Bald sah ich aber, daß ich mich in einer gemütlich eingerichteten

Junggesellenwohnung befand. Ein Tisch war gedeckt, und wacker langten

wir den köstlichen Speisen zu. Nun wurde der Kriegsplan ausgeheckt.

Die Wohnung gehörte den beiden jungen Leuten, die am Tage in der Fabrik

zu tun hatten. Die Bedienung im Hause war selbstverständlich rein

chinesisch, und das war gut.

Mein Aufenthalt in diesem Hause mußte unter allen Umständen geheim

bleiben, besonders da hier auch noch ein unangenehmer Mann wohnte, der

zur „Entente” gehörte.

Die Angst der Chinesen vor bösen Geistern und besonders den Aberglauben

vor Verrückten wollten wir ausnutzen. Meine Aufgabe war einfach die:

drei volle Tage den wilden Mann zu spielen.

Ich erhielt ein Zimmerchen, in das ich eingeschlossen wurde. Der Boy

wurde von seinem Herrn eingehend instruiert und eingeschüchtert, und so

konnte ich sicher sein, daß nichts verraten würde.

Donnerwetter! Ich habe nicht gedacht, daß es so schwer ist, einen

Verrückten zu simulieren. Drei Tage blieb ich in diesem Zimmer

eingesperrt, tobte herum, und nur ab und zu beruhigte ich mich und saß

stumpfsinnig in meinem Sessel.

Sobald der Boy, der draußen Wache ging, diese Beruhigung merkte, machte

er vorsichtig die Tür auf und schob noch vorsichtiger sein Tablett,

auf dem Essen stand, hinein und setzte es auf ein daneben stehendes

Tischchen. Und wie der Blitz zog er den Arm wieder zurück, und ich

konnte ordentlich fühlen, mit welcher Erleichterung er den Schlüssel im

Schloß von außen umdrehte. Wenn ich dann manchmal laut herauslachte,

weil ich eben einfach platzte vor Vergnügen, dann glaubte sicher der

brave Gelbe, ein neuer Anfall habe mich gepackt.

Am Abend des dritten Tages schlug endlich meine Befreiungsstunde.

Ebenso vorsichtig und geräuschlos wie bei der Ankunft verließen wir

wieder das Haus.

An der Landungsstelle lag ein großes Dampfboot, ein kurzer herzlicher

Abschied, und stromabwärts ging die Fahrt auf die Wusung-Reede, wo der

riesige Dampfer „Mongolia” lag.

Es war schlechtes Wetter, starker Seegang, und nicht mal das Fallreep

war gefiert. Nach vielem Rufen und Schreien bemühte sich endlich

jemand, das Fallreep herabzulassen, und mit „_dem_” Koffer in der Hand

bestieg Mr. McGarvin das Schiff.

Kein Mensch kümmerte sich um mich. Das Deck war nur halb erleuchtet,

und schließlich ging ich an einige Schiffsoffiziere heran und fragte

sie nach meiner Kabine. Ein unwilliges Gebrumm, welches auf deutsch

hieß: Laß mi mei Ruh', antwortete mir. Aber als ich diesen Herren mein

Billett unter die Nase rieb, da änderte sich die Situation mit einem

Schlage. Tiefe Verbeugungen und Entschuldigungen. Ein Pfiff aus der

Batteriepfeife eines Offiziers, und herbei rauschten mehrere Stewards,

voran der weiße Obersteward. Die Deckslampen flammten hell auf. Die

Stewards rissen sich um „den” Koffer, und voll Dienstbeflissenheit

geleitete mich der Obersteward in meine Luxuskabine. Er floß förmlich

über vor Höflichkeit.

„O, Mr. McGarvin, warum kommen Sie denn heute schon, der Dampfer geht

doch erst übermorgen früh, das ist doch heute mittag in Schanghai

überall bekanntgegeben worden!” Ich machte ein wütendes Gesicht und

tat empört darüber, daß mir als Inhaber einer Luxuskabine das nicht

mitgeteilt worden sei.

Dann kam mein feister chinesischer Kabinensteward. Die Ruhe und die

Vornehmheit in eigenster Person. Beinahe hätte er mich in Verlegenheit

gebracht. Durch einen seiner Unterboys ließ er meinen Koffer

hereinbringen und fragte im zweifelnden Tone, ob das denn das ganze

Gepäck wäre.

