2. Kapitel

Im Kloster.

Wenn heutzutage ein armes Mädchen aus besseren Ständen versorgt werden

soll, das nicht auf große Mitgift und darum auf Verheiratung rechnen und

somit dem natürlichen weiblichen Beruf, dem Familienleben,

voraussichtlich entsagen muß, so kommt es in eine Anstalt und bildet

sich zur Lehrerin oder dergleichen aus. Im Mittelalter kam so ein armes

Fräulein, dessen Ausstattung die schmalen Erbgüter der Stammhalter und

Schwestern noch mehr geschmälert hätte, zur Versorgung ins Kloster. Die

alten Klöster (der Benediktiner, Cisterzienser, Bernhardiner) wurden so

Versorgungsanstalten[20]. Es waren adelige Stifter, fromme Anstalten der

Vorfahren, worin „ehrsame“ (d.h. adelige) Jungfrauen Gott dienen und für

die Seelen der Lebenden und Verstorbenen beten sollten[21]. Statt des

jetzigen „geistigen“ Berufs zum Wirken in der Welt für lebendige

Menschen diente damals der „geistliche“ Beruf zur Verehrung Gottes und

der Heiligen, zum ewigen Seelenheil der Lebenden, namentlich aber der

toten Anverwandten im Fegefeuer. Statt der heutigen freien und doch

nicht immer freiwilligen Entschließung zu einem selbstgewählten Beruf,

der freilich immer nur bedingungsweise und auf Zeit ergriffen wird, galt

es damals die „ewige“ unwiderrufliche „Vergelübdung“ auf Lebenszeit;

statt der „Emanzipation“, welche einer außer dem Familienleben stehenden

Jungfrau heute mehr oder weniger wartet, harrte ihrer damals die

„Klausur“, die Einschließung in die Klostermauern in einem streng

geschlossenen Verband, dem „Orden“, unter dem straffen Bande der

„Regel“, der Klostersatzungen.

Nach Begabung und Neigung zu diesem geistlichen Beruf wurde da wenig

gefragt, und es konnte auch keine Rücksicht darauf genommen werden[22].

Dazu war in diesen Zeiten die elterliche Autorität, namentlich über

Töchter, viel zu groß, und der Familiensinn in solchen adeligen Häusern

war ein zu stark ausgeprägter, als daß sich ein Glied in individueller

Neigung gegen das Herkommen und die Familiensitte wie gegen die

Forderungen der Existenzbedingungen seines Geschlechts aufgelehnt hätte.

Nach den kirchlichen Bestimmungen galt der Grundsatz: „Einen Mönch macht

entweder die elterliche Vergelübdung oder die eigene Einwilligung“[23],

also in erster Linie die Bestimmung der Eltern! Diese hielten es eben

für eine standesgemäße Versorgung und zugleich für einen „guten seligen

Stand“, wie eine Nonne aus dieser Zeit erklärt[24].

Zudem wurden die Töchter in einem Alter in das Stift gethan, wo von

einer Willensentscheidung gar keine Rede sein konnte[25]. Die Mädchen

waren noch Kinder. Der Eintritt konnte schon im sechsten Lebensjahr

geschehen; viele kamen auch später hinein, wenn sich die

Familienverhältnisse durch Wachstum der Kinderzahl, Tod der Mutter und

dergleichen anders gestalteten. Aber auch in noch früherem Alter wurden

„Kostkinder“ aufgenommen, welche dann auch oft Klosterjungfrauen wurden.

„Es ist eine hohe Not und Tyrannei, daß man leider die Kinder,

sonderlich das schwache Weibervolk und junge Mädchen in die Klöster

stößet, reizet und gehen läßt“ — so äußert sich Luther gerade über das

Kloster, worin sich Katharina von Bora befand, und ruft entrüstet aus:

„O die unbarmherzigen Eltern und Freunde (Verwandten), die mit den

Ihren so schrecklich und greulich verfahren!“[26]

Nicht anders erging es auch der Tochter aus dem verarmten Hause Bora.

Katharina ward ins Kloster geschickt — gefragt wurde das Kind natürlich

nicht; es geschah „ohne ihren Willen“, wie denn Luther im allgemeinen

von ihr und ihren Mitschwestern von Verstoßung ins Kloster redet und von

Zwang. Er fragt bei dieser Gelegenheit seine Zeitgenossen: „Wie viel

meinst du, daß Nonnen in Klöstern sind, die fröhlich und mit Lust

ungezwungen ihren Gottesdienst thun und Orden tragen? Unter tausend kaum

eine. Was ist's, daß du solches Kind läßt also sein Leben und alle seine

Werke verlieren?“[27]

Katharina kam vielleicht schon mit dem 6. Lebensjahr ins Kloster; denn

in ihrem sechsten Lebensjahr verschreibt Jan von Bora auf Lippendorf

alle seine Güter allda seiner — vielleicht in diesem Jahr geheirateten

zweiten — Ehefrau. Jedenfalls war Katharina im zehnten Lebensjahr (1509)

schon Klosterjungfrau; und zwar nicht mehr die jüngste, sondern die

zweitjüngste von den Aufgenommenen und blieb noch lange Jahre (bis 1516)

die vorletzte in der Reihe der Schwestern[28].

Klöster gab es damals genug im Land: es wurden allein im Meißnischen

gegen 30 Nonnenklöster gezählt[29]. In welches Kloster Katharina

eintreten sollte, das stand von vornherein fest: es mußte das adelige

Cisterzienserinnen-Kloster „Marienthron“ oder „Gottesthron“ _Nimbschen_

bei Borna im Kurfürstentum Sachsen sein[30]. Denn hier war eine Muhme

von Vaterseite, vielleicht Vatersschwester Magdalene von Bora schon

lange Zeit Klosterjungfrau und bekleidete von 1502-8 das Amt einer

Siechenmeisterin, d.h. Krankenwärterin der Nonnen. Außerdem waren,

scheint es, noch zwei Verwandte aus der mütterlichen Familie der Haubitz

da: eine ältere Margarete und eine jüngere Anna.

