Jeder ging in seine Kabine, sich Gewalt antuend, mit Schmerzen die
begehrenden Blicke voneinander reißend. Und sobald sie einander
verschwunden waren, stürzte, wie ein verfluchtes Tosen, die verlangende
Verlassenheit, die Sehnsucht über sie hernieder.
Peter träumte in dieser unruhigen Nacht gegen Morgen einen
entsetzlichen Traum um Ewe ... Er war mit ihr in einer dunstigen und
zotigen Gesellschaft. Jeder faßte nach ihr. Sie quiekte auf, und er war
todunglücklich und verdammt und weinte vergeblich. Aus einer Ecke
dämmerte ein riesenhafter Gorilla auf. Der schlug mit den langen
Fingern den Takt zu Peters Weinen und zu einem Tanz, in dem Ewe sich
von ihm loslöste. Er sah, der Affe wollte Ewe haben. Der Affe zog die
Nase hoch, so daß die Spitze in die Höh stand, als ob ihr Rücken zu
klein sei. Er kam näher auf Pirath zu, immer näher. Er war kolossal wie
ein Berg und war doch der Obermaschinist Bissinger, und kam heran wie
eine Lawine. Pirath wich zurück. Er war wie angeschmiedet. Und der Affe
fiel über ihn her und hatte ein Instrument in der Hand. Damit wollte er
Pirath in den Mund fahren. Aber Pirath hielt sich den Mund fest zu und
schrie hinter seinen beiden aufgepreßten Händen furchtbare tote
Schreie, die keinen Laut annahmen.
Da stieß der Affe ihm das Instrument in die Nase. Es war mit Unrat
gefüllt, und Pirath erkannte nun, daß es eine kleine Saugpumpe war. In
einem verzweifelten Sprung warf er sich aus dem Traum; schweißgebadet,
gemartert sprang er aus dem Bett und erinnerte sich plötzlich, daß er
am zweiten Tag der Reise dem Obermaschinisten auf einem Briefbogen von
Jens Pirath Söhne eine Pumpe aufgezeichnet hatte, die Pirath für die
Arbeit an seiner Zentrifuge gebraucht hatte. Der Traum hatte dem
anonymen Schmutzbrief Gestalt gegeben und zugleich die kleine
Erinnerung mit aus der Tiefe aufgewühlt.
Pirath schrie: „Also der ...! der!“ Er lief im Schlafanzug auf das Deck
hinaus. Es war schon hell. Die Wut drosselte an seiner Kehle. Ich
schlag ihn! Ich stoß ihm die Faust ins Gesicht! rasch! hundertmal! Wie
einen Kolben. Der Dreckskerl! Ich würg ihn, daß sein Schweineblut ihm
aus der Nase spritzt! ... Pirath lief aufgeregt auf dem Sonnendeck
herum. Ich geb dem Kapitän den Brief. Der Gesellschaft ... Nein, ich
will nicht, daß Ewe in einen so dummen Schmutz gezogen wird. Es ist
empörend! Man kann sich gegen so was nicht wehren. Was ist das denn für
eine Welt! Gerade wie damals zu Hause. Dort eine Stadt. Jetzt ein
Dampfer. Auch eine Stadt. Werden denn Menschen im Zusammenleben zu
gemeinem Viehzeug? Alle die blöden Anspielungen dieser Tage! ...
Da kam Ledinski und blieb grüßend stehn. Peter gab ihm die Hand und
sagte heftig: „Ich geh mit Ihnen auf Ihre einsame Südseeinsel. Da
gibt’s keine Menschen!“
„Ja, ja!“ machte der Amtmann. „Weshalb sind Sie an so frühem Morgen
schon so menschenfeindlich, daß Sie auf einmal die Insel so schätzen?“
„Ach, ich hab ... da! Lesen Sie! ...“ Er riß den Brief heraus, den er
am Abend in den Schlafanzug gesteckt hatte. „... Ich bin so aufgeregt.
