Ein brauner Kellner lief auf nackten Füßen eilig herbei, verbeugte sich
und wiederholte: „$One pieci Champain more!$“ und eilte davon zum
Getränkboy. Der Getränkboy kam, verneigte sich und sagte: „$One pieci
Champain more!$“ Der Holländer fuhr ihn an, indem er eine Bewegung
machte, als ob er ihm eine Ohrfeige verabreichen wollte: „$Oh! you ...
me talki, quick you swine!$“ Der Boy eilte davon.
Goed wandte sich wieder an Peter: „Dat Geschäft slag ik voor, dat is
guud und is grot; da können Sie wat maken. Op de ‚Bülow‘ hebb ik Ihnen
die Kartchen und die Prospectus gezeigt ... maken Sie nu, wat Sie
wollen. Aber natürlich, ik mut een Geschäftche dabei maken und, wie
seggt man, Abfindung bekommen. Ik nehm niet viel. Sie weeten, ik heb
$intérêt$, dat unsre Kolohnjen hoch gehen und ik heb lever Duitschers
darin und keene Englishmen und keene Yankees. Ik nemm drei Prozent.“
Da fuhr es Peter durch den verdunkelten Kopf, daß Ewe etwas von
Haifischen gesagt hatte. „Ich will nichts von dir erfahren!“ sagte er
aufbegehrend zu sich selber. „Was willst du von mir? Du! Wer bist du?
Wohin fährst du denn ... aus meinem Bett heraus ... wohin?“
Er richtete sich ein wenig auf, sah Goed leidenschaftlich an und sagte:
„Ich will!“
Sie schrieben einen provisorischen Vertrag; als Peter die Füllfeder
Goeds zur Unterschrift ansetzte, sagte er sich: „Ich bin betrunken!“
Einen Augenblick, während er den Namen schon zur Hälfte geschrieben
hatte, wollte er das Papier zerreißen und davongehen. Dann sah er aber,
wie glatt er die Feder führte. Er war klar bei Sinnen. Er machte seine
erste Tat.
Die drei tranken weiter. Nur Speecht hielt zurück. Auf einmal war er
verschwunden. „De Belgier, he is so klein. Ik seh nich, wenn er geht!“
lachte Goed. Nach dem Champagner setzten sie sich in die Halle und
tranken abwechselnd gemischte Schnäpse und dazwischen Whiskysoda. Goed
war betrunken, und als er aufstehen wollte, fiel sein schwerer Körper
über einen Stuhl. Hilfbereit sprangen drei nacktfüßige Boys auf ihn zu.
Er hatte sich aber schon aufgerichtet und stieß mit dem Fuß nach ihnen.
Er brüllte ihnen unflätige Schimpfworte zu und verfolgte sie torkelnd
aus der Halle.
Je mehr Peter trank, um so mehr fiel die Wirklichkeit aus ihm. Er
erinnerte sich auf einmal, daß Ewe gesagt hatte: „Laß dein deutsches
Gewissen draußen.“ Da schimpfte er bei sich: „Hat sie denn ein
Gewissen? Was ist sie denn? Wohin ist sie denn gefahren, aus meinem
Bett heraus? Gewissen! ...“ Peter war nun allein am Tisch. Goed war
davon. Die Halle war leer. Nur hinter der einen oder anderen Säule
stand in weißem über die Hose hängenden Hemd einer der braunen Boys.
Sie schauten alle wortlos auf Peter und flogen wie Geister, wenn er
rief. Er trank weiter. Er trank, bis sein Blut so schwer war, daß er
auf dem Stuhl einschlief. Nur über seinem Tisch brannte noch ein Licht.
Dann kam der deutsche Geschäftsführer, weckte ihn sanft auf und bot ihm
seinen Arm. Peter sagte: „Ewe!“ und ging schwer an der Seite des
Fremden bis in sein Zimmer. Zwei braune Diener halfen ihm beim
Auskleiden, und kaum lag er im Bett, so raste er aus sausenden Kreisen
heraus, die sich erst allmählich beruhigten, in einen Schlaf von Blei,
Moor und stählerner Hitze.
Peter schlief bis in den tiefen Morgen hinein und erwachte aus schwerem
Traum, krank, geschlagen, voll Scham und Angst.
Goed erwartete ihn schon in der Halle. Speecht zeigte sich nicht. Goed
sprach kein Wort von der Trinkerei. Sein Kopf war rot und seine Augen
klein und flackerig. Sie besprachen das Abkommen, das sie gestern
getroffen hatten, und Peter beschlich der beunruhigende Wunsch, er
hätte nicht solcher Laune nachgeben und eine so bedeutende Summe
herauswagen sollen. Wenn auch Goed ein einflußreicher und mächtiger
Mann war!