„Ja”, sagte ich.

„Oh,” meinte er, „da sind die anderen Gepäckstücke wohl schon im

Gepäckraum?”

„Aber natürlich, meine schweren Koffer sind bereits gestern verladen

worden, und ich hoffe sehr, daß der Lademeister gut auf meine

wertvollen Strandkoffer achtgeben wird.”

Ach der gute Chinaxe, wenn der geahnt hätte, daß ich schon stolz war,

diesen einen Koffer zu besitzen, und selbst dieser war bedenklich

leicht!

Endlich, am fünften Dezember Neunzehnhundertvierzehn, abends setzte

sich der Dampfer „Mongolia” in Bewegung.

Trotz des schönen Wetters und des guten Essens erkrankte plötzlich am

nächsten Tage Mr. McGarvin. Was es war, konnte er selbst nicht genau

sagen. Wahrscheinlich eine schwere Fischvergiftung, und schleunigst

wurde der Schiffsarzt geholt. Dies war ein glänzender Mann, Sportsmann

durch und durch und für jeden köstlichen Scherz sofort zu haben.

Seine anfangs besorgte Miene nahm schnell einen erstaunten Zug an,

als ihm aus der Koje des vermeintlich Todkranken ein blühendes, braun

verbranntes Gesicht entgegenleuchtete.

Ich hatte Vertrauen zu ihm, und in kurzen Worten schilderte ich ihm

meine Lage. Selten habe ich ein paar Augen so erfreut aufleuchten sehen

wie die des Arztes, nachdem ich ihm meine Sünden gebeichtet hatte. Ein

schallendes Gelächter und ein kräftiger Händedruck sagten mir, daß ich

an den richtigen Mann gekommen war. Der Steward klopfte an.

Besorgte Amtsmiene des Arztes, Stöhnen des Patienten.

Vorsichtig huschte der Steward hinein, und mit leiser, eindringlicher

Stimme sagte ihm der Arzt: „Du, Boy, dieser Master sehr krank sein, gar

nicht stören, vor zehn Tagen Aufstehen unmöglich, das beste Essen, vom

Koch sorgfältig ausgewählt, stets ans Bett bringen, wenn Master Wünsche

hat, mich sofort holen.”

Bei dieser Rede hatte ich bereits einen Bettzipfel im Mund, und

wenn's länger gedauert hätte, würde ich wohl noch die ganze Bettdecke

verschlungen haben. Ich war wieder mal im Bilde.

Drei Tage Seefahrt, dann kam der erste der drei gefürchteten

japanischen Häfen. Friedlich lief der Dampfer in Nagasaki ein,

und sofort stürzte sich eine Flut von Zollbeamten, Polizisten und

Kriminalbeamten an Bord. Die Glocke tönte durchs Schiff und der

Ruf: Alle Passagiere und alle Mann antreten zur Musterung! Und nun

ging die Untersuchung und das Gefrage los. Die Passagiere waren im

Salon versammelt. Jeder einzelne wurde namentlich aufgerufen, ganz

gleichgültig ob Mann, Frau oder Kind, wurde von einer Kommission aus

Polizeioffizieren und Kriminalbeamten vernommen, die Papiere genau

revidiert und dann von einem japanischen Arzt genau auf ansteckende

Krankheit untersucht. Vor allen Dingen wollten sie genau wissen, wer

derjenige wäre, der aus Tsingtau käme! Der fünfunddreißigste Name, der

aufgerufen wurde, war McGarvin. Alles sah sich um, keiner hatte diesen

natürlich gesehen. Da trat der Arzt heran, machte ein sehr bedenkliches

Gesicht und flüsterte seinem japanischen Kollegen unter bedauerndem

Achselzucken eine schreckliche Geschichte ins Ohr.

Eine Viertelstunde darauf hörte ich viele Stimmen vor meiner Kammer,

es wurde ganz vorsichtig die Tür geöffnet, und herein ging der

amerikanische Arzt und schlichen sich zwei japanische Polizeioffiziere

und der japanische Arzt. Fest zusammengerollt und leise stöhnend lag

der arme Fischvergiftete da, nichts war von ihm zu sehen, als etwas vom

Haarschopf.