Das Kloster Nimbschen hat eine hübsche Lage. Eine Stunde unterhalb,

nachdem die beiden Mulden, die Zwickauer von Süden und die Freiberger

von Osten her zusammengeflossen sind zu der großen Mulde, erweitert sich

das enge Flußthal zu einer viertelstundebreiten ebenen Aue, welche die

Form eines länglichen Blattes hat und eine halbe Stunde lang ist. Am

Ostufer zieht sich eine schroffe Felswand aus Porphyr hin, an welche

das Muldebett sich anschmiegt; im Westen begrenzt eine niedrige, sanfter

ansteigende, waldbewachsene Hügelkette den Werder. Ueber der nördlichen

Blattspitze, die scharf durch die zusammenrückenden Felswände

abschließt, erhob sich eine Burg und jenseits der Thalsperre, ungesehen

von der Aue aus, liegt die Stadt Grimma; an dem obern Ende der Aue,

unmittelbar am Fuße des westlichen Waldhügels, stand das Kloster. Es war

also abgelegen von der Welt, abgeschlossen durch die beiden Hügelreihen,

nur mit dem Blick auf die stille ruhige Aue. Drüben floß die Mulde

ungesehen tief in ihren Ufern, überragt von der Felswand, hüben erhob

sich der hügelige Klosterwald. Nordwärts davon schimmerte ein ziemlich

großer Teich, welcher die leckere Fastenspeise barg.

Aus dem Hügel unmittelbar neben dem Kloster waren die schmutzig braunen

Porphyrsteine gebrochen, mit welchen die Mauern und Klostergebäude

aufgebaut waren; ein Graben an diesem Hügel hin verhinderte noch mehr

den unbefugten Zutritt.

Das Klostergebäude war sehr umfangreich, denn so eine alte

Cisterzienser-Abtei bildete eine Welt für sich: nach alter Regel mußte

das Kloster alle seine Bedürfnisse selber durch eigene Wirtschaft

befriedigen[31]. Daher gab es neben dem eigentlichen „Gotteshaus“, wie

ein geistliches Stift genannt wurde, noch allerlei Wirtschaftsgebäude:

Ställe für Pferde, Rinder, Schweine, Geflügel mit den nötigen Knechten

und Mägden, Hirten und Hirtinnen für Füllen, Kühe, Schafe (das Kloster

hatte deren 1800!), Schweine und Gänse; ferner Mäher, Drescher,

Holzhauer, eine „Käsemutter“. Das Kloster selbst zerfiel in zwei

Gebäudekomplexe: „die Propstei“ und die „Klausur“. Die Propstei schloß

sich um den äußeren Klosterhof und umfaßte die Wohnung des Vorstehers

oder Propstes, eines „Halbgeistlichen“, welcher mit „Ehren“ („Ehr“)

angeredet wurde, dann die Behausung des Verwalters oder Vogts (Voit)

samt dem Schreiber; ferner das „Predigerhaus“, in welchem die zwei

„Herren an der Pforte“, d.i. Mönche aus dem Kloster Pforta, als

Beichtväter wohnten, denn Pforta hatte die Oberaufsicht über Nimbschen.

Ein Brauhaus, Backhaus, Schlachthaus, Schmiede, Mühle, Küche und Keller

waren noch da, worin die verschiedenen Klosterhandwerker hausten und

hantierten; auf dem Thorhaus saß der Thorwärter Thalheym. Ein

„Hellenheyszer“ hatte die Oefen zu besorgen.

Es war eine gar umfangreiche Wirtschaft und ein großes Personal: 40-50

Leute waren in der Klosterzeit Katharinas von Bora täglich „über den

Hof“ zu speisen; und dazu mußten Löhne gezahlt werden, vom Oberknecht

mit 4 Schock 16 Groschen und Vorsteher mit 4 Schock an bis zur

Gänsehirtin, welche nur 40 Groschen bekam.

Um alle diese Personen zu besolden und neben den Klosterfrauen zu

speisen, brauchte es natürlich großer Einkünfte an Geld, Getreide,

Hühnern, Eiern u.s.w. von den Klosterdörfern und Höfen, außer den

Klostergütern, die vom Klosterpersonal selbst bewirtschaftet wurden.

Ferner hatten die Bauern noch gar manche Fronden mit Ackern, Düngen,

Dreschen, Mähen und Heuen, Schneiden, Holzmachen, Hopfen pflücken,

Flachs und Hanf raufen, riffeln und rösten, Schafscheren, Jagdfron

(Treiben bei der Jagd) wofür teilweise Essen und Trinken, bei der Jagd

auch Geld gereicht wurde.

Die Nonnen selbst wohnten in der „Klausur“, einem zweiten

Gebäudekomplex, welcher im Viereck um einen kleinen Hof gebaut war und

aus der Kirche, dem Refektorium (Speisehaus), dem Dormitorium

(Schlafhaus mit den Zellen) und dem Konvent (Versammlungshaus) bestand.

Die Abtei, die Wohnung der Aebtissin, welche nicht zur Klausur gehörte,

war zwischen dieser und dem Propsthofe.

Hier im Kloster lebten nun einige vierzig Töchter adeliger Häuser aus

verschiedenen Gegenden des kurfürstlichen und herzoglichen Sachsen. Dazu

kamen noch ein halb Dutzend „Konversen“ oder Laienschwestern, die um

Gottes willen, d.h. umsonst dienten. Ferner mehrere bezahlte

„Kochmeide“, darunter eine Köchin, und die „Frauen-Meid“, d.h. die

Dienerin der Aebtissin. Diese hatte außerdem noch zwei Knaben zu ihrer

Verfügung, die natürlich im äußern Klosterhof wohnten und zu Kleidern

und Schuhen zusammen 1 Schock jährlich erhielten[32].

