1
Wir müssen uns nicht bloß bedenken, daß das Leben mit jedem Tage
schwindet und ein immer kleinerer Teil davon übrigbleibt, sondern auch
beherzigen, daß es ja ungewiß ist, wenn man ein längeres Leben vor sich
hat, ob sich die Geisteskräfte immer gleichbleiben und zum Verständnis
der Dinge, so wie zu all den Wahrnehmungen und Betrachtungen hinreichen
werden, die uns auf dem Gebiete des Göttlichen und Menschlichen erfahren
machen. Denn wieviele werden im Alter nicht kindisch! Und bei wem ein
solcher Zustand eingetreten ist, dem fehlt es zwar nicht an der
Fähigkeit zu atmen, sich zu nähren, sich etwas vorzustellen und etwas zu
begehren; aber das Vermögen, sich frei zu bestimmen, die Reihe der
Pflichten, die ihm obliegen zu überschauen, die Erscheinungen sich zu
zergliedern und darüber, ob´s Zeit zum Sterben sei oder was sonst einer
durchaus geweckten Denkkraft bedarf, sich klar zu werden--das ist bei
ihm erloschen. Also eilen muß man, nicht bloß weil uns der Tod mit jedem
Tage näher tritt, sondern auch weil die Fähigkeit, die Dinge zu
betrachten und zu verfolgen, oft vorher aufhört.
2
Merkwürdig ist, wie an den Erzeugnissen der Natur auch das, was nur
beiläufiges Merkmal ist, einen gewissen Reiz ausübt. So machen z.B. die
Risse und Sprünge im Brot, die gewissermaßen gegen die Absicht des
Bäckers sind, die Eßlust besonders rege. Ebenso geht es mit den Feigen,
die, wenn sie überreif sind, aufbrechen, und den Oliven, die gerade
wegen der Stellen geschätzt werden, wo sie nahe daran sind, faul zu
werden. Die niederhängenden Ähren, die Stirnfalte des Löwen, der Schaum
am Munde des Ebers und manches andere dergleichen hat freilich keinen
Reiz, wenn man´s für sich betrachtet; aber weil es uns an den Werken der
Natur und im Zusammenhange mit ihnen entgegentritt, erscheint es als
eine Zierde und wirkt anziehend. Fehlt es uns also nur nicht an
Empfänglichkeit und an Tiefe des Blicks in die Welt der Dinge, so werden
wir kaum etwas von solchen Nebenumständen auffinden, was uns nicht
angenehm deuchte. Ebenso werden wir dann aber auch z.B. wirkliche
Tierkämpfe nicht weniger gern ansehen, als die Darstellungen, die uns
Maler und Bildhauer davon geben; und unser keusches Äuge wird mit
gleichem Wohlgefallen auf der würdigen Gestalt des Greises wie auf der
liebreizenden des Mädchens ruhen. Doch gehört dazu eben eine innige
Vertrautheit mit der Natur und ihren Werken.
3
Hippokrates hat viele Krankheiten geheilt, dann ist er selbst an einer
Krankheit gestorben. Die Chaldäer weissagten vielen den Tod, dann hat
sie selber das Geschick ereilt. Alexander, Pompejus, Cäsar--nach dem sie
so manche Stadt von Grund aus zerstört und in der Schlacht soviele
Tausende ums Leben gebracht, schieden selbst aus dem Leben. Heraklit,
der über den Weltbrand philosophiert, starb an der Wassersucht, den
Demokrit brachte das Ungeziefer um, den Sokrates--ein Ungeziefer anderer
Art. Kurz, zu einem jeden heißt es einmal: du bist eingestiegen,
gefahren, im Hafen eingelaufen: so steige nun aus! Geht´s in ein anderes
Leben--gewiß in keins, das ohne Götter ist. Ist´s aber ein Zustand der
Unempfindlichkeit--auch gut: wir hören auf von Leid und Freude hin
gehalten zu werden und verlassen ein Behältnis von um so schlechterer
Art je edler der Eingeschlossene, denn er ist Geist und göttlichen
Wesens, jenes aber Staub und verweslicher Stoff.
