Drittes Kapitel

Auf der breiten, baumbestandenen Allee, der Hauptpromenade Düsseldorfs,

auf welche die Nachmittagsonne heiß herniederbrannte, wurde es

plötzlich lebendig. Es hatte soeben vier Uhr geschlagen. Das graue,

kastenartige Gymnasium entließ seine Schutzbefohlenen.

Sexta und Quinta stürmten zuerst hervor. Kleine Halbwilde, noch bar

jeden wissenschaftlichen Ernstes, hatten sie bei dem ersten Luftzug,

der sie traf, die tiefe Bedeutung der Deklination von =mensa= und der

Konjugation von =amare= vergessen, erfüllten bereits Korridore und

Schulhof mit ihrem Lärm, inszenierten schleunigst ein paar Raufereien,

um den »Stärkeren« festzustellen, schlugen wild mit den am Riemen

geschwungenen Tornistern um sich, sausten im Wettrennen über den

aufstäubenden Reitweg, von den Schimpfworten der für die Lungen ihrer

Pfleglinge besorgten Kindermädchen verfolgt, und trennten sich an

den Straßenecken mit der würdevollen Grandezza ihrer vergötterten

Lederstrumpfgestalten. Ein Knirps rief dem anderen das Stelldichein

zu: »Mein großer Bruder Falkenauge wolle nicht vergessen, daß der

springende Panther ihn erwartet. Die Hunde von Sioux sind auf dem

Kriegspfad wider uns. Hör, Schrüwken, dene müsse mer ens ordentlich dat

Fell verjücke.«

Quarta und Tertia folgten. Hier hatte schon das Leben mit seinen

Forderungen eingesetzt. Man tauschte Briefmarken, alte Münzen,

Quarze; man handelte um all die tausend Dinge, die die unergründliche

Hosentasche eines Lateinschülers nur zu fassen vermag. Einige ganz

Betriebsame hielten sich abseits und besprachen den Plan einer

Lotterie, in der ein lebendiges Eichhörnchen ausgelost werden sollte.

Dieses Eichhörnchen demnächst zu fangen, war der Hauptpunkt der

heimlichen Konferenz. Einer schlug eine aufregende Jagd im Ellerbusch

vor. Ein Phlegmatiker wies darauf hin, daß an der Mühle in Wersten,

ganz nahe der Stadt, ein Eichhörnchen frei in einem Kasten hinge und

ein kleines Rad triebe. Es wäre doch viel bequemer und auch sicherer,

wenn man — »Schuft!« hieß es empört. Aber man ging doch zunächst nach

Wersten.

Nun nahte Sekunda. Eine Gattung für sich. Mannbar gewordene Leute,

ihren Empfindungen nach; dicht davor, bei Erlangung des Zeugnisses

zum einjährigfreiwilligen Dienst ihre Bildung ein für allemal als

abgeschlossen zu betrachten oder doch, sofern sie die Prima zu

absolvieren gedachten, in dem erhebenden Gefühl, daß die Büffelei

fürs Abiturientenexamen bei der immensen Länge der Zeit besser erst

im nächsten Jahre vorzunehmen sei. Selbstverständlich sprach man nur

vom »Weib«. Etwas Selbstverständlicheres gab es nicht, höchstens — die

Verachtung für die, die nicht mitzusprechen vermochten. Man sprach

über »meine, deine, seine Poussage« in der geläufigen Art, in der sich

Besitzer von Serails unterhalten mögen. Nahte ein weibliches Wesen —

und zählte es auch nicht mehr als zehn treubewachte Lenze —, so kniff

man die Augen ein und zupfte nervös an der Haut über der Oberlippe.

Dienstmädchen und das, was nicht die Töchterschule besuchte, galt

als Freiwild. Hier waren Augenrollen und laute Bemerkungen am Platz.

