Ich gab streng auf das Spiel acht und hatte den brennenden Ehrgeiz, mich

gut zu halten. Ich verlor das erste Match, trat beim Wechseln an das

Netz, beglückwünschte Nina und küßte ihre Hand. Wolfgang sah mich ein

wenig befremdet an. Nina lächelte, war unendlich liebenswürdig, legte

einmal beim Gespräch ihre Hand auf meinen Arm und nannte mich Walter.

Ich war rasend vor Glück, machte ein hochmütiges Gesicht und verdoppelte

meine Anstrengungen.

Mir war, als ständen Nina und Wolfgang in abendrotem Dunst und

rosafarbenem Nebel. Jedermann von uns spielte mit streng geschlossenen

Lippen. Nichts unterbrach das Schweigen als nur das Aufschlagen des

Balles, das Summen des festgespannten Rackets und zeitweis ein kleiner

Ausruf der Überraschung oder des Ärgers. Niemand zählte laut, denn jeder

von uns wußte, wie wir standen. Frau Seyderhelm trat ans Gitter; wir

grüßten flüchtig und spielten weiter. Frau Seyderhelm sprach mit einem

Gärtner, deutete einmal mit der Hand auf ein Blumenbeet und wandte sich

über unsern Eifer lächelnd zum Gehen. Ich wurde gewahr, daß sich mein

Spiel von Minute zu Minute verbesserte. Im letzten entscheidenden Set

gewann ich alle sechs Spiele und war somit Sieger im Match. Nina sagte

uff und fächelte sich mit ihrem Tuch kühle Luft ins Antlitz. Als wir uns

die Hände schüttelten, sah sie mich wie zum erstenmal an. In ihren Augen

leuchtete mir etwas Verlockendes und Gefährliches entgegen.

»Sie spielen gut,« sagte Nina. »Reiten Sie?«

»Gewiß.«

»Wolfgang, wir werden morgen früh reiten.«

»O Nina, rede keinen Unsinn, das hast du schon zehnmal gesagt. Du stehst

ja doch nicht um sieben Uhr auf.«

»Doch, ich werde ganz bestimmt um sieben Uhr aufstehen.«

Sie sah mich wieder mit ihren lockenden Augen an, wobei sie die Lider

ein wenig zusammenzog. Mir war, als liebkosten mich die goldfarbenen

seidenen Wimpern.

»Was wird Herr Regnitz für ein Pferd reiten?«

O weh, sie sagte wieder Herr Regnitz!

»Willst du einen ruhigen Gaul, Walter?«

»Nein, im Gegenteil.«

»Gut, du sollst die Moissi haben. Eine Rappstute, weißt du. Du bekommst

den neuen Sattel, den mir Mama geschenkt hat.«

»Hören Sie zu, Walter, das ist eine unerhörte Gnade.«

O -- sie sagte wieder Walter!

Ich spürte in diesem Augenblick den einzigartigen Duft von Ninas

mädchenhaftem Körper. Ich sog ihn wissend und gekräftigt ein.

Der Teufel wird mir an diesem Abend wenig anhaben können. Ich habe mein

Match gewonnen und morgen reite ich Moissi.

* * * * *

Die Damen zogen sich bald nach dem Abendessen zurück.

Wolfgang und ich, wir saßen noch eine Weile auf der Terrasse, fühlten

eine angenehme Ermüdung in unsern Gliedern und tranken ein wenig _Black

and White_ mit sehr viel Sodawasser gemischt.

Wir sprachen nicht viel, sondern sahen zum reichbesternten Himmel empor

und beobachteten die Sternschnuppen. Der Diener setzte einen Eiskühler

neben den Tisch und verschwand.

»Nina reitet gut,« sagte Wolfgang. »Ich werde ihr mal morgen den >Sekt<

geben. Da kann sie was erleben.«

Und dann, nach einer Weile:

»Mama hat im vergangenen Jahr viel Sorge mit dem Stall gehabt. Weißt du,

der Rotz ... Na, jetzt ist es vorbei ...«

»So?«

»Ja, jetzt sind sie wieder alle gesund. Einer ging ein. Na, meinetwegen,

mir lag nichts an ihm. Ein Wallach.«

Ein Knecht schritt mit einer Laterne durch den Garten. Wir sahen dem

unruhigen Licht nach.

»Komisch,« sagte Wolfgang plötzlich, »wir kennen uns erst seit sechs

Tagen.«

»Ja.«

Eine Stille.

