Da sagte Ewe fest: „Das ist nicht wahr, Peter!“

Aber Peter hatte im Augenblick, wo ihm diese Worte aus dem Mund kamen,

auch gedacht: Das ist nicht wahr! Und in einem plötzlichen heißen

Umschwung wurde es weich und lind in seinem Herzen. Er wandte sich ab

und sagte leise: „Nein, Ewe, es ist nicht wahr. Du warst mir

Glückseligkeit. Ich hab von dir und dem einen Monat mehr gehabt als von

meinen ganzen vergangenen fünfunddreißig Jahren.“

Sie bat ihn, er möchte sich wieder niederlegen. Er legte sich aufs Bett

und nahm ihre Hand und küßte sie heiß und verehrungsvoll. Dann schob er

sie unter seinen Kopf und schloß die Augen, um die Formen des

verflossenen Glücks vor sich aufschreiten zu sehen. Ewe sprach sanft

und leis zu ihm. Sie drehte das Licht aus. Sie ließ die Hand unter

seinem Kopf liegen. Sie hörte, wie ungestüm vor den Fenstern die

Brandung mit der Erde kämpfte. Sie hörte, wie die Grillen eisern in die

Nacht hinein lärmten und wie der Ventilator fast lautlos rundum surrte.

Sie wachte und dachte dran, daß ihr nichts so Schweres im Leben

begegnet war, wie dies eine „Muß“ auf Kolombo, und das Blut strömte vor

unglücklicher Zärtlichkeit zu der Hand hin, die den lieben schweren

Kopf auf sich liegen hatte. Und währenddessen wälzten die furchtbaren

Schicksale von Frauengenerationen durch ihre Gedanken, die in

Deutschland, Kanada, auf einem der großen Holzwerke bei Chikago mitten

aus dem kräftigsten und fruchtbarsten Frauentum von plötzlichem

Verfolgungswahn hinweggemäht wurden, Schwestern, Mutter, Großmutter,

Urgroßmutter ... und verzweifelte Männer erschienen in den

schrecklichen Gedanken und Kinder, die nur dem Fluch der Familie ihr

junges Leben entgegenlebten, und die Absicht, als letzter weiblicher

Leib dieser Rasse ein Ende zu setzen.

Währenddessen überwältigten müder Schmerz und weher Schlaf den Mann,

und im Kopf, der auf der kleinen weißen Hand lag, zogen rohe, qualvolle

Träume zu Hauf.

* * * * *

Am nächsten Abend war Peter allein auf Kolombo. Er ging, saß, lag, las

ruhelos umher und fluchte seiner Einsamkeit. Er trank viel. Er wollte

Goed suchen oder wenigstens Speecht. Aber keiner der beiden ließ sich

sehen. Peter fragte unruhig immer wieder nach. Auf einmal, kurz vor dem

Nachtessen, sah er Speecht eilig die Halle entlang herbeistürzen.

Speecht setzte sich zu ihm, rieb sich die Hände und sagte: „Fein, daß

Sie nicht abgereist sind.“

Peter sagte entgegenkommend, glücklich, nicht mehr allein zu sein:

„Mrs. Haug ist ja allein gereist. Ich bleib noch acht Tage hier. Hab

noch im Innern zu tun.“

„So zu tun. Unangenehme Geschäfte im Osten. Aber die können Gold

bringen. Übrigens, Herr Pirath, ich hab sie!“ lächelte der Kleine und

klopfte auf seine Brusttasche.

„Was haben Sie?“

„Na, ich erzählte Ihnen doch gestern, Aktien von Goeds Gesellschaft.“

„Ach ja, ich sollte mich doch auch einmal darum kümmern. Mr. Goed

sprach nicht mehr davon ...“

„Ja, aber ob er noch welche hat?“ machte Speecht bedenklich.

„Ich kann ja mal fragen.“

„Er kommt heute erst nach Tisch. Er ist beim Direktor der Chartered

Bank eingeladen. Goed hat kolossale Verbindungen. Und eine Hand, eine

Hand, wie ein Croupier in Monako.“

Speecht lachte.

Sie sprachen allerlei nebensächliche Dinge, während in Peter die

Geschiedene langsam ein neues Leben begann. Er haßte sie und

überschüttete sie mit brennender Sehnsucht zugleich. Aber ganz im

Innern dachte er, hinter ihrem Geheimnis stünde nur Zeit, es zu lösen,

und er käme nicht bis Sydney, ohne von ihr einen Brief zu bekommen, daß

alles geordnet und nichts ihrer Vereinigung mehr im Wege wäre. Dieser

Trost schwebte wie ein ferner wohliger Klang durch alle seine

Vorstellungen.

Um zehn Uhr kam Goed.

„Ik weet schon durch den Manager, daß Mrs. Tschikaügoü allein afreist

ist,“ rief er Pirath zu.

Diese Begrüßung und der Name, der aus einer Zeit stammte, da er nichts

von ihr wußte, als daß ihn ein dunkler Wunsch ihr verband, machte Peter

erschrecken und wühlte auf einmal wieder die mühsam beruhigten

Leidenschaften auf. Goed setzte sich nieder. Er ließ eine Flasche

Champagner kommen und lud Pirath und Speecht dazu ein. Peter trank heiß

und leidenschaftlich. Die Unruhe seiner Nerven ließ ihn das Glas immer

wieder nehmen. Er bestellte eine zweite Flasche, Speecht die dritte.

Sie machten noch eine Runde auf diese Weise. Peter trank immer

begehrlicher. Sein Blut wurde milder dabei.

Sie sprachen über Pflanzungen, die er besucht hatte, über Geschäfte,

und Speecht klopfte sich kindlich lachend auf die Brusttasche.

„Wat hebben Sie an Ihrem Herzen?“ fragte der Holländer.

„An meinem Herzen hebb ich die Atjeh! lieber Goed.“

Goed wandte sich an Peter: „Den Speecht war et niet te heet. Er koofte,

die Sie bekomen sollten!“

Piraths Insel · 第 39 / 96 题