Aber er war kleinlaut mit seinem müden, kranken Blut. Er brachte
schnell die Angelegenheit in Ordnung und fuhr dann mit dem Auto davon.
Er wollte zu den großen Teepflanzungen nach Matebe. Er wollte arbeiten.
Sein Kopf stach ihn. Es fieberte ihn durch Adern und Nerven. Er warf
sich ungeduldig im Wagen hin und her und preßte sich dann mit Gewalt in
eine Ecke. Er befahl sich Ruhe an und wollte immer wieder seine
Gedanken zu seinem Unternehmen zurückzwingen. Er griff wie hilfesuchend
an seine Seite und griff auf einmal ins Leere. Aber der leere Sitz
hatte einen leichten Duft von Ewe behalten, und wie ein Kartengebäude
stürzte es in ihm zusammen. Er wollte nicht fahren. Er wollte liegen
und schlafen ... oder baden? ... oder trinken? Er befahl dem
malaiischen Chauffeur zum Gall Face zurückzufahren.
In der Tür stand Goed.
„De ‚Koning‘ kommt $to day$. Depesche! Ik fahre nach Deli.“
Da war Sumatra Peter plötzlich wie eine Rettung vor der Leere, die er
überall um sich vom Dufte Ewes erfüllt spürte, und er sagte rasch: „Ich
fahre mit.“
Goed zögerte ein wenig. Sie hatten besprochen, daß Peter in acht Tagen
nach Deli käme. Goed hatte ihm gesagt: „In mijn huis wohnen Sie und
mein $motorcar$ fährt Sie durch Sumatra.“ Jetzt sagte er langsam: „$All
right, as you like.$“
Peter bat den Manager durch einen Boy, seinen Koffer packen zu lassen.
Er fuhr zur holländischen Agentur und ließ sich eine Passage nach
Belawan geben. Der Dampfer fuhr direkt nach Sabang und Belawan.
Der „Koning“ verließ am späten Nachmittag Kolombo. Peter sah Goed noch
den Steg heraufkommen. Aber er wollte allein sein, mußte allein sein
und stellte sich in seiner Kabine ans Fenster. Langsam sank der Hafen
zurück. Das rote Gall Face erschien, Palmen am Strand, Erinnerungen,
die ihn erdolchen wollten; er kämpfte mit sich, rasend und stark,
Kolombo verschwand hartnäckig langsam, und als nichts mehr wie Meer vor
dem Fenster blaute, in der eiligen Dämmerung weich beflort sich maßlos
ausdehnte, da war es erst recht voll Melancholie um ihn. Er wandte sich
zurück und ging hinauf ins Rauchzimmer. Es überfiel ihn die Versuchung,
wie gestern abend zu trinken, zu trinken, bis sein Blut so moorig
schwer würde, daß die Wirklichkeit von ihm sich erdrücken ließ. Aber er
spürte den Alkohol noch in seinen Adern bohren, sein Mund hatte einen
solch klebrigen, widerwärtigen Geschmack behalten, daß es ihn grauste.
„Unappetitlich!“ flüsterte er der Versuchung zu. Er bestellte einen
schwarzen Kaffee und rauchte eine große Havanna dazu. Goed ging durchs
Rauchzimmer, grüßte und schritt zur andern Tür hinaus.
„Was hat der denn?“ fragte sich Peter. Dann lächelte er: „Er schämt
sich seiner Besoffenheit von gestern.“
Aber bei der zweiten Begegnung mit Goed ging es nicht anders. Der
Holländer saß mit flackrigen Augen da, sprach nicht, gab kurze
mürrische Antworten und brutalisierte die Bediener. Peter zog sich von
ihm zurück.
Am vierten Morgen fuhren sie zwischen Mangroven dem Kai von Belawan zu.
Goed ging auf dem Deck hin und her, hastig und wie aufgestört. Seine
wurzelhafte Ruhe war hin. Er hatte einen großen Panama auf und rauchte
Zigaretten ohne Unterlaß. Auf dem Kai stand ein junger Mann und ein
Mann mit einem großen Vollbart. Die winkten Goed zu und holten ihn dann
ab. Man mußte durch den Zoll, dann über eine feuchte, verfilzte Straße,
Belawan war in einen Mangrovenmorast gebaut, zum Bahnhof. Goed kümmerte
sich nicht um den ortsunkundigen Pirath. Er war verschwunden. Die
malaiischen Zollbeamten sprachen Deutsch und zeigten Peter den Weg
hinter seinen Gepäckträgern her.