Die adeligen Klosterfrauen bildeten die Sammlung, den Konvent und hießen

daher auch Konventualinnen. Das war eine kleine weibliche Adelsrepublik,

die sich in allen Dingen selbst regierte nach der „Regel“, den

Gesetzen, auf die sie eingeschworen waren — bloß unter Oberaufsicht

ihres Visitators, des Abtes von Pforta, der aber auch nur auf Grund der

Regel anordnen und rügen konnte. Die Regel war die des hl. Bernhard,

eine etwas strengere Abart derjenigen der gewöhnlichen alten

Benediktinerinnen[33].

Die Nonnen waren außer der Aebtissin in die _Klausur_ eingeschlossen,

aus welcher sie nur in Klosterangelegenheiten mit besonderer Erlaubnis,

und dies selten und in Begleitung einer Seniorin und des Beichtvaters,

heraustreten durften. Ein Verkehr mit der Außenwelt oder auch nur mit

den Klosterleuten auf der Propstei fand nicht statt; auch in der Kirche

waren sie auf einem besonderen dicht vergitterten Nonnenchor den Blicken

der Weltleute entzogen. Verboten war ausdrücklich das Uebersteigen an

der Orgel und das Herauslehnen über die Umzäunung des Chors. Wenn jemand

von draußen (Geistlicher oder Weltlicher) mit einer Klosterjungfrau zu

reden hatte, etwa die Eltern und Geschwister zu Besuch kamen, so durften

sie nur mit besonderer Erlaubnis der Aebtissin, und nur wenn es die Not

erforderte, in der Redstube durch das vergitterte Redfenster und in

Gegenwart der Aebtissin mit ihr sprechen; es war unmöglich gemacht, daß

jemand die Hand oder ein Ding durch das Fenster steckte. Ebenso war der

Beichtstuhl vermacht, und selbst der Beichtvater durfte nur in

Krankheitsfällen in die Klausur eintreten. Festlichkeiten und

Ergötzungen sollten die Beichtväter nicht mit den Klosterjungfrauen

mitmachen. Der Pförtnerin war bei Strafe verboten, Hunde (?), alte

Weiber und dgl. einzulassen[34]. Die Schwestern durften auch nicht mit

den Klosterkindern[35] zusammen schlafen.

In diesem klösterlichen Verband gab es zur Regierung und Verwaltung der

Gemeinschaft zahlreiche Aemter. Mit ziemlich unumschränkter Gewalt

herrschte die gewählte _Aebtissin_: ihrem Befehl und ihren Strafen war

mit wortlosem, unbedingtem Gehorsam nachzukommen; doch war sie gehalten,

überall den Rat ihrer „Geschworenen und Seniorinnen“ zu hören. Ihr war

nicht nur die äußere Verwaltung der Gemeinschaft übertragen, auch die

„Leitung der Seelen und Gewissen“. Sie sollte sich bestreben, gleich

liebreich gegen alle, Junge und Alte, aufzutreten, für alle, Gesunde

und Kranke, namentlich in ihrer leiblichen Notdurft, besorgt zu sein.

Mit Ehrfurcht nahten die Schwestern der Aebtissin, sie war die Domina

(Herrin), die ehrwürdige Mutter, und die draußen wenigstens nannten sie

„Meine gnädige Frau.“ Im Jahr 1509, also kurz nachdem Katharina von Bora

in Nimbschen eingetreten war, starb die alte Aebtissin Katharina von

Schönberg, und Katharinas Verwandte, Margarete von Haubitz, wurde zur

Aebtissin gewählt und feierlich vom Abt Balthasar aus Pforta in ihr Amt

eingeführt[36].

Nach der Aebtissin kam an Würde die Priorin („Preilin“), einerseits die

Stellvertreterin und Gehülfin derselben, andererseits aber auch die

Vertreterin und Vertrauensperson des Konvents. Auf sie folgte die

„Kellnerin“, die „Bursarin“ (auch „Bursariusin“, Kassiererin) die

Küsterin, die Sangmeisterin („Sängerin“), die Siech- und

Gastmeisterin[37].

Die Schwesternschaft, in welche die junge Katharina eintrat, hatte einen

gleichartigen gesellschaftlichen Rang: sie waren alle aus dem kleinen

Adel und vielfach mit einander verwandt oder gar Schwestern: so die zwei

Haubitz, die zwei Schwestern Zeschau und Margarete und Ave von

Schönfeld, wozu noch eine Metze[38] Schönfeld kam, welche 1508

Siechenmeisterin und später Priorin wurde. Aber die einen waren

wohlhabend mit einem ordentlichen Leibgeding an Geld und Naturalien, die

anderen arm, vielleicht nur bei dem Eintritt und bei der Einsegnung mit

einem kleinen Geschenke von ihren Verwandten abgefunden. Der Wohlstand

scheint nicht ohne Einfluß auf die amtliche Stellung gewesen zu sein;

denn es ist doch wohl nicht Zufall, daß die am reichsten

Verleibgedingte, Margarete von Haubitz, zur Aebtissin gewählt wurde[39].

Auch das Alter war ein gar verschiedenes: da war die 70 jährige Ursula

Osmund, die an hundert Jahre alt wurde, und die zehnjährige Katharina

von Bora und die beiden jungen Schönfeld, welche in ähnlichem Alter

standen. Lange Zeit wurden gar keine neuen Jungfrauen in das Stift

aufgenommen: von 1510 bis 1517 blieben Katharina und Ave die letzten,

vielleicht weil die Zahl 50 (mit den Konversen) überschritten war und

die Einkünfte des Klosters nicht mehr Personen ertrugen. Daß die

Klosterfrauen auch an Wesen, Charakter und Temperament verschieden

waren, ist natürlich; aber alle geistige Individualität (alle

„Eigenschaft“) wurde durch die Klosterregel und Klosterzucht ebenso

ausgelöscht, wie die leibliche Verschiedenheit durch die gleiche Tracht:

Nonnen tragen auch eine geistige Uniform. Dazu sind Freundschaften

verboten. Von irgend einer Eigenheit einer Schwester erfährt man nichts.

