IV

Als Raniero von Jerusalem aufbrach, hatte er den Seeweg von Joppe nach

Italien nehmen wollen. Aber er änderte diesen Entschluß, als die Räuber

ihn um sein Geld plünderten, und beschloß über Land zu ziehen.

Es war eine lange Reise. Er zog von Joppe nördlich, der Küste Syriens

entlang. Dann ging die Fahrt nach Westen, längs der Halbinsel von

Kleinasien. Dann wieder nördlich bis hinauf nach Konstantinopel. Und

von dort hatte er noch eine ansehnliche Strecke Wegs bis Florenz.

Während dieser ganzen Zeit lebte Raniero von frommen Gaben. Meistens

waren es die Pilger, die nun in Massen nach Jerusalem strömten, die ihr

Brot mit ihm teilten.

Obgleich Raniero fast immer allein ritt, waren seine Tage weder lang

noch einförmig. Er hatte allezeit die Lichtflamme zu hüten und konnte

sich um ihretwillen niemals ruhig fühlen. Es brauchte nur ein Wind, nur

ein Regentropfen zu kommen, und es war um sie geschehen.

Während Raniero einsame Wege ritt und nur daran dachte, die Lichtflamme

am Leben zu erhalten, kam es ihm in den Sinn, daß er schon einmal

zuvor etwas Ähnliches erlebt hatte. Er hatte schon einmal zuvor einen

Menschen über etwas wachen sehen, was ebenso verletzlich war wie eine

Lichtflamme.

Dies schwebte ihm anfangs so undeutlich vor, daß er nicht recht wußte,

ob es etwas war, was er geträumt hätte.

Aber während er einsam durch das Land zog, kam der Gedanke, daß er

schon einmal etwas Ähnliches mit erlebt habe, unablässig wieder.

„Es ist, als hätte ich mein ganzes Leben lang von nichts anderm

gehört,“ sagte er.

Eines Abends ritt Raniero in eine Stadt ein. Es dunkelte, und die

Frauen standen in den Türen und schauten nach ihren Männern aus. Da

sah Raniero eine, die hoch und schlank war und ernste Augen hatte. Sie

erinnerte ihn an Francesca degli Uberti.

In demselben Augenblick gelangte Raniero zur Klarheit, worüber er

nachgegrübelt hatte. Er dachte, daß für Francesca ihre Liebe sicherlich

wie eine Lichtflamme gewesen war, die sie immer brennend hatte erhalten

wollen, und von der sie stets gefürchtet hatte, daß Raniero sie

verlöschen würde. Er wunderte sich über diesen Gedanken, aber immer

mehr ward es ihm zur Gewißheit, daß es sich so verhielt. Zum ersten

Male begann er zu verstehen, warum Francesca ihn verlassen hatte und

daß er sie nicht durch Waffentaten wiedererobern konnte.

* * * * *

Ranieros Reise wurde sehr langwierig. Und dies nicht zum wenigsten

darum, weil er sie nicht fortsetzen konnte, wenn das Wetter ungünstig

war. Dann saß er in der Karawanserei und bewachte die Lichtflamme. Das

waren sehr harte Tage.

Eines Tages, als Raniero über den Berg Libanon ritt, sah er, daß

sich die Wolken zu einem Unwetter zusammenzogen. Er war da hoch

oben zwischen furchtbaren Klüften und Abstürzen, fern von allen

menschlichen Behausungen. Endlich erblickte er auf einer Felsspitze ein

sarazenisches Heiligengrab. Es war ein kleiner viereckiger Steinbau mit

gewölbtem Dache. Es däuchte ihn am besten, seine Zuflucht dorthin zu

nehmen.

Kaum war Raniero hineingekommen, als ein Schneesturm losbrach, der zwei

Tage raste. Zugleich kam eine so furchtbare Kälte, daß er nahe daran

war zu erfrieren.

Raniero wußte, daß es draußen auf dem Berge genug Zweige und Reisig

gab, so daß es ein leichtes für ihn gewesen wäre, Brennstoff zu einem

Feuer zu sammeln. Allein er hielt die Lichtflamme, die er trug, sehr

heilig, und wollte mit ihr nichts andres entzünden als die Lichter vor

dem Altar der heiligen Jungfrau.

Das Unwetter wurde immer ärger, und schließlich hörte er heftiges

Donnern und sah Blitze.

