Nach einer kräftigen Unterhaltung mit seinem ältern Bruder Hermann, mit
dem zusammen Peter Pirath Besitzer der Fettwarenfabrik Jens Peter
Pirath Nachfolger war, entschloß er sich, mit seiner Frau die
Auseinandersetzung herbeizuführen. Er entschloß sich schwerblütig, so
wie er war, und malte sich den Verlauf dann heftig und gewalttätig aus.
Die Finanzen seines Haushalts und die allgemeine Moral forderten aber
diese Tat. Davon hatte Hermann ihn überzeugt.
Peter Pirath fuhr aus der Fabrik gleich nach Haus und begab sich ins
Wohnzimmer seiner Frau. Er hatte sich alles aufnotiert in zwei Reihen
sauberer kleiner Zahlen. Er fürchtete die hitzige und sprunghafte
Dialektik seiner Frau, die ihn schon öfter übertölpelt hatte, und
wollte die beiden Reihen der Zahlen an der Hand haben wie ein festes
Geländer. Ja, die Zahlen waren ein ganzes Gebälk, und sie konnte ihn
nicht so nebensächlich drüber wegstürzen, wie es ihre Art war,
Schwierigkeiten zu lösen.
Dann kam er ins Zimmer. Sie saß an einem riesenhaften Tisch und las.
Sie blieb sitzen und hob den Kopf schief von unten herauf zu ihm hoch.
Er war ein Riese. Er überwuchtete mit seinem ungeheuren Körper ihre
geduckte Zartheit. Auf der linken Lehne ihres Sessels hatte ein
Airedaleterrier den buschigen Kopf fest und ernst aufliegen, und auf
der rechten Lehne flossen die Lefzen einer schwerfälligen und
dummäugigen Bordelaiser Dogge.
Peter Pirath machte keine Einleitung. Er fühlte sich trotz des Gebälks
der Zahlen auf seinem Blättchen nicht mehr ganz fest vor ihr. Sie saß
da wie eine Katze, wild, sehnig gebogen, und in der Ruhe hatte ihr Leib
seine Sprungkraft behalten. Die krausen schwarzen Härchen ringelten
sich über ihre Stirn bis auf die großen grünen Augen herab. Peter
Pirath sprang sie an mit seinen Zahlen. Er errichtete heftig das Plus
und stürzte es gleich um mit dem Minus, und die Worte kollerten,
schossen atemlos auf sie ein. Sie saß beobachtend da. Ihr Gesicht
bewahrte den Ausdruck ruhender Spannung. Die Hunde witterten, daß etwas
vorging, das ihrer Herrin nicht gut war. Der Terrier, der ein Tier von
Gemüt war, fühlte sich geniert und drückte den Kopf weg von den beiden.
Er schaute halb über die Tischplatte hinweg und lauerte halb zu dem
sprechenden Mann hinüber, und während die Augen des Hundes unruhig und
bekümmert wurden, sprang die Spannung in die dünnen eisernen Muskeln
seiner Beine. Die Dogge hob heißblütig den Kopf und ging jähzornig
davon, um in der Mitte des Zimmers — aus der Entfernung — den
schweren Sprung sicherer zielen zu können, wenn ihre Hilfe notwendig
werden sollte. Sie stand da, groß und dick, wie Pirath selber war. Ihre
Lefzen flogen erregt hin und her und flossen aus. Sie wartete.
Aber die Teilnahme der Hunde an der Auseinandersetzung verstand Peter
nicht. Seine Frau sah sie jedoch, und sie lachte, und als sie so
lachte, da überfiel Peters Herz auf einmal die jämmerliche Nichtigkeit
seiner Zifferchen gegenüber dieser Frau. Er brach ab. Er schaute sie
an. Sie hatte eine Hand so ganz, ganz ruhig und schön auf den Kopf des
Terriers gelegt und blickte mit glänzenden Augen aus ihrer Tiefe zu
Peter in die Höhe.
Was ist alle Ordnung gegen dich, du ... Tiger! Du Tiger mit grünen
Augen! Und eine ganze Fabrik voll Kopra und Fettpanscherei, Kessel und
Bilanzen ... was für eine dumme Schweinerei gegen dich! Leg doch deine
Hand so auf meinen Kopf wie auf den Kopf des Hundes! ... So etwa
brannte es sie aus Peters Augen an. Aber seine schwerfällige Zunge fand
nur ein paar stammelnde Worte, und sie sagte auf einmal ihn
unterbrechend: „Ich versteh. Du willst mir zeigen, wie elend das Plus
vom Minus zu Brei zerschlagen wird. Und es ist doch das Plus, dem wir
so Schönes verdanken!“
Ihre Worte, die endlich kamen, hatten die Hunde in ihren Stellungen
aufzucken gemacht. Sie spannten die Muskeln um einen Zug straffer ein.
Sie standen da in ihrem unruhigen Hin und Her, wie ein angekurbelter
Motor, der eingeschaltet werden will. Im Nu kann der Augenblick da
sein, können die Zylinder losrasen.
