Pirath hauchte: „O, man zerschmilzt!“

„Wieviel Aktie soll ik Ihne denn notiere? Wir können ja gleich zum

Wireleß Mann hinaufgehen.“

„In der Hitze wollen Sie drahtlos Aktien notieren!“ lachte Pirath

ausweichend.

„An die Hitze müssen Sie sich gewönnen, wenn Sie Geschäftchens im Osten

machen wollen. Sonst zerschmilzt Ihnen die Chancen vielleicht.“

Pirath genierte sich seines Zögerns. Aber er blieb fest im Vertrauen

auf die Worte der klugen Ewe. Er sagte sich rasch: Selbst das Vertrauen

auf sie in solchen Dingen ist mir etwas Süßes. Zum Holländer scherzte

er: „Wir können die Chancen derweil auf Eis legen!“

„Auf Eis ist nur die Champagnerbuddel gut!“ entgegnete der andre.

Da schüttelte ihn Pirath ab, indem er burschikos hinwarf: „Mijnheer

Goed, Sie wollen doch nicht im Ernst jetzt Geschäftstelegramme

versenden. Lassen Sie mich ungeschoren. Ich seh nicht aus den Augen.

Ich verdampf.“

Später erzählte er Ewe von dieser Unterredung. Sie sagte aber nichts

dazu.

* * * * *

Am fünften Morgen erlöste ein Monsun die Reisenden des „Bülow“ von der

Qual des Roten Meers. Der Monsun kam um die Ecke von Aden herum und

rauschte über den Dampfer wie ein Wasserfall. Er ließ Kühle

herniedersausen, Kühle und harte starke Luft. Der Dampfer bäumte sich

gegen ihn auf. Die Menschen kehrten zu sich zurück, besannen sich auf

sich selber, und das erste, was sie sahen, war, daß mittlerweile etwas

zwischen ihnen vorgegangen war.

He, he, der Herr Pirath trinkt nicht mehr mit uns seinen

Morgenschoppen! Sieh mal! sieh mal! Timotheus! Der Herr Pirath knobelt

nicht mehr mit uns um die Getränke vor Tisch. Unglaublich! Dieser Herr

hat die Schkatpartie gesprengt! Empörend ...! Aber was macht denn

eigentlich statt dessen der Herr Pirath? Fühlen wir ihm ein wenig auf

den Puls. Ho! ho! Hören Sie! Der Turnsteward hat gehört ... vom

Gepäckmeister ..., der es von der Stewardesse hörte ..., Sie wissen,

von der molligen mit die rote Haar ..., aber gesehen hat’s einmal,

zweimal, viermal hi ... hi ... der Decksgast, daß ... der Obersteward

hat aber auch schon ... hem! hem! ... schon dem Kapitän berichtet.

Schweinerei! Schkandal! Mrs. Tschikaügoü! Frauenzimmer!

Der Schiffsarzt, der das Benehmen der Reisenden öffentlich zu

besprechen pflegte, weil er dadurch seine Unabhängigkeit von der

Kompanie zu beweisen glaubte, sagte: „Und von diesem Pirath einfach

un...“

„Unkollegial!“ ergänzte rasch mit einem schnarrenden Lachen eine

Stimme. Es war die des Amtmanns Ledinski. Er schaute den Arzt mit einem

bösen und spöttischen Lächeln an. Der Arzt entgegnete diesen Blick

ungewiß. Er verstand nicht sofort, was jener meinte. Aber am Ton merkte

er, daß jemand ihm aufs Fell rücken wollte. Hinweisend fuhr er drum mit

dem Finger den Durchzieher entlang, der seine hohe mongolische Backe

wie ein Wappenschild zweiteilte.

„Bitte?“ fragte er.

Der Amtmann wandte sich aber ruhig und immer noch lachend weg.

Da errötete der Arzt.

Er hob plötzlich seinen blonden Kopf quer und wie ein Kahn in die

Gesellschaft hinein, ohne eine bestimmte Person zu beschauen, und sagte

laut und wie eine Drohung: „Es ist jetzt Mode geworden, daß die

Kapitäne, die das Kreuz der Reserveonkels in der Flagge führen, dies

weglassen. Weil sie sonst unter Umständen Forderungen seitens ihrer

Schiffsärzte ausgesetzt wären.“

Dann schaute der Arzt mit sieghafter Bezüglichkeit den Richter und Hei

an und gab sich damit zufrieden. Der Richter ging davon. Der Arzt sagte

zu Hei: „Wissen Sie, weshalb der Onkel da aus der Südsee steigen

wollte? Man hat sich mal erzählt, seine Olle habe zarte Beziehungen zu

meinem Kollegen auf dem ‚Derfflinger‘ unterhalten. Seitdem kann er,

scheint’s, nicht mehr von illegitimen Beziehungen reden hören!“

Hei klapperte und schlug sich auf die Schenkel: „Diese Schiffsärzte!

