atemloser Spannung auf dem Küstenkommandeurstand. Wir wenigen hier oben
wußten, worum es sich handle. Das alte Torpedoboot ~S~ 90, Kommandant
Kapitänleutnant Brunner, sollte auslaufen.
Schon zwei Abende vorher war er zu kühner Nachtfahrt in See gegangen
und hatte dort, von wo aus die japanischen Schiffe uns beschossen,
Minen gestreut.
Heute sollte er nun seine schwerste und letzte Aufgabe erfüllen: die
Linie der feindlichen Torpedoboots-Zerstörer durchbrechen und eins der
feindlichen Schiffe angreifen.
Es war eine helle Nacht, und der Mond ging gegen zehn Uhr unter. Nun
sollte das Boot auslaufen.
Es wurde zehn Uhr, zehn Uhr dreißig, die Spannung wuchs unerträglich.
Nichts von ~S~ 90 war zu sehen.
Da -- um elf Uhr gewahrten wir einen langen, grauen Schatten, welcher
sich vorsichtig auf dem Wasser unterhalb des Perlgebirges dahinbewegte.
Und bald erkannte auch das scharfe Seemannsauge die Formen des
Torpedobootes.
„Glückliche Fahrt, ihr wackeren Leute!”
Unser aller Herzen sandten ihnen die heißesten Wünsche nach. Nun
verschwand das Boot unseren Blicken, und bald kam der gefährliche
Moment, wo es die feindliche Zerstörerlinie durchbrechen würde.
Gebannt starrten unsere Augen nach dem offenen Meere, jeden Augenblick
das Aufblitzen der Scheinwerfer und das Mündungsfeuer der feindlichen
Geschütze erwartend.
Alles blieb still.
Es wurde zwölf Uhr, endlich zwölf Uhr dreißig, ein Alp wich von uns
allen. Die feindlichen Zerstörer hatten nichts gemerkt. Nun mußte aber
das Boot am feindlichen Gros heran sein!
Die Minuten wurden uns zu Stunden. Keiner wagte zu sprechen.
Da plötzlich um ein Uhr, ganz fern im Süden, draußen auf weiter See,
eine riesige Feuersäule und dann von allen Seiten tastende, grelle
Finger von Scheinwerfern, und ganz leise kam nach einiger Zeit ein
dumpfes Grollen und Beben zu uns herüber.
Hurra! Das war ~S~ 90's Arbeit!
Und schon um ein Uhr dreißig hatten wir folgenden Funkspruch in der
Hand:
„Habe feindlichen Kreuzer mit drei Torpedos angegriffen, alle Torpedos
getroffen. Kreuzer ist sofort in die Luft geflogen. Ich werde von
feindlichen Zerstörer-Flottillen gejagt, Rückweg nach Tsingtau
abgeschnitten, versuche nach Süden zu entkommen und sprenge, wenn
nötig, das Boot in die Luft. Unterschrift: Brunner.”
Dieses Telegramm allein dürfte wohl für den Kommandanten, seine
Offiziere und Besatzung genug sprechen.
Wenige Wochen drauf, ohne vorher daran gedacht zu haben, traf ich
in Nanking die ~S~ 90-Besatzung wieder. Doch das ist eine spätere
Geschichte.
Der letzte Tag
Die Belagerung nahm ihren planmäßigen Fortgang. Immer näher gruben
sich die Japaner an uns heran, immer mehr schwere Geschütze hatten
sie in Stellung gebracht, und mehrere Male hatten größere japanische
Infanteriemassen nächtliche Sturmversuche auf unsere Infanteriewerke
gemacht, wobei sie allerdings gründlich abgeschlagen wurden. Nun wurden
die Infanteriewerke und besonders die davor liegenden Drahtverhaue
unter einem ständigen feindlichen Artilleriefeuer gehalten, und auch
unsere Geschütze schwiegen kaum noch. Leider waren wir gezwungen, mit
der wenigen Munition, die wir besaßen, sparsam umzugehen.
Die außerordentliche Länge der Belagerung, das dauernde Artilleriefeuer
und die furchtbare Spannung, in der wir lebten, fing allmählich an zu
wirken.
