So kam es, daß die alte Frau in der Hütte des Winzers wohnte, und sie
faßte große Freundschaft für die jungen Menschen. Aber dennoch sagte
sie ihnen niemals, woher sie kam oder wer sie war, und sie begriffen,
daß sie es nicht gut aufgenommen hätte, wenn sie sie danach gefragt
hätten.
Aber eines Abends, als die Arbeit getan war und sie alle drei auf der
großen, flachen Felsplatte saßen, die vor dem Eingang lag, und ihr
Abendbrot verzehrten, erblickten sie einen alten Mann, der den Pfad
heranstieg.
Es war ein hoher, kräftig gebauter Mann mit so breiten Schultern wie
ein Ringer. Sein Gesicht trug einen düstern, herben Ausdruck. Die Stirn
ragte über den tiefliegenden Augen vor, und die Linien des Mundes
drückten Bitterkeit und Verachtung aus. Er ging in gerader Haltung und
mit raschen Bewegungen.
Der Mann trug ein schlichtes Gewand, und der Winzer dachte, sobald
er ihn erblickt hatte: Das ist ein alter Legionär, einer, der seinen
Abschied aus dem Dienste bekommen hat und nun auf der Wanderung nach
seiner Heimat begriffen ist.
Als der Fremde an die Essenden herangekommen war, blieb er wie
unschlüssig stehen. Der Arbeiter, der wußte, daß der Weg ein kleines
Stück oberhalb der Hütte ein Ende hatte, legte den Löffel nieder und
rief ihm zu: „Hast du dich verirrt, Fremdling, daß du hierher zu
dieser Hütte kommst? Niemand pflegt sich die Mühe zu machen, hier
heraufzuklettern, es sei denn, er hätte eine Botschaft an einen von
uns, die wir hier wohnen.“
Während er so fragte, trat der Fremdling näher. „Ja, es ist so, wie
du sagst,“ antwortete er, „ich habe den Weg verloren, und jetzt weiß
ich nicht, wohin ich meine Schritte lenken soll. Wenn du mich hier ein
Weilchen ruhen läßt und mir dann sagst, welchen Weg ich gehen muß, um
zu einem Landgut zu kommen, will ich dir dankbar sein.“
Mit diesen Worten ließ er sich auf einem der Steine nieder, die vor der
Hütte lagen. Die junge Frau fragte ihn, ob er nicht an ihrer Mahlzeit
teilnehmen wolle, doch dies lehnte er mit einem Lächeln ab. Hingegen
zeigte es sich, daß er sehr geneigt war, mit ihnen zu plaudern, indes
sie aßen. Er fragte die jungen Menschen nach ihrer Lebensweise und
ihrer Arbeit, und sie antworteten ihm fröhlich und rückhaltlos.
Aber auf einmal wendete sich der Arbeiter an den Fremden und begann ihn
auszufragen: „Du siehst, wie abgeschieden und einsam wir leben,“ sagte
er. „Es ist wohl schon ein Jahr her, seit ich mit andern als Hirten
und Winzern gesprochen habe. Kannst du, der ja wohl aus irgend einem
Feldlager kommt, uns nicht ein wenig von Rom und vom Kaiser erzählen?“
Kaum hatte der Mann dies gesagt, als die junge Frau merkte, wie die
Alte ihm einen warnenden Blick zuwarf und mit der Hand das Zeichen
machte, das bedeutet, man möge wohl auf seiner Hut sein mit dem, was
man sage.
Der Fremdling antwortete dann aber ganz freundlich: „Ich sehe, daß du
mich für einen Legionär hältst, und du hast wirklich nicht so ganz
unrecht, obgleich ich schon vor langer Zeit den Dienst verlassen habe.
Unter der Regierung des Tiberius hat es nicht viel Arbeit für uns
Kriegsleute gegeben. Und er war doch einmal ein großer Feldherr. Das
war die Zeit seines Glückes. Jetzt hat er nichts andres im Sinn, als
sich vor Verschwörungen zu hüten. In Rom sprechen alle Menschen davon,
daß er vorige Woche, nur auf den allerleisesten Verdacht hin, den
Senator Titius greifen und hinrichten ließ.“
„Der arme Kaiser, er weiß nicht mehr, was er tut,“ rief die junge Frau.
Sie rang die Hände und schüttelte bedauernd und staunend das Haupt.
„Du hast wirklich recht,“ sagte der Fremdling, während ein Zug tiefster
Düsterkeit über sein Gesicht ging. „Tiberius weiß, daß alle Menschen
ihn hassen, und dies treibt ihn noch zum Wahnsinn.“
„Was sagst du da?“ rief die Frau. „Warum sollten wir ihn hassen? Wir
beklagen ja nur, daß er nicht mehr ein so großer Kaiser ist wie am
Anfang seiner Regierung.“
„Du irrst dich,“ sagte der Fremde. „Alle Menschen verachten und hassen
Tiberius. Warum sollten sie es nicht? Er ist ja nur ein grausamer,
schonungsloser Tyrann. Und in Rom glaubt man, daß er in Zukunft noch
unverbesserlicher sein wird als bisher.“
„Hat sich denn etwas ereignet, was ihn zu einem noch ärgern Ungeheuer
machen könnte, als er schon ist?“ fragte der Mann.
