Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den
Kaiser aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie
sprach, wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte
die Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich
selbst: „Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie
mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen
mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.“
Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten
Gleichgiltigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am
selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte,
und wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter
der Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: „Du
grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben
in Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht
benommen, den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen
hast.“
Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus
Nazareth erwartet hatte.
„Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn
du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?“
„Du bist mein einziger Freund,“ sagte der Kaiser. „Warum sollte ich dir
eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu
gewähren?“
Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum
Besten gehalten hatte.
„Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,“ sagte sie aufbrausend. „Das
ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.“
„Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,“ sagte Tiberius. „Du
hättest in deinen Bergen bleiben müssen.“
Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft
aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der
Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie
ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme
wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu
behalten, abstehen.
„Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,“ sagte sie. „Ich habe ihn
gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein
Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.“
„Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,“ sagte Tiberius. „Er war ein
Majestätsverbrecher und Aufrührer.“
Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.
„Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,“
sagte sie. „Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt
wurde.“
„Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er
doch darum gewiß nicht besser als irgend ein andrer,“ sagte der Kaiser
müde. „Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod
verdient hätte?“
Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun,
weswegen sie bis dahin unschlüssig gewesen war. „Ich will dir doch eine
Probe seiner Macht geben,“ sagte sie. „Ich sagte dir vorhin, daß ich
mein Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich
jetzt in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?“
Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den
schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.
Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: „Dieser
Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er
imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen
sich mit Tränen, da ich es sehe.“
Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut
und Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien.
So allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das
Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die
stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den
Mund, dessen Lippen in Leid zu beben schienen.
Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat
das Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male
die Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu
ihm von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine
Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.
Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. „Ist
dies ein Mensch?“ fragte er sacht und leise. „Ist dies ein Mensch?“
Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über
seine Wangen zu strömen. „Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,“
flüsterte er.
„Faustina,“ rief er endlich, „warum ließest du diesen Mann sterben? Er
hätte mich geheilt.“
Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.
„Du Mensch,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn ich nicht mein Heil von
dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird
schwer auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.“
Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden
gleiten und sank vor dem Bilde auf die Kniee.
„Du bist der Mensch,“ sagte er. „Du bist, was ich nie zu sehen gehofft
habe.“ Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und
seine zerfressenen Hände. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere
und Ungeheuer, aber du bist der Mensch.“
Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.
„Erbarme dich meiner, du Unbekannter!“ sagte er, und seine Tränen
benetzten die Steine.
„Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich
geheilt,“ sagte er.
Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre
klüger gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie
hatte von Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde,
wenn er es sähe.
Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild
an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.
Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren
verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es
war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der
Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie
hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und
Mitleid gefühlt hatte.
* * * * *
Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.
Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine
Untersuchung anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt
verwalte, und ihn bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das
Volk unterdrücke und Unschuldige zum Tode verurteile.
Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen
zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben
hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als
sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann
sagte: „Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde,
was geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.“ Aber die
Frau erwiderte: „Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer
Gedanke, daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte,
daß die Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.“
Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von
Jesu Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu
verkünden, die der Gekreuzigte gepredigt hatte.
Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem
Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin
des großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie
Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das
wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.
[Illustration]