»Du bist immer so hochmütig. Hast du was?«

»Nein. Garnichts.«

Eine Stille.

»Du mußt in den Herbstferien herkommen und hier mit uns jagen.«

»Danke. Ja.«

Mir stieg ein Gedanke auf.

»Jagt Nina auch?«

»Ja, sie schießt sehr gut. Sie hat gar keine Angst.«

»Wie schön.«

Ich sah ein Bild vor mir: Nina mit dem unvergleichlichen Gang der

Kosakenmädchen durch den Wald schreitend, die Büchse in der Hand, mit

spähenden Augen und grausamen Lippen.

»Wie schön,« wiederholte ich.

Ein Stern glitt in mächtiger und graziöser Bewegung durch den

erleuchteten Raum.

»Hast du dir etwas gewünscht?« fragte Wolfgang.

»Ja.«

»Was denn?«

»Mehr Whisky.«

Wolfgang lachte und schenkte ein.

»Na, Mama wird morgen Augen machen über unsere Sauferei. Prost!«

»Prost!«

Wir schwiegen lange.

»Man muß das Leben mit gesunden Händen anfassen.«

Wolfgang sah mich unsicher an. Dann sagte er verlegen:

»Ja.«

Wir beobachteten zwei Fledermäuse.

»Was denkst du über die Frauen?« fragte ich.

»Über welche Frauen?«

»Ich meine ... fändest du etwas dabei, wenn Jungens wie wir ... ein

Verhältnis haben?«

»Nein ... ja, das heißt ... es kommt darauf an!«

Wolfgang lachte ein wenig hilflos.

Ich stand auf und bot ihm die Hand.

»Wir sollten recht lange Zeit Freunde bleiben,« sagte ich sehr herzlich.

Auch Wolfgang erhob sich. Er schüttelte meine Hand kräftig, und es lag

in dieser Bewegung etwas eigentümlich Ritterliches.

»Ja, das sollten wir wirklich,« erwiderte er in demselben Ton.

»Gute Nacht, Wolfgang.«

»Gute Nacht, Walter, -- und danke für alles.«

Ich ging in mein Zimmer.

11

Wir reiten zu dritt im abgekürzten Galopp -- von Hans Kietschmann

gefolgt -- über eine jüngst gemähte Wiese, deren Heu naß und ohne Duft

ist. Wir reiten Schulter an Schulter und achten streng darauf, daß die

Linie eingehalten wird. Jeder von uns beschäftigt sich schweigend mit

seinem Pferde, beobachtet den gebogenen Tierhals und übt auf jeden Druck

den Gegendruck der Schenkel aus.

Manchmal sehe ich zu Nina hin. Das feurige Haar lodert wie eine Flamme,

wie ein Triumph unter dem schwarzen Hut hervor; die weißen Kinderzähne

beißen auf die feuchte Unterlippe, die unbedeckten Hände erfassen die

Zügel des unruhigen Pferdes mit freudiger Kraft. Unausgesetzt richtet

Nina die verliebten Blicke auf den Kopf des Pferdes, das in großzügiger

Bewegung galoppiert. Ich sehe mit Vergnügen, daß der schlanke Körper mit

den säulenstarken hohen Beinen und der jugendlichen weichen Brust sich

entzückt der Bewegung des schnaubenden und wiehernden Tieres hingibt und

niemals die Verbindung mit ihm verliert.

Es geschieht einige Male, daß Sekt sich nahe an meine Stute drängt und

Ninas Fuß den meinen berührt.

Hatte ich nicht die ganze Nacht von der einen Minute geträumt, in der

Nina ihren Fuß auf meine Hand setzen würde, um das Pferd zu besteigen?

Und war ich nicht, als sie es wirklich getan, verwirrt und mit pochendem

Herzen davongestürzt?

Sekts Gangart wird von Augenblick zu Augenblicke länger. Der Schimmel

und seine Herrin freuen sich des wie unbegrenzten Raumes, der

morgendlichen Luft und der würzigen Gerüche des Feldes.

Ich sehe unsicher zu Wolfgang hin, der immerfort mit tiefer Stimme auf

den Schimmel einspricht:

»Ruhe! -- Sekt! -- Ruhe! -- Ohlala -- Ohlala!«

Meine Moissi geht leichtfüßig mit. Wolfgangs nicht so belebtem Fuchs

wird es schwer, die Linie einzuhalten.