Nur die Aebtissin Margarete von Haubitz ist später charakterisiert als:

„ehrliches (vornehmes), frommes, verständiges Weibsbild“[40].

Ob die neue Klosterjungfrau _Katharina von Bora_ an ihr oder den anderen

Verwandten aus dem mütterlichen Geschlechte eine Annehmerin gefunden

habe, ist nicht zu sagen. Doch war nicht von vornherein die

Verwandtschaft mit der Aebtissin ein Grund zu einer freundlichen

Behandlung. Denn eine gleichzeitig mit Katharina in ein andres Kloster

eingetretene junge Nonne beklagt sich, daß ihre Muhme, die Aebtissin,

ganz besonders gewaltthätig und grausam mit ihr verfahren sei.

Vielleicht hat Katharina eine Art mütterliche Freundin an ihrer anderen

Verwandten aus dem väterlichen Geschlecht gefunden, der ehemaligen

Siechenmeisterin Magdalena von Bora, weil diese nachher sich als „Muhme

Lene“ so innig an Katharina und ihre neue Familie anschloß[41].

Zunächst wurde das junge Mädchen eingeführt in die Ordensregel und den

Gottesdienst, wurde gewöhnt an klösterliches Benehmen und an geistliches

Denken und Wesen, auch unterrichtet in einigen Kenntnissen und

Fertigkeiten. In Nimbschen wird keine besondere Novizenmeisterin

genannt; es war nur vom Abt bei der Einführung der neuen Aebtissin 1509

im allgemeinen aufs neue als Ordensregel eingeschärft: „Weil es ein Werk

der Frömmigkeit und Barmherzigkeit ist, die Ungelehrten gelehrter zu

machen, wollen wir, daß diejenigen, welche mehr verstehn unter den

Jungfrauen, die andern zu belehren und unterrichten sich bestreben, in

dem Bewußtsein, daß sie einen großen Lohn für diese Mühe empfangen, und

daß sie durch diese Beschäftigung viel Leichtfertigkeit vermeiden, wozu

die ausgeladene Jugend geneigt ist.“ Natürlich sollten aber alle

Aelteren den Jungen mit gutem Beispiel vorangehen.

Als „der Schlüssel der Religion“ mußte zunächst überall, wo es die

Ordensregel vorschrieb, unbedingtes _Stillschweigen_ beobachtet werden —

außer dem unbedingten Gehorsam, an den sich die Novizin zu gewöhnen

hatte, der wichtigste und höchste Punkt des klösterlichen Lebens. Denn

es müßte Rechenschaft gegeben werden von jedem unnützen Wort nicht nur

vor Gottes Richterstuhl, sondern auch vor dem Beichtstuhl des Priesters.

Vielmehr sollten die Klosterjungfrauen außerhalb der vorgeschriebenen

Gebetszeiten und der Lektionen in besonderen Gebeten mit dem Bräutigam

Christus reden oder in Beschaulichkeit schweigend hören, was Gott in

ihnen redet. Darum wurde streng darauf gesehen, daß die Kinder und

heranwachsenden Jungfrauen nicht herumliefen und schwatzten, sondern

sich sittsam und schweigsam verhielten.

Es galt sodann in Kleidung und Haltung, in Gebärde und Rede sich das

rechte nonnenhafte Wesen anzueignen. „Am Ort der Buße“, mußte man „die

größte Einfachheit der Kleidung zeigen, sich weder mit weltlichen

Gewändern schmücken, noch auch mit den Fransen der Pharisäer“, sondern

die Kutten bis an die Schultern herausziehen. Das Angesicht mußten die

Novizen lernen stets zu neigen. „Denn die Scham ist die Hüterin der

Jungfrauschaft, der köstlichen Perle, welche die geistlichen Töchter

bewahren sollen. So sollen sie mit Seufzen und Beklagen der verlorenen

Zeit die Ankunft des himmlischen Bräutigams erwarten welcher seine

Verlobten, — die im Glauben und hl. Profeß stets des Herrn harren, — mit

Frohlocken in sein Brautgemach führt.“

„Damit sie sich aber nicht mit dem Laster des Eigentums beflecken,

welches in der Religion das schlimmste und verdammlichste und ein Netz

des Teufels ist, sollen sie bei Strafe der Exkommunikation alle

Geschenke von Freunden und andern draußen nicht als ihr Recht

beanspruchen, sondern der Aebtissin reichen, und demütig von ihr das

Nötige begehren.“

Die Vorgesetzten aßen zwar am besonderen Tisch und hatten bessere

Speisen und Getränke: so bekamen sie echtes Bier, dagegen die

Konventualinnen nur „Kofent“ (Konvent- d.h. Dünn-Bier)[646], aber

gleichmäßige Behandlung aller Klosterjungfrauen in Speisen und Getränken

waren der Aebtissin zur Pflicht gemacht, und die Mahlzeiten ließen nach

herkömmlicher Klostersitte nichts zu wünschen übrig[42]. „Festmahlzeiten

und Ergötzlichkeiten“ waren den Schwestern unter sich von der Aebtissin

erlaubt.

Diese Ordnungen, zu welchen in Nimbschen bei Einführung der neuen

Aebtissin der Abt-Visitator eine Art Hirtenbrief als Erläuterung und

Ergänzung der Ordensregel gegeben hatte, wurden alle Vierteljahre

kapitelweise im Konvent gelesen und durch die Aebtissin oder Priorin

Punkt für Punkt erklärt, damit jede Klosterjungfrau — namentlich aber

die Neulinge — aus sich selbst die klösterliche Lebensweise und

Lebenseinrichtung annähmen.

