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Wie wir einst
so glücklich waren!
Von Willy Speyer erschien bei Bruno
Cassirer, Berlin 1907:
Ödipus, Roman
Wie wir einst
so glücklich waren!
Novelle
von
Willy Speyer
Albert Langen
Verlag für Litteratur und Kunst
München
1
Auf meinem Lande ist es Herbst geworden. Ungefähr um drei Uhr morgens
beginnt ein kalter Regen nieder zu gehen, der erst um fünf Uhr
nachmittags aufhört. Zur Vesperzeit kommt plötzlich und kampflos die
Sonne hervor; ein leichtes Blau webt mit einem Male in den herbstlichen
Bäumen, deren genäßte Blätter von der Sonne farbenreich durchleuchtet
werden. Am Spätabend ziehen über die feuchte Erde Nebel dahin, die des
Nachts die verblassenden, leise rauschenden Wälder umfangen. Auf diesen
Nebeln ruht zuweilen Mond- und Sternenlicht; goldene und silberne Wolken
fließen unaufhörlich durch das Dunkel dahin, bis es zu einem nassen und
schleichenden Morgen tagt.
Es ist seltsam zu sagen: Ich ziehe den Regen meinen anmutigen
Herbstabenden vor. Während des ganzen Tages bleiben meine Fenster fest
geschlossen, und ich finde ein Vergnügen darin, stundenlang im Zimmer
auf und ab zu gehen, mit der Papierschere zu spielen, meine und meines
Vaters Tagebücher zu lesen und immer wieder in hundertfachen Pausen dem
Regen, dem grausamen, dem gänzlich hoffnungslosen zuzusehen. Keine
Stimme redet zu mir aus dem strömenden Wasser, wie es bisweilen den
Dichtern geschieht, und belustigt mich durch ihre Geschichten, --
vielleicht durch kleine rührende Märchen, die meine Brust mit süßen
Hoffnungen erfüllen könnten und dann ganz trostlos endigen, ... o nein,
was mich unwiderstehlich zu dem erbarmungslosen Freunde dieser Tage
hinzieht, ist nichts anderes als die nackte, von jeder Kunst entblößte
Trauer und ihr schwermütiges Gefolge.
Es gibt Tage, wo der Regen auch vor der Vesperstunde nicht Halt macht,
sondern in die finstere Nacht hineinrauscht und nimmer ruhen mag. Dann
kommt die Zeit meiner tiefsten Ängste, und es erfassen mich Gefühle, die
ich längst vergessen wähnte: Meine vollkommene, durch keine Gunst des
Schicksals je gestörte Vereinsamung, meine frevelhafte, durch keinen
leuchtenden Gedanken je geweihte Eigenmächtigkeit und meine tödliche,
tödliche Sehnsucht.
* * * * *
Es ist wahr, ich bin grenzenlos einsam. Daß ich dies erst jetzt fühle,
bereitet mir eine gewisse Genugtuung, zumal wenn ich daran denke, daß es
Menschen gibt, die Tag für Tag an ihrer Einsamkeit leiden.
Aber nun, hier auf meinem Landsitz, ist es eingetreten, daß ich in den
Regen schaue, eine ganze Weile, geruhig, mit einer leichten Traurigkeit
im Herzen, und dann plötzlich der Gedanke mich zu Boden schmettert, daß
es auf der ganzen Welt keine einzige Seele gibt, die mir am Tage oder in
der dunklen Nacht je vertraut wäre.
O, ich weiß, daß viele Menschen ebenso wie ich zu sprechen pflegen, --
aber bedenken diese auch, daß sie noch von der Kindheit her eine alte,
gebrechliche Haushälterin besitzen, die sie rührend eifrig bedient und
mit mürrischer Zärtlichkeit an ihnen hängt, oder einen Hund, einen
kranken vielleicht, der mit guten, getrübten Augen zu ihnen emporsieht?
Aber ich, ich kann nicht einmal solche Geschöpfe, die Geschöpfe des
unteren Daseins, mein Eigen nennen. Meine Haushälterin versieht ihren
Dienst mit gleichgültiger Sorgfalt, und die Hunde des Gutes lieben
meinen Inspektor, nicht mich.
Ich habe freilich mit vielen Männern Handschlag und freundlichen Blick
gewechselt, habe Umarmungen und Küsse mit manchen Frauen getauscht und
bin in vieler Herren Dienst gestanden, -- was blieb mir von alledem? Das
Herz des Söldners, seine ruchlose Einsamkeit und seine undeutliche
Erinnerung. Denn meinem Geist sind alle Geschehnisse zerronnen, wie der
Regen zerrinnt auf den Schieferdächern meiner Scheunen.
* * * * *
Ich stehe ein wenig abseits vom Sinn und Gefüge der Natur, das sei
zugestanden, auch trage ich eine spöttische Unbekümmertheit um ihren
Gang zur Schau. Ich befinde mich außerhalb der Kreise, die von der Natur
um die Dinge dieser Welt, um Menschen, Tiere, Blumen, ja, um die starre
Öde des Gesteins gezogen ward und -- ich will es nur aussprechen -- ich
befinde mich dort nicht allzu wohl. Ich fühle mich ausgeschlossen von
der mütterlichen Güte der Natur, die selbst dann meine tiefste Sehnsucht
erweckt, wenn sie den andern nur grausam und sinnlos erscheint. Ich zöge
es vor, als ihr niedrigster Knecht in Ketten zu schmachten, als, ach --
so frei zu sein, wie ich bin ...
* * * * *
Ich gehe an meine Bibliothek und nehme die römischen Elegien heraus. In
dem Kupferstich auf der ersten Seite finde ich die Worte: »Wie wir einst
so glücklich waren.«
Ich lese es und habe Tränen in meinen Augen.
»Wie wir einst so glücklich waren,
Müssen's nun durch Euch erfahren.«
Es war auf einem deutschen Rittergut im Sommer, in einem Sommer voll
gesegneter Tage; das Getreide stand hoch, vortreffliches Heu lag auf den
Wiesen; der Himmel war am Morgen blau, mit einer glasigen Mondsichel
über den Scheunen, und nachts leuchteten viel Sterne wie aus einem
dunkeln, reichen und kostbaren Stoff. Ich liebte dort alle Menschen und
ich betete mit einer jungglühenden Leidenschaft eine gewisse Dame an, --
vielleicht war es ein Taugenichts von einer Dame. O, ich habe dies alles
nie vergessen, ich entsinne mich sehr gut. Ich will diese Geschichte
aufschreiben und sie dann einem Mädchen vorlesen, das irgendwo in der
Welt lebt, einem schlanken Mädchen etwa von blondem Haar und weißen,
milden Händen, und dieser Gedanke hat etwas unendlich Beruhigendes für
mich. Ich erinnere mich dabei an gewisse Abendspaziergänge über die
sanften Felder eines deutschen Rittergutes, an gewisse zärtliche und
gütige Nächte und an die verworrenen Laute eines Fuhrmannes, der in der
Dunkelheit den Hof erreichte und seine Pferde beim Schein der Laterne
aus der Deichsel führte.