»Ruhe, Fräulein Nina!« sage auch ich jetzt. »Bitte abgekürzter Galopp!«

Aber Nina hört nichts. Sie sieht verzückt, mit nassem, erregtem Munde

und blinkenden Augen auf den Schimmel und beißt mit den weißen Zähnen

auf die Lippe.

»Gib auf die Sporen acht!«

In diesem Augenblick tut Sekt, den irgend etwas erschreckt hat, einen

kleinen Sprung, Nina kommt mit den Sporen an die Weichen, der Schimmel

wirft den Kopf mit einer schmerzlichen Gebärde in die Höhe und geht

durch.

Moissi folgt sofort. Wolfgang und Hans Kietschmann bleiben zurück.

* * * * *

»So, Fräulein Nina ... jetzt Ruhe, nur Ruhe!«

Die Pferde rasen über das Feld. Die Morgensonne erhebt sich

gelbstrahlend über einem Hügel und blendet uns.

»Rechte Kandare ziehen! ... Sekt, Ruhe!«

Nina richtet das Tier mit allen Kräften nach rechts.

Wenn ihr nur nichts geschieht! ... Nein, sie ist ruhig. Es geschieht ihr

nichts.

»Mehr rechts, immer mehr rechts! ... Fort vom Stall! ...«

Sieh da, sie ist zufrieden, sie ist hingegeben dieser einzigartigen

Geschwindigkeit, dieser goldenen Flucht durch den Morgendunst.

»Noch mehr rechts! ... Bravo, Fräulein Nina! Noch mehr!«

Wir beschreiben mit unserem Ritt eine Kurve.

»Reitpeitsche fortwerfen!«

Nina läßt die Peitsche fallen.

Ich bekomme über meine Stute Gewalt, meine Knie und Schenkel sind

unausgesetzt an den Sattel gepreßt. Ich drücke den Rappen an Nina heran.

»Noch einmal nach rechts ... sehr gut! ... Noch einmal! ... Ah, er läßt

nach ...«

Ich beuge mich vor und greife in Ninas Zügel. Der Schimmel erschrickt,

bäumt sich, -- ich packe den Halfter und der Schimmel steht.

Nina lacht, ein nervöses, schreiendes, jubelndes Lachen.

Ich steige von meinem Pferd, um Sekt liebkosend zu beruhigen. Ein

unerklärlicher Gram erfaßt mich, ich spreche kein Wort, sehe Nina nicht

an und bebe vor Schmerz und Zorn ...

Wolfgang erreichte uns endlich. Er lacht.

»Bravo Nina! -- Nichts geschehen?«

Nina schüttelt den Kopf.

»Ein schöner Unsinn, dieses Biest da mit Sporen reiten zu lassen!« sage

ich scharf und böse.

Wolfgang zieht ein beleidigtes Gesicht.

»Nehmen Sie die Sporen ab!« herrsche ich Nina an, ohne hinaufzusehen.

Wolfgang und Hans steigen von den Pferden.

»O -- Sie sind zornig, Walter!« ruft Nina.

Ich blicke auf. Ninas Augen lachen, aber sie ist blaß, sehr blaß, und

ihre Lippen zittern nervös.

»Nehmen Sie jetzt bitte die Sporen ab.«

Hans befreit Nina von den Sporen und reitet zurück, um auf der Wiese die

Reitpeitsche zu suchen. Ich stecke die Sporen in meine Tasche.

Wir reiten im Schritt weiter und erreichen ein belichtetes Gehölz.

Unsere Tiere sind ermüdet und zufrieden. Sie gehen in großen Schritten

durch den Wald und spähen an den stolzen Fichtenstämmen stolz vorbei.

Wir sind schweigsam und schlecht gelaunt.

Mit einem Male streckt Nina die Hand nach mir hin. Da ich nicht in ihrer

Nähe bin, fingert sie ungeduldig in der Luft herum. Ich nehme ihre Hand,

beuge mich tief nach unten und küsse sie lange.

Wie ich mich emporrichte, sehe ich, daß Nina mit lächelndem Antlitz und

feuchten goldenen Wimpern nach der andern Seite blickt. Wolfgang ist

blaß geworden und hält die Augen gesenkt. Hans reitet irgendwo

hinterher.

Wir erreichen, ohne ein Wort zu sprechen, nach einer Stunde den Gutshof.