Erst im Zug sah Peter Goed wieder. Goed lag tief in einem Sessel in der
Ecke des Wagens. Neben ihm saß der junge Mann. Der mit dem Bart saß von
beiden entfernt. Einige vornehme alte Chinesen in seidenen Kleidern mit
großen goldenen Brillen und breiten Manilahüten begrüßten sich mit
edler Höflichkeit. Ihr fremdes und schönes Benehmen lenkte Peter von
Goed ab. Die Fahrt bis Medan dauerte nur drei Viertelstunden. Am
Bahnhof trat Peter auf Goed zu und fragte ihn: „Welches Hotel ist das
beste in Medan?“
Goed antwortete: „Der Herr von der Linden“ (er stellte damit den jungen
Mann vor) „seggt mir, dat ik keen Chauffeur hebben kann, weil het
javansch $new year$ is. Nemme Sie een Sados. Wohne Sie im Hotel de
Boer. Het is dat best in Medan.“
Er gab Peter die Hand und sagte: „Ik seh Sie ja wohl noch in Medan!“
und ging.
Peter blieb verblüfft stehen und schaute ihm nach. Dann ärgerte er
sich: „Wart, mein Lieber, dich krieg ich noch!“ sagte er beleidigt. Er
fuhr ins Hotel de Boer. Er schrieb auf einen Bogen: „Liebe Ewe! Ich bin
unglücklich und unlustig. Ich konnte nicht mehr auf Zeylon bleiben und
bin in Medan, Hotel de Boer. Wo bist Du? Erreicht Dich dieser Brief?“
Er brachte den Brief zur nahen Post. Er ging früh zu Bett.
Als er am nächsten Morgen frühstückte, wunderte er sich, daß Goed noch
nicht nach ihm fragen gekommen war. Es war schon halb elf. Eine
sumpfige Hitze strich über den großen Platz und auf die Terrasse vor
dem Hotel herüber. Peter sah im Schatten von Bäumen braune Männer
hocken, und jenseits gingen zwei weiße Europäeranzüge davon. Ab und zu
lief ein chinesischer Kuli mit einer Rickscha vorbei. In jeder Rickscha
saß ein weißgekleideter Europäer, der sich vor der Hitze unter dem
Tropenhut zusammenduckte. In keiner Rickscha saß der große Körper
Goeds.
Die Mittagsstunden vereinsamten den Platz und das Hotel vollständig.
Peter sagte sich: „Man kann es Goed nicht verübeln, daß er diese Hitze
meidet.“ Er legte sich ins Bett und schlief bei geschlossenen Läden
ein. Im Garten schrien Grillen und Vögel. Über die Decke liefen kleine
graugrüne Eidechsen und jagten Mücken. Eine Eidechse stürzte herab und
weckte Peter. Das Tier fiel auf seinen nackten Hals und kribbelte
entsetzt davon. Erschrocken stand Peter auf. Er klingelte. Ein kleiner
nacktfüßiger Malaienjunge kam. Peter fragte nach Goed. Der Junge
verschwand und brachte dann einen Zettel, auf dem auf englisch stand,
Mr. Goed sei nicht dagewesen.
Als Goed auch am nächsten Tag nichts von sich hören ließ, entschloß
sich Peter kurz, erkundigte sich, wo er wohnte und fuhr in seiner
Rickscha hin. Er kam in eines der üblichen Kolonialhäuser. Es sah etwas
schmutzig aus. Peter ging auf die Veranda hinauf, ins Vorzimmer. Es
schien kein Mensch in dem Haus zu wohnen. Er klatschte in die Hände. Da
kam ein dickes junges weißes Mädchen. Es hatte verweinte Augen und
sprach nur Holländisch. Es zeigte nach hinten und sagte dazu: „Mijnheer
Goed!“ Peter durchschritt noch einen Raum, der nach hinten auf eine
kleine Terrasse ging. In dem Raume saßen nebeneinander auf dem Boden
drei strohblonde bleiche Kinder und weinten, und Peter sah durch die
breite offene Tür auf einen Tisch, an dem Goed hockte. Der schwere Mann
saß weit über den Tisch gebeugt. Es standen zwei Flaschen und ein
leeres Glas vor ihm, und er stierte auf einen alten malaiischen Diener,
der gegenüberstand. Auf einmal schoß der schwere Körper in die Höhe,
eine Hand ergriff eine der Flaschen und warf sie nach dem Malaien. Der
Malaie bückte sich. Die Flasche flog an eine Säule und zerschellte.
