Mart. LutheR, D.“

Im Jahre 1535 kam der päpstliche Gesandte Kardinal _Vergerius_ durch

Wittenberg; mit glänzendem Gefolge, zwanzig Pferden und einem Esel zog

er ins Schloß und ließ Luther dahin einladen. Der ließ sich schön

schmücken, hängte eine goldene Kette um und fuhr mit Bugenhagen, als der

deutsche Papst mit Kardinal Pomeranus, ins Schloß, wo er dem Legaten

gegenüber, wie er sich vorgenommen hatte, den rechten Luther spielte. Da

erzählte er auch dem Kirchenfürsten, um ihn zu ärgern, von seiner Frau,

der ehrwürdigen Nonne, und seinen fünf Kindern, von denen der

Erstgeborene hoffentlich ein großer evangelischer Theologe werden würde

[300].

Während dieser Zeit waren mancherlei Verändernden im Kreise der

Lutherschen Hausgenossen eingetreten. Natürlich wechselte von Jahr zu

Jahr die Tafelrunde der jugendlichen Kostgänger durch Abgang oder Zugang

zur Schule. Aber es starb auch einmal ein Schüler. So aus Nürnberg Hans

Zink Ostern 1531. Er war allen ein gar lieber Bube, sonderlich dem

Hausvater, indem er den Discant bei der abendlichen Hausmusik sang; aber

auch weil er fein still und züchtig (sittsam) und im Studium sonderlich

fleißig war, so daß allen gar wehe geschehen ist durch seinen Abscheid.

Frau Käthe sparte zu seiner Pflege nichts an Fleiß, Sorge und Arzenei,

um das fremde liebe Kind wo nur möglich zu retten und zu erhalten. Aber

die Krankheit wurde übermächtig über die Pflege, und der Knabe ist Gott

noch viel lieber gewesen als den Lutherschen, der hat ihn wollen haben.

Das meldete Luther im Trauer- und Trostbrief den betrübten fernen

Eltern. Auch später kamen solche Sterbefälle noch vor; ja es starben

Ostern 1544, als in Wittenberg die Masern grassierten und auch Luthers

Kinder alle daran darniederlagen, auf einmal zwei Zöglinge, ein

wohlgeschickter Knabe aus Lüneburg und ein Straßburger. Das war keine

kleine Verantwortung, welche Luther und besonders Käthe zu tragen hatte.

Das jüngste, Margaretlein, hatte als Nachwehen 10 Wochen ein schweres

hitziges Fieber und kämpfte noch vor Weihnachten um Gesundheit und Leben

[301].

Der Diener Johannes Nischmann, der mehrere Jahre der Familie treulich

und „fleißig gedienet, dem Evangelium gemäß sich demütig gehalten und

alles gethan und gelitten“, zog Lichtmeß 1534 aus dem Schwarzen Kloster

mit 5 fl. Lohn und einem guten Zeugnis. Von einem andern dagegen ging

ein böses Geschrei aus, daß er sich von einem wenig achtbaren Mädchen

hätte verführen lassen[302].

Schmerz und Verdruß bereiteten den Lutherischen Eheleuten in dieser Zeit

aber auch ihre Verwandten.

Zunächst Katharinas Brüder. Da war Hans aus Preußen heimgekehrt, um das

Gut Zulsdorf zu übernehmen, hatte eine Witfrau des von Seidewitz, eine

geborene Marschall, mit einem oder mehrern Kindern geheiratet[303]; er

konnte aber von dem Gütchen nicht recht leben und seinen Dienst am

preußischen Hofe auch nicht mehr erhalten — und seine Ehe soll auch

nicht glücklich gewesen sein. Daher mußte Käthe ihren Gatten um manche

Bittschrift für ihn angehen. Ebenso machte Bruder Clemens Sorge, welcher

gleichfalls in Preußen wegen Beteiligung an einer Schlägerei seine

Stelle bei Hof verlor und, wie es scheint, nicht mehr in „vorigen Stand

kommen“ konnte, trotz der Fürbitte der evangelischen Bischöfe von

Samland und Pomesan an den Herzog, ihn wieder zu Gnaden anzunehmen,

„damit er D. Martino und seiner geliebten Hausfrau nicht eine Betrübnis,

dazu Schimpf und Spott sei und also im Land hin und wieder und endlich

hinaus ziehet“. Der Herzog „wolle ihn doch mit einem Klepper und

Zehrung und gnädiger Fürschrift an den Kurfürsten von Sachsen

abfertigen“[304].