Die Pferde sind naß und wollen ihr Futter. Ich grüße Nina mit dem Hut

und gehe ins Haus.

12

Wir fuhren am Abend mit einem leichten Jagdwagen ins Gebirge. Frau

Seyderhelm war im Schloß geblieben, da sie Besuch erwartete.

Wir saßen auf der Terrasse eines vornehmen und einsam am Fluß gelegenen

Hotels. Vor unseren Blicken zerflossen die kupferbraunen Abhänge und

goldenen Bergeshäupter, die ein unaufhörlich gleitendes Licht belebte.

Ich stand, noch ehe die Mahlzeit bereitet war, im Stalle bei den Pferden

und sorgte dafür, daß sie ihr Futter bekamen. Mein Kopf war benommen,

und meine Augen brannten. Den ganzen Tag in Ninas Kreise zu leben, den

Hauch ihrer Lippen zu spüren, im Wagen ihren Knieen nahe zu sein und

ihrem duftenden Haar, zu sehen, wie der Wind das helle, sich innig an

den Körper schmiegende Sommerkleid berührte, und mit verwirrten Sinnen

zu ahnen, vieles zu ahnen, -- ah, das alles war nicht ganz leicht zu

ertragen.

Ein Kellner meldete, das Essen sei angerichtet. Ich stieg die steinerne

Treppe der Terrasse langsam hinauf. Die unaufhörlich wechselnden Farben

des Abends quälten mich; ein drohendes Verhängnis war in dieser

Bewegung, eine Unruhe ohnegleichen, eine süße und unsäglich schmerzliche

Hast, eine Flucht und ein Jammer ohne Trost ...

Als ich oben angelangt war, sah ich, wie Nina ihre Hand auf Wolfgangs

Arm gelegt hatte. Sie schien ihn etwas zu fragen. Er beantwortete Ninas

Frage, und sein Gesicht bekam den überaus liebenswürdigen und

ritterlichen Zug, den ich an ihm liebte. Ein kindliches, verhaltenes

Schluchzen stieg in mir empor.

Ich setzte mich an den Tisch, Nina und Wolfgang sahen mich an.

»Na Lieber? Wie gehts?« fragte Wolfgang.

»Danke, die Pferde fressen.«

Nina lachte und blickte fort.

Ich wurde rot.

Nina sprach in näselndem Ton von Trüffeln.

»Sieh mal, Wolfgang, wie witzig, hier gibt es gefüllte Trüffel.

Raffiniert -- nicht?«

»Nina, du redest wie ein Kavallerieoffizier,« sagte Wolfgang, wandte mir

sein Gesicht schräg zu und fragte in seinem kindlichen Ton:

»Spricht sie nicht wie ein Gardekürassier?«

Wir aßen danach Forellen. Nina verstand es gut, das zarte rosige Fleisch

der Fische von den Gräten loszulösen. Die weißen, nun der Seele

beraubten Tieraugen starrten ausdruckslos zu uns herauf. Nur um die

Mäuler lag ein böser Zug, der von Todespein und letztem Kampf erzählte.

Um die Zeit der späten Dämmerung trat ein Hirsch aus dem Wald des

gegenüberliegenden Berges hervor, äugte mit einer kühnen Gebärde des

Kopfes nach dem Hotel hin und trank aus dem Fluß.

Der Geruch von Bergwasser und nassem Sand stieg zu uns empor. Allmählich

entfaltete der dunkelnde Himmel die Schönheit der beginnenden Nacht vor

unsern Augen. Die stolzen Gestirne wurden sichtbar; vor ihrer

urweltlichen Starrheit wichen die wechselnden Farben des Abends besiegt

zurück. Das Gebirge ward im funkelnden Schein groß und ehern.

Wir standen nach beendetem Mahle auf und gingen über die hölzerne Brücke

des Flusses dem andern Ufer zu. Die Nacht gab mir mitleidsvoll von ihrer

Kühle und besänftigte mich wunderbar. Nina schien mir schöner denn je,

aber ihre Schönheit war meinen Sinnen und meinem undeutlichen Verlangen

entfernt. Sie ging mit ihrem weißen Sommerkleid wie durchsichtig durch

die Nacht dahin. Auf ihren Schultern lag ein bläuliches Orenburger Tuch.

Ihr Haar war unbedeckt und bewegte sich ein wenig im Nachtwind.