Auch meine Nerven begannen zu streiken.
Zum Essen konnte ich mich kaum noch zwingen, und schlafen konnte ich
bald überhaupt nicht mehr. Wenn ich nachts die Augen schloß, dann
hatte ich sofort im Geiste meine Karte vor mir und sah unter mir
das Schutzgebiet liegen, zerrissen von den feindlichen Gräben und
Stellungen. Und dazu brummte mir der Kopf und sausten mir die Ohren von
dem Radau des Propellers, und dazwischen hörte ich immer wieder die
Worte des Chefs des Stabes:
„Plüschow, denken Sie daran, daß Sie jetzt für Tsingtau wichtiger
sind als das tägliche Brot! Kommen Sie mir ja zurück und halten Sie
das Flugzeug heil! Und dann denken Sie daran, wie wenige Granaten wir
haben, und daß wir sie auf Ihre Beobachtungen hin verschießen. Seien
Sie sich der Verantwortung bewußt!”
Ja, weiß Gott, das war ich mir!
Und ich hatte nichts mehr weiter im Kopfe als die feindlichen
Stellungen, und stundenlang überkreuzte ich sie im Geiste immer wieder
und ging mit mir zu Rate, ob ich das, was ich gemeldet, wirklich
gesehen, ob ich mich nicht vielleicht getäuscht hätte, und ob nicht
dadurch die wenigen Granaten, die wir besaßen, durch meine Schuld
nutzlos verschossen wurden.
Und wenn ich dann mein Hirn stundenlang zermartert hatte, schlief ich
manchmal gegen drei Uhr morgens, an Geist und Körper zerschlagen, ein.
Und kaum, daß ich eingeschlafen war, da kam die Pflicht, und mein
Monteur stand vor mir und meldete mir mein Flugzeug klar.
Da gab's dann kein Zögern mehr.
Und bald stand ich an meiner Taube und prüfte alle Teile noch einmal
genau.
Oft wollten mir dann meine Nerven noch schnell einen Streich spielen,
und auch mein Magen klappte zusammen.
Aber wenn ich erst auf meinem Führersitz saß, den Gashebel in der Hand
hatte und meinen Leuten mit dem Kopfe ein Lebewohl zugenickt hatte,
dann gab's nur eins für mich: Ruhe und den eisernen Willen, meinen
Auftrag auszuführen.
Und wenn erst der Start hinter mir und ich glücklich einige hundert
Meter hoch war, dann war alles wieder in schönster Ordnung.
Eins kam hinzu, was mich besonders niederdrückte: das war die
furchtbare Einsamkeit, das ewige Alleinsein in meinem Flugzeug. Ja,
hätte ich einen Kameraden mit mir gehabt, und wäre es auch nur gewesen,
um ihm ab und zu zunicken zu können, das würde für mich eine wahre
Erleichterung gewesen sein.
Und wenn ich mehrere Tage des schlechten Wetters oder meines Propellers
wegen nicht hatte fliegen können und wieder über den feindlichen Linien
schwebte, dann hatte sich so furchtbar viel verändert.
Eine wahre Verzweiflung packte mich dann oft in der Luft.
Wo sollte ich bei dem vielen Neuen, das es da unten gab, bloß anfangen?
Wie sollte ich mich aus dem Gewirr von Gräben, Zickzacks und Stellungen
herausfinden? Ganz mutlos ließ ich dann die Karte sinken.
Aber das waren nur Sekunden.
Dann raffte ich mich zusammen, nahm meinen Bleistift zur Hand und sah
nach unten. Und bald darauf hörte und merkte ich nichts mehr um mich
herum und sah nur noch den Feind und meine Aufzeichnungen.
Der siebenundzwanzigste Oktober war für uns ein Jubeltag. Da traf von
Seiner Majestät dem Kaiser folgendes Telegramm ein:
„Mit Mir blickt das gesamte deutsche Volk voll Stolz auf die Helden
von Tsingtau, die getreu den Worten ihres Gouverneurs ihre Pflicht
erfüllen. Seien Sie alle Meines Dankes sich bewußt!”
Da gab es wohl keinen in Tsingtau, dem das Herz nicht höher schlug.