»Donnerwetter, gut gewachsen.« — »Unsinn, zu kurze Taille.«

Den Beschluß machte Prima. Jünglinge von Erziehung, das reinste Produkt

der neunmaligen Filtration einer neunklassigen Schule. Zwei Welten

vereinigten sich in ihnen: die gegenwärtige, mit ihren jugendfrohen,

schwärmerischen Idealen für die Freuden des jungen Lebens, die

Schönheiten der Kunst und die Erhabenheiten der Dichtung, und die

künftige, mit ihrem Hinweis auf den Beruf und die Stufenleiter der

Erstrebungen. Diese Verschmelzung prägte sich deutlich in den Augen,

den Bewegungen, der Haltung aus. Sonnenschein und Frühreife. Der

künftige Student, der künftige Offizier, der künftige Kunstjünger wurde

bereits markiert, unbewußt fast, aber dennoch untrüglich. Aufmerksame

Beobachter vermochten selbst den gelinden Übergang zu den Feinheiten

der Klassifizierungen zu erkennen, wie sie zwischen Korpsstudenten

und Burschenschaftern, zwischen den Herren der Infanterie und der

Kavallerie bestehen. Trotz ihrer Gemessenheit hatten sie im Rassigen

die meiste Ähnlichkeit mit Sexta. Die Treffpunkte des Kreises

offenbarten sich. Der Sturm war auch in ihnen lebendig, wie bei

jenen Knirpsen, nur gezügelt durch die Erziehung; er war aufs neue

lebendig geworden im Wonneschauer der Erwartung, an der Schwelle der

zweiten Jugendhälfte. Ihre Disputationen waren von einer inneren

Leidenschaftlichkeit erfüllt. Ihre Ansichten, ihre Aussprüche über

antike Kunst und modernes Theater, über die soziale und pekuniäre

Stellung eines Amtsrichters zu der eines Hauptmanns, über die

Berechtigung eines philosophischen Systems, die Billigkeit einer Kneipe

und die Tugend der Frauen waren kategorisch.

Als einer der letzten verließ Hans Steinherr das Schulgebäude. Er ging

allein, trug die Bücher unter den Arm geklemmt und schlenderte langsam

die Allee entlang. Den weißen Strohhut in den Nacken gerückt, die Hände

in den Taschen seines hellen Sommeranzuges, summte er vor sich hin und

horchte, ob es ein Liedvers wurde.

Ein paar Klassenkameraden schauten sich nach ihm um. Dann gingen sie

weiter. Der junge Steinherr war den meisten von ihnen zu apart, er

legte ihnen durch sein zurückhaltendes Wesen zu großen Zwang in der

Unterhaltung auf.

Als Hans dicht hinter ihnen in die Elberfelder Straße einbog, schwenkte

einer der Primaner die Mütze und rief einem jungen Mädchen, das in

diesem Augenblicke ihren Weg kreuzte, ein paar Worte zu. Hans blickte

auf. Dann spannten sich seine Züge, er fühlte, daß er flammend rot

wurde und daß sein Atem plötzlich ganz kurz geworden war. Instinktiv

machte er eine Bewegung nach dem Hute, aber sein Arm blieb in der

Luft hängen. Dabei starrte er auf das junge, schlanke Geschöpf in dem

fadendünnen Sommerkleidchen, mit dem altmodischen Schäferhut auf den

schwer herabhängenden Flechten, bis sie vorbei war. Sie hatte die Augen

gesenkt gehalten, als sie an ihm vorüberschritt, aber eine leise Röte,

die sich von den flaumweichen Wangen bis in den kleinen Halsausschnitt

stahl, zeigte an, daß auch sie ihn bemerkt und erkannt hatte.

Sein Abenteuer von der Golzheimer Insel ...

Sie war verschwunden, und er atmete tief auf; und nochmals und wieder.

Mitten auf dem Trottoir blieb er stehen, ließ sich von den Passanten

stoßen und lächelte in die Luft hinein. Alles um ihn und in ihm

streichelte und schmeichelte. Sein Wesen verspürte tausend kosende

Berührungen und drängte unerklärlich, sie zu erwidern. Ein Unnennbares,

eine grenzenlose Verwunderung lag über ihm ausgebreitet.

Dann kam es ihm zum Bewußtsein, wie linkisch, wie überaus hölzern er

sich soeben dem Kinde gegenüber benommen hatte. Und nun färbte die

Scham seine Wangen so rot, wie vorhin die Überraschung. Er hätte sich

prügeln mögen dafür, daß er nicht wenigstens den Hut heruntergerissen,

gleichviel, ob sie seinen Gruß bemerken wollte oder nicht. Was war er

doch für ein steifleinener Bursche! Ob sich das Ding insgeheim nicht

über ihn lustig machen würde?

Der Zorn rüttelte ihn gänzlich wach. Mit langen Schritten eilte er

hinter seinen Klassenkameraden her und gesellte sich zu ihnen.

»Heiß heute, was?« und er nahm seinen Hut ab und wischte sich die

Stirn, um seine Verlegenheit zu bemänteln.

»Nanu,« erwiderte der Angeredete erstaunt und ironisch, »ich dächte,

deine so wohl temperierte Natur wäre über so was erhaben.«

Hans ging über den Spott hinweg.

»Doll heiß!« fuhr er fort. »Wie wär’s, Hüsgen, wenn wir nachher

irgendwo eine Kneiperei veranstalteten?«

»Was gefällig? Kneiperei? Steinherr und Kneiperei? Ich hab’ mich wohl

verhört?«

»Du hast ganz recht gehört. Natürlich, wenn du vor einem Anker Bier

kneifst — —«

»Nu schlag einer lang hin! Steinherr, wahrhaftig, ich glaub’s jetzt

selber, daß dir heiß ist. Seit wann gestatten dir denn deine vornehmen

Grundsätze solche Extravaganzen? O Steinherr, du steigst bergab,

du mischest dich unter das Volk. Laß das gemeine Vergnügen uns

gewöhnlicheren Sterblichen.«

Der stämmige Bengel schüttelte wie in tiefem Schmerz das von einer

Künstlermähne umwallte Haupt. Es amüsierte ihn königlich, den

Kameraden, der sich von allen Streichen mehr als nötig und üblich

zurückhielt, derb zu hänseln.