2
Ich schauderte, als ich zum ersten Mal mit einem Wagen durch die Straßen
dieser Stadt fuhr, in der ich die zwei letzten Jahre meiner Schulzeit
verbringen sollte. Von den häßlichen, kalkig-weißen oder gelben
Mietshäusern, die mit dem läppischen Stuck einer nur auf die
Nützlichkeit gerichteten Baukunst verziert waren, wandte sich der
gekränkte Blick zu modischen Villen, die mitten in Arbeitervierteln
durch ihren Prunk aufgeblasen, durch ihre ärmliche Umgebung
unschicklich, ja frech erscheinen mußten. Ein verachteter, oftmals
bespöttelter Fluß, das Zerrbild eines Flusses, führte sein dünnes,
unruhiges und stets getrübtes Wasser durch das Weichbild der Stadt. In
den lichtlosen Gassen aber duckten sich zuweilen jahrhundertalte
ängstliche Giebelhäuser, die einer seelenvollen und klaräugigen
Vergangenheit entstammten.
Der Knabe hatte seine erste Jugend auf einer Landschule zugebracht und
war dort von erfahrenen Männern zusammen mit einer Schar unermüdlicher
und redlicher Jungen erzogen worden. Nun stand er, einem begründeten
Wunsche seines Vaters folgend, allein in dieser Stadt, ohne daß ihn
irgend ein freundliches Gefühl an ihre Menschen gebunden hätte, dazu von
einer auf dem Lande erlernten und geübten Sittlichkeit beschwert, die
den Verkehr mit den leichtgesinnten Bewohnern der Städte verbot. So
verschloß er sich nicht ohne einen gewissen Starrsinn den Freuden der
Geselligkeit, gedachte mit Trauer der vergangenen Zeit und fand ein
großes Gefallen daran, den alten Freunden in langen Briefen seine
augenblickliche Lage mit den trostlosesten Worten zu schildern. Seine
Stimmung ward durch den Umstand nicht verbessert, daß der Vater ihm
Geldmittel von bedeutender Höhe zur Verfügung stellte, die weder dem
Alter noch dem Verdienst des Sohnes ziemten.
Er verachtete mit zusammengepreßten Lippen und immer strengen Zügen die
Lehrer und Schulkameraden des Gymnasiums und sprach mit keinem von ihnen
mehr, als die Stunde verlangte. Ihre unerzogenen Körper und die
schlechte Artung ihrer Seelen erschreckten ihn auf das heftigste und
stießen ihn ab. Er, nur er allein war edlen, bis zu den Sternen
erhobenen Geistes und nur er besaß die Schönheit schnellbewegter
Glieder. Wer von ihnen erfaßte mit so reger Seele die donnernden
Strophen engländischer Königsdramen, die knabenhaften und verwegenen
Reden eines jungen Prinzen vor der Versammlung von Lancasterschen
Herzögen oder den aufrührerischen Hohn der französischen Herolde? Wer
ward beseligt durch das tönende Gold der achäischen Panzer, durch den
silbernen Hufschlag der streitenden, leichtberittenen Götter und durch
das blaue, blaue Griechenland?
Wie sehnte sich der bislang an Freiheit gewöhnte Knabe nach den
Nachmittagen, die ihm durch keinen Zwang verfinstert waren! Ich denke
besonders an gewisse regnerische Nachmittage des Herbstes. In einen
trotzigen, der Kleidersitte widersprechenden Überwurf gehüllt, eine
phantastische Mütze tief in das Gesicht gezogen, mit hohen schweren
Stiefeln bekleidet, verließ er seine Wohnung und wanderte zum Stadttor
hinaus. Bald gelangte er an den armseligen, im Regen blinden Fluß, an
dessen Ufer er durch Weidengebüsch und dürftige Birkenwäldchen geradeaus
schritt, um endlich die ersehnten Felder, die trüben, häßlichen und doch
geliebten zu erreichen. Peitschte ihm der Sturm das Wasser in das
emporgerichtete Antlitz, dann fühlte er, wie das heiß ersehnte und
angebetete Leben seiner einsamen Brust günstig genähert war. Er warf die
Kleider von sich, breitete den schützenden Mantel über sie und badete im
kalten Fluß, während der Himmel seine frischen Regenstrahlen
herniedersandte; vor Frost zitternd schwang er sich vielleicht auf einen
Baum, um von dort in einer großartigeren als der gewöhnlichen Stellung
Cassius in den verhängten Himmel zu heulen:
Und so umgürtet, Casca, wie ich bin,
Hab ich die Brust dem Donnerkeil entblößt,
um endlich mit geschundenem Körper, blau und naß in die Kleider zu
steigen und gedrückt, traurig und fast ein wenig weinerlich über die
eigene Narrheit im dunkelnden Nachmittag seinem Hause zuzuwandeln. In
seinem Zimmer fand er dann bereits die Dämmerung vor, die vom
Laternenschein am Fenster in zerrissenen Stücken erhellt war. Während
vom unteren Stockwerk eine musikstudierende junge Dame ihre
gleichmäßigen und süßen Variationen und Fugen erklingen ließ, schickte
er sich an, den Tee zu bereiten und die Pfeife in Gang zu bringen. Von
wundervollen Gefühlen überschlichen ließ er sich in einen Sessel nieder,
eine angenehme Wärme durchströmte seinen Körper und seine Augenlider
wurden schwer von Träumen. Aber sein der Wirklichkeit ebenso
leidenschaftlich wie der Phantasie zugetaner Sinn richtete ihn bald aus
seinen Träumen empor. Er setzte sich an den Schreibtisch, schlug seine
Schulbücher auf und arbeitete, ohne seinen Gedanken eine Ablenkung zu
gestatten, ernst und streng bis zum Abend.
3
Die letzte Unterrichtsstunde vor den großen Ferien war beendet.
Plötzlich, ja scheinbar ganz ohne Zusammenhang begann man ungeheuer laut
und angeregt zu reden, man lachte, sah einander in die Augen, schüttelte
sich die Hände, und ein jeder wünschte dem andern in weitschallenden und
überaus herzlichen Zurufen einen fröhlichen Sommer.
Ich stand wie immer abseits. Mir ward bei all dieser Freude, die wie ein
heller Strom an mir vorbeifloß, ein wenig bedenklich zumute.
Ich nahm zerstreut meinen Strohhut vom Kleiderriegel und betrachtete mit
Interesse meine Stiefelspitzen.
>Jawohl,< dachte ich, >ich kann mir gut heute Nachmittag ein Paar neue
Schuhe kaufen. Morgen reise ich ja fort. Wohin eigentlich? In meine
Heimat? Zu meinem Vater? Er kreuzt mit seiner Jacht auf den nordischen
Gewässern in Begleitung der schönen Anny Döring, und er hatte in seinem
letzten Brief die Einladung für mich wohl vergessen, ... eigentlich
hatte er einen ausgezeichneten Brief geschrieben, einen höflichen,
zurückhaltenden und etwas frivolen Brief, und beigefügt war eine
Bankanweisung von erstaunlicher Höhe. Jawohl, so war mein Vater.
Übrigens war er ein vortrefflicher Herr.<
Ich schickte mich an, den leeren Schulkorridor zu verlassen, als ein
blonder, vornehm gekleideter Knabe auf mich zutrat.
Da er mein abweisendes Gesicht bemerkte, blieb er zögernd stehen und
senkte die Augen. Darauf glitt ein Lächeln von großer Anmut über sein
Antlitz, gleich als sei er über die eigene Schüchternheit belustigt.
»Meine Mutter und ich, wir würden uns sehr freuen, ... das heißt, wenn
du Lust hast ...«
Eine Stille.