Ihr Schwerenöter! Glückspilze! Weiber, wie mein Freund, der Maharadscha

Katipatituli. He! Tausend Weiber! Der Maharadscha. Ich war auch nicht

untätig da ... hö! hö! hö! ... So zwischen nem wilden Elefantenbüffel

und ner Tigerkatze so ’n braunen indischen zahmen Braten von ner

Prinzessin! Als Zwischengericht! Ha! ha! ha! ... Se gehn auf Weiße wie

Stare auf die Kirschen.“

„Tju! tju! tju!“ grunzte der Arzt.

Hei: „Weshalb haben Sie sich nicht da ’ran gemacht? ...“ Er klapperte

mit dem linken Auge zum Fenster hinaus, in der Richtung, wo Pirath und

die Amerikanerin saßen und sich anschauten. Der Arzt zuckte mit den

Schultern, zog die Mundwinkel herunter und lachte anzüglich in sich

hinein, als wollte er sagen: „Du Schaf! Du Harmloser! Woher weißt du

denn, daß ich nicht ...“

Hei warf seinen Hahnenkopf hoch und schmetterte ein Lachen in die Luft:

„Da schau her! Auch in jenen Jründen jepirscht!“

Der Arzt sagte, indem er noch immer wie nachgenießend vor sich

hinlächelte: „Darf ich mir erlauben, noch zwei Töpfe anfahren zu

lassen.“

„Sie Doktor,“ näherte sich Hei, „Diskretion. Kennen wir auch!“ Er

klapperte wieder mit dem linken Auge nach auswärts, wo die beiden

Verliebten sich anschauten ... „Sumatra. Hab da mal ... Hei, behalt

deine Liebesabenteuer for dich alleene! ... hö! hö! hö! ...“ lachte er

breit und sagte sich zugleich: „Dieser blöde Schwindler von einem

Kurpfuscher! Nicht einmal ihre Fingernägel hat er berührt ...“

„Tju! tju! tju!“ grunzte der Arzt und dachte: „So ’n Aufschneider! So

’n Lügner! Die Fußspitzen würde er sich ablecken ... das Schwein! wenn

er ...“

Dann blies es zum Mittagessen, und sie sagten sich förmlich:

„Mahlzeit!“ Hei fragte noch: „Wollen Sie Leibarzt bei meinem Freund,

dem Maharadscha von Katipatituli, werden? Tausend Weiber! Keines mehr,

keines weniger. Immer das Tausend voll! Das ist zu viel für ’nen

einzelnen wie der Fürst, und der Arzt ist der nächste dran.“

Der Arzt winkte ab: „Danke für Linsen! Bleib daheim und nähre dich

redlich! Bin froh, wenn ich von diesem Kasten mal runter bin!“

Hei sagte bei sich: „Bei dem Hungerleider ist doch nischt zu holen.

Hundertfünfzig Mark Monatsgehalt und zwei Mark Weingeld am Tag, von

denen er sich auf Einkäufe in Japan fünfundsiebzig Pfennige jeden Tag

zurücklegt.“

Dann riefen sie sich noch einmal „Mahlzeit!“ zu und trennten sich mit

gesellschaftlicher Verbeugung.

Pirath hatte sich nach Port Said eine Kabine geben lassen, die an einem

kleinen überdachten Deck lag. Die Ochsenaugen der Kabine gingen offen

auf dieses Deck. Sein Bett lag unter einem der Fenster. Als er am

zweiten Abend, nachdem der Dampfer das Rote Meer verlassen hatte, seine

Kabine aufsuchte, um eine Zigarre zu holen, fand er auf seinem Bett

einen Brief liegen. Er nahm ihn in die Hand. Auf dem Kuwert stand sein

Name, mit großen lateinischen Druckbuchstaben geschrieben. Er öffnete

und las einen wirren Haufen von Unflat, mit dem ein anonymer Schreiber

ihn und Ewe bewarf. Es war ein haltlos vergeiltes, ekelig

kombinierendes Zeug, wie das kranke Erbrechen einer verfluchten

Phantasie.