In solche strenge Klosterzucht wurde nun das junge Mädchen eingeführt.

Wenn auch die Praxis — wie sich bei jeder Visitation zeigte, namentlich

in der Verordnung von unnützen Reden — von der Theorie abwich, so war

doch zu dieser Zeit ein stramme ernstliche Einhaltung der Ordensregel in

Nimbschen durchgeführt. Man hatte nämlich gerade um 1500 auch hier wie

in anderen Klöstern eine „Reformation“ der zerfallenen Klosterordnung

erstrebt[43].

Neben dieser Erziehung zum Klosterleben gab es auch einigen

_Unterricht_, der mit dem Ordensleben zusammen hing. Die Novizen mußten

lesen lernen — was damals bei der krausen Schrift und dem noch krauseren

Stil nicht so ganz leicht war[44]. Sogar ins Lateinische mußten die

Nonnen notdürftig eingeführt werden: denn die Lesungen und Gebete,

besonders aber die Gesänge waren meist in der Kirchensprache geschrieben

— wenn es auch mit dem Verständnis der Fremdsprache nicht gerade weit

her war: singen ja doch auch heute Kirchenchöre in Dorfgemeinden

lateinische Hymnen und Messen. Auch schreiben hat Katharina im Kloster

gelernt, wenn sie auch später — wie alle viel beschäftigten Frauen nicht

gerne und viel schrieb und an Fremde und hochgestellte Personen ihre

Gedanken lieber einem Studenten oder Magister in die Feder sagte. Sonst

konnten nicht alle Klosterfrauen diese Kunst. Eine eigentliche Schule,

worin die Schulmeidlein gelehrt wurden, gab es nicht, doch waren einige

Klosterfrauen fähig, nach ihrem Austritt Mädchenschulmeisterinnen zu

werden, so die Schwester von Staupitz und die Elsa von Kanitz[45].

Der _Gesang_ spielte eine große Rolle im Kloster: waren doch alle

religiösen Uebungen größtenteils gemeinschaftlich und mußten so zum

Chorgesang werden. Es war eine Sängerin oder Sangmeisterin

(Kapellenmeisterin) bestellt, welche die Gesänge einzuüben hatte. Und im

Kloster war ein altes „Sangbuch“, welches 1417 für 2 Schock Groschen

gekauft und vom markgräflichen Vogt zu Grimma bezahlt worden war. Es

waren aber im Kloster fremde Gesänge aufgekommen und es wurde gegen die

Regel des seligen Vaters Bernhard zu schnell und ungleich (d.h.

rhythmisch) gesungen, und kam der Unfug auf, daß unvermittelt bald alle,

bald wenige Stimmen sangen; der Abt von Pforta ordnete daher an, daß

rund, eine Silbe wie die andere gesungen werde, einhellig und mit

gleicher Stimme, nicht zu hoch und zu tief[46].

Im Jahre 1509, als Katharina von Bora zehn Jahre zählte, war sie kein

Kostkind oder Schulmeidlein mehr, sondern wurde schon unter die

Klosterjungfrauen gezählt. Sie war also einstweilen wenigstens

„Postulantin“, Anwärterin für die Pfründe. Da meist das vierzehnte

Lebensjahr das Entscheidungsjahr für die Klostergelübde war, so hätte

sie mit dem dreizehnten ihr Noviziat antreten und ein Jahr darauf Profeß

thun können. Es ist auffällig, daß sich dies bei Katharina zwei Jahre

hinausschob, und sogar die später eingetretene jüngere Ave Schönfeld

_vor_ ihr mit ihrer älteren Schwester Margarete eingesegnet wurde[47].

Mit ihrem 15. Jahre also wurde Katharina von Bora nach dem Herkommen der

Sammlung von der Aebtissin „angegeben“ (vorgeschlagen) und von dem

Konvent angenommen. Unter feierlichen Zeremonien in der Kirche wurden

ihr die Haare abgeschnitten, die mit Weihwedel und Rauchfaß besprengten

und beräucherten heiligen Kleider angethan: die weiße Kutte übergezogen,

der weiße Weiler (das Kopftuch (velum, der sog. Schleier)) ums Haupt

geschlungen; auf diesem wurde der Himmelsbraut der weiße Rosenkranz

aufgesetzt und der Heiland im Kruzifix als Bräutigam in die Arme gelegt,

dann hat sie ihm durch Opferung des Kranzes ewige Reinigkeit verheißen

und geschworen. Darauf fiel die Postulantin der Reihe nach der Aebtissin

und jeder der einzelnen Klosterfrauen demütig zu Füßen, wurde von ihnen

aufgehoben und mit einem Kusse als Schwester in die Gemeinschaft

aufgenommen[48].

Jetzt kam Katharina unter die strenge Zucht einer älteren Klosterfrau

und mußte in dieser Probezeit im Ernst all die vielen Dinge üben in

Haltung und Gang, in Gebärde und Rede, welche eine Nonne auf Schritt und

Tritt zu beobachten hat, wenn sie nicht gegen die Regel sündigen und

dafür Buße erleiden will. So erzählt eine Nonne: „Das Probejahr geschahe

nur, daß wir Ordensweise lernten und uns versuchten, ob wir zum Orden

tüchtig“[49].

Endlich, im Jahre 1515, „Montags nach Francisci Confessoris“, d.h. am 8.

