Einleitung

Der Philosoph auf dem Kaiserthron gehört zu den bedeutendsten Männern

des ausklingenden Altertums. Marcus Annius Verus wurde den 25. April des

Jahres 121 n. Chr. Geb. zu Rom geboren wo seine Familie, seit der

Urgroßvater aus Spanien eingewandert war, sich zu hohem Rang

emporgearbeitet hatte. Sorgfältige Erziehung, gepaart mit großer

Lernbegierde, erschlossen ihm die Wissenschaft seines Jahrhunderts, die

in der Philosophie den höchsten, in unserem Sinn sogar den einzigen

Ausdruck fand. Schon im zwölften Jahr nahm der kräftig aufblühende

Jüngling den weißen Mantel und bekundete dadurch, daß er auch äußerlich

zur Kaste der Philosophen gehören wolle.

Streng und ernst gab sich die Weltweisheit des zweiten Jahrhunderts.

Entbehrungen, oft bis zum Übermaß gesteigert, wie sie später zur

typischen Eigenschaft christlicher Asketen wurden, verlangten die

Anhänger der Stoa und sahen in der Abkehr von allen Interessen,

Zerstreuungen wie Freuden der Welt die einzig richtige Stellungnahme

eines Weisen den vergänglichen Dingen gegenüber.

Zurückgezogen von seinen Altersgenossen, vielleicht ein wenig ostentativ

in den weißen Mantel gehüllt, mit den Stoikern Rusticus, Apollonius,

Claudius Maximus in anregend erzieherischem Gespräch, wandelte der

Jüngling durch die stillen abgelegenen Gärten einer Villa, bis zu deren

Mauern der Lärm der römischen Weltstadt brandete. Auf Bitten seiner

Mutter, die mit Bangen bemerkte, daß ihr Sohn unter der Last

selbstauferlegter Entbehrungen blasser und schmächtiger wurde, stellte

er seinen Lebenswandel auf gesündere Basis und gesellte den geistigen

Exerzitien nützliche, körperliche Übungen. Die Herrschaft des gesunden

Menschenverstandes, die in den Taten und Schriften des späteren Kaisers

so glücklich zum Ausdruck kommt, beginnt schon in den Jünglingsjahren,

sobald der einseitige Einfluß allzu strenger stoischer Lebensanschauung

gemäßigt erscheint. Den Anhängern der Stoa treten als Lehrer zur Seite

Claudius Severus, der Peripatetiker und der Platoniker Sextus aus

Chaeronea, ein Enkel Plutarchs. Epiktets nachgelassene, von Arrhianos

gesammelte Schriften prägen sich der eindrucksfähigen jungen Seele ein

und wirken bestimmend auf die ethische Entwicklung des still für sich

Heranwachsenden.

Kaiser Hadrian fand Gefallen an dem ernsten, außerordentlich wahrhaften

Philosophenschüler und veranlaßte im Jahr 136 dessen Verlobung mit der

Tochter seines Mitregenten Verus. Als Folge dieser Verlobung ist dann

die Adoptierung seitens Antoninus (eines Sohnes des Verus) zu

betrachten, der selbst von Hadrian an Kindes Statt angenommen und zum

Thronfolger ernannt war. Unter dem Namen Marcus Aelius Aurelius Verus

trat der junge Denker aus der Verborgenheit auf den Schauplatz der

großen Welt.