Als er dies sagte, merkte die Frau, daß die Alte ihm abermals ein
warnendes Zeichen machte, aber so verstohlen, daß er es nicht sehen
konnte.
Der Fremdling antwortete freundlich, aber gleichzeitig huschte ein
eigentümliches Lächeln um seine Lippen.
„Du hast vielleicht gehört, daß Tiberius bis jetzt in seiner Umgebung
einen Freund gehabt hatte, dem er vertrauen konnte und der ihm immer
die Wahrheit sagte. Alle andern, die an seinem Hofe leben, sind
Glücksjäger und Heuchler, die seine bösen und hinterlistigen Handlungen
ebenso preisen wie seine guten und vortrefflichen. Es hat aber doch,
wie gesagt, ein Wesen gegeben, das niemals fürchtete, ihn wissen zu
lassen, was seine Handlungen wert waren. Dieser Mensch, der mutiger
war als Senatoren und Feldherrn, war des Kaisers alte Amme, Faustina.“
„Jawohl, ich habe von ihr reden hören,“ sagte der Arbeiter. „Man sagte
mir, daß der Kaiser ihr immer große Freundschaft bewiesen habe.“
„Ja, Tiberius wußte ihre Ergebenheit und Treue zu schätzen. Er
hat diese arme Bäuerin, die einst aus einer elenden Hütte in den
Sabinerbergen kam, wie seine zweite Mutter behandelt. Solange er selbst
in Rom weilte, ließ er sie in einem Hause auf dem Palatin wohnen, um
sie immer in seiner Nähe zu haben. Keiner von Roms vornehmen Matronen
ist es besser ergangen als ihr. Sie wurde in einer Sänfte über die
Straße getragen, und ihre Kleidung war die einer Kaiserin. Als der
Kaiser nach Capreae übersiedelte, mußte sie ihn begleiten, und er ließ
ihr dort ein Landhaus voll Sklaven und kostbaren Hausrat kaufen.“
„Sie hat es wahrlich gut gehabt,“ sagte der Mann.
Er war es nun, der das Gespräch mit dem Fremden allein weiterführte.
Die Frau saß stumm und beobachtete staunend die Veränderung, die mit
der Alten vorgegangen war. Seit dem Kommen des Fremden hatte sie kein
Wort gesprochen. Sie hatte ihr sanftes und freundliche Aussehen ganz
verloren. Die Schüssel hatte sie von sich geschoben und saß jetzt starr
und aufrecht, an den Türpfosten gelehnt und blickte mit strengem,
versteinertem Gesicht gerade vor sich hin.
„Es ist des Kaisers Wille gewesen, daß sie ein glückliches Leben
genieße,“ sagte der Fremdling. „Aber trotz aller seiner Wohltaten hat
nun auch sie ihn verlassen.“
Die alte Frau zuckte bei diesen Worten zusammen, doch die Junge legte
beschwichtigend die Hand auf ihren Arm. Dann begann sie mit ihrer
warmen, milden Stimme zu sprechen. „Ich kann doch nicht glauben, daß
die alte Faustina am Hofe so glücklich gewesen ist, wie du sagst,“
sagte sie, indem sie sich an den Fremdling wendete. „Ich bin gewiß,
daß sie Tiberius so geliebt hat, als wenn er ihr eigner Sohn wäre. Ich
kann mir denken, wie stolz sie auf seine edle Jugend gewesen ist, und
ich kann auch begreifen, welch ein Kummer es für sie war, daß er sich
in seinem Alter dem Mißtrauen und der Grausamkeit überließ. Sie hat
ihn sicherlich jeden Tag ermahnt und gewarnt. Es ist furchtbar für sie
gewesen, immer vergeblich zu bitten. Schließlich hat sie es nicht mehr
ertragen können, ihn immer tiefer und tiefer sinken zu sehen.“
Der Fremdling beugte sich überrascht ein wenig vor, als er diese Worte
vernahm. Aber das junge Weib sah nicht zu ihm auf. Sie hielt die Augen
niederschlagen und sprach sehr leise und demütig.
„Du hast vielleicht recht mit dem, was du von der alten Frau sagst,“
antwortete er. „Faustina ist am Hofe wirklich nicht glücklich gewesen.