Und ein Blitz schlug auf dem Berge dicht vor dem Grabe ein und

entzündete einen Baum. Und so hatte Raniero eine Flamme, ohne daß er

das heilige Feuer anzutasten brauchte.

* * * * *

Als Raniero durch einen öden Teil der Berggegend von Cilicien ritt,

ging sein Licht zur Neige. Die Kerzenbündel, die er von Jerusalem

mitgebracht hatte, waren längst aufgebraucht, aber er hatte sich doch

weiterhelfen können, weil auf dem ganzen Wege christliche Gemeinden

gewesen waren, wo er sich neue Lichter erbetteln konnte.

Aber nun war sein Vorrat zu Ende, und er glaubte, daß dies das Ende

seiner Fahrt sein würde.

Als das Licht so tief herabgebrannt war, daß die Flamme seine Hand

versengte, sprang er vom Pferde, sammelte Reisig und trockenes Gras und

entzündete dies mit dem letzten Überbleibsel der Flamme. Aber auf dem

Berge fand sich nicht viel, was brennen konnte, und das Feuer mußte

bald verlöschen.

Wie Raniero so saß und sich darüber betrübte, daß die heilige Flamme

sterben mußte, hörte er vom Wege her Gesang, und eine Prozession von

Wallfahrern kam mit Kerzen in den Händen den Pfad herangezogen. Sie

waren auf dem Wege zu einer Grotte, in der ein heiliger Mann gelebt

hatte, und Raniero schloß sich ihnen an. Unter ihnen befand sich auch

eine Frau, die alt war und nur schwer gehen konnte, und Raniero half

ihr und schleppte sie den Berg hinauf.

Als sie ihm dann dankte, machte er ihr ein Zeichen, daß sie ihm ihre

Kerze geben möge. Und sie tat es, und auch mehrere andre schenkten ihm

die Kerzen, die sie trugen.

Er löschte die Lichter und eilte den Pfad hinunter und entzündete eines

von ihnen an der letzten Glut des Feuers, das von der heiligen Flamme

entzündet war.

* * * * *

Einmal um die Mittagstunde war es sehr heiß, und Raniero hatte sich

in ein Gebüsch schlafen gelegt. Er schlief tief, und das Licht stand

zwischen ein paar Steinen neben ihm. Aber als Raniero ein Weilchen

geschlafen hatte, begann es zu regnen, und dies dauerte ziemlich lange

an, ohne daß er erwachte. Als er endlich aus dem Schlummer auffuhr, war

der Boden ringsum ihn naß, und er wagte kaum zu dem Lichte hinzusehen,

aus Furcht, daß es erloschen sein könnte.

Aber das Licht brannte still und ruhig mitten im Regen, und Raniero

sah, daß dies daher kam, daß zwei kleine Vögelchen über der Flamme

flogen und flatterten. Sie schnäbelten sich und hielten die Flügel

ausgebreitet, und so hatten sie die Lichtflamme vor dem Regen geschützt.

Raniero nahm sogleich seine Kapuze ab und hing sie über das Licht. Dann

streckte er die Hand nach den kleinen Vögeln aus, denn er hatte Lust,

sie zu liebkosen. Und sieh da, keiner von ihnen flog von ihm fort,

sondern er konnte sie einfangen.

Raniero staunte sehr, daß die Vögel keine Angst vor ihm hatten. Aber er

dachte: das kommt daher, daß sie wissen, daß ich keinen andern Gedanken

habe, als das zu schützen, was das schutzbedürftigste ist, darum

fürchten sie mich nicht.

* * * * *

Raniero ritt in der Nähe von Nicea. Da begegnete er ein paar

abendländischen Rittern, die ein Entsatzheer ins heilige Land führten.

In dieser Schar befand sich auch Robert Taillefer, der ein wandernder

Ritter und Troubadour war.

Raniero kam in seinem fadenscheinigen Mantel mit dem Lichte in der Hand

herangeritten, und die Krieger begannen wie gewöhnlich zu rufen: „Ein

Toller, ein Toller!“ Aber Robert hieß sie schweigen und sprach den

Reiter an:

„Bist du lange so gezogen?“ fragte er ihn.

„Ich bin so von Jerusalem hergeritten,“ antwortete Raniero.