»Hör mal, Hüsgen,« antwortete Steinherr ruhig, »du tust dich etwas

groß. Ich hab’ zwar nicht das Zeug zu einem Kneipgenie, aber Leute wie

dich trink’ ich, wenn ich will, dreimal unter den Tisch.«

»Ach nee, wenn du willst? Wirklich? Schön, du sollst wollen. Daran

kommst du jetzt nicht mehr vorbei.«

»Gut. Heute abend.«

»Heute abend kann ich nicht. Aber morgen.«

»Du willst dich wohl präparieren? Oder hast du ein Rendezvous? Du

grüßtest da vorhin so ’n kleines Mädel.«

Hans Steinherr hielt inne. Diese tastende Diplomatie war ihm bisher

fremd gewesen, und er ärgerte sich über sein Vorgehen. Aber er scheute

sich, von dem großtuerischen Kameraden, der zu Ostern die Kunstakademie

beziehen wollte, seiner zaghaften Neugier wegen verspottet zu werden.

So wartete er denn mit Spannung auf die Antwort.

»Ein kleines Mädel? Gott, ich kenn’ so viele. Wo denn?«

»An der Ecke der Elberfelder Straße.«

»Ach so — —. Du meinst den Hannes?«

»Den Hannes? Ich sag’ dir doch, ich mein’ ein Mädel!«

»Behaupte ich denn, daß es ein Junge ist? Hör doch zu, Mensch!«

»Also Hannes heißt sie ...?«

»Hannes.«

Hans Steinherr gab sich einen Ruck. Er mußte mehr erfahren.

»Und ihretwegen bist du heute abend nicht zu haben?« sagte er mit

erzwungener Neckerei.

»Wegen Hannes?« Der junge Kunstaspirant warf sich in die Brust. »Nee,

Backfische sind nicht mein Schwarm. Ich muß schon was Reiferes haben,

=à la= Rubens, verstehst du? Der wußte, was gut ist. Nicht dein

Geschmack, wie? Du hast eben keine Ahnung!«

»Und Hannes?« beharrte der andere.

»Ach, Hannes! Hm, gewiß, wird sich schon auswachsen. Glaub’ schon, daß

diese Linien eines Tages —«

»Danach habe ich nicht gefragt.«

Hans Steinherr stieß es fast herrisch hervor. Er hätte den plumpen

Menschen plötzlich am Halse würgen mögen.

Der sah ihn mit überlegenem Hohn an.

»Ja, nach was dann? Entschuldige nur, wenn ich deiner keuschen Seele —«

»Das ist ja Unsinn,« unterbrach ihn Hans kurz. »Also du triffst das

Mädchen heute abend nicht?«

»Natürlich treff’ ich sie. Sie kommt sogar zu uns. Der Künstlerverein

Gaudeamus — lauter flotte Akademiker — hat zu Beginn des

Wintersemesters große Feier. Zehnjähriges Bestehen! Ich werde offiziell

zwar erst zu Ostern eintreten, weil mein Alter sich hat einreden

lassen, das Abiturientenexamen sei erst der Schlüssel zum Leben,

aber ich bin in der Stille doch schon Konkneipant. Als Haussohn!

Die Gaudeamus-Brüder haben nämlich ihr Lokal bei meinem Alten. Du

weißt vielleicht, daß wir eins der ältesten Düsseldorfer Wirtshäuser

besitzen?«

Hans Steinherr nickte. Der alte Hüsgen war eine stadtbekannte

Persönlichkeit und ein wohlhabender Mann, der seinen Stolz darein

setzte, seinen Jungen wie die der Vornehmsten das ganze Gymnasium

durchlaufen zu lassen. Mochte er nachher werden, was er wollte.

»Also ich werde zu dem Fest lebende Bilder stellen. Aber welche, die

sich gewaschen haben. Die Kerle sollen Augen machen, was ich kann.

Daher fang’ ich jetzt schon mit den Vorbereitungen an. Alles stilecht:

Kostüme, Stellungen. Die Stellungen wollen probiert, die Kostüme

entworfen und geschneidert sein. Das ist alles nicht so einfach, wenn

man’s mit der Kunst ernst nimmt. Da hat nun meine Schwester den Hannes

aufgestöbert, eine frühere Schulkollegin; gerad’ nix Feines von Haus

aus, aber Schick und Geschmack hat der Balg.«

Die anderen Kameraden hatten sich von ihnen getrennt. In Gedanken

versunken schritt Steinherr neben dem stämmigen Wirtssohn her, der,

stolz, sein Künstlertum proklamieren zu können, weitschweifig seine

Pläne auseinandersetzte und die Schönheiten der Renaissance beschwor,

als wäre er heute schon ihr Herr und Meister. Hans Steinherr hörte kaum

hin. Während die Schlagworte an sein Ohr tönten, die sich von einer

jungen Künstlergeneration auf die andere vererben, hatte ihn eine Idee

erfaßt und ließ ihn nicht mehr los.