Aber es scheint doch seltsam, daß sie den Kaiser in seinem hohen Alter
verließ, nachdem sie ein ganzes Menschenleben bei ihm ausgeharrt
hatte.“
„Was sagst du da?“ rief der Mann. „Hat die alte Faustina den Kaiser
verlassen?“
„Sie hat sich, ohne daß jemand darum wußte, von Capreae
weggeschlichen,“ sagte der Fremde. „Sie ist ebenso arm gegangen, wie
sie gekommen war. Sie hat nichts von allen ihren Schätzen mitgenommen.“
„Und weiß der Kaiser wirklich nicht, wohin sie gegangen ist?“ fragte
die junge Frau mit ihrer sanften Stimme.
„Nein, niemand weiß mit Bestimmtheit, welchen Weg die Alte
eingeschlagen hat. Man hält es jedoch für wahrscheinlich, daß sie ihre
Zuflucht in ihren heimatlichen Bergen gesucht habe.“
„Und der Kaiser weiß auch nicht, warum sie von ihm fortgegangen ist?“
fragte die junge Frau.
„Nein, der Kaiser weiß nichts darüber. Er kann doch nicht glauben, daß
sie ihn verlassen hat, weil er einmal zu ihr sagte, sie diene ihm, um
Lohn und Gaben zu empfangen, sie, wie alle andern. Sie weiß doch, daß
er niemals an ihrer Uneigennützigkeit gezweifelt hat. Er hoffte immer
noch, daß sie freiwillig zu ihm zurückkehren würde, denn niemand weiß
besser als sie, daß er jetzt ganz ohne Freunde ist.“
„Ich kenne sie nicht,“ sagte das junge Weib, „aber ich glaube doch,
daß ich dir sagen kann, warum sie den Kaiser verlassen hat. Diese alte
Frau ist hier in diesen Bergen zu Einfachheit und Frömmigkeit erzogen
worden, und sie hat sich immer hierher zurückgesehnt. Sicherlich hätte
sie dennoch den Kaiser nie verlassen, wenn er sie nicht beleidigt
hätte. Aber ich begreife, daß sie nun hiernach, da ihre Lebenstage
bald zu Ende gehen müssen, das Recht zu haben meinte, an sich selbst
zu denken. Wenn ich eine arme Frau aus den Bergen wäre, hätte ich
vermutlich ebenso gehandelt wie sie. Ich hätte mir gedacht, daß ich
genug getan hätte, wenn ich meinem Herrn ein ganzes Leben lang gedient
habe. Ich wäre schließlich von Wohlleben und Kaisergunst fortgegangen,
um meine Seele Ehre und Gerechtigkeit kosten zu lassen, ehe sie sich
von mir scheidet, um die lange Fahrt anzutreten.“
Der Fremdling blickte die junge Frau trüb und schwermütig an. „Du
bedenkst nicht, daß des Kaisers Treiben jetzt schrecklicher werden wird
denn je. Jetzt gibt es keinen mehr, der ihn beruhigen könnte, wenn
Mißtrauen und Menschenverachtung sich seiner bemächtigen. Denke dir
dies,“ fuhr er fort und bohrte seine düstern Blicke tief in die des
jungen Weibes, „in der ganzen Welt gibt es jetzt keinen, den er nicht
haßte, keinen, den er nicht verachtete, keinen.“
Als er diese Worte bitterer Verzweigung aussprach, machte die Alte eine
hastige Bewegung und wendete sich ihm zu, aber die Junge sah ihm fest
in die Augen und antwortete: „Tiberius weiß, daß Faustina wieder zu ihm
kommt, wann immer er es wünscht. Aber zuerst muß sie wissen, daß ihre
alten Augen nicht mehr Laster und Schändlichkeit an seinem Hofe schauen
müssen.“
Sie hatten sich bei diesen Worten alle erhoben, aber der Winzer und
seine Frau stellten sich vor die Alte, gleichsam um sie zu schützen.
Der Fremdling sprach keine Silbe mehr, aber er betrachtete die Alte mit
fragenden Blicken. Ist das auch +dein+ letztes Wort? schien er
sagen zu wollen. Die Lippen der Alten zitterten, und die Worte wollten
sich nicht von ihnen lösen.
„Wenn der Kaiser seine alte Dienerin geliebt hat, so möge er ihr auch
die Ruhe ihrer letzten Tage gönnen,“ sagte die junge Frau.
Der Fremde zögerte noch, aber plötzlich erhellte sich sein düsteres
Gesicht. „Meine Freunde,“ sagte er, „was man auch von Tiberius sagen
mag, es gibt doch eines, was er besser gelernt hat, als andre, und das
ist: verzichten. Ich habe euch nur noch eines zu sagen: Wenn diese
alte Frau, von der wir gesprochen haben, diese Hütte aufsuchen sollte,
so nehmet sie gut auf! Des Kaisers Gunst ruht über jedem, der ihr
beisteht.“
Er hüllte sich in seinen Mantel und entfernte sich auf demselben Wege,
den er gekommen war.