Peter hörte hinter sich die Kinder aufweinen. Er war schon in die Tür
getreten, und Goed hatte ihn gesehen. Der Holländer stand krumm über
den Tisch gebeugt und schaute ihn mit seinen kleinen flackrigen Augen
stier an. Dann sagte er, als ob plötzlich ein Unwillen ihn packte und
er gleich auf den Besucher losstürzen wollte:
„Ach Sie! Sie!“
„Ja! Sie kommen nicht ins Hotel, so komme ich zu Ihnen!“
Da hob sich Goed vom Tisch los, lachte und kam auf Peter zu. Der
bemerkte jetzt erst, daß der Holländer betrunken war. Goed war
plötzlich gesprächig und liebenswürdig. Er schob Peter das Zigarrenglas
hin, ließ ein Trinkglas kommen und setzte sich wieder. Plötzlich rief
er: „Aantje!“
Das dicke holländische Mädchen kam widerspenstig in die Tür. Goed
lachte ihr zu: „$Come on!$“ Das Mädchen zögerte. Goed lockte mit
freundlicher Stimme: „Veroorlof mij, dat ik U aan mijnheer Pirath
voorstelle ... dat ist die liebe Erzieherin meiner Kinder!“ wandte sich
Goed an Peter. Das Mädchen verlor den widerspenstigen, mißtrauischen
Zug im Gesicht, kam heran und reichte Peter die Hand. In diesem
Augenblick schlug Goed ihr in weitem Schwung klatschend auf den bloßen
Fettnacken. Sie kreischte zurück. Goed lachte närrisch und fiel in
seinen Stuhl. Peter sagte sich: „Welch sonderbares Spiel!“ Er hörte die
drei Kinder und die Erzieherin weinen. Er schaute Goed an. Sein Gesicht
war rot gedunsen und die Augen voll Feuer. „Trinken Sie!“ sagte Goed.
Aber das Sodawasser war warm. Peter ließ den Whisky stehen. Goed goß
ihm wieder ein. Er sah nicht, daß das Glas noch voll war. Auch sich goß
er ein und rülpste auf. Peter verzog das Gesicht. „Schmeckt es U niet?“
fragte der Holländer. „Daran moet U sik gewoonen in den Kolohnnijen!“
fügte er barsch hinzu. Peter warf ihm in Gedanken „Schwein!“ hin, stand
auf und sagte: „Adieu.“
„Was fang ich mit dem besoffenen Menschen an?“ sagte er sich. „Ich komm
lieber morgen noch einmal.“
Am nächsten Vormittag kam Peter um dieselbe Zeit. Sein Kuli legte
gerade die Deichseln der Rickscha nieder, als er bemerkte, daß Goed im
Begriff war, in eine andere Rickscha zu steigen. Er sah, wie Goed den
Fuß hob, den Tritt verfehlte und stolperte. Da schlug der Holländer dem
kleinen Chinesen seine Faust roh in den Rücken. Der Chinese schaute
stumpfnasig auf, wie rätselhaft unbeteiligt an dem Schlag. Goed
schimpfte: „$Bloody, bloody!$“ ... Peter sah, daß er wieder betrunken
war. Aber er wollte ihn diesmal nicht entwischen lassen. Goed stieg,
ohne Peter zu sehen, schließlich ein, der Chinese wollte anziehen.
Peter rief: „Stopp, stopp! He! Herr Goed! Herr Goed!“
Der Holländer drehte sich umständlich um. Er sah Pirath und zuckte mit
dem Arm auf in einer abschüttelnden Bewegung. Er rief nach hinten: „Sie
hebbe ja Ihre Aktie.“ Er stieß mit dem Fuß den Kuli ins Gesäß und
brüllte: „$Go on, quick, bloody$ ...“ Der Kuli huschte davon. Peter
stand da und schaute nach. Goed drehte sich nicht mehr um.
„Und die Atjeh Exploration Co.! Und meine Palmen! Meine einundfünfzig
Prozent Aktien!?“ fragte sich Peter und war zuerst mehr erstaunt über
diesen Mann als geängstigt. Aber rasch stellten sich dann die Bedenken
ein, wie es um seine Aktien stehe, und er dachte an Ewe, als er in der
Rickscha zum Hotel zurückfuhr.
Er wollte sich über Goed gleich Gewißheit verschaffen. Er hatte ein
amtliches Empfehlungsschreiben an einen deutschen Konsul. Das suchte er
hervor. Er wußte ja nichts von Sumatra, weil er von den Straits gleich
nach Java fahren wollte. Mit diesem Schreiben suchte er den deutschen
Konsul in Medan auf und schickte es mit einer Visitenkarte ins Büro.
Ein liebenswürdiger eleganter Herr kam im Kontor auf ihn zu, stellte
sich vor als Konsul Behnke und bat ihn, mit in sein Arbeitszimmer zu
kommen. Er reichte ihm das Zigarrenglas und schaute ihn fragend an.
Peter erklärte, weshalb er das Schreiben an den fremden Konsul benützt
habe.
Der andre sagte: „Ihre Firma ist uns ja nicht unbekannt. Sie sind auch
so empfohlen.“
Dann ging Peter gleich gegen Goed vor und fragte: „Kennen Sie einen
Herrn Goed, der Administrator der Tanadjava Rubber Co. ist? ...“
„War!“ unterbrach der andre.
Peter erschrak. Er sah fragend auf.