Aber da kam Pirath dazu und sagte: „Doch, es ist wahr.“

Der Kapitän erhob sich vollends, ging auf die hereindrängenden Matrosen

zu und schlug in sie hinein. „Wat wullt ji achtern, rut! rut!“ schrie

er sie an. Sie drängten eilig hinaus. Nur Tedge und Hinnerk blieben in

der Kajüte. Dann schloß er die Tür. Sein Gesicht war von der Lampe

beschienen. Peter sah, wie durchs Scheinleit sich der magere Kopf

Kluges plötzlich herabbog. Aber Kluge zog sich zurück, als er bemerkte,

daß Pirath ihn sah. Das Gesicht des Kapitäns sah aus, als ob nichts

geschehen wäre. Er war nur ganz rot überpudert. Er ging auf Hinnerk zu,

der Tedge noch immer am Wickel hatte. Der Kapitän schrie Hinnerk an:

„Ick bruk diene Füste nich. Lotlaten, ansonst streckst dien Been glik

himmelwärts!“ Hinnerk ließ zögernd los. Da fragte der Kapitän: „Wat is

nu los?“ Hinnerk erzählte, wie es gegangen war. Tedge rief immer: „He

luggt! He luggt!“ Aber Pirath schrie bös hinein: „Er lügt nicht! Ich

hab gesehen, wie er mit dem Messer zustechen wollte und hab seinen Arm

niedergeschlagen.“

Der Kapitän wartete einen Augenblick. Dann fragte er: „Det haben Sie

gesehn?“ — Ja! nickte Peter. „Un sinen Arm häwt Se nederslan?“ Ja!

nickte Peter. Und plumps! war eine schwere Hand durch die Luft

gefahren, wie ein springender Elefant, und war Tedge ins Gesicht

geflogen. Der spitze dünne Kopf stob jämmerlich beiseite und donnerte

an das Getäfel des Salons. Kaum hatte sich der Kopf wieder

hochgerichtet, so flog er — pump! — unter einem neuen Schlag auf die

andre Seite. Der Kopf ging hin und her unter der schweren Faust des

Kapitäns.

Pirath spürte ein Unbehagen. „Sie schlagen ihn tot!“ rief er, „lassen

Sie ihn doch, Sie schlagen ihn tot, Kapitän!“

„Den! tot?“ meckerte der Kapitän schrill. „So ’n Nilpferd von ’m

Verbrecher, von nem Halbgehenkten, tot? Der ist mehr gewohnt ...“

Schließlich faßte er Tedge hinten beim Genick, riß die Tür auf und

schmiß ihn mit einem gewaltigen Fußtritt aufs Deck in die Nacht hinaus.

Tedge flog in den Haufen der Matrosen, die dort in der Dunkelheit

standen und auf den Ausgang der Sache warteten. Die Freunde Tedges

murrten laut, als er so herausgeflogen kam. Die Anhänger Hinnerks

wieherten vor Lachen.

Damm trank dann drei Rums. „So ne aasige Schweinebande!“ sagte er nur.

Peter fand keinen Schlaf. Er stand auf, als er Mitternacht glasen

hörte, und ging an Deck hinauf. Kluge kam gerade die Treppe herunter.

Zum erstenmal grüßte er Peter wieder nach jener Frage. Er schlich klein

und zag im düstern Licht des engen Flurs zu seiner Kabine. Pirath ging

die Stiege hinauf, setzte sich ein Weilchen ins Kartenhaus, das, wie

eine Kabine mit Aussicht, auf dem Hinterdeck aufgebaut war, und trat

dann ins Finstere des kleinen Decks, auf dem er Damm auf und ab gehen

hörte. Hinnerk stand am Steuer. Damm schaute in die Segel hinauf, die

leise klapperten. Er brummte zurück: „’n Strich höher, Rotzfott, bi de

Wend!“ Pirath gesellte sich zu ihm. Sie gingen schweigend

nebeneinander. Dann setzten sie sich in die dunkle Ecke auf eines der

Rettungsboote, die seitlich neben dem vorderen Kompaß standen. Sie

sahen Hinnerks dicken Kopf von Weile zu Weile, wenn er das Steuerrad

drehte, sich in den Lichtschein vorbeugen, der von der Salonlampe

durchs Scheinleit heraufdrang. Die Wache war dabei, die Großmastsegel

aufzubrassen. Der Kapitän schaute von seinem Platz aus zu und rief

manchmal ein kurzes Kommando hinab in die Nacht, in der die Matrosen

arbeiteten.

