Wie mag das arme Weib erschrocken sein über diese unglückliche Kunde!
und wie hätte sie erst gebangt, wenn sie gewußt hätte, daß am folgenden
Tag der tödliche Anfall sich wiederholte, bis wieder sechs Steine von
ihm gingen. Käthe fuhr nun ihrem Manne entgegen nach Altenburg, wo
Freund Spalatin als Pfarrer lebte. Bei diesem bereitete sie nun eine
Herberge, bis Jonas und die Muhme Lenchen mit dem Kranken von Weimar her
ankamen. Im gastlichen Altenburger Pfarrhaus pflegte Käthe den
Erschöpften einige Tage und fuhr dann mit ihm Mitte März langsam an
Kloster Nimbschen vorbei, mit einem Aufenthalt in Grimma nach Wittenberg
heim, wo sie am 14. März ankamen[323].
Langsam nur erholte sich Luther; an allen Knochen wie zerschlagen,
konnte er sich kaum auf den Beinen halten, so erschöpft war er. Er
lernte wieder essen und trinken: die Ruhe und Käthes sorgliche Pflege
brachte ihn allmählich wieder zu Kräften. Acht Tage darauf konnte er
wieder die feiernde Feder ergreifen und seinen Dankesbrief an Spalatin
schreiben. Frau Käthe, die in der Bestürzung den Töchtern Spalatins
nichts mitgebracht hatte, wollte ein paar Bücher binden lassen und zum
Andenken schicken. Ueber die Osterzeit hat Luther dann wieder fleißig
gepredigt. Aber als er später wieder in die Hessenstadt zum Konvent
gehen sollte, hielt Käthe ihren Gatten zurück und er selbst warnte die
Freunde vor „den hessischen Betten“[324].
In diesem Jahre ging auch Muhme Lene heim und mit ihr ein guter
Hausgeist, eine Stütze der Hausfrau, eine geliebte Freundin und Hüterin
der Kinder. Der Ersatz, den Frau Käthe für sie suchte und erhielt in
„Muhme Lene“ der jüngeren, ihrer leichtherzigen Nichte, und gar in
fremden Stützen der Hausfrau, war ein sehr zweifelhafter[325].
In diesem Jahre 1537 hatte Frau Käthe noch einen schweren Fall von
Krankenpflege in ihrem Hause: nämlich die Kurfürstin Elisabeth von
Brandenburg.
Die arme Frau war schon 1534 kränklich, bald besser, bald schwerer.
Damals war sie in Wittenberg. Luther mußte aber auch öfter zu ihr nach
Schloß Lichtenberg reisen. Im Todesjahre ihres Gemahls, 1537, aber, als
sich ihr Zustand zu einer Geistesstörung ausgebildet hatte, war sie zur
Verpflegung in Luthers Haus, wohl auf des Kurfürsten von Sachsen
Veranlassung. Nach langem Fiebertraum erwachte sie im September, war
aber so blöde und kindisch, daß sie wenig verstand. Frau Käthe saß bei
ihr auf dem Bette und schweigete sie[326]. Darauf wollte ihre Tochter,
Fürstin Margarete von Anhalt, mit Gefolge zum Besuch der kranken Mutter
kommen, natürlich womöglich auch in Luthers Behausung. Aber diese konnte
man nicht auch noch aufnehmen; war doch das große Haus genug belegt;
auch in der Stadt, die als Festung so eng gebaut war und jetzt so
besucht von Studenten, war jedes Haus bis in den kleinsten Winkel
vollgepropft. So mußte man den Besuch ablehnen, aber versichern, daß
alles angewendet werde, um die Genesung der Kurfürstin zu
beschleunigen[327]. Die andere Tochter der Kurfürstin, Herzogin
Elisabeth von Braunschweig-Calenberg, welche einst ihre Mutter wegen des
evangelischen Abendmahls an den Vater und eine ungünstige Aeußerung
Luthers über Herzog Georg an diesen verraten hatte, kam öfter zum Besuch
ihrer kranken Mutter in Luthers Haus; und dieser Umgang brachte sie
dazu, daß sie selbst evangelisch wurde und nach dem Tode ihres Gemahls
als Regentin des Landes in Braunschweig die Reformation einführte. Sie
wurde sehr befreundet mit Luther und Käthe, schickte ihr einmal eine
Sendung Käse und bekam dafür Maulbeer- und Feigen-Setzlinge[328].