„Ist dein Licht unterwegs nicht oftmals erloschen?“

„An meiner Kerze brennt noch dieselbe Flamme, wie da ich von Jerusalem

auszog,“ sagte Raniero.

Da sprach Robert Taillefer zu ihm: „Ich bin auch einer von denen,

die eine Flamme tragen, und ich wollte, daß sie ewig brennen könnte.

Aber vielleicht kannst du, der du dein Licht brennend von Jerusalem

hergebracht hast, mir sagen, was ich tun soll, auf daß sie nicht

erlösche.“

Da erwiderte Raniero: „Herr, das ist ein schweres Beginnen, obgleich

es von geringem Gewichte scheint. Ich will euch wahrlich nicht zu

solch einem Vorhaben raten. Denn diese kleine Flamme verlangt von euch,

daß ihr ganz aufhört, an etwas andres zu denken. Sie gestattet euch

nicht, eine Liebste zu haben, falls ihr zu derlei geneigt sein solltet,

auch dürft ihr es um dieser Flamme willen nicht wagen, euch bei einem

Trinkgelage niederzulassen. Ihr dürft nichts andres im Sinne haben als

eben diese Flamme, und keine andre Freude darf euch eigen sein. Aber

warum ich euch vor allem abrate, dieselbe Fahrt zu tun, die ich nun

versucht habe, das ist, weil ihr euch keinen Augenblick sicher fühlen

könnt. Aus wie vielen Gefahren ihr auch die Flamme gerettet haben mögt,

ihr dürft euch doch keinen Augenblick geborgen wähnen, sondern ihr

müßt darauf gefaßt sein, daß sie euch im nächsten Augenblick entrissen

werde.“

Aber Robert Taillefer warf den Kopf stolz zurück und sagte: „Was du für

deine Lichtflamme getan hast, das werde ich auch für die meine zu tun

wissen.“

* * * * *

Raniero war nach Italien gekommen. Er ritt eines Tages auf einsamen

Pfaden durch das Gebirge. Da kam ihm eine Frau nachgeeilt und bat ihn

um Feuer von seinem Lichte. „Bei mir ist das Feuer erloschen,“ sagte

sie, „meine Kinder hungern. Leihe mir Feuer, damit ich meinen Ofen

wärmen und ihnen Brot backen kann!“

Sie streckte die Hand nach dem Lichte aus, aber Raniero entzog es

ihr, weil er nicht zulassen wollte, daß etwas andres an dieser Flamme

entzündet werde, als die Lichter vor dem Bilde der Heiligen Jungfrau.

Da sagte die Frau zu ihm: „Gib mir Feuer, Pilger, denn meiner Kinder

Leben ist die Flamme, die brennend zu bewahren mir auferlegt ist!“ Und

um dieser Worte willen ließ Raniero sie den Docht ihrer Lampe an seiner

Flamme entzünden.

Einige Stunden später ritt Raniero in ein Dorf. Es lag hoch oben auf

dem Berge, so daß bittre Kälte dort herrschte. Ein junger Bauer stand

am Wege und sah den armen Mann, der in seinem fadenscheinigen Rocke

geritten kam. Rasch nahm er den kurzen Mantel ab, den er trug und

warf ihn dem Reiter zu. Aber der Mantel fiel gerade auf das Licht und

löschte die Flamme.

Da erinnerte sich Raniero an die Frau, die Feuer von ihm geliehen

hatte. Er kehrte zu ihr zurück und entzündete sein Licht wiederum mit

heiligem Feuer.

Als er weiter reiten wollte, sagte er zu ihr: „Du sagst, die

Lichtflamme, die du zu hüten hast, sei das Leben deiner Kinder. Kannst

du mir sagen, welchen Namen die Lichtflamme trägt, die ich so weither

bringe?“

„Wo wurde deine Lichtflamme entzündet?“ fragte die Frau.

„Sie wurde an Christi Grab entzündet.“

„Dann kann sie wohl nicht anders heißen als Milde und Menschenliebe,“

sagte sie.

Raniero mußte über die Antwort lachen. Er däuchte sich ein seltsamer

Apostel für solche Tugenden.

* * * * *

Raniero ritt zwischen blauen Hügeln von schöner Gestalt. Er sah, daß er

sich in der Nähe von Florenz befand.