»Ich verstehe nicht, -- wie?«
Der Knabe schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und begann
sehr herzlich und sehr laut zu lachen.
»Zum Teufel, das war eine prachtvolle Einleitung!«
Er legte ungezwungen und weltmännisch seine Hand auf meinen Arm.
»Lieber Regnitz, man gibt heute nachmittag bei uns eine Gesellschaft. Es
wird vermutlich ganz witzig werden ... Jungens und Mädchen ...
Schokolade, Tanz und so ... Meine Mutter liebt das sehr, ... willst du
uns das Vergnügen machen?«
Ich sah den Jungen erstaunt an; er gefiel mir außerordentlich. Aber ich
hatte es mir bislang in solchem Maße zur Pflicht gemacht, die
Schulkameraden abweisend und hochmütig zu behandeln, daß ich auch jetzt
nicht vermochte, mein gewöhnliches Betragen mit einem freundlicheren zu
vertauschen.
»Du bist sehr liebenswürdig ... Entschuldige mich, ich habe deinen Namen
vergessen.«
»Ich heiße Wolfgang Seyderhelm.«
»Ich danke dir sehr für deine Einladung, Wolfgang Seyderhelm. Leider ist
es mir nicht möglich, sie anzunehmen, da ich heute bereits eingeladen
bin.«
Wolfgang Seyderhelm wurde etwas rot.
»Sehr schade,« sagte er.
Er steckte eine Hand in die Hosentasche und wies mit der andern höflich
auf die Schultreppe:
»Wir haben denselben Weg.«
Wir gingen die Stufen hinunter.
»Dein Bruder war Militärattaché in Athen, nicht wahr?« fragte Wolfgang.
»Meine Mutter glaubt, ihn dort kennen gelernt zu haben.«
»Jawohl, er war Militärattaché in Athen.«
Ich sah zur Seite.
»Was ist's mit ihm?« fragte Seyderhelm, der mich beobachtete.
»Er fiel in Südwest gegen die verdammten Schwarzen.«
»Oh.«
Vor dem Schulgebäude stand ein leichtgefügter eleganter Wagen mit zwei
lebhaften Apfelschimmeln. Eine junge Dame saß darin; sie trug einen
silbergrauen Schleier, der den weichen großen Hut an den Seiten
niederbog und auf der Brust zu einem Knoten verschlungen war. Ihre
schmalen Hände waren mit dänischem Leder bekleidet, und ihre von den
Wimpern tief beschatteten Augen sahen etwas mokant zu Wolfgang hin.
»Ah, der Wagen!« sagte Wolfgang Seyderhelm, der zögernd stehen blieb.
»Ah, deine Schwester!« sagte ich beklommen.
»Nein, nicht meine Schwester.«
»Nicht deine Schwester?«
»Eine junge Dame unserer Bekanntschaft. Adieu, Walter Regnitz.«
Wolfgang Seyderhelm grüßte. Ich dankte nicht, sondern sah auf den Wagen.
Der Kutscher legte die Hand an den Hut, Wolfgang sprach lächelnd einige
Worte, warf seine Schulmappe auf den Bock und stieg ein. Die Schimmel
zogen an und das Gefährt bog im Augenblicke um die Ecke ...
Ich eilte in den heftigsten Gedanken nach Haus.
4
An diesem Nachmittag ging ich nicht spazieren. Ich schritt unruhig in
meinem Zimmer auf und ab. Ich hatte weder Lust zu arbeiten noch zu
lesen. Immer wieder kam mir Wolfgang Seyderhelms Einladung in den Sinn.
Und mit einem Male trat aus der Wirrnis widerstreitender Gefühle ein
leuchtender Gedanke hervor: Die Sehnsucht nach Gesprächen, nach
scherzhafter Rede und Gegenrede, nach Tanz und Schokolade und nach einer
gewissen jungen Dame mit einem silbergrauen Schleier und mokanten, von
den langen Wimpern tief beschatteten Augen.
Ohne Zögern kleidete ich mich um, lief zum Schuldiener und ließ mir
Wolfgang Seyderhelms Adresse sagen. Bald fand ich mich abseits der Stadt
vor einer großen, mitten in einem Park gelegenen Villa. Ich schellte,
ward vom Diener ohne Verwunderung empfangen, durcheilte einige
hellerleuchtete Gemächer und stand endlich im Eßzimmer.
Eine stattliche Anzahl von Knaben und Mädchen, unter ihnen einige
Erwachsene, saßen an drei runden Tischen, vollführten den heitersten
Lärm, und tranken mit großem Appetit Schokolade, wozu sie ungeheuer viel
Kuchen aßen. Ich blieb befangen stehen und suchte Wolfgang Seyderhelm.
Die Herrschaften verstummten allmählich, man begann mich zu bemerken. Da
sah ich am Ende des letzten Tisches Wolfgang sich erheben, der mich
verwundert anstarrte. Von einem andern Tisch her rief eine Dame:
»Nun, Wolfgang, willst du nicht deinen Gast begrüßen?«
Über Wolfgang Seyderhelms Gesicht glitt ein Zug von unendlicher
Liebenswürdigkeit und fast frauenhafter Güte. Schnell kam er auf mich
zu:
»Wie lieb, daß du kommst!«
Ich erwiderte kein Wort, drückte aber stürmisch und begeistert seine
Hand. Er faßte mich am Arm und führte mich zu der Dame, die ihm vorhin
zugerufen hatte. Glücklicherweise begann man an den Tischen sich wieder
zu unterhalten.
»Dies hier ist mein Schulkamerad Walter Regnitz.«
Die Mutter, eine noch junge Frau von schlankem Wuchs, heiteren
italienischen Augen und hoher reiner Stirne begrüßte mich lebhaft.
»Es freut mich sehr, daß Sie gekommen sind. Wolfgang hat mir viel von
Ihnen erzählt.«
Wolfgang errötete.
»Ich denke, Herr Regnitz, Sie setzen sich neben mich. Hier ist noch ein
Stuhl frei.«
Ich saß und fühlte meinen Sinn ein wenig umnebelt.
»Sind Sie verwandt mit einem Herrn Regnitz, der vor zwei Jahren in Athen
Attaché war?«
»Das war mein Bruder, gnädige Frau.«
»Nicht möglich! ... Ihr Bruder ...!«
Und sie sprach von meinem Bruder, den sie in Athen vor zwei Jahren
kennen gelernt hatte.
»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« klang eine singende
Stimme neben mir, während ich mich mit Frau Seyderhelm über meinen
Bruder unterhielt, der in Athen vor zwei Jahren Attaché gewesen war. Ich
wandte mich nicht um und konnte nicht erkennen, woher diese Stimme kam
und ob sie mir galt. Ich sah viele Gesichter, darunter das von Wolfgang
Seyderhelm, dessen Blick sich stets abwandte, sobald er den meinen traf.
Ich empfand es sehr wohltuend, daß ich mich vorhin beim Eintreten nicht
allzu ungeschickt benommen hatte und nun in ungezwungenem Tone mit
Wolfgangs Mutter redete.
»Wo ist Ihr Herr Bruder jetzt?«
»Er ist im Kampf gegen die Neger gefallen.«
»Oh wie traurig! Als Offizier?«
»Jawohl, als Offizier.«
»Eigentümlich, wie Sie sich Schokolade eingießen!« sang irgendwo eine
Stimme.