Aber der Zustand der armen „Markgräfin“ war ein trauriger und noch
monatelang mußte sie Käthe pflegen. Dabei trugen sich allerlei
ärgerliche Zwischenfälle zu, namentlich durch die Zudringlichkeit
unberufener Leute: so drängte sich eine schmutzige Böhmin ins Haus, ins
Gemach und an die Seite der Fürstin, suchte für sich Gunst und andern
Ungunst zu erregen. Eine Zeitlang ging es noch gut; als die Kranke aber
Geld ausgezahlt bekam, da fing es wieder an, sie verschwendete maßlos an
jedermann ohne Unterschied; auch den Lutherischen Eheleuten wollte sie
zwei Stürzbecher mit 100 Goldgulden darin schenken. Dazu machte sie
immer Reisepläne und schrieb heimlich überallhin und wollte durchaus
fort aus Wittenberg[329].
Luther und Käthe wären die unruhige Patientin, über die sie nicht
völlige Gewalt hatten, mit der vielen Unmuße gerne losgewesen, mußten
aber warten, bis der Hofhalt in Lichtenberg wieder eingerichtet
war[330].
Die greise Kurfürstin wurde nachher wieder gesund und überlebte noch
Luther.
Nachdem das Jahr 1538 ebenfalls ein „fährlich schwer Jahr“ gewesen wegen
der mancherlei Krankheiten, spukte im Spätherbst 1539 die Pest wieder im
Lande. Die Leute hatten eine furchtbare Angst, der Bruder ließ den
Bruder, der Sohn die Eltern im Stich; wenn ein Haus angesteckt war,
wurde es niedergerissen. Kein Bauer wollte Holz, Eier, Butter, Käse,
Korn in die verseuchte Stadt fahren. Da mußten die Wittenberger zwei
Plagen für eine leiden: Pestilenz und Hunger und Frost. Die Bauern luden
endlich ihre Sachen draußen vor den Thoren ab und die Städter mußten sie
auflesen[331].
Luther freilich nahm wie gewohnt „das Pestlein“ leicht und hielt es nur
für eine Seuche. Er zürnte und spottete über die Pestfurcht: „Ich halt,
der Teufel hat die Leut besessen mit der _rechten_ Pestilenz, daß sie so
schändlich erschrecken.“ Ja, er trotzte der Krankheit, um Tod und Teufel
zu verachten. Als er einmal einen Pestkranken besuchte, betastete er
ohne Scheu dessen Beulen. Und er war so sorglos, daß er, als er heimkam,
sogar mit ungewaschenen Händen sein Töchterlein Margarete unbedacht um
den Mund streichelte — es schadete freilich nichts. Ja, als die Gattin
des Kosmographen Dr. Sebald Münster an der Seuche starb und dieser
selbst an sieben Beulen litt, nahm Luther zum Entsetzen der Wittenberger
die vier Kinder Sebalds aus dem verpesteten Hause zu sich. Guter Gott!
was entstand in der ganzen Stadt für ein Geschrei gegen Luther! Er
wollte den Erbarmungslosen und Furchtsamen ein Exempel geben[332].
Diejenige, welche am wenigsten wider diese starkmütige Tapferkeit
Luthers einzuwenden hatte, war seine Gattin; und sie hatte doch die
größte Mühe und Sorge mit den übernommenen Kindern und war dazu wie vor
zehn Jahren ihrer Entbindung nahe. Und sie mußte es büßen. Sie kam
unglücklich nieder und schwebte lange Zeit zwischen Leben und Tod. Sie
fiel von einer Ohnmacht in die andre. Vergebens wurden alle stärkenden
Mittel angewendet, die Entkräftung zu heben. Sie lag da wie eine atmende
Leiche, das Gesicht entstellt, die Gestalt verfallen. Wohl wurde sie von
besorgten Händen aufs treulichste gepflegt und jeder Atemzug, jede
Bewegung beobachtet[333].
Luther wich nicht von der geliebten Frau und sagte darum seine Anwohnung
auf dem Schmalkalder Konvent ab. Er betete Käthe wieder lebendig, wie
einst zu Weimar seinen Freund Melanchthon. Denn wunderbarerweise siegte
Käthes starke Natur. Sie erholte sich, fing mit Appetit an zu essen und
zu trinken, stand wieder auf und kroch umher, indem sie sich mit den
Händen an Tischen und Bänken hielt. Und bald that sie sich etwas zu gut
auf ihre wachsende Gesundheit und im April ist sie völlig wieder
hergestellt[334].