4
Verschwende deine Zeit nicht mit Gedanken über das, was andere angeht,
es sei denn, daß du jemand damit ersprießlich sein kannst. Du versäumst
offenbar notwendigere Dinge, wenn dich nichts weiter beschäftigt, als
was der und jener macht und aus welchem Grunde er so handelt, was er
sagt oder will oder anstellt. So etwas zieht den Geist nur ab von der
Beobachtung seiner selbst. Man muß alles Eitle und Vergebliche aus der
Kette der Gedanken zu entfernen suchen, vorzüglich alle müßige und
nichtswürdige Neugier, und sich nur an solche Gedanken gewöhnen, über
die wir sofort, wenn uns jemand fragt, was wir gerade denken, gern und
mit aller Offenheit Rechenschaft geben können, so daß man gleich sieht:
hier ist alles lauter und gut und so, wie es einem Gliede der
menschlichen Gesellschaft geziemt, hier wohnt nichts von Genußsucht und
Lüsternheit, nichts von Zank oder Neid oder Mißtrauen, nichts von alle
dem, wovon der Mensch nur mit Erröten gestehen kann, daß es seine Seele
beschäftige. Und ein solcher Mensch--dem es nun ja auch nicht an dem
Streben nach Auszeichnung fehlen kann--ist ein Priester und Diener der
Götter, der Gewinn aus dem inneren Gottesbewußtsein zu ziehen weiß, so
daß ihn keine Lust beflecken, kein Schmerz verwunden, kein Stolz
berücken, nichts Böses überhaupt reizen kann; er ist ein Held in jenem
großen Kampf gegen die Leidenschaft und eingetaucht in das Wesen der
Gerechtigkeit vermag er jegliches Geschick von ganzer Seele zu begrüßen.
Ein solcher Mensch aber denkt selten und nur, wenn es das allgemeine
Beste erfordert, an das, was andere sagen oder tun oder meinen. Sondern
die eigene Pflicht ist der einzige Gegenstand seines Tuns, so wie, was
ihm das Schicksal gesponnen im Gewebe des Ganzen, der Hauptgegenstand
seines Nachdenkens. Dort hält er Tugend, hier den guten Glauben. Und in
der Tat ist jedem zuträglich, was sich mit ihm zuträgt nach dem Willen
des Schicksals. Stets ist er eingedenk, daß alle Vernunftwesen einander
verwandt sind, und daß es zur menschlichen Natur gehört, für andere zu
sorgen. Nach Ansehen strebt er nur bei denen, die ein naturgemäßes Leben
führen, da er ja weiß, was die, die nicht so leben, sind, wie sie´s zu
Hause und außer dem Hause, am Tage und bei Nacht und mit wem sie ihr
Wesen treiben. Das Lob derer also, die nicht sich selber zu genügen
wissen, hat für ihn nicht den geringsten Wert.
5
Tue nichts mit Widerwillen, nichts ohne Rücksicht auf das Gemeinwohl,
nichts ungeprüft, nichts wobei du noch ein Bedenken hast. Drücke deine
Gedanken aus ohne Ziererei. Sei kein Schwätzer und kein
Vielgeschäftiger. Sondern mit einem Worte: der Gott in dir führe das
Regiment, welchem Geschlecht, Alter, Beruf, welcher Abkunft und Stellung
du nun auch angehören magst, so daß du immer in der Verfassung bist,
wenn du abgerufen werden solltest, gern und willig zu folgen.--Eidschwur
und Zeugenschaft mußt du immer entbehren können.--Innerlich aber sei
heiter, nicht bedürfend, daß die Hilfe von außen dir komme, auch nicht
des Friedens bedürftig, den andere uns geben können.--Steh aufrecht,
heißt es, nicht: lasse dich stellen!
6
Kannst du im menschlichen Leben etwas Besseres finden als Gerechtigkeit,
Wahrheit, Selbstbeherrschung, Tapferkeit oder mit einem Wort: als den
Zustand der Seele, wo du in allem, was eine Sache der Vernunft und
Selbstbestimmung ist, mit dir selbst, in dem aber, was ohne dich
geschieht, mit dem Schicksale zufrieden bist; kannst du, sage ich, etwas
entdecken, was noch besser ist als dies, so wende dich dem mit ganzer
Seele zu und freue dich, daß du das Beste aufgefunden hast. Sollte es
aber in Wahrheit nichts Besseres geben, als den in dir wohnenden Gott,
der deine Begierden sich untertänig zu machen weiß, der die Gedanken
prüft, den sinnlichen Empfindungen, wie Sokrates sagt, sich zu entziehen
sucht, und der sich selbst--den Göttern unterwirft und für das Wohl der
Menschen Sorge trägt: solltest du finden, daß gegen dieses alles andere
gering ist und verschwindet, so folge nun auch keiner anderen Stimme und
laß in deine Seele nichts eindringen, was, wenn es dich einmal
angezogen, dich an der ungeteilten Pflege jenes herrlichen Schatzes,
deines Eigentums, hindert. Denn diesem Gute, dem höchsten nach Wesen und
Wirkung, irgend etwas anderes wie Ehre, Herrschaft, Reichtum, Genuß an
die Seite setzen zu wollen, wäre Torheit, weil uns all dieses, selbst
wenn wir es nur ein wenig anziehend finden, dann mit einem Male ganz in
Beschlag nimmt und verführt. Darum sage ich, man solle einfach und
unbedingt das Bessere wählen und ihm anhängen. Das Bessere ist aber auch
immer zugleich das Zuträgliche, sei es, daß es uns frommt als denkenden
oder als empfindenden Wesen. Finden wir nun etwas, das uns als
Vernunftwesen zu fördern verspricht, so müssen wir´s festhalten und
pflegen. Ist es aber nur für unser Empfinden zuträglich, so haben wir es
mit Bescheidenheit und schlichtem Sinn hin zunehmen, und nur dafür zu
sorgen, daß wir uns unser gesundes Urteil bewahren und fortgesetzt die
Dinge gehörig prüfen.