Der Amerikaner trat ans Bett und berührte vorsichtig meine Schulter,

was mir scheinbar fürchterliche Schmerzen verursachte. Sofort trat

der Arzt vom Bett zurück und sagte halblaut: ~„Oh, very ill, very.”~

Die Japaner, welche sich von Anfang an voller Scheu in der wundervoll

eingerichteten Kabine umgesehen hatten, schienen froh zu sein, aus

dieser ihnen ungewohnten Umgebung schnell wieder rauskommen zu können.

Mehrere tiefe Bücklinge, ein zischendes Geräusch durch die Zähne,

welches ihre besondere Ehrerbietung ausdrücken sollte, ein leise

gemurmeltes: ~„Oh, I beg your pardon!”~ und raus war die ganze gelbe

Gefahr.

Ich glaube, während dieser ganzen Szene und besonders vorher hatte ich

doch etwas Schüttelfrost, der sich aber schnell wieder legte.

Am Nachmittage riskierte ich doch einen Augenblick aufzustehen, um mir

vom Schiff aus Nagasaki, das ich von früher her kannte, anzusehen.

[Illustration: Die Landung in Hai-Dschou (China).]

Der Anblick, der sich mir bot, trieb mich schnell wieder in die Koje.

Der Hafen war mit unzähligen Dampfern besät, welche unter reichstem

Flaggenschmuck zu Anker lagen. Ein außerordentliches Leben herrschte

an Bord dieser Schiffe, überall wurden Truppen, Pferde und Geschütze

ausgeladen, alle Soldaten waren festlich geschmückt, die Häuser der

Stadt verschwanden fast unter Girlanden und Fahnenschmuck, eine

unabsehbare, froh bewegte Menge strömte durch die Straßen und nach

der Festwiese, wo Parade und Truppenschau abgehalten wurde. Nun wußte

ich's. Das waren ja die _Sieger_ von Tsingtau! In ganz Japan wurde

heute die Niederwerfung und Bezwingung des _ganzen Deutschen Reiches_

gefeiert. In den japanischen Zeitungen, die in Englisch erschienen,

konnte ich an diesem Abend unter anderem lesen, daß es den Engländern,

Franzosen und Russen nicht gelungen sei, Deutschland zu besiegen,

aber _sie_, die Japaner, _sie_ hätten es fertiggebracht und wären damit

jetzt ohne Zweifel das beste und stärkste Heer der ganzen Welt. Doch

genug von diesen Lächerlichkeiten, die Amerikaner und Engländer haben

sich ganz ähnliche Sachen geleistet.

[Illustration: Verbrennen des Flugzeuges nach der Landung auf

chinesischem Boden

× Der Verfasser

]

Noch zweimal legte der Dampfer während dieser Tage in japanischen

Häfen an. Sowohl in Kobe wie in Yokohama spielte sich in meiner Kammer

derselbe Vorgang ab wie in Nagasaki -- Mr. McGarvin blieb krank und

-- -- -- unbehelligt. Fünf volle Tage blieben wir im ganzen in Japan.

Aber endlich, nachdem ich acht ganze Tage im Bett gelegen hatte,

ohne daß mir etwas fehlte als eben die Krankheit, verließen wir die

gefährlichen Gewässer, und als die japanische Küste hinter uns am

Horizont verschwand, da soll es auf dem Dampfer einen jungen Mann

gegeben haben, der wie unsinnig vor Freude herumsprang und sein kleines

Hütchen, welches ehemals einem fünfjährigen Mädchen im fernen China

gehört hatte, in der Richtung nach Japan schwenkte und lachend rief:

~„Good bye, Japs, good bye, Japs!”~

Unter allerlei Unterhaltungen, wie sie eben an Bord eines so großen

Dampfers gepflogen werden, zogen die Tage dahin. An Bord waren auch

mehrere deutsche Herren, die der Krieg aus ihrer bisherigen Heimat

vertrieben, dann einer meiner Kameraden, der bis jetzt in Schanghai zu

tun gehabt hatte, und ein Kriegskamerad von mir: der amerikanische

Kriegsberichterstatter Mr. Brace, welcher als einziger Ausländer die

ganze Belagerung Tsingtaus mitgemacht hatte.

