Er lachte merkwürdig. »Fürchst dich vor mir?«

Da sah sie ihn groß an. »Ich? Warum denn?« Mit dem Fuß stülpte sie

einen Wasserzuber um und setzte sich. »Wann d' meinst, kann ich auch

warten.«

»Ja, es is besser! Ich kunnt davonlaufen und zusperren.« Seine Stimme

bekam einen Ton, als hätte er was Bitteres geschluckt. »So a Lump, wie

ich einer bin, halt's net lang bei der Arbeit aus.«

»Ich glaub's.«

»Gelt?« Er trat mit dem Beil zum Fenster und besah den Schaden. »Da

mußt aber grob zughaut haben?«

»Es braucht's halt.«

»Freilich!« Seine Stimme klang wieder freundlich. »Wie steht's denn

droben?«

»Allweil im gleichen. Es hat sich nix gändert über Nacht.«

Da guckte er langsam über die Schulter. »No, wer weiß, vielleicht doch

a bißl ebbes.« Er löste vom Beil den Stiel ab, nahm das Eisen zwischen

die Backen einer großen Zange, wühlte sie unter die Glut hinein und

versetzte dem Blasbalg einen so ausgiebigen Tritt, daß eine Sprühgarbe

von Funken in den Kamin hinaufloderte.

Vroni runzelte ernst die Brauen; sie mußte aus Schorschls letzten

Worten etwas Ungemütliches herausgehört haben, und es spielte um ihren

Mund, als müßte sich dieser Ärger entladen. Ihre Augen schossen einen

spöttischen Blick zur Esse hinüber. Unter leisem Lachen fragte sie:

»Bist gut heimkommen?«

Schorschl schob eine kleinere Zange mit einem fingerlangen

Stahlstäbchen in die Glut. »Heimkommen? Wann denn?«

»Heut nacht.«

»Ah so? Ja, ja, ganz gut! Siehst es ja, an Haxen hab ich mir net

brochen.«

»Da kannst von Glück sagen. So a Weg in der Nacht is hail.«

»Fest hintreten muß man, nachher rutscht man net.« Mit raschem Schwung

hob Schorschl die beiden Zangen aus der Esse und faßte den schweren

Hammer, um die neue Stahlschneide an das ausgesplitterte Beil zu

schweißen. Wie ein zerdrücktes rotes Herz lag das glühende Eisenstück

zwischen dem Griff der Zange. Der Amboß tönte wie eine Glocke, und

sternhell flogen bei jedem Hammerschlag die Funken in den großen

dämmerigen Raum; sie leuchteten nur und brannten nicht; sie flogen

dem Schmied ins Gesicht, in die Haare, an die nackten Arme, an die

offene Brust und sprühten hinüber bis in den Schoß des Mädels. Vroni

rückte immer weiter zurück; die Funken flogen ihr nach. Das gewahrte

Schorschl, und immer emsiger drosch er mit dem Hammer, so daß an seinem

kräftigen Arm alle Muskeln spielten.

Die Glut des geschweißten Eisens drohte zu erlöschen, und Schorschl

schwang die Zange wieder in die Esse hinüber. Während er den Blasbalg

trat, umsäumte der Feuerschein seine ganze Gestalt, sein Haar und sein

Gesicht mit roten Linien. Draußen vor dem Bogen des Tores dunkelte es

immer mehr, und am fahlen Himmel zitterte schon mit blassem Schein der

Abendstern.

Ob Schorschl die brennende Röte auf Vronis Wangen und den Glanz

ihrer staunenden Augen richtig deutete? Oder ob es ihm die eigene

Arbeitsfreude auf die Lippen legte? »Gelt«, sagte er, »in der Schmieden

is schön?«

»Ja, da gfallt's mir.«

»Möchtest net hausen herin?« Das fragte Schorschl lachend, in jener

Art, in der man vom Wetter zu reden pflegt.

Im gleichen Ton antwortete Vroni: »Warum denn net? Der Schmied müßt

halt an andrer sein.«

»No, wer weiß, vielleicht wird noch amal an anderer aus mir.«

»Wer's glaubt!«

»Du vielleicht net?«

»Na! Und so hab ich's net gmeint.«

»Ah so? An ~ganz~ andern meinst?« Schorschl hob die Zange auf den

Amboß. »Freilich, ich weiß, viel halten tust net von mir!« sagte er,

immer ein paar Worte nach jedem Hammerschlag einschiebend. »Kannst auch

recht haben, daß die beste Schneid an mir schon Fransen kriegt hat.

