Empfehlung an den Direktor Föhr auf Java, seinen Freund ...“

Diese Aufzeichnung las Peter öfters. Von ihr ging ja sozusagen das neue

Gesicht aus, mit dem er jetzt schaute. Und wenn Peter diese

Aufzeichnung liest, in dem nach dem Tageslauf der Sonne wie von einer

fernen Kühle beatmeten javanischen Abend, in seinem leichten schönen

Haus an der Küste, dann lebt er wieder die langsame, qualvolle

Übergangszeit durch, die jenem Tag folgte. Nicht die Tat, die ihm den

Verlust von einhundertundfünfzigtausend Gulden und seine Sicherheit

brachte, rechnet er sich bös an, sondern die Ursache. Die Tat, ob gut

oder Sünde, ist heilig.

Ewe, von der im Grunde diese Tat ausging, ist in der Entfernung in ihm

sonderbar schön ausgereift. Im Verzicht, zu dem er sich endgültig

durchkämpfte, ist sie vom Zeitlichen befreit worden und ist gedanklich

groß und edel. Sie war ein Mensch, daß er hätte achtungsvolle Scheu vor

ihrem Geheimnis haben müssen, statt haltlosen Egoismus. Ihr Geheimnis

ist eine Erschaffungstat in ihm geworden, ein Prinzip, erfüllt mit

dunkler Notwendigkeit und Fruchtbarkeit.

Weil er menschlich an ihr gefehlt hatte, deshalb ist er dem Preller

unterlegen. Er spürt den Zusammenhang mit seinem innerlichen Erlebnisse

jenes Abends auf Zeylon als Fehl und Sühne. Eine katholische

Philosophie. Er dachte, so etwas sei ihm fremd. Aber es scheint, als ob

sich die katholische Erziehung von vor der Reformation her in seinem

Blute durchsetzte.

Wie Ewe, so trägt Peter auch Goed tief in sich vergraben. Beide liegen

in ihm wie ausstrahlende Radiumkörper. Sie sind erlebte zeitlose

Symbole geworden.

In seiner verwunderten Bewunderung vor dem Leben und der Philosophie

der Tausende von chinesischen Arbeitern, mit denen er auf Java zu tun

hat, ist er den Einrichtungen dieses Volkes nachgegangen und hat das

alte, das urhafte Zeichen des Jinjangs gefunden. Die Unerschaffenheit

der Welt war eine leere Scheibe. Allmählich entwickelten sich in ihr

zwei Lebewesen, zwei Keimzellen, eine männliche und eine weibliche,

eine positive und eine negative, ein Prinzip des Guten und eines des

Bösen, und diese beiden Prinzipien umschlangen sich zur

Fruchtbarmachung; die Welt entstand aus ihnen und besteht in ihnen

weiter. Überall, wo Chinesen waren, sah er die Zeichen des Jinjangs,

eine Scheibe, in der ein roter und ein schwarzer Fötus ineinander

geschlängelt liegen, wie zwei Körper beim Begatten. Die Elektrizität,

die sich vereinigt, wenn zwei gegensätzliche Strömungen, eine positive

und eine negative, sich treffen, war eine physikalische Betätigung

dieser uralten chinesischen Philosophie, dieser Philosophie, die alle

europäische Philosophie als spekulativen Wahn, als Spielerei auf

angenommenen, aber im Innern unbeständigen Werten verhöhnte. Das war

eine Philosophie, die so wahr war wie Musik. Man konnte ihr Körper

geben, die unmittelbar den Weg zum Dasein fanden.

Wie dieses Jinjangbild seiner chinesischen Arbeiter stand die

vorfrühlingshaft verwühlte Zeit in ihm, die eine war das Jin, die

andere das Jang, und die beiden hatten sich in ihm getroffen und ihn zu

seinem neuen Schauen und Leben fruchtbar gemacht.

Peter denkt sich dann auch aus, wie es sich in ihm dabei wiederholt

hatte, daß eine Katastrophe seine Selbstachtung, seinen Mut zerstört,

ihn zu einem armen zerzausten Vogel gemacht, aus dem Nest geworfen

hatte, daß er mitleidsweich, närrisch gegenstandslos wie ein Schlemihl

geworden, sozusagen ins Nichts geglitten war.

Und aus diesem Nichts, aus diesem wie verfluchten Brachboden waren ihm

dann neue und unerwartete Energien aufgesprossen. Er mußte sich, so wie

es bei Ree gegangen war, vom Bösen abhäuten, und erst nach dem Weg

durch diese Hölle war er wieder stark, war er wieder Ackerboden.

Das war es, was Hermann immer das Erbteil des alten Jens Peter nannte,

die Sturmsicherheit der Pirathen.

Peter hatte in der Zeit der Scham, nach Befreiung ringend, seinem

Bruder eine Darstellung seiner Katastrophe geschrieben. In dem Brief

war Hermann angefleht worden, das verlorene Geld auf Peters Konto zu

verrechnen. Sonst könnte er nicht geheilt werden. Hermann müsse Peters

Eitelkeit diese Konzession machen.

Auf diesen Brief hatte er noch keine Antwort.