Sein Biograph berichtet, daß er nur ungern sein beschauliches Leben

verlassen und einen Palast in der Stadt auf Hadrians Befehl bezogen

habe. Doch im Treiben des Hofes, im bewegten politischen Frage- und

Antwortspiel, auf dem Forum vor Gericht, bei den Mühen kriegerischer

Unternehmungen wuchs und reifte erst die philosophische Saat des herben

jugendlichen Frühlings zu reicher Ernte. Als Kaiser Hadrian am 10. Juli

138 zu Bajä starb, bestieg Antonin den Thron und berief sofort Marc

Aurel an seine Seite, ihn in alle Geheimnisse der Regierungskunst

einzuweihen. Die frühere Verlobung wurde aufgehoben und die Vermählung

mit Faustina, der Kaisertochter, gefeiert. Nun war im römischen Reich

jene Zeit angebrochen, die Platos Ideal vom Staate nach einer Richtung

hin zu erfüllen schien. Zwei Philosophen herrschten gemeinsam, von

edelster, einzig dastehender Freundschaft getragen und förderten während

dreiundzwanzig friedlicher Jahre Wohlstand und Kultur in bemerkenswerter

Weise. Gut bedachte soziale Maßregeln glichen manche Härten aus, es

wurde für vornehm gehalten, gebildet, ja gelehrt zu sein und edle

Duldsamkeit herrschte in den Fragen des Glaubens, soweit sie nur den

Glauben, nicht aber die politische Betätigung betrafen.

Der gekrönte Apostel der Menschenliebe--wie Stuart Mill den Kaiser Marc

Aurel genannt hat--hoffte nach dem Tod Antonins (im März 161) die

friedliche, sonnige Zeit der Philosophenherrschaft weiter zu führen und

sein Ideal eines Herrschers in sozialer Fürsorge zu verwirklichen. Aber

das Schicksal, das ihm einen herrlichen Lebenssommer gewährt, gab ihm

einen desto stürmischeren Herbst. Hungersnot und Pest suchten Rom und

die römischen Provinzen heim, schwere Kriege mit den Parthern und

Markomanen brachen aus, Aufstände wie derjenige in Ägypten vom Jahr 170

bildeten drohende Gefahren für das Reich. Dies alles lenkte von

wohltätiger Friedensarbeit ab und zwang die Arbeit des

Philosophenkaisers auf andere, ihm innerlich fremde Bahnen. Dazu kamen

harte Mißstimmungen in der eigenen Familie. Faustinas üppiges, man sagt

sogar ausschweifendes Leben stand in grellem Gegensatz zu Marc Aurels

anspruchsloser Einfachheit und die ungerechten, oft auf willkürlicher

Anmaßung beruhenden Handlungen seines Sohnes Kommodus führten zu

schlimmen Befürchtungen in bezug auf die Zukunft des Reiches.

Stunden der Sorge und der stillen Einkehr im Feldlager oder im

kaiserlichen Palast waren es, in denen der alternde Herrscher seine

Gedanken niederschrieb zum eigenen Trost. Milde Gesinnung, strenge

Gewissenhaftigkeit und Pflichttreue sind das Zeichen seiner Sinnesweise

und haben die "Selbstbetrachtungen" zu einem Denkmal edler

Menschlichkeit gemacht, das nie veraltet, weil es ein Bekenntnis ohne

Pose, ohne zeitlich beschränkten Zweck und ohne Darstellung

vergänglicher äußerer Tatsachen ist.

Die Handschriften, der Mode entsprechend in griechischer Sprache

abgefaßt, trugen den Titel "[Greek: chatheauton]," was später mit

"Selbstbetrachtungen" wiedergegeben wurde. Nach hartem Tagewerk des

Abends beim Schein der unruhig flackernden Öllampen verfaßt, bald im

Lager an der Donau bei Carnunt, bald nach lebhaften, ermüdenden

Senatssitzungen in Rom, sind Marc Aurels Aphorismen aus der Quelle des

wirklichen Lebens geflossen. Starke Taten des Geistes verkünden sie und

sind Worte eines hohen Herzens.