Peter war zuerst mehr erstaunt und erschrocken, als ungehalten und

beunruhigt. Er erinnerte sich an den entlarvten Schmutzfinken aus der

Fabrik. Bissinger hatte er geheißen. Der Name kam ihm auf einmal in den

Kopf. Pirath knüllte das Papier, eine abgerissene Briefhälfte, wütend

und erregt zusammen.

Da war ihm auf einmal, als ob ihm das Papier bekannt sei. Er riß es

wieder auf, glättete es, hielt es gegen das Licht und sah einen

Palmbaum drin, in dessen Kopf ein $P$ stand. Das war das Wasserzeichen

der Geschäftspapiere von Jens Pirath Söhne. Wie kam es auf den Dampfer?

Pirath setzte sich aufs Bett und dachte nach, grübelte, erregte sich

das Gedächtnis. Er fand keine Erklärung.

Er brannte sich eine Zigarre an und ging ins Rauchzimmer. Ewe saß bei

Ledinskis. Er setzte sich zu ihnen, und Ewe fragte nach den Pflanzungen

in der Südsee. Aber der Amtmann lachte mit seiner schnarrenden Stimme:

„Mit Leib und Seele bin ich an meinem Platz. Aber verübeln Sie mir

nicht, Gnädige, daß ich Ferien hab und sie ausgenießen muß! Das ist ein

Prinzip bei mir: In Matantuduk Tag und Nacht zur Verfügung. Davon

erhole ich mich in den Ferien!“

Frau Ledinski, die empfand, daß dieser entschlossene Ton, an den die

Mitreisenden nicht gewöhnt waren, auffiel, sandte Frau Haug einen ihrer

Blicke, die wie ein blauer See erstrahlten, und begann von ihrem Dasein

auf der einsamen Insel zu erzählen.

Pirath achtete nur halb hin. Die Südsee hatte für ihn keine rechte

Bedeutung. So klein! So Puppenkolonie! Man wußte nichts Rechtes von

ihr, und er wollte höher.

Bald kam Goed und brachte den Obermaschinisten mit an den Tisch. Dieser

war ein gut gekleideter und gepflegter Mann von etwa vierzig Jahren,

von schwerem, weichem Körperbau. Er hatte ein Gesicht, das stets

verbindlich lächelte und in dem die Nase sich vorn hob, als ob ihr

Rücken zu kurz sei. Er hieß Bissinger. Da fiel Pirath plötzlich der

anonyme Brief wieder ein: „Bissinger, so hieß auch jener anonyme

Schmähhund aus der Fabrik,“ sagte er sich. Pirath hatte den Brief schon

halb vergessen gehabt. Er wurde nun die peinliche Erinnerung an ihn

nicht los. Goed horchte herablassend der Erzählung der schönen Frau.

Dann antwortete er großsprecherisch absprechend, nannte Südsee und ihre

Pflanzungen Käsebetriebe. „So viel Kaas, wissen Sie, von die rote,

ronden, machen wir in Holland, wie Sie Kopra in der Südsee ...“ Der

Amtmann sah ihn schweigend und mißtrauisch an. Seine Frau verstummte

nach einem langen, messenden Blick auf den Holländer.

Als nachher Pirath in seiner Kabine allein war, fragte er sich: „Wer

mag so etwas schreiben wie diesen Brief? Wer hat uns gesehen? Wer ist

solch ein unglückseliger Dreckskerl? Hei? Ein Reisender oder ein

Angestellter? Wer? Wer? Woher das Papier mit unserm Wasserzeichen? Ein

Steward? Warum kümmert man sich um uns? Was geht das einen dieser

Fremden an?“

Darauf war Peter noch mit Ewe zusammen, und die zwei Stunden, die

einzigen, die sie im ganzen Tag für sich besaßen, erfüllten die

Bedenken, ob er von dem anonymen Brief sprechen sollte oder nicht. Auch

niemals waren so viele Menschen in jenen Nachtstunden über das schmale

Sonnendeck gegangen, auf dem ihre Stühle standen. Es war, als ob das

ganze Schiff keinen Schlaf gefunden hätte, weil das kleine Deck es

magisch anzog. War ein Matrose hastig vorbeigesprungen, so folgte in

weißer Jacke und dunkler Hose mit verweilenden Schritten ein Steward,

kam langsam vorbei und machte einem Reisenden oder einem Ehepaar Platz,

die vor den Nasen der zwei Liebenden eine Weile sich an die Reling

stellten und ihre Rücken in der Dunkelheit leuchten ließen.

„Das ist aufregender, nichtiger, als gar nicht zusammen zu sein!“ sagte

Ewe.

Piraths Insel · 第 28 / 96 题