7
Bilde dir nie ein, daß etwas gut für dich sein könnte, was dich nötigt,
einmal die Treue zu brechen, die Scham hintanzusetzen, jemand zu hassen,
argwöhnisch zu sein, in Verwünschungen auszubrechen, dich zu verstellen
oder Dinge zu begehren, bei denen man Vorhänge und verschlossene Türen
braucht. Derjenige, welcher die Vernunft, seinen Genius und deren
Dienst jederzeit die erste Rolle spielen läßt, wird nie zu einer
Tragödie Anlaß geben oder seufzen oder die Einsamkeit oder große
Gesellschaft suchen; er wird leben im höchsten Sinne des Worts und weder
auf der Jagd noch auf der Flucht. Ob seine Seele auf lange oder kurze
Zeit im Leibe eingeschlossen bleiben soll, kümmert ihn wenig; er würde,
auch wenn er bald scheiden müßte, sich dazu ganz ebenso auf den Weg
machen, wie wenn es gelte, irgend etwas anderes mit Anstand und mit
edlem Wesen auszuführen; sondern wofür er durchs ganze Leben Sorge
trägt, ist nur das, daß seine Seele sich stets in einem Zustande
befinde, der einem auf das Zusammenleben mit andern angewiesenen
vernünftigen Wesen geziemt.
8
In der Seele eines Menschen, der in Zucht und Schranken gehalten worden
und so gehörig geläutert ist, findet man nun auch jene Wunden und
Schäden nicht mehr, die so häufig unter einer gesunden Oberfläche
heimlich fortwuchern. Nichts Knechtisches ist in ihm und nichts
Geziertes; sein Wesen hat nichts besonders Verbindliches, aber auch
nichts Abstoßendes; ihn drückt keine Schuld und nichts, was ihn zu
Heimlichkeiten nötigte. Auch hat ein solcher Mensch wirklich
"vollendet", wenn ihn das Schicksal ereilt, was man von andern oft nur
mit demselben Rechte sagt, wie von dem Helden eines Dramas, daß er ein
tragischer sei, noch ehe das Stück geendet hat.
9
Was die Fähigkeit zu urteilen und Schlüsse zu machen anbetrifft, so mußt
du sie in Ehren halten. Denn es wohnt ihr die Kraft bei, zu verhüten,
daß sich in deiner Seele irgendeine Ansicht festsetze, welche
widernatürlich ist oder einem vernunftbegabten Wesen unangemessen. Ihre
Bestimmung ist, uns geistig unabhängig zu machen, den Menschen zugetan
und den Göttern gehorsam.
10
Alles übrige ist Nebensache. Das Wenige, was ich gesagt habe, reicht
völlig hin. Dabei bleibe man sich bewußt, daß jeder eigentlich nur dem
gegenwärtigen Augenblick lebe. Denn alles übrige ist entweder durchlebt
oder in Dunkel gehüllt. Also ein Kleines ist´s, was jeder lebt, und ein
Kleines, wo er lebt--das Winkelchen Erde, und ein Kleines der Ruhm, auch
der größte, den er hinterläßt: damit er sich forterbe in der Kette
dieser Menschenkinder, die so geschwind sterben müssen und die nicht
einmal sich selbst begreifen, geschweige denn einen längst vor ihnen
Gestorbenen!
11
Den aufgestellten Lebensregeln ist aber noch eine hinzuzufügen. Von
jedem Gegenstande, der sich deinem Nachdenken darbietet, suche dir stets
einen klaren und bestimmten Begriff zu machen, so daß du weißt, was er
an sich und was er nach allen seinen Beziehungen ist, damit du ihn
selbst sowohl wie seine einzelnen Momente nennen und bezeichnen kannst.