Ihr Ursprung läßt sich nicht verkennen. Als Tagebuch einer gesunden

Seele, die stark und fest die Krankheiten des Körpers und die Schläge

des Schicksals von sich abweist, geben sie Kraft und Frieden. Kurz und

scharf, klar gefaßt und manchmal aufleuchtend wie ein Edelstein zeigen

sie Ruhe des Herzens und Begeisterungsfähigkeit, Vernunft und

aufrichtige Liebe für alles Tüchtige. "Sie offenbaren"--wie Hippolyte

Taine sich ausdrückt--"die Seele eines großen Dichters, der sich

bezwingt, die Augen vom Herrlichen gebannt und im Flüsterton voll

Bewunderung sich selber sagt: ´Mensch, als Bürger dieser großen Stadt

hast du gelebt; fünf oder drei Jahre, was ficht´s dich an!´"

Die Auffassung des Kaisers über den Wert des Lebens steht der des

freigelassenen Sklaven Epiktet sehr nahe. Beiden liegen am innigsten

jene Lehren der Stoa am Herzen, die sich mit sittlichen und religiösen

Fragen beschäftigen. Nicht darauf kommt es dem Kaiser an, daß man

möglichst viel Wissen anhäufe, sondern daß man mit dem Gott in der

eigenen Brust sich verständige und ihm in Lauterkeit diene. Die

Philosophie soll in stetem Wechsel der Ereignisse, im Wandel von Glück

und Unglück, vergänglichen Sorgen und vergänglichen Freuden einen festen

Halt bieten und ein Panzer sein gegen die Eitelkeiten der Welt. Ihre

Aufgabe ist also die Bildung des Charakters und die Beruhigung des

Gemüts. Sie erfüllt diese beiden Bedingungen, wenn ihre Anhänger die

drei wichtigsten Punkte des stoischen Systems nie außer Augen lassen:

die Lehre vom steten Wechsel, dem Dahinfließen aller Dinge, dann das

Bewußtsein der Hinfälligkeit des Daseins und schließlich die Erkenntnis,

daß Werden und Vergehen einen Kreislauf bilden, in dem ein Einzelnes

nicht Bestand haben kann.

An solche Grundsätze knüpft Marc Aurel die Betrachtung, wie wenig eine

Persönlichkeit, ganz einerlei ob sie bedeutend oder unbedeutend sei, im

großen Strom des Daseins gelte. Deshalb ist es verkehrt, Vergängliches

zu sehr zu lieben, sein Herz an Sterblichkeit zu hängen und Ruhm als

heiliges Gut zu begehren.

Diesem Verneinen und Ablehnen steht als positiver Kern der Lehre die

Pflichttreue gegenüber, trotz der Eitelkeit und Vergänglichkeit allen

Strebens der Sterblichen. Seiner Lebensstellung und seinem kräftigeren

Charakter entsprechend hält Marc Aurel nachdrücklicher an den Pflichten

des Einzelnen der menschlichen Gesellschaft gegenüber fest, als es die

Stoiker im allgemeinen und der phrygische Sklave Epiktet im besonderen

getan. Aus diesem Grund lehnte er das Christentum vollständig ab, wenn

er auch wie die Christen Duldung und allgemeine Menschenliebe verlangte.

Er spricht fast immer von Göttern, manchmal von "dem Gott" und selten

von "Zeus", der ihm als Gesamtausdruck der Gottheit vorschwebt.

Äußerlich hielt er streng an dem bestehenden öffentlichen Kultus fest,

in dem er als Oberhaupt des römischen Staates eine politische

Notwendigkeit sah, innerlich war er gottgläubig im Sinne der

Philosophen, nahm "die Volksgötter" für Symbole und sagte sich, daß es

nicht verlohne noch menschenwürdig sei, in einer Welt ohne Gottheit zu

leben. Aus diesem seinem Glauben und aus einer festbegründeten

politischen Überzeugung sah er im Gebaren der Christen Auflehnung gegen

die Staatsgewalt, also eine Schädigung des Gemeinwohls und ging mit

heftigen Verfolgungen gegen die Aufwiegler vor. Grundlosen Trotz nannte

der milde Kaiser das Benehmen der Märtyrer.