Unser Oberster Kriegsherr, der zu Hause so schwer zu arbeiten hatte,
vergaß seine getreue kleine Schar hier im fernen Osten nicht.
Da gelobte sich wohl ein jeder in seinem Innersten nochmals, so zu
kämpfen und seine Pflicht bis zum letzten zu tun, daß sein Kaiser mit
ihm zufrieden sein könnte.
Bald rückte der einunddreißigste Oktober, der Geburtstag des Mikado,
heran. Durch Kundschafter hatten wir erfahren, daß die Japaner an
diesem Tage Tsingtau bestimmt nehmen wollten. Den Tag zu beschreiben
ist unmöglich.
Die Japaner hatten bis zu dieser Nacht ihre sämtlichen Landbatterien
fertig gebaut, und in der Frühe um sechs Uhr dieses einunddreißigsten
Oktober Neunzehnhundertvierzehn donnerten auf einmal von Land und See
sämtliche feindlichen Geschütze und warfen ihren furchtbaren Eisenhagel
auf uns herab.
Als erstes schossen die Japse die Petroleumtanks in Brand, und bei
dem herrlichen blauen Himmel mit vollkommener Windstille stand die
riesige, dicke Qualmsäule wie ein drohendes Rachezeichen aufrecht da.
Die Japaner schossen von Land in erster Linie mit schweren Haubitzen
bis zum Achtundzwanzig-Zentimeter-Kaliber hinauf, und von See krachten
die schwersten Schiffsgeschütze. Das Fauchen und Herabsausen der
Haubitzgeschosse, das Zischen der Flachbahngeschosse, das Aufschlagen
der Granaten und Sprenggranaten und die Detonation beim Krepieren,
dann das Bellen der zerplatzten Schrapnells und das Dröhnen unserer
eigenen schweren Geschütze -- das war ein Lärm, als ob die Hölle selbst
losgelassen wäre.
Und wie wurden die Werke und all das in der Nähe liegende Gelände
mitgenommen! Ganze Bergkuppen wurden abgetragen, tiefe Krater
ausgestampft.
Endlich kam der Abend, und die Heftigkeit des feindlichen Feuers ließ
nach. Wir sowohl wie der Feind glaubten bestimmt, daß unsere sämtlichen
Werke niedergekämpft seien, denn sie glichen zum Teil nur noch
Trümmerhaufen. Aber als unsere braven blauen Jungens an ihre Kanonen
eilten, die zum Teil aus Erd- und Steinmassen förmlich herausgegraben
werden mußten, fanden sie fast sämtliche Geschütze noch heil oder nur
gering beschädigt.
Da fingen plötzlich mitten in der Nacht, als wir hören und sehen
konnten, wie die feindlichen Sturmkolonnen sich sammelten, unsere
sämtlichen Eisenschlünde an zu feuern und überschütteten die
feindlichen Batterien und die heranrückenden Feinde mit ihrem
vernichtenden Feuer. Die Wirkung dieser Beschießung muß für die Japaner
verheerend gewesen sein.
Es erfolgte kein Sturm, wie beabsichtigt, und am nächsten Tage setzte
das feindliche Artilleriefeuer erst gegen Mittag sehr flau wieder ein.
Allerdings war es noch so kräftig, daß das kleine Fort Hu-Chuin-Huk
allein fünfzig Volltreffer aus schwersten Haubitzen erhielt.
Die Japaner zogen aus dieser Nacht ihre Lehren. Und acht furchtbare
Tage und Nächte folgten für uns, an denen das feindliche
Artilleriefeuer auch keine Minute mehr stockte.
Bei diesem furchtbaren Feuer hätte nach menschlicher Berechnung kein
Einziger von uns am Leben bleiben dürfen. Aber wie durch ein Wunder
blieben unsere Menschenverluste gering. Die japanische Artillerie
schoß vorzüglich, was auch nicht überraschte, da ein Teil ihrer
Artillerieoffiziere bei uns in Jüterbog auf Schießschule gewesen war.
Aber ihre Munition war schauderhaft. Und das war unser Glück.