Denn nichts erzeugt in dem Grad hohen Sinn und edle Denkungsart, als
wenn man imstande ist, sich von jeder im Leben gemachten Erfahrung, dem
Wesen ihres Gegenstandes und ihrer Vermittlung nach, Rechenschaft zu
geben, und alle Begebenheiten so anzusehen, daß man bei sich überlegt,
in welchem Zusammenhang sie erscheinen und welche Stelle sie in
demselben einnehmen, welchen Wert sie für das Ganze haben und was sie
dem Menschen bedeuten, diesem Bürger eines höchsten Reiches, zu dem sich
die übrigen Reiche wie die einzelnen Häuser zu der ganzen Ortschaft
verhalten, daß man weiß, was man jedesmal vor sich hat, wo es sich
herschreibt und wie lange es bestehen wird, und wie sich der Mensch dazu
zu verhalten habe, ob milde oder tapfer, zweifelsüchtig oder vertrauend
voll, hingebend oder auf sich selbst beruhend; so daß man sich von jedem
Einzelnen sagen muß, entweder: es kommt von Gott, oder: es ist ein Stück
jenes großen Gewebes, das das Schicksal spinnt, und so und so gefügt,
oder endlich: es kommt von einem unsrer Genossen und Brüder, der nicht
gewußt hat, was naturgemäß ist. Du aber weißt es, und darum begegnest du
ihm, wie es das natürliche Gesetz der Gemeinschaft fordert, mit Liebe
und Gerechtigkeit. Und auch in gleichgültigen Dingen zeigst du ein ihrem
Wert entsprechendes Verhalten.
12
Wenn du der gesunden Vernunft folgst und bei dem, was dir zu tun gerade
obliegt, mit Eifer, Kraft und Liebe tätig bist, ohne daß dich ein
anderer Gedanke dabei leitet, als der, dein Inneres rein zu erhalten,
als solltest du bald deinen Geist aufgeben; wenn du dich auf diese Weise
zusammennimmst und dabei weder zögerst noch eilst, sondern dir genügen
lässest an der dir von Natur zu Gebote stehenden Energie und an der
Wahrhaftigkeit, die aus jedem deiner Worte hervor leuchten muß, so wirst
du ein glückliches Leben führen. Und ich wüßte nicht, wer dich daran
hindern sollte.
13
Wie die Ärzte zu raschen Heilungen stets ihre Instrumente und Eisen zur
Hand haben, so mußt du behufs der Erkenntnis göttlicher und menschlicher
Dinge die Lehren der Philosophie in steter Bereitschaft halten, damit
du in allem, auch im Kleinsten, immer so handelst wie einer, der sich
des Zusammenhangs beider bewußt ist. Denn Menschliches läßt sich
ebensowenig richtig behandeln ohne Beziehung auf Göttliches als
umgekehrt.
14
Höre endlich auf, dich selbst zu verwirren! Es ist nicht daran zu
denken, daß du dazu kommst, was du dir für spätere Zeiten deines Lebens
aufbehalten hattest, dies und jenes zu treiben und zu lesen und wieder
hervorzusuchen. Darum gib solche törichte Pläne auf, und wenn du dich
selber lieb hast, schaffe dir--noch vermagst du´s--eiligst die Hilfe,
deren du bedarfst!
15
In manchem Wort, das unbedeutend scheint, wie z.B. Stehlen, Säen,
Kaufen, Ruhen, Sehen, was es zu tun gibt, liegt oft ein tieferer Sinn.
Wie mancher sagt: "ich will doch sehen, was es gibt", und denkt nicht
daran, daß es dazu eines anderen Schauens bedarf, als das der Augen.
16
Leib, Seele, Geist--das war jene Dreiheit: der Leib mit seinen
Empfindungen, die Seele mit ihren Begierden und der Geist mit seinen
Erkenntnissen. Aber Bilder und Vorstellungen haben auch unsere
Haustiere; von Begierden in Bewegung gesetzt werden auch die wilden
Tiere oder Menschen, die nicht mehr Menschen sind, ein Phalaris, ein
Nero; in allem, was vorteilhaft scheint, sich vom Geiste leiten zu
lassen, ist auch die Sache solcher, die das Dasein der Götter leugnen,
das Vaterland verraten und die schändlichsten Dinge tun, sobald es nur
niemand sieht. Wenn soweit also jenes etwas allen Gemeinsames ist, so
bleibt als das dem Guten Eigentümliche nur übrig, das ihm vom Schicksal
Bestimmte willkommen zu heißen, das Heiligtum in seiner Brust nicht zu
entweihen, sich nicht durch Gedankenmenge zu verwirren, sondern im
Gleichmaß zu verharren, der Stimme des Gottes zu folgen, nichts zu reden
wider die Wahrheit und nichts zu tun wider die Gerechtigkeit. Und daß
man dabei ein einfaches, züchtiges und wohlgemutes Leben führt, daran
sollte eigentlich niemand zweifeln. Geschähe es aber, wir würden deshalb
doch keinem zürnen, noch von dem Wege weichen, der an das Ziel des
Lebens führt, bei welchem wir unbefleckt, gelassen, wohlgerüstet und
willig dem Schicksal gehorchend ankommen müssen.