Im sittlichen Leben des Menschen ruht der Schwerpunkt seiner

Weltanschauung. Ihm, dem vielbeschäftigten, vom Tage vollauf in Anspruch

genommenen Herrscher, liegt es fern zu forschen, dialektisch zu arbeiten

oder überhaupt ein System aufzustellen. Seine Weisheit ist Lebenskunst.

Er baut sie auf dem Wissen und den Erkenntnissen seiner Zeit, wie ein

Emerson, ein Lubbok, ein Maeterlinck ihre Weltanschauung auf die

Wissenschaft ihres Jahrhunderts stellten, ohne in der Theorie einen

Fortschritt zu bedeuten. Vernünftige Arbeit ist ihm das Ziel, das ein

vernunftbegabtes Wesen verfolgen muß und das allein Glück wie zeitliche

Güter zu bieten vermag. Aber nur wer sich zu erheben vermag über jedes

persönliche Interesse an Dingen und Menschen, wer mit jedem Wunsch und

jeder Begierde fertig ist, mit der Gegenwart zufrieden und mit dem Tode

vertraut erscheint, zeigt sich mit der Natur im Einklang und erfüllt die

stille Pflicht, sich und sein Leben als belanglosen Teil des Ganzen zu

betrachten.

Was in den Selbstbetrachtungen mit feierlicher Größe niedergelegt war,

hat lange unbeachtet und vergessen in stillen Büchersammlungen

überwintert, wie das Samenkorn im tiefgepflügten Feld. Unter den Wirren

der Völkerwanderung und während der Jahrhunderte der Scholastik dachte

niemand des Kaisers, der als Gefolgsmann der Stoa mit dieser Lehre

christlicher Verachtung anheimgefallen war. Erst als die geistige

Bewegung der Renaissance mit dem Humanismus einsetzte, begann außer

Plato auch die Stoa beachtet zu werden, wenn sich auch die Wertschätzung

zunächst auf Seneca beschränkte. Doch es war noch ein weiter Weg

zurückzulegen, bis Spinoza in seinem Ideal des Weisen eine Gestalt

schuf, die sich wohl mit Marc Aurel vergleichen läßt. In der Ethik sagt

Spinoza "Der Weise ... wird in der Seele kaum beunruhigt sondern seiner

selbst, Gottes und der Außenwelt mit einer gewissen Notwendigkeit

bewußt. Er hört niemals auf zu sein und ist immer in tiefster Seele

wahrhaft befriedigt." Auch Leibniz benutzte die Gedankenreihen der

Stoiker in der Theodizee, deren Aussprüche manchmal stark an die

Selbstbetrachtungen anklingen. Daß Kant und nach ihm Fichte den

Pflichtgedanken ähnlich wie ihn der kaiserliche Philosoph gefühlt, zu

synthetischer Entwicklung brachten, ist bekannt, Verwandtes klingt in

Schleiermacher, in Schopenhauer und in den modernen Denkern an, die

abseits von dem Wirken der Fachphilosophen sich bemühen, der Gegenwart

eine praktische Ethik zu geben.

In deutscher Sprache ist Marc Aurels Büchlein öfters an die

Öffentlichkeit gekommen. Die vorliegende Neuherausgabe schließt sich an

Schneiders vielgerühmte Übersetzung, die zum erstenmal im Jahr 1864

erschien und mehrfach aufgelegt wurde, die fehlenden Stellen (über 100

Nummern hat Schneider ausgelassen) sind zum Teil nach der Ausgabe von

Cleß (aus dem Jahr 1866) ergänzt, zum Teil nach dem griechischen Text

unter Vergleichung der Cleßschen Übersetzung neu hergestellt.

Der Gegenwart bietet das schlichte Selbstbekenntnis eines großen Mannes

aus dem Altertum viel ernste Anregung und stärkt den Wunsch, in

wohlbegründeter Weltanschauung Halt und Richtung zu finden.

Selbstbetrachtungen · 第 5 / 18 题