Grad so wie dein Beil! Aber der richtige Schmied, mein' ich, kunnt den

Schaden vielleicht doch wieder ausgleichen.« Mit der Zange hielt er dem

Mädel das rotglühende Eisen hin. »Schau! Da hat's wieder die schönste

Schneid, dein Beil! Bloß härten muß ich's noch.« Er schob die Zange

wieder in die Glut und zog den Blasbalg. »Ja, Vroni! Über mich müßt die

richtige Schmiedin kommen.«

»Such dir s' halt!«

Er lachte. »Da fang ich mit'm Suchen gleich an. Tätst es net riskieren

mit mir?«

»Na! Ich dank schön!«

»Geh, probier's!«

»Aufs Probieren laß ich mich net gern ein. Ich geh lieber sicher.«

»So heirat mich halt! Dös wär 's Allersicherste. Von dir ließ ich mir

ebbes sagen.«

»Da weiß ich mir was Bessers.«

»Du bist aber heikel!«

»Für gwöhnlich net. Beim Heiraten schon.«

»Ja, hast recht! An neuen Hut, wann er ein' druckt, kann man fürs halbe

Geld der Nachbarin aufhängen. Aber a Mann bleibt eim. Dös muß von

Anfang gleich der Richtige sein.«

»Hätt gar net glaubt, daß d' so gscheid bist!«

»Freilich, mancher schaut dümmer aus, als er is.«

Da lachten sie alle beide, als wäre ihnen der harmlose Spaß nach

Wunsch geraten. Dann schwiegen sie; und während Vroni, die von der

strahlenden Wärme des Essenfeuers belästigt schien, mit der Hand über

Stirn und Wangen fuhr, haschte Schorschl den Schnurrbart zwischen die

Zähne und trat mit ungestümem Fuß die Stange des Blasbalges. Plötzlich

riß er die Zange aus der Glut. »Herrgott, jetzt hätt ich den Stahl bald

überhitzt!«

Vroni hatte die Ellbogen auf die Knie gelegt und blickte finster zum

verlöschenden Glanz des Himmels und zu dem zitternden Gefunkel des

immer heller brennenden Sternes auf. Schorschl stand vor dem Amboß;

weil es in der Werkstätte schon dunkel war, mußte er Vroni den Rücken

kehren, um die Helle des Essenfeuers für die Arbeit zu nützen. Grau

zeichnete sich seine hohe, breitschulterige Mannsgestalt in den roten

Schein. Unter achtsamen Schlägen gab er der Schneide des Beils mit

einem kleinen Hammer die glatte Form. Dann tauchte er den glühenden

Stahl in den mit schwarzem Wasser gefüllten Löschbottich, rasch und

kurz, so daß es kaum zischte und nur ein kleines, rot beleuchtetes

Dampfwölkchen aufstieg. Und als der nun äußerlich abgekühlte Stahl von

innen heraus wieder matt zu glühen begann, versenkte Schorschl die

Schneide langsam in das Ölbad. Er schien das Bedürfnis zu fühlen, dem

Mädel diese Hantierung zu erklären. »Wann einer z'grob mit'm kalten

Wasser kommt, dös kann den besten Stahl verderben.« Seine Stimme klang

anders als früher. »Aber je feiner einer 's Öl braucht, so besser wird

d' Schneid!« Vroni blickte auf und sah wieder zum Tor hinaus.

Der Spaten machte geringe Arbeit: eine kurze Glut und ein paar Streiche

mit dem Hammer. Schorschl erledigte das, ohne ein Wort zu sagen. Diese

Stille schien Vroni unbehaglich zu berühren; plötzlich fragte sie: »Daß

~du~ heut arbeitst? Wo is denn dein Gsell?«

»Den hab ich davongjagt in der Fruh.«

»Was? Warum denn?«

»Weil er a Lump is.«

Vroni wollte lachen. Bei dem funkelnden Blick, der sie aus Schorschls

Augen traf, blieb ihr die Heiterkeit in der Kehle stecken. Nach einer

Weile fragte sie gereizt: »Daß einer a Lump is? Seit wann gfallt dir

denn so ebbes nimmer?«

»Gar lang is's noch net her. Gestern, mein' ich, wär's noch anders

gwesen.« Ruhig lehnte er den Spaten an den Türpfosten. »Soll ich dir's

Beil schleifen?«

Jähe Röte war über Vronis Wangen geflogen; nun schüttelte sie den

Kopf und griff in die Tasche; sie mußte sich räuspern, ehe sie fragen

konnte: »Was bin ich schuldig?«

»Nix. Is gern gschehen.«

Da fuhr sie auf, so grob, als hätte er ein böses Wort gesagt. »Du!