Neptun sorgte für Abwechslung. Kurz vor Honolulu bekamen wir einen

starken Taifun auf den Kopf, der zwei Tage andauerte, und bei dem der

Dampfer ernstlich in Gefahr schwebte.

Als wir in Honolulu bei strahlendem Sonnenschein ankamen, da traute ich

meinen Augen kaum. Da vorne, da wehte ja die deutsche Kriegsflagge! Es

war kein Zweifel.

Und als wir festgemacht hatten, lag neben uns winzig wie eine Nußschale

der kleine Kreuzer „Geier”, welcher sich, wie wir später erfuhren, von

der Südsee aus in mehrmonatiger Reise bis nach hier durchgeschlagen

hatte und interniert worden war. Welch ein eigentümliches

Zusammentreffen! Liebe Kameraden, von denen ich lange nichts mehr

gehört hatte, traf ich hier mitten im Kriege, fern der Heimat nach

großen Erlebnissen. Da gab's ein Fragen und Erzählen, das wollte kein

Ende nehmen.

Der „Geier” hatte sich bei Ausbruch des Krieges fern unten in

der Südsee zwischen dem Gewirr der Koralleninseln befunden. Die

Mobilmachung mit Rußland hatte er noch erfahren, dann war seine

Funkentelegraphie entzweigegangen, und er schwamm ohne Nachrichten

im Stillen Ozean herum. Erst vierzehn Tage später erfuhr der „Geier”

etwas vom Kriege mit England und noch später den mit Japan. Da hieß es

aufpassen. Und umstellt und gehetzt von einer Schar von Feinden ist

es dem kleinen Kreuzer gelungen, wochenlang segelnd oder im Schlepp

eines kleinen Dampfers sich die Tausende von Seemeilen bis nach

Honolulu durchzuschlagen. Und als der große japanische Kreuzer, der

bei der Einfahrt von Honolulu auf ihn lauerte, sich an einem Morgen

die Augen rieb, da lag das kleine Nußschälchen schon wohlgeborgen im

Hafen, und stolz wehte die Flagge am Mast, und der gelbe Aff' mußte mit

eingezogenem Schwanze nach Hause laufen.

Nach der Abfahrt von Honolulu hatte ich noch ein ernstes Hühnchen mit

meinem Kriegskorrespondenten zu rupfen. Dieser brachte mir nämlich

freudestrahlend die „Honolulu Times” und zeigte mir stolz das erste

Blatt, auf dem in riesigen Lettern mein Name, meine Stellung und

meine Herkunft zu lesen waren und darunter ein spaltenlanger Artikel,

der alle Schandtaten aufzählte, die ich in und nach der Belagerung

Tsingtaus vollbracht hatte.

Also echt amerikanisch; nach dem, was über einen in der Zeitung steht,

wird man erst beurteilt.

Mir war die Sache äußerst peinlich, denn ich hatte allen Grund zu

befürchten, daß die amerikanischen Behörden mich auf dieses Schreiben

hin in San Francisco festnehmen würden. Doch alle Amerikaner an

Bord beruhigten mich in dieser Beziehung, und meinten, ich würde in

Amerika vollständig unbelästigt herumgehen können, denn, was ich

gemacht hätte, wäre ein ~„good sport”~, dafür hätten die Amerikaner

Sinn. Sogar im Gegenteil, der Amerikaner würde sich kolossal darüber

freuen, und wenn ich vernünftig wäre und von meinen törichten

deutschen Offiziersansichten abließe, dann könnte ich in Amerika ein

ordentliches Stück Geld verdienen. Ich solle mich bloß an eine richtige

Zeitung wenden, und die würde die Sache an der Hand ihrer Reklame

ordentlich inszenieren, und dann könnte ich, möglichst mit Musik

vorneweg, von Stadt zu Stadt ziehen und Vorträge halten und ~plenty

dollars~ einheimsen. Ja, es waren überhaupt Gemütsmenschen, die Herren

Amerikaner. Einer dieser Herren, ein ganz famoser netter Mann, der eine

reizende Tochter mit an Bord hatte, kam eines Tages zu mir, nahm mich

beiseite und sprach im vollsten Ernste:

„Sehen Sie mal, Mr. McGarvin, Sie gefallen mir, ich habe Interesse an

Ihnen. Was wollen Sie jetzt anfangen? Geld haben Sie wahrscheinlich

nicht, in Amerika kennt Sie niemand, und gute Arbeit findet sich dort

sehr schwer!”