Die Freunde sahen in der wie durch ein Wunder genesenden Gattin des
Reformators das Weib der Offenbarung (Kap. 12): ein Sinnbild der durch
ein Gotteswunder genesenden kranken Kirche[335].
Im Sommer 1540 reiste Luther mit Melanchthon nach Eisenach, um dem
Reichstag in Hagenau näher zu sein, ähnlich wie vor zehn Jahren in
Koburg dem Augsburger Tag. Melanchthon sollte nach Hagenau ziehen, aber
er wurde unterwegs in Weimar sterbenskrank; doch Luther hat ihn unsrem
Herrgott abgebetet. In Eisenach wohnte Luther im Pfarrhaus des Menius,
welcher mit nach Hagenau reiste. Sein „Fraulein“ pflegte den
Wittenberger Doktor aufs sorgsamste und liebenswürdigste, so daß Frau
Käthe unbesorgt sein konnte. Und der Kinderfreund Luther entschädigte
sich für die Entfernung von seinen Kleinen dadurch, daß er den
Pfarrbuben Timotheus ein Spiel mit Nüssen lehrte. Von hier aus schrieb
Luther fleißig Briefe nach Haus, erhielt freilich von der
vielbeschäftigten Frau Käthe nicht so leicht einen. Dafür mußten die
Kinder und Hausgenossen schreiben, zu denen damals auch ein „Mariischen“
gehörte[336].
Die drei ersten Briefe sind verloren gegangen, der vierte aber
lautet[337]:
„Meiner herzlieben Käthe, Doktorin Kathrin und Frauen auf dem neuen
Saumarkt zu handen.
Gnade und Friede, liebe Jungfrau Käthe, gnädige Frau von Zulsdorf und
wie Ew. Gnaden mehr heißt! Ich füge Euch und Ew. Gnaden unterthäniglich
zu wissen, daß mir's hie wohl gehet: „ich fresse wie ein Böhme und saufe
wie ein Deutscher“[338] — das sei Gott gedankt, Amen. Das kommt daher:
Magister Philipps ist wahrlich tot gewesen und recht wie Lazarus vom Tod
auferstanden. Gott der liebe Vater höret unser Gebet, das sehen und
greifen wir, ohne daß wir's dennoch nicht glauben: da sage niemand Amen
zu unserm schändlichen Unglauben.
Ich hab' dem Doktor Pommer Pfarrherr geschrieben, wie der Graf zu
Schwarzburg (um) einen Pfarrherrn gen Greußen bittet, da magst Du als
eine kluge Frau und Doktorin mit Magister Georg Röhrer und Magister
Ambrosio Berndt helfen raten, welcher unter den dreien sich wollte
bereden lassen, die ich dem Pommer angezeigt: es ist nicht eine
schlechte Pfarre; doch seid ihr klug und macht's besser.
Ich habe der Kinder Briefe, auch des Bacculaurien (Hans) — der kein Kind
ist, Mariische auch nicht — kriegt, aber von Ew. Gnaden hab' ich nichts
kriegt; werdet jetzt auf die vierte Schrift, ob Gott will, einmal
antworten mit Ew. gnädigen Hand.
Ich schicke hie mit dem Magister Paul den silbernen Apfel, den mir Ihre
gnädige Hand geschenkt hat, den magst Du, wie ich zuvor geredet habe,
unter die Kinder teilen und fragen, wie viel sie Kirschen und Aepfel
dafür nehmen wollen; die bezahle ihnen bar über und behalt' Du den Stiel
davon.
Sage untern lieben Kostgängern, sonderlich Doktor Severo oder Schiefer,
mein freundlich Herz und guten Willen, und daß sie helfen zusehen in
allen Sachen der Kirchen, Schulen, Haus und wo es not sein will. Auch M.
Georg Major und M. Ambrosio, daß sie Dir zu Hause tröstlich seien.
Will's Gott, so wollen wir bis Sonntag auf sein, von Weimar gen Eisenach
zu ziehen, und Philipps mit. Hiemit Gott befohlen. Sage Lycaoni nostro
(dem Diener Wolfgang), daß er die Maulbeer nicht versäume, er verschlafe
sie denn, das wird er nicht thun — er versehe es denn — und den Wein
soll er auch zur Zeit abziehen. Seid fröhlich alle und betet. Amen.
Weimar, am Tage der Heimsuchung Mariä (2. Juli) 1540.
Martinus Luther,