* * * * *

Der Direktor Föhr war sehr entgegenkommend zu seinem Assistenten; er

behandelte ihn mehr als Gast. Er lud ihn ein, wenn Bekannte oder

Freunde kamen. Peter lernte viele Menschen kennen. Er trank auch im

Klub mit den Angestellten und den Besuchern und zog sich vor keinem

Fest zurück. Er stand mit allen andern mitten in der Daseinsart des

Betriebs. Aber er sah nicht mehr sich in jedem Fremden und hielt sich

zurück aus den Menschen. Er ließ jeden nach seiner Art leben und ging

nicht den Menschen, sondern dieser Art zu leben, nach. Dadurch gewann

er eine Ruhe des Überblickens, die er nie gekannt hatte und die ihn mit

einer stillen Sicherheit zu erfüllen begann.

Es kamen viele Menschen an ihm vorbei: Männer aller Arten, Gesetzte und

Abenteurer, Verlorene und Gerettete, Hilfesuchende und Verrückte, die

glaubten, die Tropen und die Pflanzung hätten sie durchaus nötig. Er

absorbierte alle diese Vorübergehenden. Furchtbare Schicksale erlebte

er aus nächster Nähe, er beschaute langsame und schnelle Aufstiege und

das mitleiderregende Stillstehen der meisten seiner Kollegen, die ihm

in besonderen Stunden erzählten, mit was für Erwartungen sie vor fünf

oder zehn Jahren die Heimat tauschen wollten. Er versuchte den kleinen

Wirrgängen der fremden Arbeiterseelen zu folgen und hatte beim

Schlichten von Streitigkeiten, wie sie oft zwischen Chinesen und

Javanern ausbrachen, ein ungewöhnliches Glück.

Was der Hauptadministrateur durch die Gewalt und Schlagkraft seiner

Persönlichkeit vollbrachte, das gelang Peter durch seine einfühlende

Art. Föhr sagte ihm einmal: „Sie haben eine so sonderbare Weise mit

meinen Arbeitern. Ich sah nie eine glücklichere Hand als die Ihrige.

Was ich mit meinen Muskeln kaum fertig bringe und was die Herren

Assistenten mit ihrem europäischen Dünkel und ihrer Nichtigkeit stets

versauen, das machen Sie ... ich weiß nicht wie ... nicht weich und

nicht energisch ... so selbstverständlich machen Sie das. Ich lass’ bei

solchen Konflikten ja auch den Arbeiter sehen, wie wichtig ich seine

kleine Sache nehme. Aber Ihnen gelingt es, den Mann zu überzeugen, daß

Europa nur nach Java kommt, um Streitereien zwischen Chinesen und

Javanern zu schlichten. Potz der Tausend, das ist eine neue Macht, die

Sie dem weißen Fell über das braune und das gelbe sichern.“

Während dieses Gesprächs fuhren sie im Auto Föhrs durch die Pflanzung.

Die Pflanzung bedeckte Land von der Größe eines deutschen Fürstentums.

Sie war in einige Bezirke eingeteilt, die A. B. C. hießen und von denen

jeder seinen Verwalter, seine bestimmten Assistenten und seine

Arbeitsbevölkerung hatte. In der Mitte eines jeden Bezirks lagen, wie

eine Insel, die Kolonie der Europäer und die Arbeiterhäuser, die

Barren- und Lagerräume. Föhr fuhr jeden Tag von Bezirk zu Bezirk. Er

hatte eine gottspielende Art des unerwarteten Überallseins. Er lenkte

sein Auto wie ein Akrobat über die engsten und holprigsten Wege und

schlang es durch Palmen hindurch. Er war milder zu den farbigen

Arbeitern als zu den europäischen Angestellten. Die Arbeiter vertrauten

auf ihn, die Europäer fürchteten ihn. Er behandelte die Menschen nach

der Achtung, die er vor ihnen hatte. Die Arbeiter und Arbeiterinnen

grüßten lachend oder verehrungsvoll, indem sie schon von fern den Hut

abnahmen und stehenblieben, die Europäer ergeben.

Als Föhr und Peter von der Fahrt zurückkamen und das Auto langsam um

eine Ecke in der Arbeiterniederlassung fuhr, kamen einige Mädchen

herangelaufen und riefen etwas. Föhr hielt an und fragte. Da trat eine

vor und sagte: „Der Assistent hat mich geschlagen!“ Sofort riefen die

andern aufgeregt: „Und mich auch! Und mich auch!“ Sie schrien

durcheinander. Föhr lachte und beruhigte sie. „Welcher Assistent?“

fragte er. Da sagten sie alle durcheinander: „Der da!“ und zeigten auf

Peter.

Peter war betroffen. Er sagte: „Was haben die Weiber? Es ist nicht

wahr!“

„Lassen Sie sie!“ sagte der Direktor lachend. Den Mädchen rief er zu:

„Es wird untersucht.“ Er ließ das Auto anspringen und fuhr weiter. Sie

waren gleich vor seinem Haus. Föhr bat Peter: „Essen Sie mit mir zu

Nacht.“

Sie sprachen dann über die Beschuldigung. Sie war Peter ein Rätsel. Er

behandelte alle Leute stets mit großer Milde und Ruhe.

Der Direktor lächelte und sagte: „Es ist die Aufregung nicht wert.

Seien Sie nur ruhig. Wir bekommen schon heraus, was da los ist.

Irgendeiner scheint da gehetzt zu haben. Kennen Sie die Mädchen?“

fragte er plötzlich.

Piraths Insel · 第 47 / 96 题