„Nun, ich will nach Deutschland und will für mein Vaterland kämpfen,

ich bin doch Offizier!”

Ein mitleidiges Lächeln seinerseits.

Er: „Aus Amerika herauszukommen, ist ausgeschlossen, und dann, Ihr

Vertrauen und Ihre Begeisterung in Ehren, aber glauben Sie mir, ich

habe gute Verbindungen; in wenigen Monaten wird Deutschland vernichtet

sein, und da wird es dann für Sie keine Arbeit und keine Bleibe mehr

geben. England wird keinem deutschen Offizier erlauben, nach dem Kriege

in Deutschland zu bleiben. Sie alle werden exportiert, das Deutsche

Reich aufgeteilt und der Deutsche Kaiser von seinem eigenen Volke

abgesetzt werden. Also seien Sie doch vernünftig, suchen Sie sich jetzt

schon eine neue Heimat zu gründen, bleiben Sie in Amerika, ich werde

Ihnen gern helfen.”

Das war mir zu viel. Und eine Antwort habe ich dem Herrn gegeben und

eine Belehrung, was eigentlich ein deutscher Offizier sei, und wie

es wirklich in Deutschland aussähe, daß der gute Mann fast selbst

mit in Begeisterung über Deutschland geriet. Von nun ab war er noch

liebenswürdiger zu mir, und öfters bin ich nachher bei ihm in San

Francisco und New York zu Gast gewesen.

Am dreißigsten Dezember liefen wir in San Francisco ein.

Typisch amerikanischer Zustand.

Dutzende von Zeitungsreportern und Photographen rannten an Deck herum,

kamen in Salons, ja ließen einen nicht mal in den Kabinen zufrieden.

Von mir hatten die Kerls schon Wind bekommen. Von allen Seiten

stürmten diese Herren herbei, von allen Ecken wurde man geknipst, es

war geradezu widerlich. Schließlich wandte ich das einzige Mittel an,

welches hilft: ich wurde grob und schrie: „Ich habe überhaupt nichts zu

sagen, und wenn Sie mich weiter belästigen, hole ich die Polizei!” Mein

Kriegskorrespondent aus Tsingtau hatte mich vorher instruiert, mit

seinen Kollegen so zu verfahren.

Nur ein windiger gelber Japaner schlich sich wie eine Katze an mich

heran, machte tiefe Verbeugungen, zischte durch die Zähne und sagte

falsch lächelnd, er käme vom Japanischen Konsulat (das auch noch!) und

wolle mich begrüßen und mir Glück wünschen, daß ich so gut aus Tsingtau

herausgekommen wäre. Im übrigen hätte ich ja gar nichts zu befürchten,

ich wäre auf amerikanischem Boden, aber er würde so furchtbar gerne

einen kleinen Bericht seiner Zeitung nach Japan schicken, das würde

seine japanischen Brüder freuen.

Den gelben Jap ließ ich durch den chinesischen Steward hinausbefördern.

San Francisco!

Sie haben mich!

San Francisco!

Diese riesige wunderschöne Stadt!

Das beste war: ich wurde _nicht_ verhaftet. Keine offizielle

Persönlichkeit kümmerte sich um mich, und ich blieb einige Tage dort

trotz des Entsetzens auf dem Deutschen Konsulat, wo man mich schon

verhaftet sah. Ich habe selten in meinem Leben eine so wahnsinnige,

tolle Nacht erlebt wie die Silvesternacht in San Francisco.

Alles was mir darüber schon vorher erzählt war, war nichts gegen die

Wirklichkeit. Die ganze Stadt schien wie in ein Tollhaus verwandelt.

Und all die Menschen, rassig bis zum letzten Blutstropfen; schön

und kräftig die Männer, hinreißend die blonden Frauen und Mädchen.