Er dachte daran, daß er nun bald von der Lichtflamme befreit sein

würde. Er erinnerte sich an sein Zelt in Jerusalem, das er voll

Kriegsbeute zurückgelassen hatte, und an die tapferen Krieger, die

er noch in Palästina hatte und die sich freuen wurden, wenn er das

Kriegerhandwerk wieder aufnähme und sie zu Siegen und Eroberungen

führte.

Da merkte Raniero, daß er keineswegs Freude empfand, wenn er daran

dachte, sondern, daß seine Gedanken lieber eine andre Richtung nahmen.

Raniero sah zum ersten Male ein, daß er nicht mehr derselbe Mann war,

als der er Jerusalem verlassen hatte. Dieser Ritt mit der Lichtflamme

hatte ihn gezwungen, sich an allen zu freuen, die friedfertig und

klug und barmherzig waren, und die Wilden und Streitsüchtigen zu

verabscheuen.

Er wurde jedesmal froh, wenn er an Menschen dachte, die friedlich in

ihrem Heim arbeiteten, und es ging ihm durch den Sinn, daß er gern

in seine alte Werkstatt in Florenz einziehen und schöne, kunstreiche

Arbeit verfertigen wolle.

„Wahrlich, diese Flamme hat mich umgewandelt,“ dachte er. „Ich glaube,

sie hat einen andern Menschen aus mir gemacht.“

V

Es war Ostern, als Raniero in Florenz einritt.

Kaum war er durch das Stadttor gekommen, rücklings reitend, die Kapuze

über das Gesicht gezogen und das brennende Licht in der Hand, als auch

schon ein Bettler aufsprang und das gewohnte: „~Pazzo, pazzo!~“

rief.

Auf diesen Ruf stürzte ein Gassenjunge aus einem Torweg, und ein

Tagedieb, der die längste Zeit nichts andres zu tun gehabt hatte, als

dazuliegen und den Himmel anzugucken, sprang auf seine Füße. Und beide

begannen dasselbe zu rufen: „~Pazzo, pazzo!~“

Da ihrer nun drei waren, die schrien, so machten sie Lärm genug, um

alle Burschen aus der ganzen Straße aufzuscheuchen. Diese kamen aus

Ecken und Winkeln herbeigestürzt, und sowie sie Raniero in seinem

fadenscheinigen Mantel auf seinem elenden Klepper gewahrten, riefen

sie: „~Pazzo, pazzo!~“

Aber dies war nichts andres, als woran Raniero schon gewöhnt war. Er

ritt still durch die Gasse ohne die Schreier zu beachten.

Sie begnügten sich jedoch nicht damit, zu rufen, sondern einer von

ihnen sprang in die Höhe und versuchte das Licht auszublasen.

Raniero hob das Licht empor. Zugleich versuchte er, das Pferd

anzutreiben, um den Jungen zu entkommen.

Doch die hielten gleichen Schritt mit ihm und taten alles, was sie

konnten, um das Licht auszulöschen.

Je mehr Raniero sich anstrengte, die Flamme zu behüten, desto eifriger

wurden sie. Sie sprangen einander auf den Rücken, sie bliesen die

Backen auf und pusteten. Sie warfen ihre Mützen nach dem Licht. Nur

weil ihrer so viele waren und sie einander wegdrängten, gelang es ihnen

nicht, die Lichtflamme zu töten.

Auf der Gasse herrschte das fröhlichste Treiben. An den Fenstern

standen Leute und lachten. Niemand fühlte Mitleid mit dem Verrückten,

der seine Lichtflamme verteidigen wollte. Es war Kirchenzeit, und viele

Kirchenbesucher waren auf dem Wege zur Messe. Auch sie blieben stehen

und lachten über den Spaß.

Aber nun stand Raniero aufrecht im Sattel, um das Licht zu bergen. Er

sah wild aus. Die Kapuze war hinabgesunken, und man sah sein Gesicht,

das bleich und abgezehrt war wie das eines Märtyrers. Das Licht hielt

er erhoben, so hoch er vermochte.

Die ganze Gasse war ein einzige Gewühl. Auch die Eltern begannen an

dem Spiele teilzunehmen. Die Frauen wehten mit ihren Kopftüchern, und

die Männer schwenkten die Barette. Alle arbeiteten daran, das Licht zu

verlöschen.

Raniero ritt nun an einem Hause vorbei, das einen Altan hatte. In

diesem stand eine Frau. Sie beugte sich über das Geländer, riß das

Licht an sich und eilte damit hinein.