»Du,« unterbrach er plötzlich den Redseligen, »könntest du mich nicht

gebrauchen?«

Sie waren am Wehrhahn angelangt, dicht vor dem Hüsgenschen Hause.

Verblüfft machte Hüsgen Halt. Dann betrachtete er mißtrauisch die Miene

des anderen, der den Kopf geneigt hielt und mit der Stiefelspitze

Figuren beschrieb.

»Steinherr,« sagte er endlich, »entweder, du hast heute eine Marotte,

oder du willst dich gar lustig machen. Für beides findest du in deinen

Kreisen bessere Gelegenheit. Adjüs.«

Er wollte ins Haus, aber Steinherr faßte ihn am Ärmel.

»Sei doch nicht gleich ein so grober Patron. Wenn ich dich höflich

frage, kannst du mir doch wohl eine höfliche Antwort geben.«

»Was?« rief Hüsgen und riß die Augen auf, »das war dein Ernst vorhin?

Aber du hast doch früher keinen Schritt in unser Haus gesetzt? Die Bude

und die Gesellschaft drin waren dir und deinesgleichen doch immer zu

power. Hier verkehren wirklich keine Millionäre.«

»Hüsgen,« erwiderte der Kamerad ernst, »bin ich dir so oberflächlich

erschienen? Glaubst du nicht, daß ich mich oft genug danach gesehnt

habe, mit euch herumzutollen? Früher, als wir noch jünger waren? Aber

ihr ließt mich ja nie zu. Mein Anzug genierte euch. Also, wenn sich da

so was wie eine Scheidewand aufgetan hat: ich bin doch nicht schuld.

Oder hast du mir sonst was vorzuwerfen?«

Der derbe Bursche biß sich auf die Lippe und blickte stumm vor sich

nieder. Die Situation wurde ihm unbehaglich. Am liebsten hätte er sich

durch einen Sprung in den Torweg gedrückt.

»Nun?« beharrte Hans und trat ihm einen Schritt näher.

»Mensch,« stotterte der Schulkamerad, »du — du — na, du warst uns eben

zu vornehm.«

»Und du, als werdender Künstler, sprichst auch heute noch solche

inferiore Begriffe aus? Weiß Gott, und wenn ich keinen Knopf mehr an

der Hose hätte, dazu wär’ ich zu stolz. Adieu, Hüsgen.«

»Hör mal,« schrie es hinter ihm her, »komm um sechs!«

Hans wandte sich um.

»Ich will deine Anschauungen nicht verwirren,« rief er zurück.

»Also um sechs!« brüllte der andere aus dem Torweg heraus, als ob

der Einwand gar nicht bis zu ihm gedrungen wäre. »Aber gefälligst

pünktlich! Adjüs!«

Hans Steinherr schob den Strohhut in den Nacken und schritt wacker

aus. Er kam sich mit einem Male so unternehmungslustig vor. Und dabei

spürte er doch innerlich eine seltsame, wohlige Unruhe. Ah, war das

wieder ein schöner Tag heute! In dem Garten, der die Steinherrsche

Villa umschloß, dufteten die Rosen betäubend, die Jasminblüten lagen

wie ungezählte weiße Sterne in den grünen Hecken, und der Springbrunnen

sandte aus weitgeöffnetem Reiherschnabel eine Garbe Schaum in die

sonnendurchzitterte Luft.

Es war ganz still im Garten und im Hause. Mama war zum Kaffee zu einer

Freundin gefahren; die Damen hatten jetzt, wo es bald zur Saison nach

Ostende ging, so vieles miteinander zu besprechen. Der Vater war

draußen in den Fabriken.

Hans ließ sich den Kaffee in die Laube bringen. Er hatte eine

vollerblühte Marschall Niel-Rose vom Zweige geschnitten und preßte

sein Gesicht in den Blütenkelch. Um ihn her lebte und webte das leise

summende Getön des Sommers.

Hatte er geschlafen? Er war aufgesprungen und sah nach der Uhr. Fünf

bereits. Der Kaffee stand noch immer unberührt und war kalt geworden.

Er nahm einen Schluck, dehnte sich und ging schnellen Schrittes ins

Haus. Auf seinem Zimmer setzte er sich sofort an den Arbeitstisch und

nahm energisch die Bücher vor. Die Zeigefinger in die Ohren gesteckt,

studierte er emsig sein Pensum für den morgigen Tag.