Ich war von meinem Bekannten in eins der schönsten und größten

Vergnügungslokale eingeladen. Unerschwingliche Eintrittspreise und das

Publikum das beste vom besten. In dieser Nacht schien alles erlaubt.

Und dann die Musik und der Tanz so hinreißend und schön und wild, es

ist „die” Nacht von San Francisco!

Am zweiten Januar Neunzehnhundertfünfzehn galt's wieder Abschiednehmen,

und zufällig traf ich mit meinem Kameraden und mehreren Deutschen,

mit denen ich auf dem Dampfer zusammengewesen war, in demselben

Eisenbahnwagen wieder zusammen.

Das wurde eine frohe Fahrt, zumal die Zeitungen gute Nachrichten aus

Deutschland brachten, einige der älteren Herren und Damen direkt zur

Heimat fuhren und wir beiden Offiziere fest daran glaubten, daß auch

wir unserem Ziele nicht mehr fern wären.

Bei den Grand Canons von Arizona wurde ein Zug überschlagen. Das

mächtige Naturwunder zeigte sich uns in wunderbarster Schönheit.

Dann ging's weiter, tagelang raste der Zug durch die Prärien,

Knabenerinnerungen an den Lederstrumpf und an die Mohikaner tauchten in

uns auf, dann trennten wir uns in Chicago und ich fuhr nach Virginien,

um liebe Freunde zu besuchen und um zu sehen, wie ich die Weiterreise

nach Europa ermöglichen könnte.

Nach zwei, drei Tagen reiste ich nach New York weiter, um hier mein

Glück zu versuchen.

Drei volle Wochen mußte ich in New York bleiben, drei volle Wochen, in

denen ich viel von New York und den Menschen dort und von dem dortigen

Leben kennenlernte.

Drei volle Wochen, während deren ich oft nicht wußte, was vor Wut

anfangen. Das überstieg alles, was ich bis jetzt in dieser Beziehung

erlebt hatte. Kaum ein Bild, kaum eine Zeitung, kaum eine Reklame,

die nicht gegen Deutschland hetzte, die nicht die tapferen deutschen

Kämpfer in den Dreck zogen.

Der Tipperary-Gesang schien auch in New York zum Nationallied

gestempelt worden zu sein.

Gab es denn keinen, der diesen Leuten die Augen öffnete, _wollten_

diese Menschen die Wahrheit nicht hören und nicht sehen?

Ja, die meisten kannten ja Deutschland überhaupt nicht, wußten kaum,

wo Deutschland lag, und doch urteilten sie so. Da konnte man fühlen,

welche ungeheure Macht die gemeine englische Lügenpresse besaß, und

wie urteilslos und dumm der Amerikaner auf diesen groben Schwindel

hineinfiel.

Ich habe gewirkt, was in meinen Kräften stand.

Ich habe geredet und erzählt und zu überzeugen versucht, überall

dieselbe Antwort: „Ja, daß Sie persönlich all diese Greueltaten nicht

tun würden, das glauben wir Ihnen, aber die anderen Deutschen, die

Hunnen und Barbaren, die tun's. Hier steht's ja schwarz auf weiß in den

Times! Da muß es ja wahr sein, denn es ist undenkbar, daß ein so großes

Blatt die Unwahrheit sagt.” Ein großer Trost war mir die rührende Art,

wie ich von meinen Bekannten und deren Freunden aufgenommen wurde,

und ich bin ihnen aufrichtig dankbar dafür. An einem Abend war ich

besonders wütend. Ich war in der Metropolitan Opera gewesen, es wurde

unter anderem ein Akt aus „Hänsel und Gretel” gegeben. Deutsche Musik,

deutsche Worte und deutscher Gesang!

Mein Herz tat sich auf und quoll über vor wahnsinnig schmerzender

Sehnsucht nach dem geliebten Vaterlande; meine Seele trank in vollen

Zügen das deutsche Lied. Hingerissen, berauscht, trat ich auf die

Straße und wurde jäh in die Wirklichkeit zurückgerufen.

Auf dem großen Platz vor dem Theater, wie allabendlich, eine riesige

Volksmenge. Drüben an einer kahlen Hauswand leuchtete wie an jedem

Abend in großen Buchstaben der neueste Kriegsbericht auf, der von einem

Kinematographen-Apparat auf die Wand geworfen wurde.