Das ganze Volk brach in schallendes Gelächter und Jubel aus, aber

Raniero wankte im Sattel und stürzte auf die Straße.

Aber wie er da ohnmächtig und geschlagen lag, wurde die Straße sogleich

menschenleer.

Keiner wollte sich des Gefallenen annehmen. Sein Pferd allein blieb

neben ihm stehen.

Sowie die Volksmenge sich von der Straße zurückgezogen hatte, kam

Francesca degli Uberti mit einem brennenden Lichte in der Hand aus

ihrem Hause. Sie war noch schön, ihre Züge waren sanft, und ihre Augen

ernst und tief.

Sie ging auf Raniero zu und beugte sich über ihn. Raniero lag

bewußtlos, aber in dem Augenblick, in dem der Lichtschein auf sein

Antlitz fiel, machte er eine Bewegung und fuhr auf. Es sah aus, als ob

die Lichtflamme alle Macht über ihn hätte. Als Francesca sah, daß er

zur Besinnung erwacht war, sagte sie: „Hier hast du dein Licht. Ich

entriß es dir, weil ich sah, wie sehr es dir am Herzen lag, es brennend

zu erhalten. Ich wußte keinen andern Weg, um dir zu helfen.“

Raniero hatte sich beim Fallen übel zugerichtet. Aber nun konnte

niemand ihn halten. Er begann sich langsam aufzurichten. Er wollte

gehen, schwankte aber und war nahe daran, wieder zu fallen. Da

versuchte er sein Pferd zu besteigen. Francesca half ihm. „Wo willst

du hin?“ fragte sie, als er wieder im Sattel saß. „Ich will zur

Domkirche,“ sagte er. „Dann will ich dich geleiten,“ sagte sie, „denn

ich gehe zur Messe.“ Und sie nahm den Zügel und führte sein Pferd.

Francesca hatte Raniero vom ersten Augenblick an erkannt. Aber Raniero

sah nicht, wer sie war, denn er gönnte sich nicht die Zeit, sie zu

betrachten. Er hielt den Blick nur auf die Lichtflamme geheftet.

Auf dem Wege sprachen sie kein Wort. Raniero dachte nur an die

Lichtflamme, daran, sie in diesen letzten Augenblicken wohl zu hüten.

Francesca konnte nicht sprechen, weil es sie däuchte, daß sie nicht

klaren Bescheid über das haben wolle, was sie fürchtete. Sie konnte

nichts andres glauben, als daß Raniero wahnsinnig heimgekommen wäre.

Aber obgleich sie beinahe davon überzeugt war, wollte sie doch lieber

nicht mit ihm sprechen, um nicht volle Gewißheit zu erlangen.

Nach einer Weile hörte Raniero, wie jemand neben ihm weinte. Er sah

sich um und merkte, daß es Francesca degli Uberti war, die neben ihm

ging, und wie sie so ging, weinte sie. Aber Raniero sah sie nur einen

Augenblick und sagte nichts zu ihr. Er wollte nur an die Lichtflamme

denken.

Raniero ließ sich zur Sakristei führen. Da stieg er vom Pferde. Er

dankte Francesca für ihre Hilfe, sah aber noch immer nicht sie an,

sondern das Licht. Er ging allein in die Sakristei zu den Geistlichen.

Francesca trat in die Kirche. Es war Karsamstagabend, und alle Lichter

in der Kirche standen unentzündet auf ihren Altären, zum Zeichen

der Trauer. Francesca däuchte es, daß auch bei ihr jede Flamme der

Hoffnung, die einst in ihr gebrannt hatte, erloschen wäre.

In der Kirche ging es sehr feierlich zu. Vor dem Altare standen viele

Priester. Zahlreiche Domherren saßen im Chore, und der Bischof zu

oberst unter ihnen.

Nach einer Weile merkte Francesca, daß unter den Geistlichen eine

Bewegung entstand. Beinahe alle, die nicht bei der Messe anwesend sein

mußten, erhoben sich und gingen in die Sakristei. Schließlich ging auch

der Bischof.

Als die Messe zu Ende war, betrat ein Geistlicher den Chor und begann

zum Volke zu sprechen. Er erzählte, daß Raniero di Ranieri mit heiligem

Feuer aus Jerusalem nach Florenz gekommen war. Er erzählte, was der

Ritter auf dem Wege geduldet und erlitten hatte. Und er pries ihn über

alle Maßen.

