchens nun keinesfalls
rasch, aber Empfindungen eines starken Gemüts bedürfen der Klärung nicht
immer, um doch vollgültig vorhanden zu sein und um ihre Wirkung und ihre
Folgen zu zeitigen. Afra strich sich langsam über die Stirn, plötzlich
war ihr, als sei sie tief ermüdet, und sie flüsterte die merkwürdigen
Worte:
»Es ist ein Teil meines Leibes und meiner Seele, der dort steht.«
Und in einem auffallend raschen Wechsel ihres Empfindens, wie ihn nur
reiche und im tiefsten Wesen beständige Naturen erleben, überkam sie der
Sonnenschein eines so jubelnden Frohsinns, daß sie das Ungebärdigste
hätte vollbringen können, um diesen plötzlichen Sturm aus ihrem Herzen
zu lassen. Sie warf mit dem Arm die Zweige zurück, und indem ihr war,
als sänge ihr Blut die hochgemuten Worte: »Bin ich nicht Afra, Herrin
von Wendalen und Wartalun, im Vollbesitz meiner herrlichen Jugend und
aller Lebenskräfte der Welt..?« ging sie mit mächtigen Schritten quer
durch die Tannen und betrat dicht vor dem Fremden den Weg.
Ohne allzu heftig zu erschrecken, sah er beinahe unfreundlich auf und in
ihr Gesicht. Seine Züge wiesen ihr Erscheinen etwa auf jene Art ab, wie
wohl ein Andächtiger den Blick vom Schemel einer Kirchenbank hebt, wenn
ihn ein gedankenloser Eindringling stört. Afra sah nun, daß sein Gesicht
einen spärlichen Bart von einer Farbe trug, die vielleicht den Tönen zu
vergleichen war, in denen bestäubter und ungeschliffener Bernstein
schimmern kann, es war ein ins Unbestimmte gehendes Gelbbraun. Seine
Wangen waren in der Tat eingefallen und verliehen seinem Gesicht den
Ausdruck von großem Elend. Aber seine tiefliegenden Augen waren von so
großer Ruhe und von solch beinahe beseligtem Abglanz einer klaren und
beständigen Kraft der Seele, daß Afra, als sie ihren Blick zum erstenmal
in seinen senkte, das Gefühl einer ihr ganz neuen und reinen Freude
hatte, die dem Bewußtsein gleichkam, für die Zukunft unter den Menschen
geborgen zu sein. Diese Augen schienen die heimliche Feindschaft
aufzuheben, in der die meisten Menschen einander anfänglich begegnen und
über die keine Form der Höflichkeit oder keine noch so gute Absicht zum
Wohlwollen völlig hinwegzuhelfen vermögen.
Er erwiderte ihren, durch die erhobene Stimmung, die sie zu Anfang
trieb, etwas stürmischen und burschikosen Gruß, indem er seinen Hut zog
und etwas unwirsch nickte.
»Guten Abend, guten Abend ...«, antwortete er ihr. Dann hob er seine
Hand in die Luft wie ein Prediger und sagte:
»Ich habe noch niemals ein so schönes Schloß gesehen.«
»Woher kommen Sie?« fragte Afra ernüchtert und ein klein wenig auf
Heiterkeit gestimmt.
Sein Gesicht verfinsterte sich.
»Das wird doch gleichgültig sein«, meinte er, »ist es nicht erlaubt,
hier einzutreten?«
»Doch, selbstverständlich«, beeilte Afra sich, ihn zu versöhnen. Nein,
war das ein mißmutiger Geselle.
Er hob wieder die Hand.
»Es sieht aus, als ob es nicht von Menschen errichtet worden ist. Es ist
ein Gebilde der Erde, emporgewachsen wie Felsen aus dem Meer. Aus Liebe
hat es diese Gestalt angenommen, damit Menschen darin hausen können.«
»So, gefällt Ihnen Wartalun?«
»Betrachten Sie den Turm, die Mauer und den Erker im Efeu. Können Sie
sehen, wie die Eichen so gewachsen sind, daß sie mit dem Schloß
Gemeinschaft gewinnen, daß beide einander schirmen und daß nichts diese
starke Gemeinschaft stört? Sehen Sie dort -- eine Wolke -- sehen Sie
denn nicht? Sie müssen sich hierher stellen. Ach, das ist ein Schloß ...
Bäume ...«
»Nun ja ...«, sagte Afra, »was ist denn an einer Wolke?«
»Dies hier ist eine Begräbnisstätte unter Tannen ...«
Afra fing an zu lachen. Er schaute sie tief betroffen an und trat zur
Seite, versuchte den Weg zu gewinnen und schien davongehen zu wollen.