Oktober, war Katharinas „eynseghnug“. Da mußte sie „Profeß thun“, d.h.

das ewig bindende Klostergelübde ablegen. Es wird ihr gegangen sein wie

jener anderen Nonne, die um diese Zeit auch eingesegnet wurde und von

sich erzählt: „Am Abend vor meiner Profession sagte mir die Aebtissin

vor der ganzen Versammlung im Kapitel: man solle mir die Schwierigkeit

der Regel vorlegen und mich fragen, ob ich das gesinnet wäre zu halten?

wäre aber nicht von nöten, denn ich hätte mich in der Einkleidung

genugsam verpflichtet. Und wenn ich gleichwohl gefragt worden wäre,

hätte ich doch nichts sagen dürfen, hätte mir auch nichts geholfen.“ Die

Einsegnung ging vor sich und zwar war Katharina von „Bhor“ als einzige

auf diesen Tag geweiht. Sie spendete dabei dem Kloster von dem wenigen,

was sie vermochte, 30 Groschen[50].

Zwar nicht widerwillig, aber doch wie sie (bezw. Luther) später sagte,

ohne „ihren Willen“ wurde Katharina als Tochter des sel. Vaters Bernhard

verpflichtet. Trotzdem aber hat sie sich in die Klosterregel nicht nur

gefügt, sondern auch „hitzig und emsig und oft gebetet“[51].

Das entspricht ihrer gesamten entschiedenen Natur, wie sie sich später

ausgereift zeigt. Sie war ja gelehrt worden, durch „gute Werke“,

insbesondere durch Klosterwerke, erwerbe man sich himmlische Güter und

geldliches Vermögen und einen hohen seligen Sitz im Jenseits; also

strengte sie alle Kraft und allen Fleiß an, solchen Reichtum zu erwerben

und durch geistliche Uebungen sich einen guten Platz im Himmel zu

verdienen. Was sie später als Frau einmal angriff, das erstrebte sie

auch mit der ganzen Gewalt und Zähigkeit ihres Willens, und so wird sie

es auch im Kloster gehalten haben als Nonne. Zudem pflegen junge

Klosterleute, namentlich weibliche, die eifrigsten zu sein in der Uebung

der Pflichten, auch wenn sie nichts von Schwärmerei an sich haben.

Und was hatte nun die junge Nonne für hohe Werke und heilige Pflichten

zu thun?

Fast das gesamte Leben im Kloster füllten geistliche Uebungen aus, ihr

ganzes Tagewerk war Beten, Singen, Lesen, Hören erbaulicher Dinge, „da“,

wie es in einer Klosterregel heißt, „alle Klausur und geistliche Leute

erdacht und gemacht sind, daß sie unserm Herrn und Gott dienen und für

Tote und Lebende und alle Gebresthafte Bitten füllen“. Das waren nun

außer dem Messesingen und den privaten Gebeten noch besonders die

gemeinsamen 7 Gebetszeiten, die Horen: Matutin, Terz, Sext, Non am

Morgen, Vesper und Komplet am Abend mit Psalmen, Martyrologien,

Ordensregeln. Auch nächtliche Gottesdienste wurden begangen: Metten und

Vigilien. Und sogar während des Essens, wo Stillschweigen geboten war,

wurde vorgelesen aus einem Erbauungsbuch. Abwechselnd hatte Katharina

auch selbst diese Vorlesung zu halten und mußte dann nachspeisen[52].

Welchen Eindruck diese Vorschriften auf ein natürlich fühlendes und

religiöses Gemüt machen mußten, hören wir aus einem späteren Bericht:

„Da D. Martinus der Nonnen Statuten las, die gar kalt geschrieben und

gemacht waren, seufzte er sehr und sprach: „Das hat man müssen

hochhalten und hat dieweil Gottes Wort vermisset! Sehet nur, was für

eine Stockmeisterei und Marter der Gewissen im Papsttum gewest ist, da

man auf die horas canonicas und Menschensatzungen drang, wie Hugo

geschrieben, daß wer nur eine Silbe ausließe und nicht gar ausbetete,

müßte Rechenschaft dafür geben am jüngsten Gericht[53].“

Ob Katharina je ein Amt in dem Konvent bekleidet hat, wissen wir nicht;

jedenfalls konnte dies nur ein niederes, etwa das einer

„Siechenmeisterin“ sein. Wahrscheinlich aber war sie noch zu jung, als

daß bei so vielen Vorgängerinnen an sie die Reihe gekommen wäre[54].

Eigentliche _Arbeit_ gab es im Kloster nicht: die Nonnen durften ja

nicht aus der Klausur, und die Hausarbeit in Küche und Stube schafften

die Laienschwestern und Klostermägde. Freilich so ganz arbeitslos wie

bei manchen adeligen Mönchsorden, wovon der Volkswitz sagt:

Kleider aus und Kleider an

Ist alles, was die Deutschherrn than.

— so träge verfloß das Leben der Nonnen nicht. Konnten sie sich doch mit

weiblichen Handarbeiten abgeben wie Spinnen von dem Ertrag der großen

Schafherden für die wollene Bekleidung, namentlich aber mit Stickereien,

wie Altardecken, Meßgewänder, Teppiche, Fahnen u.s.w., in Nimbschen,

wohl auch in Pforta für die Kirche der dortigen Mönche und vielleicht

auch für den Bischof von Meißen, unter dem das Kloster stand[55]. So hat

jedenfalls auch Schwester Katharina manche kunstvolle Stickerei

verfertigt, wenn auch die mancherlei Handarbeiten, welche heutzutage da

und dort von Luthers Käthe gezeigt werden, wohl alle nicht echt sind.

Eine gewisse Unterhaltung gewährte noch die Besichtigung und

Instandhaltung der zahllosen Reliquienstücke, welche in der Nimbscher

Kirche aufgespeichert waren, und welche es galt zu schmücken und in

Ordnung zu halten. Es waren da an den 12 Altären in Kreuzen,

Monstranzen, Kapseln, Tafeln wohl vierhundert hl. Partikeln. So von

Christi Tisch, Kreuz und Krippe, Kleid und Blut und Schweißtuch, vom

Stein und Boden, wo Jesus über Jerusalem weinte, im Todesschweiß betete,

gegeißelt saß, gekreuzigt ward, gen Himmel fuhr; vom Haar, Hemd, Rock,

Grab der hl. Jungfrau; von den Aposteln allerlei Knochen, auch Blut

Pauli, vom Haupt und Kleid Johannes' des Täufers; von vielen Heiligen,

bekannten und unbekannten: den 11000 Jungfrauen, der hl. Elisabeth von

Thüringen, der hl. Genoveva, dem hl. Nonnosus, der hl. Libine Zähne,

Hände, Arme, Knochen, Schleier, Teppiche —, ferner Partikeln von der

Säule Christophs, vom Kreuz des Schächers u.a.[56].