Die Menschen saßen staunend da und hörten dies. Francesca hatte nie

eine so selige Stunde erlebt. „Oh, Gott,“ seufzte sie, „dies ist mehr

Glück, als ich tragen kann.“ Ihre Tränen strömten, während sie lauschte.

Der Priester sprach lange und beredt. Zum Schlusse sagte er mit

mächtiger Stimme: „Nun kann es gewißlich eine geringe Sache scheinen,

daß eine Lichtflamme hierher nach Florenz gebracht wurde. Aber ich sage

euch: Betet zu Gott, daß er Florenz viele Träger des ewigen Feuers

schenke, dann wird es eine große Macht werden und gebenedeit unter den

Städten!“

Als der Priester zu Ende gesprochen hatte, wurden die Haupttore der

Domkirche weit geöffnet, und eine Prozession, so gut sie sich in aller

Eile hatte ordnen können, zog herein. Da gingen Domherren und Mönche

und Geistliche, und sie zogen durch den Mittelgang zum Altare. Zu

allerletzt ging der Bischof und an seiner Seite Raniero in demselben

Mantel, den er auf dem ganzen Wege getragen hatte.

Aber als Raniero über die Schwelle der Kirche trat, stand ein alter

Mann auf und ging auf ihn zu. Es war Oddo, der Vater eines Gesellen,

den Raniero in seiner Werkstatt gehabt hatte, und der sich um

seinetwillen erhängt hatte.

Als dieser Mann zum Bischof und zu Raniero gekommen war, neigte er

sich vor ihnen. Hierauf sagte er mit so lauter Stimme, daß alle in der

Kirche ihn hörten: „Es ist eine große Sache für Florenz, daß Raniero

mit heiligem Feuer von Jerusalem gekommen ist. Solches ist nie zuvor

vernommen worden. Vielleicht, daß darum auch manche sagen werden, es

sei unmöglich. Darum bitte ich, daß man das ganze Volk wissen lasse,

welche Beweise und Zeugen Raniero dafür gebracht hat, daß dies wirklich

Feuer ist, das in Jerusalem entzündet wurde.“

Als Raniero diese Worte vernahm, sagte er: „Nun helfe mir Gott. Wie

könnte ich Zeugen haben? Ich habe den Weg allein gemacht. Wüsten und

Wildnisse mögen kommen und für mich zeugen.“

„Raniero ist ein ehrlicher Ritter,“ sagte der Bischof, „und wir glauben

ihm auf sein Wort.“

„Raniero hätte wohl selbst wissen können, daß hierüber Zweifel

entstehen würden,“ sagte Oddo. „Er wird wohl nicht ganz allein geritten

sein. Seine Knappen können wohl für ihn zeugen.“

Da trat Francesca degli Uberti aus der Volksmenge und eilte auf Raniero

zu. „Was braucht es Zeugen?“ rief sie. „Alle Frauen von Florenz wollen

einen Eid darauf ablegen, daß Raniero die Wahrheit spricht.“

Da lächelte Raniero, und sein Gesicht erhellte sich für einen

Augenblick. Aber dann wendete er seine Blicke und seine Gedanken wieder

der Lichtflamme zu.

In der Kirche entstand ein großer Aufruhr. Einige sagten, daß Raniero

die Lichter auf dem Altar nicht entzünden dürfe, ehe seine Sache

bewiesen war. Zu diesen gesellten sich viele seiner alten Feinde.

Da erhob sich Jacopo degli Uberti und sprach für Ranieros Sache. „Ich

denke, daß alle hier wissen, daß zwischen mir und meinem Eidam nicht

allzugroße Freundschaft geherrscht hat,“ sagte er, „aber jetzt wollen

sowohl ich wie meine Söhne uns für ihn verbürgen. Wir glauben, daß

er die Tat vollbracht hat, und wir wissen, daß der, der es vermocht

hat, ein solches Unternehmen auszuführen, ein weiser, behutsamer

und edelgesinnter Mann ist, den wir uns freuen, in unsrer Mitte

aufzunehmen.“

Aber Oddo und viele andre waren nicht gesonnen, Raniero das Glück, das

er erstrebte, zu gönnen. Sie sammelten sich in einem dichten Haufen,

und es war leicht zu sehen, daß sie von ihrer Forderung nicht abstehen

wollten.