»Und Sie sind hier in unsere Stadt gekommen, um das Abiturium zu
machen?«
»Jawohl, ich war jahrelang auf dem Lande, nun will ich hier das
Abiturium machen.«
»Wolfgang erzählt, Sie seien sehr fleißig.«
»Ich will mit der Schule schnell zu Ende kommen.«
»So --?«
Frau Seyderhelm wandte den Kopf nach einer anderen Richtung, da sie von
dort gerufen wurde. Nun konnte auch ich mich umsehen.
Neben mir saß eine junge Dame, die auf ihrem hellblauen Kleid
Schokoladenflecke mit der Serviette abrieb. Diese junge Dame hatte
golden schimmernde, von den Wimpern tiefbeschattete Augen,
kastanienbraunes Haar, einen spöttisch verzogenen Mund und lange schmale
Finger, die auf irgendeine Art an die Kälte des Winters erinnerten, an
Elfenbein und an die Heiligtümer indischer Völker.
5
Ich schwieg beklommen, seufzte tief auf und gewann endlich den Mut zu
fragen: »Habe ich Ihr Kleid ...? Das heißt, bin ich daran schuld, daß
Sie ...?«
Die junge Dame antwortete nicht, sondern reinigte emsig mit einer
kleinen Serviette, die sie in warmes Wasser getaucht hatte, ihr
hellblaues Kleid.
»Ich meinte nur ...« sagte ich ratlos.
Da hob die junge Dame den Kopf in die Höhe, sah mir in die Augen, wobei
sie sich ein wenig zur Seite neigte, und begann eine Tonreihe von
silberhellem Klang zu lachen mit listigen, schmalen Augen, mit offenem
Munde und vielen weißen Zähnen.
»Nein, _zu_ dumm! Sie haben eine Art, sich Schokolade einzugießen! Sehen
Sie, man macht es nicht so --«
Sie nahm eine Porzellankanne und ließ den Strahl von solcher Höhe in die
Tasse fallen, daß alles um sie herum erschrocken und lachend zurückwich.
»-- sondern so.«
Sie verkleinerte den Strahl und ließ ihn manierlich fließen.
Ich ward einem Sturm des Gelächters preisgegeben. Ein geistlicher Herr,
der an einem andern Tisch seinen Platz gefunden hatte, beugte sich mit
fröhlichem Augenblinzeln zur Seite und begann so herzlich zu lachen, daß
er sein Taschentuch hervorziehen mußte. Einige Backfische kicherten und
flüsterten, ein paar Jungens brüllten. Ja, die junge Dame mir zur Seite
schien ein Tausendsassa zu sein, die eine ganze Gesellschaft mit ihren
Späßen zu erheitern vermochte.
Ehe ich noch etwas erwidern konnte, wurden die Stühle mit großem Lärm
gerückt und man erhob sich. Die junge Dame tat mit der Hand noch schnell
eine sonderbare Geste, die ich mir nur so deuten konnte: »Ein dummer
Junge, nicht wahr?« Darauf hatte sie plötzlich, als sie von ihrem Stuhl
aufstand, ernste und unbewegliche Züge. Die strengen Linien ihrer
goldfarbenen Augenbrauen und Wimpern, der kunstvolle geschlossene Aufbau
ihres kastanienbraunen Haares beherrschten mit einem Male das Antlitz.
Die herabhängenden Arme waren eng an das Kleid gehalten und die Hände
lagen wie erstarrt in den Falten.
Wolfgang Seyderhelm trat auf mich zu und bot mir sehr herzlich die Hand.
Ich bemerkte, daß er enganliegende graue Hosen trug, Lackstiefel, ein
Jackett, ähnlich wie es die englischen Midshipmen zu tragen pflegen, und
einen umgebogenen Kragen, der seinen braunen Hals freiließ. Er schien
stolz und glücklich zu sein und hatte das Aussehen und Betragen eines
jungen Engländers und Weltmannes.
»Hast du dich mit deiner Tischnachbarin unterhalten?« fragte er.
»Du meinst, mit deiner Mutter?«
»Nein, ich meine mit dieser jungen Dame dort.«
Er zeigte in den Salon.
»Kaum. -- Wie heißt sie?«
»Nina.«
Ich mußte plötzlich an die Schneeberge und Weintrauben Kaukasiens
denken, an die reine Stirne und den unvergleichlichen Gang der
Kosakenmädchen.
»Was ist's mit ihr?« fragte ich.
»Sie ist Schauspielerin am Stadttheater. Eine Protegé meiner Mutter.«
»Wie alt?«
»Achtzehn.«
Ich sah, daß man im Speisezimmer die Stühle an die Wand schob und den
Teppich aufrollte. Ich blickte zerstreut an den Gobelins hinauf, deren
streitende Helden sich in übermenschlichen Triumphen und Schmerzen
gegenüberstanden. Wolfgang sprach noch, aber ich verstand nicht, was er
eigentlich sagte. So, so ... so ... sie hieß Nina, ... welch ein süßer
Gleichklang in ihrem Namen, ... welch ein Duft von ihrem Haar, ... ich
begann Kopfschmerzen zu bekommen, ... wie zärtlich Wolfgang zu ihr
hinblickte ...
»Du liebst sie ja!« sagte ich laut und wußte nicht, ob ich wirklich
gesprochen hatte.
Wolfgangs Antlitz sah plötzlich aus wie überströmt von Blut.
»Was sagst du?«
Frau Seyderhelm stand neben uns und unterhielt sich mit dem geistlichen
Herrn. Frau Seyderhelm stand sehr gerade da, sprach achtungsvoll, mit
verbindlich zur Seite geneigtem Haupt, gebrauchte sehr oft die Anrede:
Herr Pastor und hatte zu gleicher Zeit ein etwas mitleidiges Lächeln um
den Mund, da der geistliche Herr verlegen war und nicht ganz
ungezwungene Bewegungen zeigte.
»Und morgen gehen Sie auf ihr Rittergut, meine liebe gnädige Frau?«
fragte der geistliche Herr.
»Ja, stellen Sie sich vor, Herr Pastor, -- dieser Trubel! Alle Koffer
sind schon gepackt ... es ist ja immer wie ein Umzug! ... Aber Wolfgang
tut das Landleben so wohl ...!«
Frau Seyderhelm strich mit der Hand über ihr schwarzes Haar.
»Nina geht diesmal auch mit,« sagte sie, lächelte dem Pastor sehr
liebenswürdig zu und schritt ins Nebenzimmer.
»Wie schön von dir, daß du mich eingeladen hast,« sagte ich zu Wolfgang,
wurde ganz heiß vor Begeisterung und ging weg.
Eine Dame mit einem ungeheuren Hut betrat den Empfangsraum, ruderte
durch die Luft auf Frau Seyderhelm zu, erfüllte das Gemach mit ihren
Begrüßungen, ihren schnellen Handbewegungen, ihrer Rührung über die
frohe Schar, legte die Arme auf Frau Seyderhelms Schultern, küßte ihr
jede Wange und sagte oftmals: »Meine liebe Lina.« Sie wurde von den
Jungen mit ehrfürchtigen und ungeschickten Verbeugungen gegrüßt, von
Wolfgang empfing sie einen Handkuß und von zwei Mädchen, vermutlich
ihren Töchtern, sehr rasche und oberflächliche Umarmungen.