Trotz des starken Feuers und der schweren Steilfeuergeschütze ist
es ihnen keinmal gelungen, eine Kasematte, einen der bombensicheren
Räume oder ein Infanteriewerk zu durchschlagen. Dieses und eine enorme
Anzahl von Blindgängern war der Grund unserer geringen Verluste. Und
_den_ Nörglern in Deutschland, die ich leider getroffen habe, die
meinten, der geringen Verlustzahl wegen wäre Tsingtau nichts Rechtes
gewesen, möchte ich eines vor Augen halten: Wir hatten nur eine
Verteidigungslinie mit fünf kleinen Infanteriewerken, einer Brustwehr
und einem kümmerlichen, schmalen Drahthindernis.
Und diese Linie war sechstausend Meter lang und wurde von dreitausend
Mann gehalten. Eine zweite Stellung und eine zweite Linie, und vor
allen Dingen Menschen, die diese hätten besetzen können, gab es nicht
mehr, denn wir waren ja im ganzen nur etwas über viertausend Mann!
Und als daher nach diesem achttägigen, schwersten Artilleriefeuer das
Drahthindernis weggeblasen war und die Brustwehr weggeschossen, da war
es den dreißigtausend Japanern, denen wir wochenlang standgehalten
hatten, ein leichtes, durchzustoßen und Tsingtau zur Übergabe zu
zwingen.
In den ersten Tagen des November bereiteten wir uns auf den Endkampf
vor.
Am ersten November nachts wurde unser treuer Bundesgenosse, der
österreichische Kreuzer „Kaiserin Elisabeth”, nachdem er seine letzte
Granate verschossen hatte, von seiner wackeren Besatzung in die Luft
gesprengt und versenkt.
Einige Tage darauf folgte ihm unser letztes Schiff: das tapfere kleine
Kanonenboot „Jaguar”.
Dann folgten unser Dock und unser Riesenkran, und bald darauf war die
Werft ein Trümmerhaufen.
Unsere Geschütze hatten sich verschossen, einige waren durch das
feindliche Artilleriefeuer vernichtet, die meisten sprengten wir selbst
in die Luft, nachdem sie ihre Pflicht erfüllt hatten.
Am fünften November Neunzehnhundertvierzehn mußte auch ich ans
Zerstören gehen, und zwar galt es diesmal meinem Doppeldecker. Durch
mühsamste Arbeit hatte ich mit Hilfe des früheren österreichischen
Fliegerleutnants Clobuczar und der Werft einen wundervollen, großen
Wasserdoppeldecker gebaut. Dieser war nun fertig geworden, und ich
wollte ihn jetzt einfliegen und mit ihm meine Erkundungen fortsetzen,
da ich meinen Landflugplatz, der, nur vier- bis fünftausend Meter vom
Feinde entfernt, von diesem dauernd unter Artilleriefeuer gehalten
wurde, nicht mehr benutzen konnte.
Nun wurde doch nichts mehr aus meinem Doppeldecker.
All unsere Arbeit und Mühe war leider vergebens gewesen.
Dann am Nachmittage, da stand ich vor meinem Gouverneur, und er sagte
zu mir:
„Wir erwarten stündlich den Hauptsturm der Japaner! Sehen Sie zu,
daß es Ihnen gelingt, morgen früh die Festung auf Ihrem Flugzeuge zu
verlassen. Ich fürchte allerdings, der Japaner wird Ihnen keine Zeit
mehr dazu lassen.
Und nun, Gott befohlen, und kommen Sie gut durch. Und haben Sie Dank
für die Arbeit, die Sie für Tsingtau leisteten!”
Und damit gab er mir die Hand.
„Ich melde mich gehorsamst aus der Festung!”
Damit war ich entlassen.
Und nun folgte ein kurzes Abschiednehmen von meinen Vorgesetzten und
Kameraden, und ein großer Stoß Privatbriefe wurde mir mitgegeben.
Dann ging ich zum letzten Male in meine Villa und nahm Abschied von
meinen Räumen, von vielen liebgewordenen Gegenständen, machte meine
Stalltür auf und ließ mein Pferdchen und meine Hühner laufen, und
dann ging's runter zu meinem Flugzeug, um es zu seinem letzten Fluge
klarzumachen.