Ein leises, sehnsüchtiges Tönen rief uns in den Wald. War es eine Flöte

oder eines Mundes Klage? Wir folgten neugierig der oft entschwindenden

und dann wieder genäherten Musik.

Vor einem Bretterverschlag, dem Sammelplatz der Tiere, machten wir Halt.

Wir sahen die Gestalt eines Mannes zwischen sternhellen Bäumen

einhergehen, wir sahen ihn in seine Schürze greifen und -- einem Sämann

gleich -- Eicheln und Kastanien mit einer weiten Bewegung seines Armes

über den Waldboden streuen. Dazu pfiff er eine Melodie, eine kleine,

sentimentale, unbeholfene und doch unendlich rührende, süße, zärtlich

lockende Melodie. Nach einer Weile schien es, als bewege sich der Wald.

Unhörbar, aber mit großzügigen Bewegungen und bei jedem Schritt ein

wenig mit den Häuptern nickend, kamen wie aus einem dunkel gewebten

Teppich Hirsche und Rehe aus der Nacht hervor, beugten sich zu Boden und

näherten sich langsam dem lockenden Freund der Tiere. Allmählich

entfernte sich der Mann, umdrängt von seinen zärtlichen Geschöpfen,

ferner und ferner klang die Musik seines Mundes und löste sich endlich

auf im Rauschen des Waldes.

* * * * *

Wolfgang eilte voraus, um mit Hans die Pferde anzuschirren. Es zeigten

sich Wolken am Himmel.

Ich ging mit Nina langsam den jäh erleuchteten Waldweg entlang. Nina

hatte wieder ihren Schnupfen und führte das kleine Tuch oftmals an den

Mund.

»Walter.«

»Ja.«

»Wie alt sind Sie?«

»Siebenzehn Jahre.«

»Siebenzehn Jahre,« wiederholte Nina.

Eine Stille.

»Walter.«

»Nina?«

»Sie werden morgen fortreisen, -- nicht wahr?«

Und da sie mein Gesicht sah, hob sie beschwörend die bittenden Hände

empor und sagte in unvergleichlich rührendem Ton:

»Walter, -- Sie sind _siebenzehn_ Jahre!«

Ich hatte wieder solche Angst.

Ich werde mich töten, dachte ich.

Eine lange Stille.

»Sie werden reisen, Walter?«

»Ja.«

»Danke.«

Ich werde mich töten. Es wird noch diese Nacht geschehen.

* * * * *

Wir fuhren über Felder. Wolfgang kutschierte, wobei er manchmal einige

Worte mit Hans wechselte. Ich saß mit Nina in der Break. Nina sprach

viel und war nervös.

Es erhob sich ein Wind und trieb große, von den Sternen erhellte Wolken

über den Himmel. In der Ferne leuchteten Blitze.

Nina klagte über den Sturm, der ihr Kopfschmerzen verursachte, und bat,

man solle die Verschläge herunterlassen. Der Wagen hielt, die Pferde

stampften ängstlich auf dem undeutlichen Feldwege, und Hans spannte die

leinenen Gardinen auf.

Wir waren nun von den andern durch eine Wand getrennt und sahen die Welt

einzig durch die Öffnung über der Türe. Wir hörten von irgendwoher

kleine Bäche rauschen, den Wind im Korn und in entfernten Wäldern

blasen, und aufgescheuchte Enten, die schreiend nach irgend einem

wohlgeborgenen Teiche zogen.

»Sie frieren, Walter?«

»Nein. Danke.«

Nina hüllte sich fester in das weiche blaue Gewebe ihres Tuches.

Ein Blitz zuckte.

»Haben Sie den Hasen gesehen, Walter?«

»Ja.«

Wir fuhren über eine Brücke. Das Holz dröhnte.

»Sie haben noch einen Vater, Walter?«

»Ja.«

»Wo ist er?«

»In Skandinavien.«

»Allein?«

»Anny Döring ist bei ihm.«

»Wie? -- Die Soubrette?«

»Ja.«

»Ach --!«

Nina blickte mich verwundert und ängstlich an.

Wie liebte sie in diesem Augenblick meinen Vater. O Nina, Nina!

Ich sah lange Zeit hinaus und träumte. Ich fühlte, daß mich Nina

unausgesetzt betrachtete. Später vergaß ich es.

Eine Hand lag auf der Decke. Es war Ninas Hand.

»Darf ich sie küssen?« fragte ich.

Nina lachte mit einem hellen Ton. Es klang, als fiele ein kleiner

silberner Hammer schnell auf Metall.

