Als aber die Herren endlich wieder heimkehrten, samt Veit Dietrich,
Peter Weller und dem jungen Cyriak, der mit seinem Lehrer das Schauspiel
des Reichstag in Augsburg und die berühmte Stadt Nürnberg hatte besuchen
dürfen, da war ein Erzählen am Eichentisch im Wohnzimmer und unten im
Hof unterm Birnbaum, während der vierjährige Studiosus Hans sich an
seinem Nürnberger Zuckerbuch erlustierte.
Ruhiger gingen die folgenden Jahre hin. Freilich wiederholten sich die
beängstigenden Schwindelanfälle beim Doktor, so daß er im Herbst 1531
eine Erholungsreise zu Gevatter Hans Löser nach Schloß Pretzsch machte,
um durch die Bewegung das Sausen loszuwerden. Da ging er viel spazieren,
fuhr auch zur Jagd[294].
Von Mansfeld waren auch die Großeltern einigemal nach Wittenberg
herübergekommen, obwohl das keine kleine Reise war; da schickte der
Stadtrat „Doktoris Martini Vater“ einen Ehrentrunk. Dann herrschte große
Freude im Kloster und der Doktor konnte eine Vergleichung anstellen
zwischen seiner harten Jugend und der Zärtlichkeit der alten Leute gegen
die Enkel und merken, daß die Großeltern ihre Kindeskinder lieber haben
als ihre eigenen Kinder. Als im Anfang 1530 Bruder Jakob von Mansfeld
schrieb, der Vater wäre „fährlich krank“, wäre Luther aus der Maßen gern
selbst kommen; aber er durfte es dorthin der Bauern und des Adels wegen
nicht wagen. Aber große Freude sollt es ihm sein, schrieb er, wo es
möglich wäre, daß der Vater samt der Mutter sich ließe herbeiführen nach
Wittenberg, was auch „Käthe mit Thränen begehrte“, in der Hoffnung, sie
aufs beste zu warten. Dazu wurde Cyriak in seine Vaterstadt abgefertigt,
zu sehen, ob das möglich wäre. Aber die alten Leute konnten sich
begreiflicherweise nicht zu diesem Umzug entschließen. Und nicht lange
darauf, als Luther auf der Koburg saß, starb der Vater. Im Sommer des
folgenden Jahres erkrankte die Großmutter. Das erregte großes Leid in
der Familie; Luther schrieb inmitten der Kinderschar einen Trostbrief:
darin schildert er gar anschaulich das echt kindliche Benehmen der
beiden eigenen Kinder und der andern Enkel, welche im Klosterhause
lebten: „Es bitten für Euch alle Eure (Enkel-) Kinder und meine Käthe;
etliche weinen, etliche essen und sagen: Die Großmutter ist sehr krank.“
Am 30. Juni schied auch sie vom Leben[295].
Von den Enkeln hatten freilich die Großeltern höchstens die drei ersten
gesehen: Hans, Elisabeth und Lenchen. Erst nach ihrem Tode kam der
vierte auf die Welt am Vorabend von Luthers Geburtstag und bekam deshalb
den Namen Martin. Es war gerade zur Zeit als die Bauern, wie man ihnen
nachsagte, eine künstliche Teuerung zu stande brachten. Fünfviertel
Jahre später (am 28. Januar 1533) stellte sich Paul ein und endlich am
Ausgang des folgenden Jahres das Jüngste, Margarete. Schon 1533 war der
siebenjährige Erstgeborne — gewiß nur, wie andre Professorensöhne, der
Ehre halber — bei der Universität als akademischer Bürger angenommen
worden, zugleich mit seinen Vettern Fabian und Andreas Kaufmann[296].
In diesem Jahre 1533 war Luther wieder einen ganzen Monat krank an
Kopfleiden[297].
Im Februar 1534 kam seine Schwester zu Besuch nach Wittenberg. Da
tischte Frau Käthe für die Schwägerin köstlich auf und ließ Hechte
kommen aus den kurfürstlichen Teichen[298].
Seitdem Johann Friedrich Kurfürst geworden, war Luther gar oft zu dem
ihm vorher schon sehr befreundeten neuen Landesherrn allein oder mit
andern Theologen nach Torgau geladen, wo er predigte, disputierte und
bei Tisch in ernstem und fröhlichem Gespräch verblieb. Von dort sandte
der Doktor auch einmal an „seinen freundlichen lieben Herrn, Frau
Katharina von Bora, D. Lutherin zu Wittenberg“ einen heiteren
Brief[299]:
„Gnade und Friede in Christo.
Lieber Herr Käthe! Ich weiß Dir nichts zu schreiben, weil Magister
Philipps samt den andern selbst kommen. Ich muß länger hier bleiben, um
des frommen Fürsten willen. Du magst denken, wie lange ich hier bleiben
werde, oder wie Du mich los machst. Ich halt', M. Franciscus wird mich
wieder los machen, wie ich ihn losgemacht habe, doch nicht so balde.
Gestern hatt' ich einen bösen Trunk gefaßt, da mußt' ich singen. Trink'
ich nicht wohl, das ist mir leid und thät's so recht gerne, und hab
gedacht, wie gut Wein und Bier hab' ich daheime, dazu eine schöne Frauen
oder (sollt' ich sagen) Herrn. Und Du thätest wohl, daß Du mir
hinüberschicktest den ganzen Keller voll meines Weines und eine Flaschen
Deines Biers, so oft Du kannst. Sonst komme ich vor dem neuen Bier nicht
wieder. Hiermit Gott befohlen samt unsern Jüngern und altem Gesinde,
Amen.
Mittwoch nach Jakobi, 1534.