Da schlug es sechs Uhr vom Kamin. Die durchdringenden Töne der

Metallplatte mußten doch wohl zu seinem Bewußtsein gelangt sein. Er

fuhr auf, starrte die Uhr an, schob die Bücher beiseite und griff

nach seinem Hut. Doch er ging noch nicht. Den Hut in der Hand, stand

er am Fenster und blickte hinaus. Wie der Garten prangte! Welch ein

herrliches Besitztum war doch sein väterliches Heim! — — Im Garten

rief eine kleine, schwarzbraune Amsel. Da lächelte er, ein unsicheres,

zärtliches Knabenlächeln, und verließ langsam das Haus. Eine

Straßenbahn fuhr vorüber. Er sprang auf die Plattform, und in wenigen

Minuten erreichte er den Wehrhahn. Vor der Hüsgenschen Wirtschaft

lauerte bereits der Haussohn.

»Süch ens, der Steinherr!« tat er verwundert. »Hat dich die Frau Mama

losgelassen? Na, komm nur ’rein, du wirst dir auch bei uns die Stiebel

nicht schmutzig machen.«

Hans folgte ihm durch den Torweg. Der mit Lorbeerbäumen und

verstellbaren Hecken bestandene Hof, der sich anschloß, war dicht mit

Menschen besetzt, die den Vespertrunk begannen. Durch die offene Tür

des Schenklokals sah man die Ehegatten Hüsgen am weißgescheuerten

Büfett mit Biergläsern und Butterbroten hantieren.

»Willst du mich nicht deinen Eltern vorstellen?« fragte Hans bescheiden.

»Vorstellen? Meinen Alten?« Hüsgen junior traute seinen Ohren nicht.

»Mensch, du bist doch hier nicht bei Hofe.« Dann, in neu erwachtem

Mißtrauen, zog er die Augenbrauen hoch. »Übrigens, wenn das ein Witz

sein sollte — deine Witze verbitt’ ich mir.«

Hans Steinherr schüttelte den Kopf.

»Hüsgen, daß man im eigenen Hause nicht den Grobian spielt, einem

Gastfreund gegenüber, das hätten dich auch mittlerweile deine

griechischen Klassiker lehren können.«

»Ach was, ein echter Künstler ist immer grob. Ich pfeife auf eure

Finessen.«

»Na, wenn du meinst, die Grobheit allein mache den Künstler, so kannst

du deinen Eltern das Lehrgeld für die Akademie sparen.«

»Gott, wie viel Worte wegen einer überflüssigen Form. Vatter! Mutter!«

rief er zur Büfettür hinein, »ich hab’ hier einen Gast, den jungen

Steinherr von der Grafenbergerchaussee.«

Hans trat vor und verbeugte sich.

»En Gläschen Bier jefällig?« fragte der biedere Alte und hob ein Glas

an den Zapfhahn.

Der Sohn des Hauses stieß den Schulgenossen ironisch in die Seite und

grinste.

»Och, Vatter,« wies die lebensgewandtere Wirtin den geschäftseifrigen

Gatten zurecht, »dä jong Herr Steinherr is doch en Fründ von uns’

Willibald. Freut mich sehr, Herr Steinherr,« fügte sie zierlich wie ein

junges Mädchen hinzu, strich sich die Hand an der Schürze trocken und

reichte sie dem jungen Manne zum Gruß. »Laßt euch als häufiger sehen.

Gelt? — Un nich überarbeiten, Jüngkens.«

Als die beiden jungen Leute die Treppe hinaufstiegen, lachte Willibald

Hüsgen ziemlich respektlos.

»Fein, so’ne Vorstellung, wie?« und er ahmte die Stimmen der Alten

nach. »En Gläschen Bier jefällig? Freut mich sehr, Herr Steinherr ...«

»Ich verstehe dich nicht,« sagte Hans entrüstet. »Wenn ich doch

regelmäßiger in eurem Hause verkehren will, habe ich wohl deinen Eltern

gegenüber zuallererst die Pflicht der Höflichkeit.«

»Ah so, du willst regelmäßiger — —. Mir kann’s ja recht sein. Hier ist

meine Bude, links, drück auf die Klinke. Der Herr segne deinen Eingang.«

Sie waren ungefähr unter dem Dach angelangt. Hans tat, wie

ihm geheißen, drückte die Klinke auf und trat ohne weiteres

ein. »Donnerwetter!« entfuhr es ihm. Dann blickte er sich mit

großen Augen um. Auf die weißgetünchten Wände war mit Kohle ein

Bacchantenzug gezeichnet, übertrieben in den Formen, willkürlich in

der Linienführung, aber keck und saftig im Entwurf. Die Zimmerecken

waren mit mächtigen Bündeln Schilfkolben ausstaffiert, auf denen eine

silbrige Staubschicht lag. Von der Decke herab hing ein Kronleuchter,

der aus einem großen, mit Kerzen besteckten Faßreifen gebildet war; ein

Uhu, in dessen weitgespreiztem, mottenzerzaustem Gefieder der Reifen

zu ruhen schien, verlieh dem Beleuchtungsapparat einen phantastischen

Reiz. Dicht an das Fenster war eine Staffelei gerückt, die einen

gewaltigen Leinwandrahmen trug. Ob das Bild, das in satten Farben

darauf begonnen war, eine Prozession oder eine blühende Kirschbaumallee

vorstellen sollte, war noch nicht zu erkennen, der Meister erklärte

es vorläufig für das Gelage des Sardanapal. »Weißt du,« setzte er

belehrend hinzu, »hier taugen ja die Weiber nix. Zu schmal in den

Hüften.«

»Schafskopp,« sagte jemand trocken hinter der Leinwand.