Aber auch hier hatten die Seniorinnen, u.a. auch Magdalena von Bora, die

Obhut über die hl. Kapseln.

Vor allen diesen Reliquien wurden bestimmte Antiphonien gesungen, was

eine gewisse Abwechslung in dem täglichen Gottesdienst gab.

Eine Abwechslung in dem ewigen Einerlei brachten auch die vielen

Festtage, Bittgänge und Prozessionen im Kreuzgang und auf dem

Kirchhof[57].

Eine große Sache war die Visitation des Klosters durch den Abt von

Pforta — freilich auch eine kostspielige: der Abt mit seinen Begleitern

mußte abgeholt und wieder heimgebracht und unterwegs und im Kloster

verköstigt, auch herkömmlich mit Erkenntlichkeiten bedacht werden[58].

Bei der Visitation gab's eine Untersuchung aller Mißstände, ein Verhör

aller einzelnen Schwestern und schließlich einen oft scharfen Bescheid.

Es kamen auch an den hohen Festtagen und deren Oktaven Wallfahrer ins

Kloster, denn dieses hatte von verschiedenen Kirchenfürsten Ablässe,

wenn auch nur 40tägige, erlangt für Besucher und Wohlthäter des

Klosters, für Anhörung von Predigten und Kniebeugen beim Aveläuten[59].

Der Hauptablaß aber war an einem besondern Tag im Jahre, wahrscheinlich

an der Kirchweihe (23. August). Da war Messe und Jahrmarkt zu gunsten

des Klosters unter dem Namen „_Ablaß_“ (wie in Bayern „Dult“ = Indulgenz

= Ablaß). Zu diesem Tage kamen von weit und breit die Leute. Wenn so zu

Nimbschen jährlich „Ablaß“ war, mußten fronweise aus jedem Klosterdorf

drei Männer kommen und „zur Verhütung von Händeln, bei Tag und Nacht zu

besorgend, Wache halten“. Von all diesem Leben und Treiben freilich

sahen die Klosterfrauen so gut wie nichts, wenn sie auch von ihrer

Klausur aus den Lärm draußen hören konnten[60].

Allerdings nahm die Aebtissin, wenn sie einmal ausreiste, eine und die

andre Schwester mit; aber freilich an die jüngern Klosterfrauen kam das

wohl schwerlich. Da ging es nach Grimma, ins nahe Städchen, oder auch

ins ferne Torgau, die kurfürstliche Residenz an der Elbe, wo gerade das

großartige Schloß Hartenfels gebaut wurde. Dort hatte das Kloster

mancherlei Besitzungen an Aeckern und Wiesen und mußte mit eigenem

Geschirr Getreide holen, während die Stadt verschiedene Gebräude Bier

selbst bringen mußte. Mit diesen Fuhren wurde aber auch manches, was in

Torgau verkauft oder gekauft war, hin und zurück gebracht. Eingekauft

wurde vor allem bei dem Ratsherrn und Schöffer Leonhard Koppe, z.B.

Tonnen Heringe, Kiepen (Rückkörbe) voll Stockfische, Hechte, Fässer

Bier, Aexte. Namentlich geschahen solche Einkäufe zu Martini, wo „Meine

gnädige Frau“, die Aebtissin, mit einer würdigen Jungfrau die Zinsen

einnahm, in der Herberge auch einige Groschen „zu vertrinken“ gab und

bei Koppe einkaufte und die Rechnung persönlich bezahlte[61].

Das waren die besondern Ereignisse in dem steten Einerlei des Jahres. In

ihrer ganzen Klosterzeit erlebte Katharina von Bora auch nichts

besonderes Außerordentliches. Einzelne der Klosterfrauen gingen mit Tod

ab. Nachdem lange Katharina von Bora und Ave von Schönfeld die Jüngsten

im Kloster gewesen waren, kamen anno 1516 auf einmal 9 Kostkinder

herein: 3 Schellenberger, 2 Hawbitzen (Verwandte Katharinas von

mütterlicher Seite), 1 Lauschkin, 1 Keritzin (Kieritsch?), 1 Poßin, 1

Buttichin. Im folgenden Jahre traten drei Neulinge in den

Klosterverband, und ein Jahr darauf kamen wieder einige Kostkinder weg

und andere herein[62]. 1522 war ein Wechsel des Klostervorstehers

(Propstes), indem der alte, Johann Kretschmar, starb. Die Nonnen hielten

sehr zu ihrem Propst, während die Beichtväter verhaßt waren; denn diese,

„die 2 Herren an der Pforte“ betrugen sich anspruchsvoll und anmaßend,

mischten sich — wohl aus Langerweile — in Dinge, die sie nichts

angingen, wollten in die Verwaltung, also in den Geschäftskreis des

Propstes drein reden, hetzten die Nonnen wider einander auf, so daß gar

oft Klagen wider sie ergingen und der Konvent sogar die weltliche Gewalt

wider sie und gegen ihre Schützer, die Aebte von Pforta, anrufen

mußte[63]. Da gab es nun in diesen Jahren eine gar willkommene

Gelegenheit, den Mönchen ein Schnippchen zu schlagen. Zu Martini 1513

kam der Vorsteher vom Hospital des Heilig-Geist-Ordens aus dem fernen

Pforzheim im Schwabenland, Matthias Heuthlin, und bot den Nonnen ein

Privilegium an. Weil seine Anstalt nämlich nicht genug Einkünfte besaß,

hatte er sich vom Papst Julius II. die Gnade erwirkt, daß allen

Wohlthätern des Spitals die Wahl des Beichtvaters freigegeben wurde.