Raniero begriff, daß sie, wenn es nun zum Kampfe käme, sie gleich

versuchen würden, nach der Lichtflamme zu trachten. Während er die

Blicke fest auf seine Widersacher geheftet hielt, hob er das Licht so

hoch empor, als er nur konnte.

Er sah todmüde und verzweifelt aus. Man sah ihm an, daß er, wenn er

auch so lange wie möglich aushalten wollte, doch nur eine Niederlage

erwartete. Was frommte es ihm nun, wenn er die Flamme entzünden dürfte!

Oddos Worte waren ein Todesstreich gewesen. Wenn der Zweifel einmal

geweckt war, dann mußte er sich verbreiten und wachsen. Es däuchte ihn,

daß Oddo schon die Lichtflamme für alle Zeit gelöscht hätte.

Ein kleines Vöglein flatterte durch die großen geöffneten Tore in die

Kirche. Es flog geradewegs auf Ranieros Licht zu. Dieser konnte es

nicht so rasch zurückziehen, der Vogel stieß daran und löschte die

Flamme.

Ranieros Arm sank herunter, und die Tränen traten ihm in die Augen.

Aber im ersten Augenblick empfand er dies als eine Erleichterung. Es

war besser, als daß Menschen sie getötet hätten.

Das kleine Vöglein setzte seinen Flug in die Kirche fort, verwirrt

hin und her flatternd, wie Vögel zu tun pflegen, wenn sie in einen

geschlossenen Raum kommen.

Da brauste mit einem Male durch die ganze Kirche der laute Ruf: „Der

Vogel brennt! Die heilige Lichtflamme hat seine Flügel entzündet!“

Der kleine Vogel piepste ängstlich. Er flog ein paar Augenblicke wie

eine flatternde Flamme unter den hohen Wölbungen des Chors umher. Dann

sank er rasch und fiel tot vor dem Altar der Madonna nieder.

Aber in demselben Augenblick, wo der Vogel auf den Altar niederfiel,

stand Raniero da. Er hatte sich einen Weg durch die Kirche gebahnt,

nichts hatte ihn halten können. Und an den Flammen, die die Schwingen

des Vogels verzehrten, entzündete er die Kerzen vor dem Altar der

heiligen Jungfrau.

Da erhob der Bischof seinen Stab und rief: „Gott wollte es! Gott hat

für ihn gezeugt!“

Und alles Volk in der Kirche, seine Freunde wie seine Widersacher,

hörten auf zu zweifeln und zu staunen. Sie riefen alle, von Gottes

Wunder hingerissen: „Gott wollte es! Gott hat für ihn gezeugt!“

* * * * *

Von Raniero ist noch zu berichten, daß er hinfort seiner Lebtag großes

Glück genoß und weise, behutsam und barmherzig war. Aber das Volk von

Florenz nannte ihn immer Pazzo di Raniero, zur Erinnerung daran, daß

man ihn für toll gehalten hatte. Und dies ward ein Ehrentitel für ihn.

Er gründete ein edles Geschlecht, und dieses nahm den Namen Pazzo an,

und so nennt es sich noch heute.

Es mag weiter berichtet werden, daß es in Florenz Sitte wurde, jedes

Jahr am Karsamstagabend ein Fest zur Erinnerung an Ranieros Heimkunft

mit dem heiligen Feuer zu feiern, und daß man dabei immer einen

künstlichen Vogel mit Feuer durch den Dom fliegen läßt. Und so wird

dieses Fest wohl auch noch in diesem Jahre begangen worden sein, wenn

nicht ganz vor kurzem eine Änderung eingetreten ist.

Aber ob es wahr ist, wie viele meinen, daß die Träger heiligen Feuers,

die in Florenz gelebt und die Stadt zu einer der herrlichsten der Erde

gemacht haben, ihr Vorbild in Raniero fanden und dadurch ermutigt

wurden, zu opfern, zu leiden und auszuharren, dies mag hier unausgesagt

bleiben.

Denn was von dem Lichte bewirkt wurde, das in dunkeln Zeiten von

Jerusalem ausgegangen ist, läßt sich weder messen noch zählen.

[Illustration]

Christuslegenden(#57807) · 第 41 / 41 题