Ein junger Herr, ein Student, wie man annehmen durfte, ging quer durch
den Raum, trug mit steifem Arm die Öffnung seines Zylinderhutes nach
Außen in der mit braunem Glacé bekleideten Hand, erschreckte jedermann
durch seine ruckartigen Verbeugungen, saß kurze Zeit darauf von einer
lauten Gesellschaft umgeben an einem Tisch und versuchte sich in einem
Kunststück mit zwei Gläsern, einer Teetasse und einem silbernen Löffel.
* * * * *
Eine Dame in einem schwarzen, bis an den Hals geschlossenen Kleide, die
blaß und hübsch war und hungrige graue Augen hatte, wahrscheinlich die
Gesellschaftsdame irgend eines der jungen Mädchen, ließ sich am Flügel
nieder und begann einen Walzer zu spielen. Die Mädchen bekamen rote
Köpfe und setzten sich ziemlich nervös auf die Stühle an der Wand. Die
Knaben standen in den Türrahmen, ordneten ihre Krawatten, ihre
Schuhbänder, ihre Frisuren und bemühten sich sorglos auszusehen.
Irgendeiner von ihnen, ein kecker Bursche, der den Teufel nach Rotwerden
und Schüchternsein fragte, forderte als erster eines der Mädchen auf.
Andere folgten. Wolfgang trat von irgendwoher auf Nina zu, lächelte,
ohne sich zu verbeugen, und zog sie mit sich fort. Die Jungen tanzten
mit vielen Sprüngen und Witzen, schlugen die Beine nach hinten aus, so
daß man ihre Stiefelsohlen zu sehen bekam, und hielten ihre Tänzerinnen
mit steifen Armen, da sie die Berührung des Fleisches fürchteten. Die
Mädchen bewegten sich ruhiger und hatten versonnene Augen und ein
süßliches Lächeln auf den Lippen. Wolfgang und Nina sahen jugendlich und
glücklich aus; sie schienen schon oft miteinander getanzt zu haben, und
waren ihrer Bewegungen sicher. Nina neigte ihr Haupt ein wenig zu Boden,
was ihrem schlanken, hochgestellten Körper etwas Verträumtes und
zugleich Preziöses gab.
Es war recht heiß. Ich fühlte mich elend und doch glücklich und trank
sehr viel Limonade. Frau Seyderhelm stand mit einem Male vor mir, wie
stets sehr gerade und beinah mädchenhaft schlank, die edlen Hände über
der Gürtelschnalle gekreuzt, mit heiteren Augen und reiner Stirn. Sie
nannte mich oftmals »mein lieber Herr Regnitz« und blickte, da ich
verwirrte Antworten gab, mütterlich lächelnd über die froh sich
bewegenden Kinder hin.
Der Student tanzte jetzt mit Nina, nannte sie »mein gnädigstes Fräulein«
und benahm sich in jeder Beziehung wie ein Student, der zu einer
Backfischgesellschaft geladen ist und dort mit der einzigen erwachsenen
jungen Dame tanzt. Sein Zylinder stand irgendwo in der Ecke auf einem
Stuhl und schwankte grinsend hin und her.
Der geistliche Herr erzählte der Dame mit dem großen Hut, daß Ihre
Hoheit Prinzessin Clementine am vorigen Sonntag in der Kirche sehr blaß
ausgesehen habe und augenscheinlich an Kopfschmerzen leide; welche
Bemerkung seine Dame mit einem kurzen, nervösen Gähnen, einem verlegenen
Hinunterschlucken und einem ehrfurchtsvollen »Gewiß, Herr Pastor«
erwiderte.
Irgendein Mädchen, ein braves Kind mit dickem lustigen Gesicht und roten
Händen forderte mich auf, mit ihr zu tanzen; ich lehnte mit strenger
Stirne und finsteren Blicken ab. Sie schüttelte den Kopf, lachte leis,
so daß sich ihre Nase in viele Falten zog, sagte: »Nein, so etwas!« und
verschwand mit einem andern, wobei sie den Hals ihres Tänzers mit den
Armen umschloß und die guten dicken Finger auf seinem Nacken faltete.
Wolfgang bat die Dame mit dem großen Hut und den exzentrischen
Bewegungen um einen Tanz. Die Dame sträubte sich ein wenig, sprach sehr
viel von ihrem Alter und vom Muttersein in die leere Luft und sagte
endlich zu. Man klatschte im Takt zu ihrem Tanze und bereitete sich
alsdann zur Quadrille vor.
Ich begann mich mit irgend jemandem über unsere Lehrer zu unterhalten;
ich war witzig, der Bengel lachte und verbeugte sich darauf vor mir.
Wolfgang trat auf mich zu.
»Du tanzt nicht?«
»Nein. Danke.«
»Nie?«
»O doch.«
»Magst du heute nicht?«
»Nein. Danke.«
Nina stand neben ihm.
Sie sah mich neugierig an.
»Sie tanzen nicht?«
»Nein, heute nicht.«
Ninas Augen waren stetig auf mich gerichtet. Ich betrachtete das
kastanienbraune Haar und bemerkte, daß es im Schein der kristallenen
Lustres leuchtete.
»Sie werden jetzt mit mir Quadrille tanzen. Warum stehen Sie immer an
der Wand? Das schickt sich doch nicht für einen jungen Herren von Ihren
Qualitäten!«
»Wollen Sie sich bitte nicht um mich bekümmern, wie?«
Wolfgang bekam große Augen.
»Aber Regnitz, bitte, was ist denn --?«
Nina lachte herzlich, zeigte ihre weißen Zähne, legte die elfenbeinerne
Hand auf Wolfgangs Arm und sagte:
»Du, der ist aber grob!«
Darauf wandte sie sich mir zu, machte ein hochmütiges Gesicht, senkte
die Lider, so daß es aussah, als ob sie schliefe, und sagte in einem
näselnden Ton:
»Also bitte, -- wollen Sie jetzt meinen Arm nehmen?«
Ich fühlte eine Schwäche in den Gliedern, während ich den rechten Arm
bog.
»O, das ist nett!« sagte Wolfgang mit seinem liebenswürdigen Lächeln.
»Wir werden in einem Karree tanzen.«
Wir gingen in den Saal.
Der Student stürzte auf Nina zu.
»Aber, gnädigstes Fräulein haben _mir_ ja ... das heißt, wenn Sie
vorziehen ...«
Er schwitzte und verbeugte sich. Ich bemerkte, daß er nach Mediziner im
zweiten Semester roch.
»Ach, Herr Doktor, ... ich hatte schon Herrn Regnitz vorher versprochen,
die Quadrille mit ihm zu tanzen. Verzeihen Sie.«
Wir gingen weiter. Der Student war von diesem Augenblick an in jeder
Beziehung erledigt. Er war fertig, hingerichtet, gleichsam mausetot ...
Die Dame am Klavier mit den hungrigen Augen spielte die Aufforderung zur
Quadrille. Das Karree bildete sich. Ich steckte eine Hand in die
Hosentasche und machte ein gleichgültiges Gesicht.
»Entschuldigen Sie,« sagte ich.