Ich küßte die Hand und dachte dabei an den Förster, der durch den Wald

ging und Eicheln über die Erde streute. Ich küßte keine lebendige Haut,

sondern Wildleder, dänisches Wildleder. Ich küßte dieses Leder noch

einige Male und ließ die Hand dann fahren. Ich empfand kein besonderes

Vergnügen dabei und wunderte mich. Wahrscheinlich träumte ich dies alles

nur, sonst wäre ich doch wohl anders gewesen. Ich hätte vielleicht

geschrieen ...?

Es begann langsam zu regnen. Ich streckte die Hand hinaus. Große warme

Tropfen fielen hernieder.

»Wir werden morgen nicht Tennis spielen können,« sagte ich schläfrig.

»Ja,« erwiderte Nina verwundert.

Ach so, ich reise ja morgen fort, dachte ich. Wie ungeschickt!

Ich träumte fort, sah Steine, Wolken und Bäume vorbeieilen; oben sprach

Wolfgang irgend etwas, was ich nicht verstand, und der Donner wurde

stärker, immer stärker.

Nein, ich werde morgen nicht fortreisen. Ich werde mich heute Abend

töten.

Schafe standen zusammengedrängt und fürchteten sich ... Sieh da, Schafe

... »Und es waren Hirten in derselbigen Gegend auf dem Felde bei den

Hürden, die hüteten des Nachts ihrer Herde. Und siehe, des Herrn Engel

trat zu ihnen, und die Klarheit des Herren leuchtete um sie; und sie

fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch

nicht, siehe, ich verkündige euch große Freude ...« wie schön, -- siehe,

ich verkünde euch große Freude! Mir war mit einem Male, als sei mein

Körper durchströmt von gutem warmem Blut. Es war ja alles gar nicht so

schlimm! Denn ich verkünde euch große Freude ...

Da -- was war das? Eine bebende Hand griff nach meiner. Mein Traum

zerriß -- --

»Nina!«

Ich schrie.

»Sei still, um Gottes willen ...«

»Hallo, was gibt's?« fragte Wolfgang.

»Nichts. Ninas Haar im Wind ...«

Ich riß Nina an mich, überflutete ihr Antlitz mit Küssen, umarmte ihre

Kniee und biß in ihre Lippen und Hände ...

»Laß ... Laß ... Du bist verrückt.«

Sie stöhnte.

Ich flehte unverhüllt mit meinen fiebernden Lippen auf ihren Lippen, auf

ihren Händen, ihrem Haar, ihren Augen und ihrer jungen, jungen Brust ...

O unerhörtes Glück des Aneinanderschmiegens, der verschlungenen Finger,

der wirren, in die dunkle Luft hineingesprochenen Reden!

Und dann dieses wunderbare, einzigartige Ermatten, diese tränenreiche,

gütige Müdigkeit, ... dieses bekümmerte Suchen der Hände, ... und

endlich diese Ruhe, diese tiefe, tiefe Ruhe! ...

Wie wir einst so glücklich waren!

* * * * *

Um Mitternacht stürmten die gepeitschten nassen Pferde mit rasselndem

Wagen in den Schloßhof. Frau Seyderhelm empfing uns in der Türe. Sie war

ein wenig müde, aber freundlich und besorgt.

13

Ich stellte mich an das Fenster meines Zimmers und sah hinaus. Blitze

spalteten Eichen und Kiefern, und über Wälder und weite Ebenen rollten

ihre Donner. Aus den Ställen brüllten und wieherten geängstigte Tiere,

und Malatesta saß mit glühenden Augen in seiner Hütte vor meinem Fenster

und heulte.

Auch dies ging vorbei. Ein stetig und kühl strömender Regen spendete

uns, den Fiebernden, Genesung. Gerüche von niegeahnter Kraft erfüllten

die Luft, und die Tiere in den Ställen begannen ihren Schlaf. Zwei Uhr

schlug die Glocke, aber der trübe Morgen war noch fern.

Ich setzte mich an den Tisch. Ich wollte etwas Unerhörtes schreiben,

aber ach, -- es wurden nur diese einfachen Zeilen:

Ist es denn möglich, daß wir diese Nacht

In einem Wagen über Felder fuhren?

Hab' ich geträumt? Ich sah doch einen Wald!