Selbst der unverfrorene Willibald fand für einen Augenblick nicht das

Gleichgewicht.

»Sprach da nicht jemand?« flüsterte Hans Steinherr nach einer Pause.

»I wo!« entgegnete der Haussohn grob, »da spielte jemand Flöte. Kommt

heraus da, ihr Gesindel,« rief er und zerrte an dem Vorhang, der als

Draperie von der Staffelei herabhing. »Müßt ihr Frauenzimmer denn die

Ohren überall haben? Vorwärts!«

Hinter dem Vorhang kicherte es. Dann wurde das Tuch zurückgeschlagen

und ein sechzehnjähriges, derbes Mädel trat, flammend rot zwar, aber

resolut vor.

»Meine Schwester Malchen,« sagte der junge Künstler grimmig, »Herr

Steinherr, Oberprima. Nanu, wo steckt denn der Hannes?«

»Hier,« tönte eine feine Stimme, in der Scham und Trotz miteinander

stritten. Das junge Mädchen war unbemerkt hinter dem Vorhang

hervorgetreten und stand nun unbeweglich im Hintergrund des Zimmers.

»Der Hannes,« sagte Hüsgen mit einer Gebärde zu Steinherr hin. Damit

waren für ihn die Formalitäten erledigt.

Hans Steinherr blickte verwirrt zu dem jungen Mädchen hinüber. Er sah,

wie sie die Lippen fest aufeinander schloß, wie die dunkelblauen Augen

einen Stahlglanz erhielten, und er trat rasch auf sie zu.

»Hans Steinherr,« stellte er sich höflich vor und wartete auf Antwort.

Aber sie antwortete nicht. Über ihrer Nasenwurzel grub sich die

kindliche Trotzfalte nur noch tiefer, und der Blick, mit dem sie ihn

feindlich streifte, nahm ihm den Rest von Unbefangenheit.

»Ich glaube, mein Fräulein ...« stotterte er, »verzeihen Sie, Fräulein,

ich habe mich noch —«

Weiter kam er nicht. Die Kleine tat, als wäre er ihr gänzlich fremd,

und Fräulein Malchen nahm keinen Anstand, vergnügt in ihr Taschentuch

zu kichern. Herr Willibald aber machte auf seine Art reinen Tisch.

»Ach, Steinherr, würdest du dir wohl merken, daß wir nicht hier sind,

um einen Kontertanz zu probieren, sondern um Kostüme zu entwerfen.

Schleppt mal den Tisch ans Fenster, ihr beide. Malchen, hol die

Zeichnungen. Ich werde erklären.«

Während er den Rock abstreifte und es sich in Hemdärmeln bequem machte,

rückten Steinherr und seine kleine Feindin den Tisch aus der Ecke

heran. Die Kleine nahm all ihre Kräfte zusammen, um nicht schwächlich

zu erscheinen. Die junge Brust hob und senkte sich bei der ungewohnten

Anstrengung.

»Loslassen!« befahl Hans kurz. Und da sie nicht gewillt schien, zu

gehorchen, setzte er den Tisch nieder.

»Das ist doch keine Arbeit für Mädchen,« sagte er und sah sie an. Dann

packte er den Tisch allein, drückte ihn gegen die Brust und schleppte

ihn mit Aufbietung aller Kräfte ans Fenster.

»Faulwams!« rief er dem Freunde zu.

»Bitte sehr,« entgegnete Hüsgen gelassen, »einer muß dirigieren.«

Hans schob den jungen Mädchen Stühle hin, stellte sich neben dem

Kameraden auf und hörte mit freundlicher Geduld den im Grunde einfachen

Erklärungen zu, die der Dozierende mit großer Wichtigkeit vortrug.

»Ich denke, ihr habt mich begriffen,« schloß der Primaner seinen

Vortrag. »Was die Renaissance ist, hab’ ich euch nun haarklein

auseinandergesetzt. Das ist die Zeit der äußerlichen Pracht und

der innerlichen großen Leidenschaften. Aber uns geht hier nur die

Pracht an. Über die Leidenschaften reden wir später, wenn wir mit den

Kostümproben beginnen können. Die trichter’ ich euch dann schon ein,

die Leidenschaften. Hannes,« unterbrach er sich, »was fällt dir denn

eigentlich ein, zu lachen?«

Steinherr sah schnell zu der Gemaßregelten hinüber. Sie saß, den Kopf

geneigt, und die Abendsonne lag voll auf ihren schweren Zöpfen, die

in der roten Lichtflut wie Feuer gleißten. Ein Beben flog über die

feine Gestalt. Und als dem jungen Manne einfiel, daß der ungeschlachte

Hüsgen, der echte Bierwirtsprößling, diesem Geschöpf die Ausdrucksart

der Leidenschaften einzutrichtern versprochen hatte, da konnte auch er

nicht an sich halten und er brach in ein fröhliches Gelächter aus.