Dann saß ich über meine Karte gebeugt, lernte sie fast auswendig und
rechnete und rechnete.
Und dann ging ich nachts hinauf zum letztenmal zu der Punkt-Kuppe, wo
mein guter Freund, der Oberleutnant zur See Aye, seit Wochen trotz
schwersten Artilleriefeuers bei seiner kleinen Batterie ausharrte,
und von wo aus man einen herrlichen Ausblick über ganz Tsingtau und
das gesamte Vorgelände hatte. Überwältigt von dem Anblick, der sich
hier bot, blieb ich lange Zeit wie gebannt auf der höchsten Felsspitze
sitzen. Unter mir wogte ein züngelndes Heer greller Blitze, die
von den Mündungsfeuern der wütend hämmernden feindlichen Geschütze
herrührten; und wie ein goldenes Band zog sich von Meer zu Meer das
Gewehr- und Maschinengewehrfeuer, welches unsere Leute dort unten im
Tale abgaben. Dicht über meinem Kopfe da war ein Fauchen, Zischen
und Sausen von Tausenden der schwersten Geschosse, welche ganz dicht
über diese Kuppe hinwegfegen mußten, damit sie ihr Ziel noch erreichen
konnten. Hinter mir dröhnten unsere eigenen Haubitzen ihre allerletzten
Grüße herüber, und von ganz weither, vom letzten Südzipfel Tsingtaus,
grollten die Einundzwanzig-Zentimeter des Forts Hsiauniwa ihren ehernen
Schwanengesang.
Zerwühlt im Innersten meiner Seele kehrte ich zu Aye zurück, und nach
einem herzlichen kameradschaftlichen Abschiede, bei dem er mir zu
meinem kommenden Fluge alles Gute wünschte, drückten wir uns kräftig
die Hand und trennten uns.
Ich war der letzte Offizier in Tsingtau, der ihm die Hand geschüttelt
hat. Wenige Stunden später fiel er in heldenmütigem Kampfe gegen
dreißigfache japanische Übermacht samt seiner kleinen Schar, als sie
die Geschütze nicht übergeben wollten.
Ein leuchtendes Beispiel edlen Heldentums.
Die mir jetzt noch bleibende Zeit blieb ich mit meinen vier braven
Leuten bei meinem Flugzeuge klar stehen, um jeden Augenblick, falls die
Japaner stürmen und durchstoßen würden, meinen Auftrag ausführen zu
können.
Am sechsten November Neunzehnhundertvierzehn frühmorgens, als der Mond
noch hell schien, stand mein Flugzeug klar am Start, und vergnügt
brummte der Propeller sein Morgenlied.
Zeit war nicht mehr zu verlieren. Der Platz war dadurch, daß er von
den Japsen unter Granat- und Schrapnellfeuer gehalten wurde, höllisch
ungemütlich geworden. Kurz prüfte ich nochmals meine ganze Maschine,
dann gab's noch einen kräftigen Händedruck meiner vier braven Leute
zum Abschied, und noch einmal streichelte ich den Kopf meines treuen
Hundes, dann gab ich Vollgas, und wie ein Pfeil schoß die Taube in die
Nacht hinaus.
Da plötzlich, als ich eben dreißig Meter hoch und etwa über der Mitte
des Platzes war, erhielt mein Flugzeug einen furchtbaren Stoß, und nur
mit eiserner Faust konnte ich die Maschine zur Ruhe zwingen und vor
dem Absturz bewahren. Eine feindliche Granate war gerade unter mir
krepiert, und der Luftdruck der Detonation hätte mich beinahe zu Boden
geschleudert.
Aber gottlob! Außer einem faustgroßen Loch, das ein Granatsplitter in
meine linke Tragfläche gerissen hatte, war kein Schaden angerichtet.
Nun kamen nur noch die üblichen Schrapnells hinter mir her. Das
waren die letzten Abschiedsgrüße der Japaner und ihrer englischen
Bundesbrüder für mich.
Als ich hoch genug war, drehte ich noch einmal um.