Eilten nicht Steine, Wolken, Bäume, Sterne

An uns vorbei, und hast du später nicht

-- So hab' ich _doch_ geträumt, -- und hast du nicht

Mir abgewandten Blicks die Hand gereicht?

... Und küßte ich sie nicht?

Ich habe nicht geträumt. Wir fuhren nachts

In einem Wagen über weite Felder,

Es eilten stille Wolken, Bäume, Sterne

An uns vorbei ... Du gabst mir deine Hand ...

... Ich küßte sie ... So hab' ich _doch_ geträumt?

Ich packte meinen Ranzen, nahm das Blatt, stieg zu Ninas Zimmer hinauf,

öffnete die erste ihrer beiden Türen und legte mein Gedicht auf ihre

Diele. Dann schlich ich mich hinunter.

Ich trat auf den Hof, streichelte Malatesta und dachte: Frau Seyderhelm

und Wolfgang ... ach, Frau Seyderhelm und Wolfgang!

Ich wanderte die Straße hinab, bis sich im Osten der bewölkte Tag

ankündete. Auf einem Hügel blieb ich stehen und sah die verlassene

bleiche Landschaft unter mir. Eine Starenkette flog durch die gereinigte

Luft des Morgenrots.

Da schlug ich mit der Stirn auf einen Baum und stürzte nieder.

Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München

Karl Borromäus Heinrich

Karl Asenkofer

Geschichte einer Jugend

Zweites Tausend

Geheftet 3 Mark 50 Pf., geb. 5 Mark

Süddeutsche Monatshefte, München: Wenn ich aber sagen sollte,

welches erzählende Buch des letzten Jahres den stärksten und

nachhaltigsten Eindruck auf mich gemacht hat, so müßte ich

Karl Asenkofer von Karl Borromäus Heinrich nennen. Das ist

mehr als Litteratur: jede Zeile ist erlebt, und was noch

wichtiger, jedes Erlebnis ist behutsam aufbewahrt! noch hängt

der ganze Flügelstaub an den leichten Schwingen. Ein Buch

von packender Ehrlichkeit, die nichts hinzu tut, und so

niemals den Eindruck des Beabsichtigten, Arrangierten

aufkommen läßt. Die letzten Gymnasial-, die ersten

Universitätsjahre sind kaum je so unmittelbar und überzeugend

wahrhaftig dargestellt worden. Als Heldin steht von der ersten

bis zur letzten Seite eine der ergreifendsten Muttergestalten

da. Dies Buch ist so ausgezeichnet, daß man vor der

Fortsetzung ganz Angst hat. Man möchte den Verfasser inständig

bitten, mit dem zweiten Teile zu warten, bis er sich dem

ersten an die Seite stellen kann: ja nicht zu früh, ja nicht

zu viel über seine augenblicklichen Erlebnisse zu berichten,

sondern in Gelassenheit und Demut geduldig zu warten, bis zum

ersten meisterlichen Bande ein zweiter von selber in Stille

und Sturm reif geworden ist. An dem Tag aber wollen wir uns

mit ihm freuen, denn an dem Tag ist unsere Litteratur um ein

bleibendes Werk reicher: um ein solches, das eine Generation

weiter gibt an die andere.

Albert Langen, Verlag für Litteratur und Kunst, München

Korfiz Holm

Thomas Kerkhoven

Roman

Vierte Auflage

Flexibel geb. 5 Mark, steif geb. 6 Mark

»The Times«, London: »Thomas Kerkhoven« belongs almost to the

rank of classics like »Tom Jones« or »David Copperfield« or

»Pendennis«.

Rudolf Herzog in den »Neuesten Nachrichten«, Berlin: Sicher

ist, daß dieses Werk den besten Büchern beizuzählen ist, die

in den letzten Jahren erschienen sind.

Wilhelm Hegeler im »Litterarischen Echo«, Berlin: Auf jeder

Seite ist das Buch voll sprühender Lebendigkeit, von müheloser

Anschaulichkeit, amüsant und glänzend von Anfang bis zu Ende.

»Münchener Neueste Nachrichten«: Es wird seinen Weg machen;

denn es ist wert, den besten Dichtungen unserer Zeit an die

Seite gestellt zu werden.

»Berner Bund«: Ganz »verflixt gut geschrieben« ist es, mit

einer geradezu bewunderungswürdigen Sicherheit in der Technik.

Druck von Hesse & Becker in Leipzig

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert.

Wie wir einst so glücklich waren! · 第 3 / 3 段