Der Heimgekehrte

An einem widerwärtig launischen und nassen Märztag saß Hermann Pirath

in der deutschen Stadt in seiner Villa und dachte an etwas, was in

seinem Leben nicht eingetreten war. Ein kleiner Schein dieser

unlustigen Gedanken fiel auch rückwärts in eine Zeit, die verflossen,

und auf einen geliebten Menschen, der verblichen war, und der Gedanke,

der also abirrte, wurde rasch ausgelöscht. Wozu soll er durch sein Blut

leuchten? Die Toten kommen nicht zurück. Hermann Pirath hörte, daß die

Türglocke ging. Dann brachte ein Dienstbote eine Visitenkarte. Pirath

kannte den Namen, aber er erinnerte sich nicht. „Professor Anastasius

von Wiltingen.“ Wer? Wer? Woher? ... Ein vornehmer älterer Herr trat

ein. Hermann ging ihm entgegen. Jetzt wußte er, daß er diesen Mann

niemals gesehen hatte. „Ich steh zu Ihrer Verfügung, Herr Professor.

Womit kann ich dienen?“ sagte Hermann entgegenkommend. Man wandte sich

manchmal bei Stiftungen an ihn, und er suchte schon mit den Augen nach

einer Feder. Denn bald sollte wohl die Liste aus der fremden

Manteltasche erscheinen, auf der schon der Oberbürgermeister

fünfhundert Mark, die Frau Annie Dübelstein, wenn es sich um

Wissenschaften, oder die Frau Natalie von Brank, wenn es sich um ein

soziale oder religiöse Geschichte handelte, ebenfalls fünfhundert Mark

eingetragen hatten. Während Hermann im Geiste sah, wie aus seiner Feder

die Fünf und die beiden Nullen flossen, erinnerte er sich auf einmal,

daß er vor wenigen Tagen den Namen des Professors von Wiltingen im

Zusammenhang mit einem wissenschaftlichen Unternehmen gelesen hatte.

„Na, also, fünfhundert. Meinetwegen!“ sagte er bei sich. „Herr

Professor, Sie waren der Leiter der deutschen

Südsee-Tiefenmessungsfahrt!“ wandte sich Hermann noch einmal an den

Besucher, um gutmütig die Rede gleich auf ihr Ziel zu lenken.

Aber da sah er, daß der alte Herr um Worte verlegen war. Hermann

schaute aufmerksam in das vornehme, vergeistigte und großzügige

Gesicht, dessen Ausdruck im Widerspruch zu der Ratlosigkeit stand, in

der sich der gelehrte Mensch befand. Da trat etwas in Hermanns Inneres,

eine seltsame, bedeutende, unbekannte Erwartung. Der fremde Mund sagte

schließlich: „Mein Besuch hat keinen Zusammenhang, weder mit jenem

Unternehmen noch mit meinem Beruf. Herr Pirath, ich bin mit einer ganz

sonderbaren, ganz großen und freudigen Mission für Sie betraut worden.

Sie könnten erschrecken, wenn ich auf einmal damit herauskäme, mit dem

einen Wort ... wenn ich ... wenn ich ... sogleich einen Namen nennte

...“

Da war es Hermann, als ob sich sein Brustkorb, sein Leib, sein ganzes

Ich zu einem Luftballon ausweitete und emporhob. Er sprang auf und warf

die Arme hoch. Er wußte alles, und er rief das Wort, den Namen:

„Peter!“ und fiel dann dem alten Herrn von Wiltingen an die Brust, um

irgendwo zu spüren, wo ein warmes Leben schlug, das einen Anteil nehmen

könnte an der schmetternden Süße, die sein aufwallendes Bruderherz

durchraste. Der Professor sagte lachend im Schluchzen: „Ja, Peter. Ihr

Bruder! Nun seien Sie ruhig und verständig! Wir haben ihn mit

herübergebracht.“ Hermann raffte sich zusammen und flog hinaus und rief

in alle Zimmer, in den Flur, ins Treppenhaus: „Der Peter! Der Peter!“

Seine Frau kam auf die Rufe aus ihrem Zimmer. Hermann sah sie nicht und

rief: „Tilla, der Peter! Tilla! Tilla! Der Peter!“ Das Dienstpersonal

lief zusammen. Der Johann machte der Zofe Annaliese ein Zeichen: „Er

hat einen Sparren!“ Die Zofe machte mit dem Finger Zeichen auf der

Stirn und flüsterte: „$Tet$.“ Die dicke Köchin keuchte aus dem

Erdgeschoß herauf und schmetterte erschreckt von sich: „Wat is nu los?“

Der Chauffeur hörte die Rufe im Hof und trat neugierig in den hinteren

Flur. Hermann stürzte zum Professor zurück und rief ihm überschwellend

zu: „Dank! Dank! Herr Professor! ...“

Da sah er, daß seine Frau im Zimmer war. Sie hatte verstanden, daß der

fremde Herr eine Nachricht von dem verschollenen Schwager brachte.

Hermann fiel zu ihr hin und rief: „Tilla, der Peter!“ und konnte kein

anderes Wort finden als immer: der Peter! Die Frau lächelte ihn an und

sagte mit einer freundlichen Kühle und Gewandtheit: „Aber Hermann!

Willst du so lieb sein, mich mit dem Überbringer einer so unerwarteten

und glücklichen Nachricht bekannt zu machen?“ „Ja, ja!“ stotterte

Hermann. „Verzeih! Verzeihung, Herr Professor, Herr Professor von

Wiltingen — meine Frau. Herr Professor hat uns den Peter mitgebracht.

Wo ist er, Herr Professor? Steht er hinter Ihnen? Draußen? Wartet er in

Ihrem Wagen? Wo? Ach, ich werde ihn nicht mehr erkennen. Er wird mich

nicht mehr erkennen. So lange ... alt geworden ... fünfzehn Jahre!

Sechzehn Jahre! Wie sieht er aus? Ist er gesund oder krank? ...“

Der Professor besänftigte Hermann. Er erzählte das Notwendigste in

großen Zügen und fügte hinzu: „Ihr Bruder ist in meinem Hotel, und er

wartet darauf, zu Ihnen gerufen zu werden.“

„Das Auto! Chauffeur! Hans! Hans!“ rief Hermann. „Wir fahren gleich!

Gleich!“

Seine Frau aber sagte ruhig: „Bleib doch besser hier! Meinen Sie nicht

auch, Herr Professor? Es wird meinem Schwager lieber sein, daß das

Wiedersehen in einem bekannten Haus und nicht in einem Auto auf der

Straße ist.“

Sie stand da, groß, braun und glanzhäutig, wie sie war, sieghaft und

sicher mit ihren schönen dunkeln Augen überlegen und gewandt den

Auftritt beherrschend, und Hermanns Inneres sagte schmerzlich

betroffen: „So kalt wie immer!“ Aber er mußte ihr recht geben und der

Professor auch. Das Auto fuhr mit Herrn von Wiltingen davon.

Hermann strampelte vor Erregung und Ungeduld. Er warf sich in einen

Sessel und hielt sich mit Gewalt an den Lehnen fest und schloß die

Augen. Er versuchte, für eine Zeitlang sein Bewußtsein auszulöschen.

Aber er mußte bald wieder aufspringen. Seine Frau zog sich nach einer

Weile in ihr Zimmer zurück.

Peter kam. Er ging, von der Dienerschaft hinter den Vorhängen heraus

angestaunt, schwerfällig und mit klopfendem Herzen durch den breiten

Flur, und auf einmal flog etwas auf ihn zu, stürzte an ihm hinan, und

die beiden Brüder hielten sich stumm umarmt und weinten. Dann gingen

sie in Hermanns Zimmer, und sie tätschelten sich nur eine Weile und

schauten sich an, unfähig zu sprechen.