»Am Lachen erkennt man die Dummen,« erklärte Willibald, nachdem er sich

von der ersten Verblüffung erholt hatte. »Wenn ihr bedauernswerten

Böotier keinen Sinn für die Kunst habt, so sagt es doch gleich. Dann

brauch’ ich mich mit eurem Spatzenhirne doch nicht aufzuhalten.«

Er wollte, tief gekränkt, seine Zeichnung zusammenklappen und sich

erheben. Aber Steinherr hinderte ihn daran.

»Entschuldige nur,« sagte er. »Ernst ist das Leben, heiter die Kunst.

Laß uns fortfahren. Oder — wenn du gestattest — laß mich an dem Entwurf

der Skizzen teilnehmen. Vielleicht reicht mein Talent auch noch so

weit.«

»Was?« schrie Hüsgen und schlug auf den Tisch, »du Duckmäuser, du wirst

auch Künstler? Weshalb hast du mir denn das nicht gleich gesagt?«

»Ob ich Künstler werde?« wiederholte Hans Steinherr und ließ die

Blicke auf den im Abendrot flammenden Flechten seiner stumm horchenden

Nachbarin ruhen. »Ein echter Künstler? — — Ich fürchte, lieber Hüsgen,

ich bin nicht grob genug dazu.«

»Du,« sagte der verständnisvoll, »werde gefälligst nicht anzüglich. Das

ist schlimmer als Grobheit.«

Stillschweigend setzte sich Hans an den Tisch und griff nach den

Zeichnungen. Es waren Kostümentwürfe im Stile des Cinquecento. Er

vertiefte sich hinein, dachte nach und nahm, ohne zu fragen, den

Bleistift auf. In feinen, sicheren Schraffierungen zeichnete er das

Prunkgewand einer Florentinerin aus der Zeit der Medici.

Willibald Hüsgen sah ihm sprachlos zu. Auch Hannes hatte sich an den

Tisch gedrängt und blickte erst scheu, bald aber mit offenkundiger

Bewunderung auf die schlanken, gepflegten Hände, die so leicht

produzierten. Man hörte nur die Atemzüge der jungen Leute und das

Stricheln des Bleistiftes.

»Mensch,« brach endlich der zukünftige Akademiker das Schweigen,

»Mensch, du kannst ja was.« Aber, als hätte er seiner Stellung

als Kunstpapst dieses Kreises bereits etwas vergeben, fügte er in

protegierendem Tone hinzu: »Gezeichnet kann man das zwar noch nicht

nennen, das ist eher ein Gedicht. Na, wird schon noch werden. Geschmack

hast du.«

Fräulein Hannes maß den Redner mit einem spöttischen Blick, während

Malchen auf Geheiß des Bruders die Gewandfetzen herbeischleppte.

Hüsgen zeigte sie dem Kameraden.

»Siehst du, das hier wird das Nachtgewand der Francesca von Rimini.

Im Schnitt stimmt’s, und im übrigen ist das ja verteufelt einfach.

Möcht’ wissen, was die Gans, die Male, dabei zu kichern hat. Himmel

Wetter,« fuhr er drein, »hier handelt es sich doch um Kunst, nicht um

ein altes Nachthemd!« Er zuckte die Achseln, überlegen, verächtlich,

mitleidsvoll. »Also wir stellen ein großes, glänzendes, höfisches Bild,

die Francesca als Fürstin; und ein feines, intimes: die Francesca

mit ihrem Geliebten, wie sie gemeuchelt werden. Hannes übernimmt die

Francesca. Das Nachtgewand hat sie bald fertig, sie kann nämlich

Maschine nähen. Jeder muß für sich selber sorgen, streng nach meinen

Skizzen,« flunkerte er, und mit der Schlauheit des Wirtssohnes, die

Wirkung seiner Worte gespannt beobachtend, fügte er seelenruhig hinzu:

»Der Liebhaber der Francesca, der schöne Paolo, steht natürlich im

Vordergrund des Interesses. Um den werden sich alle reißen. Aber ich

will ihn dir überlassen, Steinherr, weil du die richtige Figur dazu

hast. Nun blamier’ mich bloß nicht mit deinen Kostümen. Knausern gibt’s

hier nicht, wir müssen alle bluten. So, nun bedank dich mal.«

Hans Steinherr schüttelte dem geriebenen Jüngling voll herzlicher

Freude die Hand. Er dachte viel zu anständig, als daß er einen

besondern Grund für diesen seltsam schnellen Freundschaftsbeweis

geargwöhnt hätte, und er warf nur einen fragenden Blick auf das junge

Mädchen, das durch viele Proben hindurch nun seine Partnerin werden

würde. Hannes aber tat, als ob sie von den Beschlüssen nichts vernommen

hätte. Sie saß über eine Handnähmaschine gebeugt und steppte das

Nachtgewand der Francesca von Rimini. Das von Gesundheit strotzende

Malchen hockte, die Hände im Schoß, auf einem Schemel vor ihr und sah

ihr gähnend zu.