Da auf einmal machte es: „Pßt, Kaptän! Kaptän, pßt!“ Eine flüsternde

Stimme: „Pßt, Kaptän!“ — „Wat, pßt, Kaptän?“ fragte Damm brummig. Er

wußte nicht, woher es kam. Aber plötzlich sah er Hinnerk erregt winken.

„Wat denn? Wat denn?“ fragte Damm und stand auf. Hinnerk zeigte in den

Salon hinab. Der Kapitän und Pirath traten leise aus der Dunkelheit auf

das Scheinleit zu. Hinnerk flüsterte: „Henry Tedge!“ und zeigte hinab.

Und sie sahen unten Tedge im Licht der Lampe im Salon dahinschleichen.

Er hatte einen Hammer in der Hand. Dann verschwand er in eine Ecke. Er

verschwand in der Ecke, wo der Schrank eingebaut war, in dem die

Schiffsapotheke untergebracht war und in dem der Chronometer gut

eingekapselt aufbewahrt wurde, der die Zeit des ersten Meridians, die

Zeit von Greenwich durch die Welt trug. In diese Ecke sah man nicht von

oben. Damm meckerte flüsternd: „He will sik det blaue Ooge

einbalsamieren!“

Sie hörten, wie der Schrank aufging, und auf einmal gab’s einen Schlag

und Splitter, und die Menschengestalt flog unter der Lampe vorbei. Damm

grölte auf. Er stürzte schwer auf das Kartenhaus zu, fiel donnernd die

Stiege hinab ... Pirath folgte ihm hastig und erschreckt. Sie fanden im

Schrank den Chronometer zertrümmert, und der Hammer lag inmitten von

Scherben und Messingstücken. Damm hob nur die Fäuste hoch. Er brachte

kein Wort heraus. Seine Lippen gingen auf und ab. Dann setzte er die

Rumflasche an den Mund und beruhigte sich. Er sagte nichts, zog aus

einer Lade einen Revolver heraus, aus einer andern eiserne Handschellen

und ging vorn aufs Mitteldeck und zum Logis. Pirath folgte ihm mit

fliegenden Adern.

Der Kapitän fragte nach dem Meister. Der Meister hob sich langsam aus

der Koje. Er war ein breiter starker Mann und sah aus wie ein

Fleischer. „Da hewt ji wat! Meister!“ sagte Damm, „$Come on!$“

Die drei gingen ins Logis. An einem Balken schwankte eine trübe Laterne

und warf die Schatten ihrer Stäbe regelmäßig über die Kojen und den

breiten Tisch. Am Tisch saß jemand. Der hatte den Kopf auf die Arme

gelegt und schlief. Sie erkannten gleich, daß es Tedge Hein war.

„Tedge!“ rief der Kapitän in der Tür, indem er auf den Schlafenden

zutrat. Tedge schien nichts zu hören. Der Kapitän rief nochmals lauter.

Da brummelte Tedge, erhob sich wie schlaftrunken und rieb sich die

Augen.

Da schlug der Kapitän von oben herab seine Faust wie auf einen Amboß

Tedge auf die Stirn. Der Matrose fiel widerstandslos nieder, stieß zwei

Stühle um und sank weiter auf den Boden. „Du Kriminal!“ stotterte der

Kapitän. Sein Gesicht war rot wie eine Feuersbrunst im Nachthimmel, und

in dem unveränderlichen Aussehen kalt und grausig. Er sagte zum

Meister: „Leg ihm die Handschellen an! Er hat den Chronometer

zerschlagen!“ Matrosen stiegen aus den Kojen, durch den Lärm

aufgeweckt. „Bleibt liegen, ihr Rotzfötter!“ brüllte Damm. Der Meister

legte dem am Boden Liegenden die Handschellen um. In den Kojen erhob

sich ein Gemurmel. Damm achtete nicht darauf. Er befahl, den Tedge in

eine der Segelkammern einzusperren. Dann ging er mit Peter achtern

zurück. Unterwegs, in der Finsternis, sagte er ihm: „Sie müssen jetzt

nachts immer die Koje schließen, wenn Sie schlafen, und stecken Sie

auch tagsüber einen Revolver ein.“

Das tat Pirath, und er sehnte sich mit brünstiger Gewalt nach dem süßen

Erdenfleck an der amerikanischen Küste, an dem er an Land dürfte.

Piraths Insel · 第 59 / 96 题