Als er Afras vornehmes Gewand aus schwerem Tuch, ihre Lederhandschuhe
mit den altmodischen Armstulpen sah und den goldenen Knauf ihrer
Reitgerte, machte er einen Schritt auf sie zu:
»Entschuldigen Sie, bitte«, sagte er, »ich bin hier vorübergekommen und
hätte um Erlaubnis bitten müssen, bevor ich eintrat ... Welch ein
herrliches Gesicht haben Sie, Fräulein!«
Irgend etwas hinderte Afra, diesmal über sein absonderliches Wesen zu
lächeln, sie fühlte einen Ernst auf sich einwirken, dessen Ursprung sie
nicht erriet, der sie jedoch gebieterisch zwang, die kleinen
Hilflosigkeiten dieses Menschen zu übersehen.
»Bleiben Sie hier«, sagte sie sicher und freundlich. »Sie brauchen doch
nicht gleich fortzulaufen, wenn man eine Frage an Sie richtet.«
»Das ist wahr«, sagte er überzeugt und sah sie für einen Augenblick warm
an. Aber diese Dankbarkeit hatte nichts von Unterwürfigkeit, sondern sie
wirkte beinahe wie eine wohlwollende Anerkennung. Keines von ihnen
sprach. Der Fremde betrachtete Afras Gesicht und ihre junge Gestalt, und
in seine Augen kam ein beseligtes Leuchten.
»Ich bin doch ein glücklicher, ein glücklicher Mensch!« rief dieser arme
Landstreicher plötzlich, der nicht mehr zu besitzen schien als die
dürftigen Kleider, die er trug.
Afra hatte sich am eisernen Gitter zu schaffen gemacht, da ihr nach
seiner letzten Antwort nichts Rechtes zu sagen in den Sinn kam und sie
sich scheute, etwas Gleichgültiges vorzubringen. Nun wandte sie sich
rasch nach ihm um und sah ihn an. Sie wollte eine Frage stellen, die
diesen unerwarteten und scheinbar schwer zu begründenden Ausbruch seines
Empfindens ausglich, aber eine Rührung, die sie andächtig stimmte,
hinderte sie daran. Er schien nichts derart zu erwarten. Mit einem
Lächeln, das sein Gesicht völlig veränderte, sah er sie an und sagte:
»Ich muß ein paar Tage hier bleiben. Ich will es tun, wenn ich Sie auch
noch nicht kenne.«
Nun mußte Afra doch ihrer heiteren Bestürzung Luft machen, und sie rief
lachend:
»Dies Vertrauen verpflichtet uns ja alle zu großem Dank.«
Sein Gesicht verfinsterte sich. Mißtrauisch prüfte er ihre Züge.
»Sie wollen nicht?«
»Doch«, sagte Afra, »ich nehme Ihr Angebot an, wenn Ihnen das Schloß
genügt, und danke Ihnen vielmals.«
»Warum das?« fragte er. »Ihnen kann ich nichts bedeuten.«
»Haben Sie schon zur Nacht gegessen?« fragte Afra herzlich.
»Nein. Das könnte ich hier tun.«
»So wollen wir gehen, denn es wird bald dunkel«, sagte sie. »Ich will
den Leuten Nachricht geben, daß wir einen Gast bekommen haben.«
»Gehört das Schloß Ihnen?« fragte er einfach.
»Nein«, antwortete sie und verspürte nicht den Wunsch, diesem Manne
etwas anderes antworten zu können. Der Fremde ging, ohne zu sprechen,
mit ruhigen und großen Schritten hinter ihr her. Im Hof blieb er stehen
und betrachtete das alte Tor mit seinen vergoldeten Speerspitzen, durch
die der Efeu seine blanken Blätter geflochten hatte. Er betrachtete die
grünen Wege, die er an der rauhen Mauer empor nahm, und die Zinnen des
Daches in ihren ehrwürdigen Farben, die aus Tag und Nacht, aus Sonne und
Wind und Regen und tausend Jahren entstanden waren.
Als Melchior sich im hohen Flur einfand und den fremden Mann in Afras
Begleitung sah, verbeugte er sich vor ihm und verfiel in seine gewohnte
stille Haltung steiler Unterwürfigkeit, die er von Jugend auf gewohnt
war einzunehmen, wenn er einen Befehl erwartete. Der Fremde schien ihn
nicht zu bemerken. Er war weder sicher noch befangen, mit dem Lächeln
einer heimlichen Freude schritt er dahin, bis in das helle Zimmer, das
Afra ihm öffnete.
Sie zog ohne ein Wort die Tür hinter sich zu und ließ ihn allein. Auf
dem Weg in ihre eigenen Zimmer stieß sie auf Martin, der sie erwartet zu
haben schien.