Die Tür ging auf, und Frau Tilla kam herein. Sie ging groß und stolz

rasch auf Peter zu, nahm schnell und lange seine Hand und sagte mit

leuchtendem Auge: „Peter, ich freu’ mich!“ Zu Hermann gewandt, mit

einer koketten, beleidigt tuenden Miene, fügte sie hinzu: „Du hättest

mich wohl bis morgen auf meinen so unerwarteten Schwager warten lassen,

damit du ihn allein hast. Egoist!“

Hermann war aber noch ganz umfangen von dem Ansturm des ersten

Wiedersehens. Er sagte nur zu Peter: „Das ist Tilla, meine Frau!“ Tilla

dehnte ihren schönen Leib auf vor Peter. Die Brust straffte sich unter

den Spitzen zum Gewölbe, und ihre Hüften flossen schmal, gespannt und

geschmeidig ab. Ihre Haut auf den nackten Armen und im Blusenausschnitt

war von einem marmornen Braun. Sie hatte eine schmale, leicht gebogene

Nase, aber ihr Mund war gewöhnlich und hatte verschwommene Linien um

die rote Massigkeit der Lippen.

In einem messenden kalten und großen Blick sah Peter diese fremde Frau

an. Er war auf einmal betroffen und beleidigt. Er hatte nichts von

Hermanns Ehe gewußt. Er war nicht eifersüchtig. Er war mißtrauisch. Sie

stand da, in Kleidern, die vor Vornehmheit kühl und befremdend waren,

gepflegt, unter einem entfernenden Reif und rückte doch alles an sich

vor und ins Licht. Dem dunkeln Glanz, den die großen braunen Augen über

ihn ausstrahlten, begegnete Peter mit trotzigem Staunen. Es sagte eine

Stimme in ihm: „Ich glaub dir nicht, Glanz. Du bist ja falsch ...“ Und

dennoch bezwang der Glanz etwas in ihm. Peter zog sein Herz scheu

zurück. Er fürchtete sich ein wenig, vor etwas Verstecktem, was in

dieser steinkalten Person sich hinter Freundlichkeit verborgen hielt.

Da fühlte er eine eisige Fremdheit sein Herz unglücklich machen, und er

sprach kaum mehr. In seinem Innern fragte es immer: „Weshalb ist sie

dreißig Jahre alt und Hermann noch einmal soviel?“ Er hatte die ganze

Reise Hermann vor sich aufgestellt wie eine Vase. Hermann war das Gefäß

gewesen, das seine europäischen Erwartungen gefaßt hielt. Er hatte

falsch an ihn gedacht. Und während ihre Gespräche stockend und

vorsichtig zwischen den Abenteuern und der Rückkehr Peters und dem hin

und her flatterten, was in der Heimat zurückgeblieben war, fragte Peter

unablässig heimlich in sich: „Sag, bist du denn der alte liebe Hermann

aus der ersten Zeit meines Lebens?“

Aber weshalb wollte er den ersten Teil seines Lebens wieder treffen?

Welcher verhängnisvolle Irrtum!

Sie gingen früh zu Bett, ein jeder mit seinen Sorgen. Niemand schlief

im Haus in dieser Nacht.

Peter lag tief im Bett. Er fröstelte an seinen unerlösten Gefühlen und

packte sich in die Tücher ein, als könnte er in ihrem weichen Schwall

die süße Wärme finden, die ihm das Wiedersehen mit Europa versprochen

hatte. Er lag mit den Augen gerade noch heraus, und seine Augen

spannten sich groß und offen in den Fensterrahmen, der von außen

erleuchtet in der Dunkelheit stand und in dem sich die Formen eines

andern Gebäudes in der hellen Nacht zackten. „Ich bin unglücklich!“

sagte er. „Was ging mir nicht in Erfüllung, da ich hierhin kam?“ Er

wußte sich nicht anders zu antworten als immer wieder mit dem Vergleich

zwischen jener schönen jungen Frau und Hermann. „Das ist Tilla, meine

Frau!“ hatte Hermann gesagt. Das waren die Worte. Peter fühlte sie

weiter aus, und er begann in Gedanken durch die Nacht ein Zwiegespräch

mit Hermann. Er fragte: „Was ist sie mehr als deine Frau?“ Hermann

seufzte: „Der Berg von Unglück und Unzufriedenheit, den ich vor mir

aufgehäuft hab.“

Piraths Insel · 第 78 / 96 题