Da lag das liebe, kleine Tsingtau, das so viel durchgemacht und so viel
noch auszuhalten hatte, unsere geliebte zweite Heimat, das Paradies auf
Erden!
Bis in meine einsame Höhe drang das Dröhnen der Geschütze, das Krachen
der Granaten und das Knattern der Gewehre und Maschinengewehre.
Ein unendliches Meer von aufzuckenden Blitzen ließ deutlich die beiden
Kampflinien erkennen. Das alles waren die Anzeichen des begonnenen
Sturmangriffes und der verzweifelten Gegenwehr.
Ob wir diesen dritten Sturmangriff auch noch aushalten würden?
Mit der Hand winkte ich nach unten. Lebwohl, Tsingtau! Lebt wohl, ihr
treuen Kameraden, die ihr dort unten kämpft!
So unendlich schwer wurde mir dieser Abschied, es würgte mir etwas in
der Kehle, und schnell riß ich mein Flugzeug herum und nahm Kurs auf
Kap Jäschke.
Und als die Sonne in all ihrer Pracht aufging, schwebte ich schon hoch
oben im blauen Äther und über südlich liegenden wilden Gebirgen.
Der modernste „Blockadebruch” war mir gelungen!
Im Schlamm des chinesischen Reisfeldes
Hinter dem Perlgebirge lag die feindliche Flotte vor Anker. Da konnte
ich's mir nicht versagen. Ich umkreiste die Schiffe noch einmal.
Dann ging es weiter und immer weiter mit fast geradem Kurs dem
südlichen China zu, einem unbekannten Lande und einem ungewissen
Schicksal entgegen. Ich kam über zerklüftete, wilde Gebirge, über
Flüsse und weite Ebenen, dann zeitweise über das offene Meer und über
Städte und Dörfer.
Nach einer handgroßen Karte und meinem Kompaß orientierte ich mich.
Und schon um acht Uhr früh hatte ich die zweihundertfünfzig Kilometer
hinter mir und mich glücklich nach meinem Bestimmungsort Hai-Dschou in
der Kiangsu-Provinz zurechtgefunden.
Suchend spähte ich in die Tiefe nach einem geeigneten Landungsplatz.
Doch damit sah es bös aus.
Durch die furchtbaren Regengüsse der letzten Zeit war das Land weit und
breit überschwemmt. Die einzigen trockenen Fleckchen waren mit Häusern
oder chinesischen Grabhügeln bedeckt. Endlich hatte ich ein kleines,
etwa zweihundert Meter langes und zwanzig Meter breites Feld entdeckt,
das aber auf beiden Seiten von tiefen Gräben und hohen Mauern, vorn und
hinten vom Fluß eingeschlossen war.
Die Landung war verdammt schwer.
Aber was half es, ewig oben bleiben konnte ich doch nicht. Außerdem
befand ich mich ja mitten in China und nicht in Deutschland und war
froh, überhaupt noch diesen Platz gefunden zu haben.
Jetzt ging ich hinunter in großen Spiralen, und nach einem steilen
Gleitfluge, bei dem die Maschine infolge der erhitzten Luft schwer
durchsackte, stand ich um acht Uhr fünfundvierzig Minuten früh mitten
auf dem morastigen Reisfeld.
Der Lehm war aber so weich und zäh, daß mein Fahrgestell glatt versank
und die Räder festgehalten wurden; und mit einem mächtigen Stoß sauste
meine Maschine auf die Nase, sich im letzten Moment beinahe noch
überschlagend.
Der Propeller flog in Stücke, aber meine Glieder waren trotz des Stoßes
Gott sei Dank heil geblieben.
Die Ruhe jetzt um mich herum berührte mich ganz eigenartig. Seit Wochen
endlich wieder kein Dröhnen der Geschütze, kein Krachen krepierender
Granaten, kein Fauchen und Bellen zerplatzender Schrapnells.
Mit dem Schwänzchen hoch in der Luft und dem Schnabel tief im Dreck
stand friedlich und ruhig mein Täubchen im Sonnenschein.
In weiter Entfernung drängten sich Haufen von Chinesen: Männer, Weiber
und viele, viele Kinder, in angsterfülltem Staunen.