»Malchen,« kommandierte der Bruder, »du kannst jetzt mal für Abendbrot

sorgen. Bring Bier mit und spekulier, daß du ’n paar Zigarren aus der

Groschenkiste schnappst.«

»Dat dhun ich nich,« empörte sich Malchen. »Gang du nur selber

spekulieren.«

Der Bruder brummte etwas, was gerade nicht wie Bewunderung für die

schwesterliche Tugend klang, und bequemte sich endlich, hinter der

Voraufgegangenen das Zimmer zu verlassen.

Hans und Hannes waren allein.

Durch das offene Fenster kam die Dämmerung gezogen und spann ihre

Schleier um die Gegenstände und die beiden Menschenkinder. Das Mädchen

drehte mit verdoppeltem Eifer das Rädchen der Nähmaschine.

»Sie werden sich die Augen verderben,« sagte Hans leise.

Sie stand auf, trug die Handmaschine auf den Fenstertisch und setzte

wortlos ihre Arbeit fort. Nur das Rädchen schnurrte und belebte die

Stille.

Hans gab den Gedanken an eine Unterhaltung auf. Er ließ sich am Tisch

auf einen Stuhl nieder und sah ihr stumm auf die kleinen, fleißigen

Finger. Zuweilen wagte er den Blick zu erheben und die feine Silhouette

in sich aufzunehmen. Da stand das Rädchen still.

»Das geniert,« sagte sie böse.

»O nein,« antwortete er trotzig, »mich geniert das gar nicht.«

Sie preßte die Lippen zusammen, und das Rädchen schnurrte weiter.

Wie ein breiter Mondscheinstreifen zog der weiße Stoff unter der Nadel

her. Der junge Mann folgte ihm mit den Blicken, und als die Kante

knisternd sein Knie berührte, griff er ihn auf und ließ ihn gedankenlos

durch die Hände gleiten. Dann fiel ihm ein: dieser selbe Stoff, dem er

die Wärme seines Blutes mitgab, würde auf ihrem Körper ruhen, sich an

ihre Glieder schmiegen. Und ganz lind und sacht, als beginge er ein

heimliches Verbrechen, fing er an, das feine Linnen zu streicheln ...

Übte sein beschleunigter Pulsschlag einen Rapport aus? Konnte die

Leinwand, die ihm durch die schmeichelnden Hände glitt und zu den

hurtigen Fingern der Arbeitenden eilte, sein Gefühl verraten? Das

böse, gepreßte Lippenpaar des Mädchens wurde weicher, etwas Süßes,

Fröhliches, fast Schelmisches huschte um den Mund. Noch einmal

schnurrte das Rädchen. Dann stand es still.

»Es ist dunkel,« murmelte sie und lehnte sich hintenüber. Aber die

erwachte Weibsnatur horchte mit feinen Ohren, ob der vornehm gekleidete

junge Herr das alte Gewebe weiter streicheln würde. —

Auf der Treppe polterte das Geschwisterpaar. Nun flog die Tür auf, und

greller Lampenschein überströmte das Gemach. Die Idylle war zu Ende.

»Prost!« brüllte Hüsgen und stieß die Biergläser auf den Tisch.

»Malchen bringt jet zum Müffeln. Zugelangt! Hier sind auch die

Havannas. Kosten mich ~einen~ Griff und ~zwei~ Sekunden Angst. Es lebe

die Kunst! Prost, Leute!«

Es ging gegen zehn Uhr, als die Gäste des Hüsgenschen Ateliers sich

verabschiedeten. Man hatte die regelmäßigen Zusammenkünfte auf Mittwoch

und Samstag festgesetzt.

Draußen, auf der abendstillen Straße, sah Hans Steinherr seine kleine

Dame fragend an. Ohne von seinem Blick Notiz zu nehmen, neigte sie

kurz den Kopf und ging an ihm vorbei. Er beeilte sich, ihr zu folgen,

und hielt neben ihr Schritt, so sehr sie auch hastete. So zogen sie

die Straße den Hofgarten entlang, der vom Duft der Sommernacht erfüllt

war. Und hier faßte sich der große Junge ein Herz und bot dem graziös

einherschreitenden Kind den Arm an.

»Wohl nur, weil’s dunkel ist,« sagte sie ernsthaft.

»Fräulein Hannes!« rief er gekränkt.

»Glauben Sie an Sternschnuppen?« fragte sie schnell. »Man muß sich was

wünschen. Da! — und da auch!«

Und während er hastig in die Luft starrte, war sie verschwunden.

»Gute Nacht!« rief er durch die hohlen Hände und horchte.

Die vom Niederrhein · 第 13 / 53 题