»Bitte?«
Nina begann sich mit dem Geistlichen zu unterhalten, der plötzlich neben
ihr stand. Sie schauspielerte Ehrfurcht und war sehr schüchtern. Ich
wurde rot. Sie wandte sich um:
»Was sagten Sie eben?«
»Vielleicht hören Sie zu, wenn ich mit Ihnen spreche!«
»Sie sind manierlos.«
»Ich bat um Entschuldigung wegen vorhin.«
»Sie können gleich um Entschuldigung bitten >wegen jetzt<.«
Ich schwieg. Mein Gott, warum war ich nur so ungezogen! Ein weinerliches
Etwas stieg in meine Nase empor.
Wolfgang trat uns gegenüber und sprach mit seiner Cousine, einem
schüchternen Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit. Er winkte uns mit
der Hand zu.
Die Quadrille begann.
Nina verbeugte sich tief vor ihrem Nachbarn, darauf vor mir. Ihre Lider
bedeckten wiederum die Augen, die langen Wimpern berührten die roten und
weißen Wangen, das feurige Haar warf seinen Duft zu mir, die
elfenbeinernen Hände lagen wie unbeseelt in den Falten des blitzenden
Kleides. Sie war im Augenblick, da sie sich neigte, ein Götterbild, das
in Betrachtung zum Buddha versunken ist, eine indische Statue aus
farbigem Stein ... Ich beugte mich noch tiefer, sah ihre blauen schmalen
Schuhe und dachte: Süße Nina, süße Nina.
Ich gab fleißig acht und tanzte gut. Ich tat keine überflüssige Geste
und bewegte mich ruhig. Von Zeit zu Zeit sagte Nina:
»_Visite à gauche!_« oder »Jetzt dort!« oder »Passen Sie auf, Sie können
nur grob sein!« Aber sie schien zufrieden.
»Es geht ja ganz gut,« bemerkte sie einmal.
»Gewiß,« erwiderte ich stolz.
Ich sah, daß Nina und Wolfgang sich beim _moulinet des dames_
zulächelten, sobald sie sich trafen. Wolfgang sprach viel zu uns hin und
unterhielt das ganze Karree. Er hatte das Aussehen eines vornehmen
Pagen, der bei Hof die Schleppe der Königin hält.
Mich überfluteten, sobald ich Nina die Hand reichen mußte, Ströme von
Zärtlichkeit und Anbetung. Ich beobachtete, daß ihr Fuß beim Auftreten
die Form nicht veränderte. Ich liebte sie, -- o mein Gott, _wie_ ich sie
liebte! Ich begann zu fiebern und wurde von Angst ergriffen. Ich dachte
daran, daß ich heute abend allein in meinem Zimmer sein würde. Irgend
etwas müßte bis dahin geschehen, irgend etwas, das mich mit einem
unerhörten Glück erfüllte, ein Blick von ihr, ein Wort, ein Kuß ...
»Sie sind unaufmerksam. Passen Sie auf -- _vis-à-vis_!«
Ich sah einem blonden Mädchen in die Augen, verbeugte mich und trat mit
Nina zurück.
»Was spielen Sie?«
»Wie?«
Wir wurden getrennt.
»Ich meine, was Sie im Theater spielen?«
Ich tanzte an drei jungen Mädchen vorbei, gab einer jeden die Hand und
verbeugte mich wieder vor Nina.
»Hebbels Clara.«
»Ah ...«
Ich kannte Hebbel.
Ich verbeugte mich vor Wolfgangs Tänzerin.
Dann stand ich wieder vor Nina.
»Kennen Sie Maria Magdalena?« fragte Nina.
»Ja.«
Ich ging mit den drei Herren _en avant_ und verneigte mich vor Nina.
»Sie sollten lieber Ihre Schulaufgaben machen.«
Ich begann zu lachen, wie verrückt zu lachen, zog das Tuch hervor, bekam
Tränen in die Augen, fand mich albern, mußte aus der Reihe treten und
störte den ganzen Tanz. Nina hob die Lider, und es war, als ginge der
Vorhang im Theater auf.
»Was haben Sie?«
Ich begann zu beben und zu frieren, meine Zähne schlugen aneinander, ich
hatte das Gefühl, daß ich totenblaß sei.
»Sie sind herrlich!« sagte ich.
Ich wußte nicht mehr, was ich sprach. Ich hatte Fieber, nichts als
Fieber, und Angst vor meinem einsamen Zimmer ...
Die Reihen ordneten sich wieder, man lachte, ärgerte sich und tanzte
weiter. Die letzten Takte spielte die Dame am Klavier in rasendem Tempo.
Man fand sich nicht mehr zurecht, und alles verwirrte sich. Ich lief
umher, fühlte Schauer in meinem Körper und hatte das Bedürfnis, etwas zu
zerbrechen. Der Quadrillenwalzer ertönte, man schloß sich in die Arme.
Ich verbeugte mich vor Nina, aber sie dankte.
Ich führte sie aus dem Saal hinaus. Darauf ward es dunkel vor meinen
Augen. Ich wurde schwindlig und hielt mich an einem Türpfosten. Mit
einem Male war ein Bild vor mir: die Mittagssonne über einer
teppichfarbenen Landschaft des mittleren Deutschlands, der Duft von Korn
und gemähten Wiesen, und blaue Berge in der Ferne.
Nina lachte, ein singendes, verstehendes, unendlich grausames und süßes
Lachen:
»Sie taumeln, Herr Regnitz! -- Ist Ihnen schlecht?«
»Nina, ich liebe Sie.«
Ich sah sie an, -- sie, dieses indische Götterbild mit den gesenkten,
zur Betrachtung geneigten Augen, mit der unvergleichlich bleichen und
edlen Stirne, mit den elfenbeinernen Händen und dem farbigen, wie von
Edelstein und Gold blitzendem Gewande, sah diese Lippen aufeinander
gepreßt, süß und streng, -- bereit, Worte zu sprechen, die den Gläubigen
vernichten oder aufheben:
»Sie sind verrückt.«
Sie ging fort, mit elastischem stolzem Schritt, wandte plötzlich den
Kopf um, zeigte mir ein entzückend frisches und amüsiertes
Mädchengesicht, lachte, lachte eine Reihe makelloser Töne, zog eine
kleine goldene Uhr aus dem Gürtel, ließ den Deckel aufspringen und
sagte:
»Es ist übrigens schnell gegangen. Sie sind um fünf Uhr gekommen; jetzt
ist es vier Minuten vor sechs.«
Aus der Ferne, aus einer Schar lärmender Menschen heraus hörte ich sie
noch einmal lachen ...
Wolfgang trat schnell auf mich zu.
»Ist dir etwas? Du siehst nicht wohl aus. Willst du den Wagen haben?«
Ich sah mich um und lächelte matt.
»Lieber, welch ein Gefühl!«
Ich gab ihm wie im Traum die Hand.
Plötzlich ermannte ich mich, stürmte hinaus, ohne Gruß, ohne Blick, riß
den Hut im Korridor vom Riegel und erreichte den Park. Ich lief wie
gejagt durch die Straßen und hielt mich endlich an einem Gitter fest.
Atemlos, die Brust erfüllt von einem qualvollen Glück, begann ich wie
ein Kind zu schluchzen, wie ein kleines, ungezogenes Kind.
6
Am nächsten Tage wachte ich um fünf Uhr morgens auf. Ich lief im Hemd
ans Fenster. Die Straßen waren leer, aber auf den Dächern lag warmes
Morgenlicht und in den Bäumen am Rande des Bürgersteiges zwitscherten
die Spatzen.
