IX

Die alte Faustina war in Capreae ans Land gestiegen und hatte den

Kaiser aufgesucht. Sie erzählte ihm ihre Geschichte, und während sie

sprach, wagte sie kaum ihn anzusehen. Während ihrer Abwesenheit hatte

die Krankheit furchtbare Fortschritte gemacht, und sie dachte bei sich

selbst: „Wenn bei den Himmlischen Barmherzigkeit wäre, so hätten sie

mich sterben lassen, bevor ich diesem armen, gequälten Menschen sagen

mußte, daß alle Hoffnung vorüber ist.“

Zu ihrem Staunen hörte ihr Tiberius aber mit der größten

Gleichgiltigkeit zu. Als sie ihm erzählte, daß der große Wundertäter am

selben Tage gekreuzigt worden war, an dem sie in Jerusalem anlangte,

und wie nahe sie daran gewesen war, ihn zu retten, da begann sie unter

der Schwere ihrer Enttäuschung zu weinen. Aber Tiberius sagte nur: „Du

grämst dich also wirklich darüber. Ach, Faustina, ein ganzes Leben

in Rom hat dir also den Glauben an Zauberer und Wundertäter nicht

benommen, den du in deiner Kindheit in den Sabinerbergen eingesogen

hast.“

Da sah die Alte ein, daß Tiberius nie Hilfe von dem Propheten aus

Nazareth erwartet hatte.

„Warum ließest du mich dann diese Fahrt in das ferne Land machen, wenn

du sie die ganze Zeit über für fruchtlos hieltest?“

„Du bist mein einziger Freund,“ sagte der Kaiser. „Warum sollte ich dir

eine Bitte abschlagen, solange es noch in meiner Macht steht, sie zu

gewähren?“

Aber die Alte wollte sich nicht darein schicken, daß der Kaiser sie zum

Besten gehalten hatte.

„Siehst du, das ist deine alte Hinterlist,“ sagte sie aufbrausend. „Das

ist es eben, was ich am wenigsten an dir leiden kann.“

„Du hättest nicht zu mir zurückkehren sollen,“ sagte Tiberius. „Du

hättest in deinen Bergen bleiben müssen.“

Für einen Augenblick sah es aus, als würden die beiden, die so oft

aneinandergeraten waren, wieder in ein Wortgefecht geraten, aber der

Groll der Alten verflog sogleich. Die Zeiten waren vorüber, wo sie

ernstlich mit dem Kaiser hatte hadern können. Sie senkte die Stimme

wieder. Doch konnte sie nicht ganz und gar von jedem Versuche, recht zu

behalten, abstehen.

„Aber dieser Mann war wirklich ein Prophet,“ sagte sie. „Ich habe ihn

gesehen. Als seine Augen den meinen begegneten, glaubte ich, er sei ein

Gott. Ich war wahnsinnig, daß ich ihn in den Tod gehen ließ.“

„Ich bin froh, daß du ihn sterben ließest,“ sagte Tiberius. „Er war ein

Majestätsverbrecher und Aufrührer.“

Faustina war wieder nahe daran, in Zorn zu geraten.

„Ich habe mit vielen seiner Freunde in Jerusalem über ihn gesprochen,“

sagte sie. „Er hat die Verbrechen nicht begangen, deren er bezichtigt

wurde.“

„Wenn er auch nicht gerade diese Verbrechen begangen hat, so war er

doch darum gewiß nicht besser als irgend ein andrer,“ sagte der Kaiser

müde. „Wo ist der Mensch, der in seinem Leben nicht tausendmal den Tod

verdient hätte?“

Aber diese Worte des Kaisers bestimmten Faustina, etwas zu tun,

weswegen sie bis dahin unschlüssig gewesen war. „Ich will dir doch eine

Probe seiner Macht geben,“ sagte sie. „Ich sagte dir vorhin, daß ich

mein Schweißtuch auf sein Gesicht legte. Es ist dasselbe Tuch, das ich

jetzt in meiner Hand halte. Willst du es einen Augenblick betrachten?“

Sie breitete das Schweißtuch vor dem Kaiser aus, und er sah darauf den

schattenhaften Umriß eines Menschengesichtes abgezeichnet.

Die Stimme der Alten zitterte vor Rührung, als sie fortfuhr: „Dieser

Mann sah, daß ich ihn liebte. Ich weiß nicht, durch welche Macht er

imstande war, mir sein Bild zu hinterlassen. Aber meine Augen füllen

sich mit Tränen, da ich es sehe.“

Der Kaiser beugte sich vor und betrachtete dieses Bild, das aus Blut

und Tränen und den schwarzen Schatten des Schmerzes gemacht schien.

So allmählich trat das ganze Gesicht vor ihm hervor, wie es in das

Schweißtuch eingedrückt war. Er sah die Bluttropfen auf der Stirn, die

stechende Dornenkrone, das Haar, das klebrig von Blut war, und den

Mund, dessen Lippen in Leid zu beben schienen.