Lesen Sie! Ist das nicht eine Schweinerei?!“
Der Amtmann las rasch und ruhig und gab das Papier zurück. Er zuckte
mit den Schultern.
„Das ist das Leben an Bord!“ sagte er. „Man liegt sich zu nah auf der
Haut und verträgt sich bald nicht mehr. Man hat keine andere
Beschäftigung, als den Widerwillen zu pflegen, den man gegeneinander
empfindet. Wenn das Geschwür aufbirst, dann geht das da, dieser innere
Schmutz, mit auf. Zerreißen Sie den Wisch und vergessen Sie ihn.“
„Ja, das ist wahr,“ antwortete Pirath. „Ich zerfetz ihn ...“ Er riß das
Papier in kleine Fetzen und warf sie in den Wind übers Meer. „Aber ich
kann’s nicht vergessen ...“ Er schaute an sich herab. „Bin ich nicht
mit Dreck besabbert? Ich fühl’ mich verunreinigt.“
„Seien Sie klug!“ sagte der Amtmann nur und zuckte die Schultern.
Daß ein Mann diese Angelegenheit so nebensächlich behandelte, beruhigte
Pirath. Er sagte sich: „Wer weiß, ob es der Maschinist war? Er kann das
Blatt abgerissen und fortgeworfen haben, und ein andrer nahm es.“ Daß
nun keine leibliche Gestalt mehr hinter dem Unflat stand, milderte den
Eindruck und schwächte ihn nach und nach. Zu Ewe sprach er nicht von
dem Brief. Kolombo winkte schon. Morgen werden sie für sich sein,
allein, Mann und Weib!
* * * * *
Es war einen Monat älter in der Welt geworden. Kolombo war morgen aus.
Am ersten Abend hatte Ewe im Gall Face Hotel gesagt, als sie noch im
Staubmantel und Hut war, und die Koffer, verschlossen und unbekannt,
durcheinander standen: „Wir machen uns einen Monat zum Geschenk. Wir
nehmen den Monat, der heut beginnt, und schauen und fragen nicht links,
nicht rechts, nicht hinter uns, nicht vor uns und geben ihn unserm
Leben. Gib mir deine Hand drauf!“ ... Dann erst packten sie aus und
hängten ihre Kleider durcheinander in die Schränke.
Wenn Peter manchmal im Verlauf der vier Wochen sich um das zu kümmern
anfing, wie dieser Beginn ihrer Zeit dauernd für sie werden sollte, so
sagte Ewe lachend: „Laß dein deutsches Gewissen vor der Tür, wenn du zu
mir kommst. Wir haben unsern Vertrag beim Einzug gemacht. Komm, wir
gehen auf unsre Veranda und werfen es ins Meer ...“
Sie zog ihn mit, griff in seinen Kopf und warf das Gewissen hinab, wo
die Dünung am Fuß von Palmen schallend und brausend mit dem Ufer
kämpfte und der Sonnenleib stets eng und gewaltvoll auf der Erde lag,
wie ein ungeheurer Begatter.
Sie waren in den vier Wochen viel ins Innere hineingefahren und hatten
zusammen unermüdlich den Betrieb der Pflanzungen studiert. In langen
Gesprächen waren sie mit ihrer noch frischen europäischen Straffheit
nachher in ihren Räumen oder unterwegs im Auto das Gesehene
durchgegangen und hatten Verbesserungen besprochen. Sie führten ein
gemeinsames Tagebuch, in das Peter all ihre Unternehmungen und
Gespräche gewissenhaft in einem Notizstil buchte. Oft vermerkte Peter
zum Schluß etwa folgendes: Dies herausgefunden von Ewe, deren
geschmeidige Klugheit mich Dummkopf melancholisch macht. Oder: Von dem
ebenso gescheiten und erfahrenen wie schmalen und schönen Kopf Ewes
entdeckt. Sie schrieb dann eine zärtlich spöttische oder verliebte
Bemerkung dran.