O mein Gott, welch ein Gedanke, ich hatte Ferien, ich hatte fünf Wochen
Ferien!
Ich eilte in das Badezimmer und öffnete dort die Brause. Da fiel mir
mitten im kalten Wasser etwas ein ... Was war denn gestern geschehen?
... War nicht gestern etwas Besonderes vorgefallen? ... Ich war auf
einer Gesellschaft gewesen ... bei Wolfgang Seyderhelm, ... dort befand
sich eine junge Dame ... mit goldfarbenen Augen und feurigem Haar ...
eine Art Gottheit ... ein Backfisch ... Wie hieß doch gleich diese Dame?
... Nun, wir wollen keine Komödie spielen, wir wissen sehr gut, wie
diese Dame hieß ... Nina, ... jawohl, Nina hieß sie, ... und dann war
ich aus der Gesellschaft weggelaufen ... und hatte mich blamiert, ... O
weh! o weh!
Verwirrt streckte ich die Arme nach dem Kelch der Brause aus, ließ mir
das Wasser ins Gesicht laufen und rief beglückt in das Geplätscher
hinein: Süße Nina, süße Nina.
Ich sprang in das Badetuch und zog mich an. Ich sah das Sonnenlicht sich
langsam über die Häuser senken. Hallo, war ich nicht jung? Meine Heimat,
-- ach, meine Heimat war überall da, wo es warme Landstraßen gab mit
schönem weißem Staub, Kirschbäume, schwere Kornfelder. Nina, -- ach,
Nina war irgend eine junge Dame, ein Spuk, ein Ding ohne Zusammenhang
mit meinem Leben ...
Ich nahm meinen Ranzen, stopfte Hemden, Strümpfe, die »Versuchung des
Pescara«, Taschentücher, zwei alte Brötchen hinein und lief die Treppe
hinunter.
Noch waren die Straßen leer. Hier und da zeigte sich ein verschlafen
aussehender Bäckergeselle mit listigem Gesicht, ein mürrischer Arbeiter
auf dem Rad, ein von der Nachtkälte durchfrorener Polizist, sonst
niemand. In den einsamen Gassen hörte ich nur den Klang meiner Schritte
und meines Stockes.
Bald hatte ich die letzten Häuser erreicht und sah meine Felder sich im
Sommermorgenlicht ausbreiten.
Ich ging mit leichtem Fuß und leichtem Herzen die Landstraße hinunter.
Es kamen Bauernwagen, die zum Markte in die Stadt fuhren, und neben den
Kutschern saßen eifrig bellende Hunde, es kamen ganz, ganz kleine
Mädchen, die sich an der Hand hielten und mit putziger Eilfertigkeit in
ihre Schule trabten; eine Bäuerin tauchte auf, trug einen Korb mit Eiern
auf dem Kopf und sah wie eine Bäuerin aus dem Bilderbuche aus; darauf
eine Horde Jungens, die alle ohne Ausnahme nackte Füße und geflickte
Hosen hatten, und endlich auch ein Mann mit einer Kuh und einem
Hündchen.
Schon war ich im ersten Dorf. Dort war bereits jedermann auf den Beinen.
Ein Fuhrmann kam mit der Peitsche in der Hand aus der Schenke, wischte
sich den Bart und kletterte mit vielen unverständlichen Worten auf den
Bock; ein schlanker Terrier lief bellend auf mich zu, -- als ich ihm ein
Stück meines Brots zeigte, sprang er an mir hoch; ein Kind lachte
irgendwo, und ich wanderte weiter.
Die Sonne stieg. Mir zur Seite erschienen Dörfer mit Kirchtürmen und
leuchtend weißen Grabsteinen und verschwanden hinter teppichweichen
Hügeln.
In einem schönen Kirchdorfe machte ich Halt. Ich ging zu einem Bäcker,
der am Laden eine eiserne Brezel hatte, und kaufte mir Brot und Kuchen.
»Wohin geht's, junger Herr?«
»Nach Fürstenau und immer weiter.«
»Und immer weiter -- das ist ein gutes Stück Wegs. Na, wenn man junge
Beine hat!«
Ich errötete, ich weiß nicht, warum, bezahlte, schüttelte ihm die Hand,
sprang an den Brunnen, trank mit Begierde das kräftigschmeckende Wasser
und marschierte weiter.
Es wurde heiß. Ich schlief einige Stunden im Schatten eines Baumes und
wanderte dann in den schönen Nachmittag hinein. Über das weite hügelige
Land glitten zeitweis tiefe und schnelle Wolkenschatten. Ein ganz
leichter Wind erhob sich und kühlte mich wunderbar. Mir war, als trügen
mich die Lüfte des Nachmittags über abwechselnd beglänzte und
beschattete Gefilde. Lag ich nicht auf einer weichen Wolke und trug mich
diese Wolke nicht in entferntere und schönere Gebiete?
Kurz nachdem die Sonne hinter einem Hügel entschwunden war und mit einem
Mal die des Sonnenantlitzes beraubte Landschaft wie in einem ungeheueren
Schrecken zu erbleichen, ja zu sterben schien, erblickte ich, der ich
auf einem Berge stand, zu meinen Füßen eine Stadt. Ein alter Turm ragte
in die starr-silberne Luft hinein, und seine Wächter schienen
silbergraue Vögel, die mit bösem, hastigem Flügelschlage ihn umkreisten.
Flache Hügel umgaben die Stadt, niedere Weinberge, die ein bescheidenes
Landgetränk erzeugten; mitten unter den Reben lag der umgitterte
Friedhof. Meinem Auge gegenüber wandte sich die Straße, die Stadt
verlassend, nach Westen, lief an den hellen Bergen entlang und durch
gläserne Wälder, stieg empor in den erblaßten Himmel und verlor sich in
der offenen Landschaft, andere Städte mit neuen Türmen und späterem
Lichte zu erreichen. Zwischen Kornfeldern und gleißenden Wiesen, die der
zweiten Mahd harrten, sah ich Erntewagen der Stadt zustreben. Eine
Glocke läutete, läutete unablässig, und es war, als sei diese Stadt,
diese Höhenzüge, diese silberne Spätnachmittagsluft wie überschwemmt von
schwellenden, sich auflösenden und wieder schwellenden Tönen.
Ein alter Mann stieg keuchend die Höhe zu mir herauf. Er trug einen
schwarzen, eng anliegenden Taillenrock und eine graue großkarrierte
Hose, die weit über die bestaubten Schuhe fiel. Er schien dem steilen
Weg gram zu sein.
Ich lüftete den Hut.
»Ist dies da Fürstenau?«
Der alte Mann trocknete sich mit einem roten Tuch, einer Art Fahne, die
Stirn.
»In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so ist es ganz bestimmt
Fürstenau.«
Er lächelte böse und ging weiter.
>Welch eine sonderbare Art sich auszudrücken!< dachte ich. >Spricht man
so in unserer Zeit? »In der Tat, Herr, wenn ich mich recht erinnere, so
ist es ganz bestimmt Fürstenau.« So spricht man in einem
Shakespeareschen Lustspiel!<
Ich eilte den Berg hinab und empfand dabei die Freude eines Wanderers,
der von der Höhe das Ziel seines Tages sieht.