Näher noch gingen den beiden Ehegatten allerlei Erlebnisse mit den

Kindern im Hause, den eignen und noch mehr den fremden.

Mit der Anzahl der Kinder wuchs auch die Erfahrung der jungen Eheleute

in der Zucht und Erziehung. Zu Anfang, als einmal eines der jungen

Kindlein schrie und weinte, daß es niemand stillen konnte, waren Käthe

sowohl wie Luther eine ganze Stunde traurig und bekümmert. Später

erkannten sie und der Vater sprach es aus: „Wenn junge Kinder recht

schreien, so wachsen sie wohl; denn durch Schreien dehnen sich die

Glieder und Adern auseinander, weil sie sonst keine andere Uebung haben,

sich zu bewegen“[305].

Als die Kinder größer wurden, gab es natürlich allerlei Unarten und

Vergehungen, und zwar sowohl bei den eignen, wie bei den angenommenen

Waisen. Das „Tauschen“ („Fuggern“ nannte man's später nach dem damals

berühmten Augsburger Handelshause) war natürlich auch bei den

Lutherskindern üblich. Ja, auch das „Stehlen“ („Schießen“ nannte man es

auch nach den „Schützen“ d.h. jungen fahrenden Schülern, den tirones

oder Plänklern in Vergleichung mit der römischen Heeresordnung). Das war

nun beides recht verpönt im Luther-Hause, freilich wurde bei Eßwaren,

namentlich Obst, als Kirschen, Aepfeln, Birnen, Nüssen, die Strafe

gelinder bemessen. Aber wenn einmal etwas anderes genommen wurde, dann

gab es böses Wetter im Hause. Ganz besonders aufgebracht werden konnte

der heftige Hausvater wegen Ungehorsams: Gehorsam hielt er mit andern

Pädagogen für die erste Tugend der Kinder. Darum ließ er seinen

Erstgeborenen einmal drei Tage lang nicht vors Angesicht kommen und Frau

Käthe mußte ihre ganze Ueberredungskraft und die Fürsprache von Freunden

anwenden, um den erzürnten Vater umzustimmen[306].

Im Jahre 1536 that Luther seinen Erstgebornen schon aus dem Hause zu

einem tüchtigen Schulmeister. — Die Unruhe war im Kloster gar zu groß.

Später — 1542 — kam er wieder fort zu dem berühmten Präzeptor Crodel in

Torgau[307].

Manchen Aerger hatten Luther und Käthe auch mit den fremden Kindern,

namentlich den Neffen.

Man wird frelich kein großes Aufhebens zu machen haben, wenn Luther

einmal sagt: „Wenn ich meinen Enders (d.i. Andreas Kaufmann) nicht hätte

gestrichen, von seiner Untugend über Tisch gesagt und ihm Zucker und

Mandelkerne gegeben hätte, so hätte ich ihn schlimmer gemacht.“ Aber von

Martin (seines Bruders Sohn) erzählte Luther: „Derselbe hat mich einmal

also erzürnt und getötet, daß ich ganz von meines Leibes Kräften

gekommen bin.“ Als Fabian von Bora mit Hans Luther 1542 nach Torgau kam,

ließ er sich auf der Reise dahin verleiten, dem kleinen Paul Luther ein

Messer zu nehmen und dem Schulmeister Crodel vorzulügen, der Oheim habe

es ihm gegeben, während er vorher dergleichen nie gethan. Darüber

erzürnte Luther mächtig und diktierte dem armen Sünder drei Tage

hintereinander Streiche[308].

Begreiflicherweise vertuschte auch die Mutter und Hausfrau gar manches,

was bei den Kindern und dem Gesinde in dem großen Haushalt vorfiel, vor

dem heftigen Mann, so daß er in hellem Zorn aufflammen konnte: „Wenn sie

sündigen und allerlei Büberei treiben, so erfahre ich's nicht; man zeigt

mir's nicht an, sondern hält's heimlich vor mir“[309].