Peter antwortete ihr, obschon sich in seinem Innern Herz und Kopf an
den Haaren hatten, mit einer scherzhaften Wendung: „Ja, es ist
eigentlich eine Ironie, wenn wir in einer Fettfabrik so wenig im Fett
sitzen, daß du dir keinen englischen Stallmeister und keinen von
Behrens gebauten Stall leisten kannst! Aber du hast gerade die elende
Niederlage des Plus erlebt!“
Die Frau stand straff auf. Die Hunde wiederholten rasch die aufzuckende
Bewegung. Die Frau sagte: „Du hast recht, lieber Peter!“ Sie sagte das
ganz ernst. Aber dieses milde Eingehen auf seine Vorstellungen war so
wenig Gewohnheit, daß Pirath sich sagte: Schau, was für ein Märchen!
Lieber Peter!? Sonst heiß’ ich bei solchen Gelegenheiten stets nur P.
P. Was liest sie für ein Buch? ... Er schaute hin. Aber er sah das
Titelblatt nicht. Eine wütende Stimmung erfaßte ihn auf einmal. Es
begehrte etwas in ihm auf. Er kam sich vor, als läge er unterdrückt von
dieser Frau zu ihren Füßen, er verglich sich mit der fetten fleischigen
Dogge, die ihr so ergeben war und nichts für ihre Ergebenheit haben
wollte. Aber er wollte etwas haben. Liebe und Zweifel tauchten in ihm
wild durcheinander. Er wollte sie mehr haben. Er wollte sie ganz in
sich tragen. Er war groß, breitbrüstig, und sein Herz war stark.
Weshalb entzog sie sich ihm? Sollte er das jetzt einmal alles sagen?
Sollte er fordern? Er stellte sich vor, wie lächerlich das Bild sei,
wenn er seine breitknochige Riesenhaftigkeit vor dieses sehnige, krause
kleine Weib niederwürfe. So wie die ekelhafte Dogge, die sich jetzt um
ihre Füße zusammenkugelte!
Da entschied sich die andre Richtung seiner innern Erregung, und er
sagte ihr mit fast harten und jähzornigen Worten: „Und ich bin auch
etwas, liebe Ree! Ich bin nun einmal nicht so, daß ich $à la$ Zigeuner
ins Blaue bauen kann. Ich muß Fundament haben. Ich bin schwer. Die
Arbeit gedeiht mir nicht in all den Sorgen, und mein Gemüt hat die
endliche Vollendung der begonnenen Maschine nötig. Ich seh nicht ein,
weshalb zwei englische Hengste und ein englischer Stallmeister, der
aussieht wie eine in Oxford erzogene Reitgerte, und ein Stall, der
durchaus von Behrens gebaut und von Rodin ausgeschmückt sein muß, mich
ewig aus meinem Gleichgewicht halten sollen. Meine Nerven sind auch
nicht aus Pferdezügeln. Ich will kein Geld sammeln. Aber ich will mich
haben auf dieser Welt, in diesem Leben, in diesem Haus, ... und dich!“
Das fügte er aufflammend rasch hinein, und es war, als ob er hastig die
zwei Worte, kaum daß sie gesprochen waren, wieder zurückschluckte.
„Und das hab ich nicht, wenn nicht unser Haushalt auf der ehrlichen
Wirklichkeit unseres Einkommens steht.“
Er schwieg. Sie sagte heftig: „Die Hengste sollen heut mittag verkauft
werden. Ich telephonier’ gleich dem Roßhändler!“
Peter sagte nichts mehr. Er küßte ihr die Hand, und das war für ihn in
seiner schweren Erregung fast so viel, als ob er sie nächtlich umfange.
Und er ging hinaus. Er wollte sich noch einmal umdrehen und Dank sagen.
Aber er ließ es bleiben. Es war besser, den Festen ganz auszuspielen.
Die Dogge entschloß sich plötzlich ihn zu begleiten. Sie trat
feindselig hinter ihm her und setzte sich, kaum daß er die Tür
geschlossen hatte, auf die Türschwelle nieder zwischen ihn und das
Zimmer der Herrin. Sie wollte sich überzeugen, ob er auch ginge. „Du
sabberndes Aas!“ zischte Peter sie an und spuckte nach ihrem breiten
Maul. Die Dogge schüttelte den beleidigten dicken Kopf, ließ hinter den
Lefzen das Gebiß sehen und schaute ihm nach. Dann stand sie auf, schlug
das Maul auf die Klinke und öffnete sich die Tür zur Herrin. Die hatte
mit der Hand das blitzende scharfe Gebiß des Terriers umfaßt und zog
seinen Unterkiefer herab. Dann ließ sie das Gebiß los. Dem Hund standen
die harten Schnauzhaare erregt ab, und er schlug verliebt mit dem
Schweifstumpen. Die Frau schaute in seine hellbraunen Augen. „Du hast
Augen wie eine Dotterblume im Schatten!“ sagte sie.
* * * * *
Peter telephonierte seinem Bruder Hermann. Der fragte: „Ah, Peter?!
Schlacht geschlagen?“