Als ich durch das Tor in die Stadt trat, war mit einem Mal der silberne
Zauber wie zerbrochen, und Abendrot lag auf den Gassen. Hochbepackte
Erntewagen, in der golden durchleuchteten Fülle leise schwankend, fuhren
darüber hin und zeitweis bog einer von ihnen in den Hof ein. Auf den
Pferden saßen hübsche, nacktfüßige Bauernjungen, die mit den Peitschen
knallten, an den Häusern emporsahen und nachlässig zu den offenen
Fenstern hinaufnickten, zu den Mädchen ...
>War es vor tausend Jahren hier anders?< dachte ich. >Ernte und
Glockengeläut und Menschen? ... Die vor tausend Jahren waren, mich
trennt nur ein weniges von ihnen, nur die Zeit ... Ach, was ist Zeit!
... Ich will hier bleiben! ...<
* * * * *
Bald saß ich in einem Garten vor meinem Abendbrot und erfreute mich,
sobald ich den Blick hinwegwandte, an den rosigen Bergen und den tiefer
beleuchteten Gassen. Ein Mädchen mit braunen, zum Kranz geflochtenen
Strähnen schenkte mir den Wein ins Glas und lächelte dazu mit frischem
Munde ... Ein Gedanke kam mir ... fort damit ... Gespenster! ...
Ich stand alsbald auf, bestellte mir eine Kammer für die Nacht und ging
nachlässig, die Hände in den Hosentaschen, durch die Stadt. Ich wünschte
jedem Mädchen einen guten Abend, und begann mit einigen von ihnen
dadurch ein Gespräch, daß ich mich nach allerhand Dingen erkundigte, die
mir völlig gleichgültig waren, -- wo der Schmied wohne, ob die Heuernte
dieses Jahr gut gewesen sei. Ich war an diesem Abend ziemlich frech ...
Bei Anbruch der Nacht kehrte ich in mein Gasthaus zurück. Als ich die
Stiege hinaufschritt, die von einem Windlicht schwach erhellt war,
begegnete ich dem Mädchen mit dem Lächeln um die frischen, feuchten
Lippen. Ich gab ihr die Hand, bezahlte gleich, da ich früh am Morgen
aufbrechen wollte, und ging in mein Zimmer. Ich setzte mich auf den Rand
des Bettes und grübelte. Mit einem Male kam eine tiefe Traurigkeit über
mich, ich wußte nicht, woher. Ich trat ans Fensters. Da rauschte unter
mir der tiefe Mühlbach, und über mir spannte sich der Sommerhimmel voll
von Sternen. Noch hörte ich zwei Männer irgendwo miteinander sprechen,
noch hörte ich eine Tür im Haus und einen späten Wagen auf der Gasse,
dann ward es still um mich.
In dieser Stille breitete die Liebe ihre Flügel aus. Sie drückte mich an
ihre Brust. Ich taumelte und fühlte einen Schmerz wie nie zuvor.
* * * * *
Ich weiß nicht recht, wie alles gewesen war. Ich weiß nur, daß ich
plötzlich an Nina dachte, die ich den ganzen Tag vergessen hatte. Ich
sah sie vor mir, sah ihr Haar, ihre Augen, ihren Gang, ihre Hände, sah
sie tanzen, mit Wolfgang Seyderhelm tanzen, ... ich hatte Angst, ... das
Zimmer war so eng und heiß, ... tödliche Angst ... Ich nahm Stock, Hut
und Ranzen und stürzte hinaus in die dunkle Luft. Die Haustür war noch
offen. Ein Hund knurrte leise, aber ich entlief ihm schnell. Ich rannte
durch die Gassen, durch das Stadttor, die Straße entlang, dann einen
Seitenweg, durch Gebüsch, einen Hügel hinauf, ... ich keuchte sehr, ...
ich fiel zu Boden und blieb liegen.
... Ich war müde und gehetzt, ich war so müde! Ich fühlte meine Jugend
von mir gleiten und hatte qualvolle Träume. Ich weiß noch, daß ich
einmal im Halbschlaf emporfuhr: da lag unter mir die Stadt und das
dunkle Land, der Mühlbach leuchtete hier und dort im Mondlicht auf, ...
um meinen Hügel ging ein leichter Wind, ... ich sank zurück ... in Traum
und Schlummer. Aber schlummernd sah ich immer wieder das dunkle Land mit
der Stadt, die silbernen Stücke des Baches, ... Sterne, viel Sterne ...
und Nina ...
7
Ich bin noch einige Tage so gewandert, aber ich wurde nicht mehr
fröhlich. Ein Sonntag kam, ich sah die Bauern zur Kirche gehen, trat mit
ihnen ein und hörte die Predigt, ich sah die Burschen und Mädchen
hernach in ihren übermütigen Tänzen und empfand am Abend auf der Straße
die feierliche Stille des scheidenden Sonntages. Aber das alles freute
mich nicht. Der verworrene Geist war von der Liebesleidenschaft erfaßt
und kannte nur noch Trauer, Eifersucht, Haß und Träumerei. Ich wollte
nicht mehr an Nina und Wolfgang denken, ich wollte nie mehr an sie
denken. Ich sagte mir Gedichte auf, hielt als ein Prinz vor der
Versammlung von Fürsten eine verwegene Rede, dichtete eine Ode an den
Kaiser, -- aber selbst das erhabene Gewand der Majestät verwandelte sich
mir bald, ward ein blitzendes, hellblaues ... mit Schokoladenflecken ...
Am vierten Abend meiner Wanderung zog ich mutloser denn je meine Straße
entlang. Ich wollte an diesem Tage noch eine größere Stadt erreichen,
dort einige Zeit verweilen, um dann dem nahen Gebirge zuzueilen. Aber
irgend ein schöner Baum oder ein sehnsüchtig winkender Kirchturm hätte
genügt, mich von meinem Wege abzulenken. Wer in der Welt fragte danach,
ob ich einen Nachmittag unter schattigem Gesträuch verträumte und den
»Pescara« las oder irgendwo auf staubbedecktem Wege schritt?
Ich blieb vor einem Weiser stehen, der mir zur Seite in das offene Land
hindeutete. Da war geschrieben: Nach Strelow 3 km, nach Wiesenau 4,5 km.
Ich las die Worte gedankenlos. Irgend etwas lockte mich, von meiner
Straße abzubiegen. Was aber war es? Strelow? Ich hatte diesen Namen nie
gehört. Wiesenau? Ich hatte diesen Namen nie ... Wie? ... Eine
Erinnerung ... Wiesenau ... Wiesenau ... da war schon wieder alles
entwichen ... ich schüttelte den Kopf. Wohl zwanzigmal sprach ich nun
das Wort Wiesenau aus, in der Hoffnung, die Erinnerung möchte mich noch
einmal erleuchten. Doch jede Mühe war vergebens: es war ein totes Wort.
Schon war ich in die neue Landschaft eingebogen. Es hatte wohl die
Wochen vorher geregnet, denn überall standen kleine schwarze Teiche, aus
denen einzelne Bäume, Fichten und Birken, hervortauchten. Endlos
langgezogene violette Abendwolken spiegelten sich in diesen Teichen und
gaben ihnen von ihrer Farbe. Soweit mein Blick reichte, sah ich nichts
anderes als bunte, prächtige Wiesen mit großen Blumen und die schwarzen
und violetten Teiche, aus denen einsame Bäume hervorwuchsen. Krähen
flogen zuweilen schreiend darüber hin, um noch vor Nacht die fernen
Wälder zu erreichen.