Also gab die Domina Aebtissin und ganze löbliche Sammlung des Klosters

eine Beisteuer und erhielten dafür einen gedruckten mit dem Namen

„Niimitsch“ ausgefüllten und vom Magister domus Hospitalis de Pfortzheim

ord S. Spirit. unterzeichneten Zettel, wonach das Kloster Nimbschen für

seine milde Gabe in die Bruderschaft des hl. Geistordens ausgenommen und

aller guten Werke und Ablässe derselben teilhaftig und ihm insbesondere

erlaubt wurde, sich von einem beliebigen weltlichen oder mönchischen

Beichtvater Absolution von Sünden, Uebertretungen und Verbrechen, sogar

solchen, welche dem apostolischen Stuhl vorbehalten waren, einmal im

Leben und im Todesfall, so oft es nötig erschien, erteilen zu lassen.

Dieses Privilegs machte sich das Kloster durch wiederholte Gaben in den

folgenden Jahren (1516, 1519, 1520) teilhaftig[64]. So war auch den

Nimbschener Nonnen eine von den zahllosen Hinterthüren geöffnet, durch

welche in der katholischen Kirche die geknechteten Seelen dem

geistlichen Zwang sich entziehen und auf Nebenwegen die Seligkeit

erlangen konnten.

Katharina erlebte auch im Kloster noch die Vorboten des Bauernkriegs.

Die Klosterdörfer hatten zwölferlei Fronden. Von diesen trotzten die

Bauern sich schon vorher vier ab, waren aber auch damit noch nicht

zufrieden, so daß der neue Propst sich nach Rat und Hilfe umsehen

mußte[65].

Das waren die kleinen und kleinlichen Eindrücke und Ereignisse, die in

das Leben der Nimbscher Jungfrauen und der Katharina von Bora

eingreifend, die glatte Oberfläche ihres beschaulichen Daseins leicht

kräuselten. Das waren die einförmigen Beschäftigungen, mit denen sie die

Zeit, die langen Tage, Wochen und Jahre mühsam hinwegtäuschten. Solche

einseitigen Interessen und Anschauungen beherrschten den Gesichtskreis

eines jugendlichen Geistes. Wie das Klosterleben die körperliche Kraft

eines jungen Menschenkindes zurückhielt, so mußte es auch die

aufstrebende Willenskraft erschlaffen. Die Klostermauern beengten nicht

nur das äußere Gesichtsfeld, sie machten auch das geistige Auge

kurzsichtig. Wenn auch die gähnende Langeweile demjenigen nicht zu

Bewußtsein kam, der von nichts anderem wußte, so mußte doch der Geist

nach Eindrücken lechzen, so daß das Sprichwort begreiflich wird, welches

den Klosterbewohnern die Sehnsucht nach Erlebnissen zuschreibt:

„Neugierig wie eine Nonne“. Und die ständige Aufgabe, „das Leben in

sich abzutöten“, konnte bei einer gesunden Natur erst recht die Frage

erwecken, was Leben sei. Wenn bei dem Mann im Kloster der Verstand sich

heißhungrig auf die Wissenschaft werfen konnte, so blieb die

eigentümliche Lebenskraft des Weibes, das Gemüt hier unbefriedigt[66].

Gewiß die allermeisten dieser adligen Fräulein hatten es äußerlich

angesehen im Kloster besser, behaglicher, luxuriöser als daheim im

beschränkten Haushalt der Eltern oder eines eigenen Gatten; und das

Ansehen, das eine gottgeweihte Jungfrau in den Augen des Volkes und

besonders der Kirche, und nicht zum wenigsten in dem eigenen Bewußtsein

hatte, war viel größer als dasjenige, das eine arme Edelfrau draußen in

der Welt finden konnte. Aber der ganze Zwang der Unnatur und die

Künstlichkeit all dieser Verhältnisse mußte, wenn auch ohne klares

Bewußtsein, auf einen wahrhaften und gesunden Geist drücken.

Nur das eine Gefühl konnte die Nonne über alle Zweifel, alle Entsagung,

alle Pein, alle Langeweile des Klosterlebens hin wegheben: das

Bewußtsein, ein gottwohlgefälliges Werk zu thun, sich ein besonderes

Verdienst vor Gott zu erwerben, sich die zeitliche Heiligkeit und die

ewige Seligkeit zu versichern. Aber wie dann, wenn diese Grundbedingung

alles Nonnentums, dieser Grundpfeiler alles Klosterlebens erschüttert

und untergraben wurde, ja sich selbst als morsch und faul erwies? Dann

mußte das ganze Gebäu zusammenstürzen, dann mußte eine gegen sich

aufrichtige und willensstarke Natur die Konsequenzen ziehen und ein

Leben verwerfen und verlassen, das als heiliger und seliger Beruf

erschienen war und bisher den ganzen Menschen erfüllt hatte.

Und dieser Fall trat bei Katharina ein. Aber freilich ihr verständiger,

nüchterner Sinn wird sie auch davor bewahrt haben, in krankhafter

Schwermut sich unglückselig zu beklagen oder sich hinauszusehnen in eine

verschlossene Welt.

Es mußte ihr erst die Möglichkeit sich öffnen, den Klostermauern zu

entrinnen, und das pflichtmäßige Recht, es zu dürfen; dann aber erwachte

auch ihre ganze Thatkraft und mit aller Macht des Willens und Verstandes

setzte sie auch durch, was erreichbar und recht war.

Katharina von Bora: Geschichtliches Lebensbild · 第 25 / 92 题