Er beugte sich immer tiefer zu dem Bilde hinunter. Immer klarer trat

das Gesicht hervor. Aus den schattenhaften Linien sah er mit einem Male

die Augen gleichsam in verborgenem Leben strahlen. Und während sie zu

ihm von dem furchtbarsten Leid sprachen, zeigten sie ihm zugleich eine

Reinheit und Hoheit, wie er sie nie zuvor geschaut hatte.

Er lag auf seiner Ruhebank und sog dieses Bild mit den Augen ein. „Ist

dies ein Mensch?“ fragte er sacht und leise. „Ist dies ein Mensch?“

Wieder lag er still und betrachtete das Bild. Die Tränen begannen über

seine Wangen zu strömen. „Ich traure über deinen Tod, du Unbekannter,“

flüsterte er.

„Faustina,“ rief er endlich, „warum ließest du diesen Mann sterben? Er

hätte mich geheilt.“

Und wieder versank er in die Betrachtung des Bildes.

„Du Mensch,“ sagte er nach einer Weile. „Wenn ich nicht mein Heil von

dir empfangen kann, so kann ich dich doch rächen. Meine Hand wird

schwer auf denen ruhen, die dich mir gestohlen haben.“

Wieder lag er lange Zeit schweigend, dann aber ließ er sich zu Boden

gleiten und sank vor dem Bilde auf die Kniee.

„Du bist der Mensch,“ sagte er. „Du bist, was ich nie zu sehen gehofft

habe.“ Und er deutete auf sich selbst, sein zerstörtes Gesicht und

seine zerfressenen Hände. „Ich und alle andern, wir sind wilde Tiere

und Ungeheuer, aber du bist der Mensch.“

Er neigte den Kopf so tief vor dem Bilde, daß er die Erde berührte.

„Erbarme dich meiner, du Unbekannter!“ sagte er, und seine Tränen

benetzten die Steine.

„Wenn du am Leben geblieben wärest, so hätte dein bloßer Anblick mich

geheilt,“ sagte er.

Die arme alte Frau erschrak darüber, was sie getan hatte. Es wäre

klüger gewesen, dem Kaiser das Bild nicht zu zeigen, dachte sie. Sie

hatte von Anfang an gefürchtet, daß sein Schmerz allzu groß sein würde,

wenn er es sähe.

Und in ihrer Verzweiflung über den Kummer des Kaisers riß sie das Bild

an sich, gleichsam, um es seinem Blick zu entziehen.

Da sah der Kaiser auf. Und siehe da, seine Gesichtszüge waren

verwandelt, und er war, wie er vor der Krankheit gewesen war. Es

war, als hätte diese ihre Wurzel und Nahrung in dem Hasse und der

Menschenverachtung gehabt, die in seinem Herzen gewohnt hatten; und sie

hatte in demselben Augenblick entfliehen müssen, in dem er Liebe und

Mitleid gefühlt hatte.

* * * * *

Aber am nächsten Tage sendete Tiberius drei Boten aus.

Der erste Bote ging nach Rom und befahl, daß der Senat eine

Untersuchung anstelle, wie der Landpfleger in Palästina sein Amt

verwalte, und ihn bestrafe, wenn es sich erweisen solle, daß er das

Volk unterdrücke und Unschuldige zum Tode verurteile.

Der zweite Bote wurde zu dem Winzer und seiner Frau geschickt, um ihnen

zu danken und sie für den Rat zu belohnen, den sie dem Kaiser gegeben

hatten, und um ihnen zugleich zu sagen, wie alles abgelaufen war. Als

sie alles bis zu Ende gehört hatten, weinten sie still, und der Mann

sagte: „Ich weiß, daß ich meiner Lebtag darüber nachgrübeln werde,

was geschehen wäre, wenn diese beiden sich begegnet wären.“ Aber die

Frau erwiderte: „Es konnte nicht anders kommen. Es war ein zu großer

Gedanke, daß diese beiden sich begegnen sollten. Gott der Herr wußte,

daß die Welt ihn nicht zu ertragen vermochte.“

Der dritte Bote ging nach Palästina und brachte von dort einige von

Jesu Jüngern nach Capreae, und diese begannen hier die Lehre zu

verkünden, die der Gekreuzigte gepredigt hatte.

Als diese Lehrer in Capreae anlangten, lag die alte Faustina auf dem

Totenbette. Aber sie konnten sie noch vor ihrem Tode zu der Jüngerin

des großen Propheten machen und sie taufen. Und in der Taufe wurde sie

Veronika genannt, weil es ihr beschieden gewesen war, den Menschen das

wahre Bild ihres Erlösers zu bringen.

[Illustration]

Christuslegenden(#57807) · 第 35 / 41 题