Natürlich: Rußland hatte wieder mal einen großen Sieg errungen, die

Engländer hatten die deutsche Kronprinzen-Armee vollkommen vernichtet!

Die Menge johlte vor Freude.

Dann kamen einige Schlachtenbilder. Erst einige englische und

französische Kriegsschiffe, dann plötzlich der deutsche Kreuzer

„Goeben”.

Die Menge raste, ein Pfeifen, ein Zischen und Pfui-Rufen, welches kein

Ende nehmen wollte.

Das waren die _neutralen_, um Menschenrechte und Gerechtigkeit so

besorgten Amerikaner!

Vergebens waren bis jetzt meine Bemühungen gewesen, nach Europa zu

gelangen. Ich hatte mir die Sache doch einfacher vorgestellt.

Um ein Haar wäre es mir einmal gelungen.

Ich hatte eine Heuer auf einem norwegischen Segelschiff gefunden und

sollte sofort meinen Dienst als Matrose antreten. Da mir aber dringend

geraten wurde, diesen Kasten nicht zu benutzen, da mehrere englische

Matrosen an Bord wären, ließ ich die Gelegenheit fahren und suchte

weiter.

Endlich hatte ich, was ich wollte.

Durch Zufall lernte ich einen Mann kennen, der ein recht bewegtes Leben

hinter sich hatte. Er hatte sich jahrelang in der Welt herumgetrieben

und lebte nun schon lange in New York. Was er eigentlich tat, habe

ich nie recht herausbekommen. Eines konnte er jedenfalls sehr

geschickt, und das war: alte Pässe frisch aufgarnieren. So waren wir

bald handelseinig. Nach wenigen Stunden hatte ich meinen Reisepaß,

meine Photographie war sauber eingeklebt, alle An- und Abmeldungen

vorschriftsmäßig vorhanden.

Und so stieg am dreißigsten Januar Neunzehnhundertfünfzehn der

Schweizer Schlossergeselle Ernst Suse an Bord des neutralen

italienischen Dampfers „Duca degli Abruzzi” und verschwand im

Zwischendeck.

Zwei Stunden später passierten wir die Freiheitsstatue. Fünf Seemeilen

vor dem Hafen von New York lagen zwei englische Kreuzer und bewachten

die Hafeneinfahrt. Ein leuchtendes Beispiel für die Freiheit der Meere!

Die Dampferfahrt war fürchterlich.

Trotzdem ich als Seeoffizier und alter Torpedobootsfahrer an manchen

Kummer gewöhnt war, so etwas hatte ich mir nicht träumen lassen.

Das Schiff topplastig und mit so wahnsinnigen Schlinger- und

Stampfbewegungen, daß ich als Fachmann überzeugt war, der Kahn würde

bei mehr aufkommender See kentern. Und die Wanzen! Doch das ist

ein Kapitel für sich. Am dritten Tage unserer Fahrt stand ich eines

Vormittags an Deck und schaute sehnsüchtig nach der ersten Klasse, von

wo zwei allerliebste Gesichtchen über die Reling sahen. Da trat ein

Herr zu ihnen heran, und beinah hätte ich laut seinen Namen gerufen!

Den kannte ich doch, das war doch -- -- -- --

Ja, es war kein Zweifel möglich. Es war mein Kamerad T., der mit mir

aus Schanghai gekommen war. Nun gewahrte er mich auch, nur daß er

mich erst erkannte, nachdem er mit seinen Damen einige recht laute

Bemerkungen über den schmierigen Gesellen (das war ich) dort unten

gemacht hatte. Plötzlich wurde er stumm, seine Augen weiteten sich,

dann glitt ein Lächeln des Verständnisses über seine Züge, er machte

kehrt, und weg war er.

Am Abend bei vollständiger Dunkelheit hatte ich einen Augenblick

Gelegenheit ihn zu sprechen. Er fuhr als vornehmer Holländer

(selbstverständlich konnte er kein Wort Holländisch sprechen) und

wollte ebenso wie ich nach Neapel und von da nach Hause.

Die Abenteuer des Fliegers von Tsingtau: Meine Erlebnisse in drei Erdteilen · 第 6 / 12 段