»Afra, die Herren sind nach Cismaren geritten, sie lassen dich grüßen,
falls du zurückkämst. Sie haben dich nicht erwartet. Sie kommen nicht
zum Nachtmahl.«
Das junge Mädchen schritt nachdenklich dahin. Es freute sie, zu sehen,
wie Helmut von Tag zu Tag mehr aufzuleben begann und wie die
Lebensinteressen ihn langsam wieder in ihren Bann zogen. Sie rief Martin
zurück.
»Es ist ein fremder Herr gekommen, ich kenn' ihn nicht, er wird
vorläufig hierbleiben. Ich habe ihm das Zimmer neben der Jagdstube
angewiesen, sorg für alles andere. Frag ihn, was er braucht, geh zu ihm.
Ich glaube, ihm fehlt allerhand. Du wirst schon sehen.«
»Das soll geschehen«, sagte Martin und sah Afra zweifelnd an, denn er
entdeckte eine ihm neuartige Erregtheit in ihrer Stimme. »Soll er was
essen?«
»Es wird im Saal für ihn und mich serviert. Ich werde Iduna später
Wäsche für sein Bett geben.«
»Im Saal soll serviert werden? Weshalb im Saal?«
Afra ging. Sie wußte, daß Martin sich ihre Wünsche aufrichtig angelegen
sein ließ, aber sie schämte sich, daß sie nicht selbst nach dem Rechten
sah und daß sie den Fremden in seiner Bedürftigkeit der Einschätzung
eines Bedienten überlieferte. In ihrem Schlafraum zog sie sich langsam
um, sie legte ihre Kleidungsstücke mit ungewohnter Sorgfalt über ihr
Bett, löste ihr Haar bedächtig, indem sie sinnend Nadel für Nadel aus
den lieblos geschnürten goldenen Flechten zog, bis sie über ihre
Schultern fielen. Sie lauschte auf den erregten Sturz des Wassers, das
sie in ihre Schale goß, als sei dieser Laut ihr neu, doch plötzlich ließ
sie alles fahren, nahm den Spiegel von der Wand, wandte sich gegen das
Licht, das nur noch spärlich durch die Fenster brach, und betrachtete
ihr Gesicht, lange und andächtig. Ihre Augenbrauen, die breit waren und
dunkler als ihr Haupthaar, den Rücken der Nase und ihre Flügel und den
deutlich gezeichneten Mund. Die Backenknochen, die ein klein wenig
vorsprangen, mißfielen ihr, aber die Rundung ihres Kinns hob sich
gleichmäßig vom helleren Hals ab. Sie warf ihre Zöpfe nach vorn und
legte sie an den Schultern nieder, in diesem Licht erschien die Farbe
des Haares wie verwittertes Gold, wie die Metalltöne in den vergrämten
Rahmen der Bilder im Saal. Da kam ein sonderbares, tiefes Atmen über
sie, das ihre Lungen mit einer kühlen Süßigkeit füllte, es wurde
heftiger und senkte ihr den Kopf, und plötzlich lag er in ihren beiden
Händen, und der Spiegel lag am Boden, und sie weinte wild und
ungebärdig, gleichsam mit ihrem ganzen Körper und als stießen von allen
Seiten unsichtbare Fäuste sie in einen Schmerz hinein, den sie nicht
kannte.
Und an den Ufern des Stroms, der sie mit sich riß, ereigneten sich
seltsame Dinge, die ihr doch alle bekannt waren. Graf Konstantin, der
alte Mann, hing über die Lehne seines großen Sessels, der weiße Bart war
eingeknittert, und er atmete seine letzten röchelnden Atemzüge unter
seinen Augen, die weit auf waren, aber nichts mehr erkannten.
Sie sah sich durch die Nacht reiten, über die blinkenden Rinnsale des
schwarzen Moors, das Wasser spritzte um Jonis peitschende Beine, die den
Boden hieben, daß es bald dröhnte, bald klatschte, und sie selbst
schrie, den Arm hoch in die helle Nacht geworfen.
Nun tauchte das hohe getäfelte Arbeitszimmer vor ihr auf, Helmut kniete
und schrie: Erbarme dich meiner, erbarme dich meiner! -- Jetzt taumelte
Friedel durch den Türrahmen, und sein tobendes Stammeln und Zischen
beschmutzte ihn und gab sie preis. Nun schmiegte sich leblos ein
Schleier gegen einen Heidebusch, die blaue nasse Luft der Dämmerung
umfing sie und das endlose Meer der Heideweite; der Hund heulte, daß ihr
Herz blutete, und sie half Helmut aus dem Sumpf. Und nun umschlichen sie
Helmut und Friedel, Friedel und Helmut und graue Tage voll eintöniger
Betrübnis. Hinter allem, was sie sah, lagen am weiten blauen Horizont
des Himmels, unangetastet und unberührbar, helle Wiesen und ruhige
Waldungen in der Sonne.
Es führte kein Weg dorthin zurück.