Sie alle, wie auch alle anderen Chinesen, deren Land ich überflogen
hatte, konnten das Wunder kaum fassen, denn ich war ja der erste
Flieger hier, und alle dachten, der böse Geist käme in eigenster
Person, um nun Unheil zu stiften.
Als ich gar aus meiner Maschine kletterte und versuchte, einige
Menschen heranzuwinken, war kein Halten mehr. Schreiend und heulend
lief alles davon, die Männer voran, ihre hingefallenen Kinder nach
ihrer Meinung dem Teufel als Opfer zurücklassend. Wirklich, mein
Erscheinen könnte im dunkelsten Afrika keinen größeren Schrecken
hervorgerufen haben.
Kurz entschlossen lief ich hinter der Horde her und griff mir drei,
vier Chinesen bei ihren Zöpfen und schleppte die Heulenden an mein
Flugzeug heran, um ihnen zu zeigen, daß der große Vogel keinem was täte.
Nach einiger Zeit half das, und als ich ihnen sogar einige Geldstücke
gab, da meinten sie, es wäre doch wohl ausnahmsweise mal ein guter
Geist angeschwirrt gekommen, und willig halfen sie mir, das Flugzeug
wieder in horizontale Lage zu bringen. Als die anderen das merkten,
da kamen sie gleich in solchen Massen, daß ich mich wunderte, daß die
Maschine nicht zerdrückt wurde.
Das Staunen der Chinesen! Das Antasten und Befühlen! Das Schnattern und
Lachen!
Nur wer die Chinesen kennt und weiß, wie kindlich sie sein können, kann
sich vorstellen, in welch köstlicher Situation ich mich befand.
Umtost von einer Horde Naturkinder saß ich quietschfidel in meinem
Führersitz auf meinem Blechkasten mit den Geheimdokumenten, neben mir
zur Sicherheit die Mauser-Pistole, und wartete der Dinge, die da kommen
sollten.
Jeder Versuch, mich mit den Chinesen zu verständigen, war aussichtslos.
Die Kerls grinsten fröhlich oder lachten mich einfach aus.
Aus dieser heiteren Lage befreite mich nach einiger Zeit ein kräftiges:
~„Good morning, Sir!”~ und neben mir stand ein Herr, der sich als ~Dr.~
Morgan von der Amerikanischen Mission vorstellte. Nach herzlicher
Begrüßung und festem Händedruck klärte ich ~Dr.~ Morgan schnell über
meine Lage auf und bat ihn, besonders da er fließend Chinesisch sprach,
um seine Hilfe.
Ich merkte bald, daß ich mich in gutem und sicherem Schutz befand.
Mein riesiger chinesischer Paß, den ich aus Tsingtau mitbekommen
hatte, wurde sofort zum Mandarin geschickt; nach einer Stunde kam ein
Trupp von vierzig Soldaten aus der nur zehn Minuten entfernt gelegenen
Kaserne und wurde zur Bewachung um mein Flugzeug aufgestellt.
Jetzt nahm ich die Einladung ~Dr.~ Morgans zum Frühstück gern an, und
mit allen Sachen, die nicht niet- und nagelfest waren, zog ich mit ihm
zur Mission.
Ich wurde hier aufs reizendste aufgenommen und lernte Frau Morgan,
ferner Frau Rice, die Gattin des amerikanischen Missionars, und einen
Herrn G. kennen, die sich alle auf das liebenswürdigste um mich
bemühten.
Ich saß gerade beim Frühstück, als mir ein chinesischer Offizier
gemeldet wurde, der mir sagte, daß eine Ehrenwache von einer Kompagnie
für mich vor dem Hause aufgezogen wäre, und daß er Befehl hätte von
seinem Mandarin, sich nach meinen Wünschen und meinem Wohlbefinden zu
erkundigen, und endlich, daß der Mandarin selbst in einer halben Stunde
seinen Besuch persönlich bei mir abstatten würde.
Ich war erfreut über so viel Aufmerksamkeit.
Bereits nach zehn Minuten kam wiederum Besuch, und diesmal waren es die
Stadtoberhäupter von Hai-Dschou, die mir ihre Grüße überbringen wollten.