Schenken laß ich mir nix!«

»Und ich verlang nix. Arbeit nach Feierabend mach ich bloß zur

Rekrazion. Dös is kein Geschäft nimmer.«

»Und ~ich~ will nix gschenkt haben. Wann mir net sagst, was

verdient hast, muß ich halt selber schätzen. Vier Mark kriegt einer,

der ordentlich arbeit den ganzen Tag. Macht vierzg Pfennig d' Stund.

Und dös halbe Stündl da? Bin ich dir halt zwanzg Pfennig schuldig.«

Daß sie so genau rechnete, ärgerte ihn. »Billig machst es! Da kunnt

a Schmied auskommen! Bei deiner Rechnerei! Der Stahl, meinst, kostet

gleich ~gar~ nix?«

»Mehr als zwei Fünferln wird dös Bröckl net wert sein! Da hast deine

dreißg Pfennig!« Vroni legte das Geld auf den Amboß, packte das Beil

und den Spaten und schritt ohne Gruß zum Tor hinaus.

»So? So?« schrie Schorschl mit einer Stimme, die ihm kaum aus der

Kehle wollte. »Da kauf ich mir jetzt grad an Schnaps dafür. Grad mit

Fleiß!« Zornig nahm er das Geld und schob es in die Tasche. »Dürsten

tut mich eh, daß mir einwendig alles wie Fuier is!« Wütend faßte er

den Wasserzuber, füllte ihn aus dem Bottich und löschte mit einem Guß

die Glut der Esse. Dann wusch er Gesicht und Hände. Darüber schien er

seines durstigen Vorsatzes vergessen zu haben; aus einem Wandschrank

nahm er seine +C+-Trompete und ging hinters Haus in den Garten.

Hier saß er und spähte erwartungsvoll nach dem Weg, der zum Gehäng

des laufenden Berges führte. Plötzlich hob er die Trompete an den

Mund; aber sei es, daß ihm von der Kühle des Abends die Finger steif

geworden, oder sei es, daß er die richtige ›Amboschur‹ nicht hatte

-- er mußte ein paarmal ansetzen, bevor er einen klaren, schönen Ton

zuwege brachte. Und da blies er nun mit schmachtenden Klängen:

Du, du liegst mir im Herzen,

Du, du liegst mir im Sinn,

Du, du machst mir viel Schmerzen,

Weißt nicht, wie gut ich dir bin.

Jaaa, jaaa ...

Ohne das Lied bis ans Ende zu blasen, setzte Schorschl die Trompete ab

und ließ sie zwischen den Knien baumeln. »Mir scheint gar, ich bin in

dös Madl verliebt!« Er hatte in seinem ganzen Leben noch kein so dummes

Gesicht gemacht wie jetzt, da diese Erkenntnis in ihm auftauchte.

»Sakra! Da bin ich schön angrumpelt!« Langsam erhob er sich, kraute

sich hinter den Ohren und seufzte tief. »Da schaut nix Guts net aussi!«

Es befiel ihn die Versuchung, über sich selbst zu lachen. »Schorscherl,

Schorscherl«, sagte er mit der Stimme der Bäckenmahm, »du bist a

~narrisches~ Luder!«

Langsam trat er ins Haus, kochte das Nachtmahl, und auf dem Herd

sitzend, löffelte er den Schmarren aus der Pfanne. Nachdem er im Hof

an der Brunnenröhre getrunken hatte, schloß er Werkstatt und Haustür,

zündete sein Pfeifl an und setzte sich in der dunklen Stube auf die

Ofenbank. Bei jedem Paffer, den er vor sich hinblies, krabbelte

ihm eine Sorge über den Rücken. Doch einem, der sich am Tage müd

gearbeitet, erscheinen alle Sorgen um so leichter, je schwerer ihm die

Glieder werden. Als die Glut in der Pfeife erloschen war, erhob sich

der müde Daxenschmied, um sein Lager zu suchen. Kaum hatte er sich

ausgestreckt, da fiel ihm der Schlaf über die Augen.

Der laufende Berg · 第 20 / 60 题