Nach dem Nachtessen in dem maurischen Speisesaal, in dem in dieser
Jahreszeit sehr wenig Gäste aßen und zahllose Maschinchen die
Luftfächer umherwarfen, spazierten sie eine Weile am Strand. Der
rothaarige Herr Backhaus wohnte auch im Gall Face. Er war der einzige
Mensch, den sie hier kannten. Sie sahen ihn selten. Er ging immer zu
Fuß, einerlei ob es kühl am Abend oder brühend am Mittag war. Alle
Europäer fuhren in Rickschas, Pferdewagen, Autos ... Backhaus ging
immer zu Fuß die roterdige und baumlose Esplanade hinunter, die das
Hotel von der Stadt trennte, und die Eingeborenen schauten ihm
geringschätzend nach. Ging das Paar an ihm vorbei, wenn er einmal in
der Halle saß, so las er stets in seinem Buch. Sie sprachen selten mit
ihm. Backhaus selber mied ebenfalls die Gelegenheit, mit dem Paar
zusammenzutreffen.
Sie hatten eine kleine Flucht von Räumen gehabt, mehr als notwendig
gewesen wäre. Aber sie hatten sich darin unbeschränkt gefühlt wie in
einem eignen Haus, und wenn sie nachts vom Meer heraufkamen, drehten
sie alle Lichter an und setzten sich in die offene Veranda, die sie
dunkel ließen.
Dann begann ihre Nacht über sie herzubrausen. Aus des einen Blut toste
es wie mit Untergang bringender Gewalt durch des andern Blut.
Wasserfälle! Die Dünung des Meeres donnerte über ihre Nacht, als deckte
sie sie vor der Menschheit zu. Es war dann zwischen ihnen, als ob zwei
sich feindliche Klimas ineinander stürzten. Das geschah in
Katastrophen, die in dunkeln Leidenschaften erdbebten und in denen die
Lust vor Melancholie brüllend sang.
Kolombo war eine Zeit gewesen, die eine mühe- und hemmungslose
Aufteilung zwischen Sehnsucht und Gewähren, Spannung und Traum, Arbeit
und Gemüt in sich gefaßt hatte.
Morgen war sie vorbei.
Peter wußte, daß sie morgen vorbei sein sollte. Aber er nahm es leicht:
Er glaubte es nicht. Er wußte, daß Ewe eine Schiffspassage bis Hongkong
hatte und daß er selber noch auf Kolombo bleiben sollte. Aber er
belächelte das. Bevor sie an diesem letzten Abend zum Nachtessen
hinabgingen — Ewe trug ein Kleid aus taubenblauer alter chinesischer
Seide, die mit Blumen und Vögeln in $à-jour$-Rändern durchwirkt war —,
kam sie auf Peter zu, legte ihre Arme um seinen Hals und schaute ihn
an. Nach einer Weile sagte sie lächelnd: „Morgen!“ Aber ihr Lächeln
hatte etwas von der Härte eines Steins.
Peter lachte fröhlich auf: „Halt deinen süßen Mund!“ sagte er und zog
sie mit zur Tür. Sie gingen eingehängt die breite Treppe zur Halle
hinab. Es war noch eine Viertelstunde zu früh zum Essen, und sie
setzten sich an eines der Tischchen im Fenster und tranken etwas. Ewe
war von einer hektischen Gesprächigkeit. Peter fand sich jedoch nur wie
unter dem Bewußtsein erregt. So ziehen sich hinter der Bergwand die
Gewitter zusammen, die der Talbewohner nicht früher sieht, als bis sie
sich über sein Haus entladen.
Da hörten die beiden auf einmal eine Stimme vor sich: „$O well!$
Herrschaftchens! $How do you do?$“
Sie fuhren erschrocken auf und sahn Goed. Er hielt ihnen seine beiden
Hände hin.
„Noch immer in Kolombo?“ fragte er.