Es war aber freilich nicht allein die Furcht vor des Doktors Zorn,

sondern doch auch die Rücksicht auf den vielbeschäftigten und viel

geärgerten Mann, was die Gattin bewegen mußte, ihn mit den häuslichen

Widerwärtigkeiten möglichst zu verschonen. Er sollte vor allem an den

Kindern sich erfreuen. Denn diese Freude an den Kindern war Luther

freilich die größte und schönste und er war einigermaßen eifersüchtig

auf „Muhme Lene“, welche sie ihm „vorwegnahm“, da die Kinder so an ihr

hingen und so viel um sie waren[310]. Luther wollte seine Kinder nicht

so hart erzogen haben, wie es ihm ergangen war. Aber für Bosheit und

Schalkheit und Schaden sollten sie gestraft werden und es ihnen nicht

nachgesehen werden. Das war gewiß auch Frau Käthes Meinung und

jedenfalls war sie mit ihres Mannes Anschauung einverstanden: eines

Geistlichen Kinder müßten ganz besonders wohlgezogen sein, auf daß

andere Leute davon erbaut und ein gut Exempel nähmen; ungezogene

Pfarrkinder gäben andern „ein Aergernis und Privilegium zu sündigen“.

Dasselbe galt auch vom Gesinde. Denn, sagt Luther, „der Teufel hat ein

scharpf Aug auf mich, damit er meine Lehre verdächtig mache oder gar

einen Schandfleck anhänge.“ Daher war es ein aufregendes Ereignis, als

ein Mädchen in Luthers Hause sich übel aufführte[311].

Nach Muhme Lene's Abscheiden nämlich (1537) nahm das Luthersche Ehepaar

eine gefährliche Person ins Haus. Sie kam zu Luther, nannte sich Rosine

von Truchses und gab vor, eine arme Nonne aus hohem Geschlecht zu sein.

Da Luther aber scharf in sie drang, so bekannte sie, sie wäre eine

Bürgerstochter aus Minderstadt in Franken; ihr Vater sei im

Bauernaufruhr geköpft worden; sie irre als verwaistes Kind umher und

bitte um Gotteswillen ihr zu verzeihen und sich ihrer zu erbarmen. Der

gutherzige Mann that es. Das Jüngferlein bezeugte sich gar sittsam und

artig, wußte sich in Gunst zu setzen und das Vertrauen aller im Hause zu

erschleichen, besonders sich bei den Kindern wohl anzumachen. Aber es

war ein schlechtes Weibsbild, das sich in das Haus gedrängt hatte. In

Keller, Küche und Kammer kam allerlei weg; niemand wußte, wer der Dieb

war. Weiter lockte sie allerlei junge Leute an sich, die sie mit ihrer

angeblich hohen Abkunft beschwindelte, und trieb Unzucht mit ihnen.

Endlich entdeckte Frau Käthe die Sache und entfernte, während Luther auf

einer Reise war, die Person in aller Stille aus dem Hause. Luther war

froh, daß er nichts von allem gewußt hatte und daß sie jetzt fort sei.

Aber die Schwindlerin zog umher in allen Pfarrhäusern, berühmte sich

ihrer Bekanntschaft mit dem großen Doktor und seinem Hause, log, trog

und stahl weiter. Immer von neuem tauchte sie auf, zuletzt nach mehreren

Jahren noch in Leipzig, so daß Luther dorthin an den Richter Göritz,

seinen Gevatter, schreiben mußte, um ihrem Unfug ein Ende zu machen.

Luther litt unendlich unter dieser Schmach, die seinem Hause

widerfahren, und meinte, die Papisten hätten ihm diese Teufelsperson auf

den Hals geschickt. Aber auch Frau Käthe mußte es schwer tragen und dazu

noch die Vorwürfe ihres Mannes, welcher zürnte, daß man dieses Weibsbild

hatte entkommen lassen und nicht gleich in der Elbe ertränkt habe. Er

meinte durch diese Erfahrung gewitzigt zu sein, und doch bekam er vor

seinem Ende noch eine „andere Rosine“ ins Haus, die ihm den Aufenthalt

in Wittenberg verleiden half[312].

Ein anderes Vorkommnis setzte Frau Käthe 1538 hart zu. Ein Tagelöhner

arbeitete oft bei ihr, ein fleißiger und braver Mensch, nüchtern sanfter

wie ein Lamm, aber in der Trunkenheit ein Krakehler. An einem Sonntag

lief er in der ganzen Stadt herum und prahlte, er sei Famulus bei

Luther, und in der Aufregung schlug er jemand tot. Dann ward er

nüchtern, nahm mit Thränen Abschied von Frau Luther und wurde flüchtig.

Ein Weib und drei Kinder, die er im größten Elend zurückließ, fiel

natürlich Frau Käthe zur Last[313].

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 42 / 92 题