Ewe erholte sich zuerst und fragte dagegen: „Ich denke, Sie sind auf
Sumatra? Fahren schon Luftschiffe über den Indischen Ozean?“
„Nein, Gott sei gedanken!“ antwortete der Holländer. „Die Steamer
fahren schon viel zu schnell. Ich, Sumatra? Ja, wenn es niet
Telegraphen gäbe! In Penang Depeschen. So ’n Stoß Depeschen! $Go back
Colombo. All right, me go back!$ Und so bin ik hier!“
Zugleich ließ er sich am Tisch nieder. Es kam ein kleiner Mann in
einem sehr gut gemachten Flanellanzug herbei. Peter und Ewe kannten ihn
vom Sehen. Er schien auch im Hotel zu wohnen, und er hatte, wo es ging,
am Zeitungstisch, im Stiegenhaus, in den Verkaufsläden in der Halle,
sich gegen Ewe und Pirath stets sehr zuvorkommend gezeigt, so, als
wünschte er mit ihnen bekannt zu werden. Aber die beiden hatten
aneinander genug.
Nun stellte Goed ihn vor: „Mein halver Landsmann, Herr Speecht aus
Brüssel.“
„Wie ein Specht sieht er auch aus,“ dachte Ewe, und lächelte unter der
Vorstellung, wie Name und Mensch übereinstimmten. Herr Speecht sprach
beredt von ihrem häufigen Zusammentreffen, und er sei etwas unglücklich
gewesen, daß sich die Bekanntschaft nie machen wollte. Jetzt sei er
Goed außerordentlich dankbar, daß jener ihn solch netten Leuten
zugeführt habe. Die Gesellschaft im Hotel sei augenblicklich sehr dürr.
Amerikanische Kapitäne und mittlere englische Kolonialbeamten usw. Sie
dürften es ihm nicht verübeln, daß er bei ihnen Anker zu werfen
trachte.
Ewe sagte mit einem kurzen Lächeln: „Sie finden schlechten Ankerboden,
Herr Speecht. Wir reisen morgen ab.“
Speecht war wie niedergeschmettert. Auch Goed entfuhr ein erstaunter
Ausruf. Die beiden sahen sich rasch einmal an und waren unruhig. Dann
ließ Speecht eine lange bedauernde Rede über sie strömen. Sie gingen
zusammen zum Essen. Goed bot Ewe den Arm. Speecht schritt mit
beflissenen Trippelschrittchen neben dem großen Pirath.
Er rief zu ihm hinauf: „Dieser Freund Goed sieht so aus, wie er ist:
ein gutmütiger Riese, ein wohl fundierter, breiter holländischer
Pflanzer, den dicken Bauch voll Aktien zu fünfzig bis hundert
Dividende. Dieses Sumatra treibt ja Gold aus seinem Boden. Haben Sie
gelesen, die Medan hundertzehn Prozent. Da muß man hinein in dieses
Land! Goed hat eine große Nase, lieber Herr Pirath, aber auch eine
gute. Dieser Geldriecher.“
Pirath sagte sich währenddessen: „Dieser Herr Speecht ist so
außerordentlich liebenswürdig. Aber seine Freundlichkeit ist leimig.
Weshalb ist er mir unangenehm?“ Er fragte: „Sind Sie auch in Sumatra
engagiert?“
„Leider nicht genug. Aber ich hoffe, Goed zu benutzen,“ flüsterte er zu
Pirath hinauf. Er lachte kindlich dazu.
Nach dem Essen hielten die beiden Peter und Ewe noch fest, und es wurde
spät, bis sie sich trennten. Peter und Ewe waren mit widersprechenden
Gefühlen bei ihnen gesessen. Oben lag der gemeinsame letzte Abend voll
Drohungen in ihrem Zimmer. Sie fürchteten ihn, trotzdem Peter ungläubig
über die Trennung war und Ewe stark zu sein glaubte.
Sie kamen dann hinauf und gingen nicht wie sonst auf die Veranda. Ewe
sagte: „Ich will den Rest meiner Sachen noch einpacken.“