Um halb zehn läutete es zur Hausandacht, welche Sir Arthur mechanisch

verlas; alle Gäste hatten sich schon vorher eingefunden, während man

sonst erst zwischen zehn und elf allmälig zum Frühstück nachgezügelt

erschien. In den Fenstervertiefungen standen kleine Gruppen mit

möglichst nichtssagenden Gesichtern und unterhielten sich leise. Beim

Frühstück erstrebte man einen denkbarst harmlosen Ton und besprach

auffallend eingehend das Wetter. Der Sturz des armen, guten Colonel

wurde lebhaft beklagt, wie auch die plötzliche Abberufung der lieben

Lady Ascard nach London, und Alle, ohne Ausnahme, brachten ihre

einleuchtenden Gründe hervor, weshalb es ihnen ganz besonders bequem

wäre, gerade heute Noxcombe Castle zu verlassen. Auch ich erwähnte

Freunde, die mich eigentlich jetzt bereits dringend erwarteten,

telegraphirte den Farringham's, ob sie mich empfangen würden und bleibe

hier in Richbourne, bis ich ihre Antwort erhalte; paßt mein Besuch

ihnen jetzt nicht, so reise ich weiter nach London.

Wenn ich aber noch viel länger schreibe, könnte ich am Ende in

sittenpredigende Gemeinplätze verfallen und höre besser auf.

Euer treuer

Udo.

XIV.

Richbourne.

Liebe Eltern!

Von den Farringham's erhielt ich ein liebenswürdiges Telegramm; sie

waren auf einige Tage verreist, kehren aber heute nach Harting Hall

zurück, wo ich denn Abends auch eintreffen werde.

Gestern war ich am Bahnhof, um nach einem verlornen Gepäckstück

zu forschen, und stieß unvermuthet auf Lord Caldoun, der in der

schlechtesten Laune den arg verspäteten Londoner Zug erwartete.

In Noxcombe Castle hatte er mir von Allen am besten gefallen;

leichtsinnig ist er zwar gehörig, doch läßt sich seine Vorliebe

für Theaterdamen und verheirathete Frauen vielleicht durch die

raffinirten Nachstellungen sämmtlicher Mütter und Töchter der Londoner

Gesellschaft entschuldigen. Mit Sir Arthur ist er nahe befreundet und

blieb nach dem Abzug aller übrigen Gäste zurück. Wir gingen einträchtig

auf und ab, schließlich fragte ich ihn ganz direct: „Sie wissen, daß

ich es gut mit den armen Ascard's meine; sagen Sie mir aufrichtig,

was wird nun daraus. Ist ein Duell denn gänzlich ausgeschlossen?“

Ueberrascht sah er mich an und antwortete nach einigen Secunden: „Ich

glaube es Ihnen sagen zu können. Nein, ein Duell ist rein undenkbar,

das kommt Niemandem in den Sinn; käme aber Jemand auf eine uns so

theatralisch erscheinende Idee, so würde die Gesellschaft ihn nicht

nur verdammen, sondern ins Lächerliche ziehen. Was ich aber befürchte,

ist eine Ehescheidungsklage, und das wäre haarsträubend. Um Gottes

Willen, was könnte man nicht Alles ans Licht ziehen! Ich, alle übrigen

Hausfreunde, die ganze Dienerschaft würden eidlich verhört werden; bis

an die Shetlandinseln, bis Melbourne, bis San Francisco würde sich

jeder Gassenjunge an den wortgetreuen, spaltenlangen Zeitungsberichten

erbauen! Sie kommen ja glücklicherweise keineswegs in Betracht,

überhaupt ahne ich nicht, woher Ihre Sachkenntniß stammt?“ Wohlweislich

hüllte ich mich in diplomatisches Schweigen, und zu tactvoll, um näher

zu fragen, erzählte er mir weiter: „Ich habe mein Möglichstes gethan,

um ihn zu einer gutwilligen Trennung zu bewegen, habe an beiderseitige

Verwandte telegraphirt und soll Lady Ascard morgen in London sprechen;

ein schlimmer Gang! Die arme, kleine Nelly, wie fidel war sie noch

gestern! Arthur Ascard würde natürlich die Kinder behalten, für die

Frau mit ihrem großen Vermögen bleibt dann immerhin noch Florenz oder

Homburg oder Monte Carlo. Der Fitzstuart wird in Noxcombe Castle noch

mindestens drei Wochen in Gips und Gewissensbissen liegen, und wenn

er auch selbstverständlich auf das Beste verpflegt wird, wäre ihm ein

Armenspital wahrscheinlich sympathischer.“ Dann trank Caldoun, vom

ungewohnt langen Sprechen ermüdet, einen ~Brandy and Soda~, kaufte sich

acht verschiedene Zeitungen, illustrirte Blätter und Wochenschriften,

um die dreistündige Reise nach London zu ertragen, schimpfte auf die

verrottete Eisenbahngesellschaft und bestieg dann mit herzlichem

Händedruck und der Einladung, nächstes Jahr mit ihm Elkhirsche in

Canada zu jagen, den Pullmancar des endlich angelangten Zuges.

Ich verlebte einen einsamen, tristen Abend im kleinen Gasthof -- so

schroff es klingen mag, eine englische Provinzialstadt ist factisch

noch um Mehreres langweiliger als anderswo. Allerdings entschädigten

mich heute einige Stunden in und um die wahrhaft einzig stimmungsvolle,

ehrwürdige Cathedrale, und meine Camera und meine Gedanken leisteten

mir Gesellschaft. Doch freue ich mich herzlichst, von hier

fortzukommen, freue mich auf heute Abend und den Familienkreis im

gemüthlichen Harting Hall. Von dort das Weitere; an alles Grüßbare

Grüße von

Eurem liebenden

Udo.

[Illustration: Klostergang in der Kathedrale]

XV.

Harting Hall.

Meine liebste, beste Armgard!

Jetzt wirst Du aber hohnlachen! Dieses einzige Mal hast Du nämlich

mit Deinen, im Uebrigen gänzlich unmotivirten Anspielungen das Rechte

getroffen. Es läßt sich nicht leugnen, daß ich mich für Agneta

Farringham interessire und sie zu heirathen wünsche. Meine vorigen,

diesbezüglichen Ausführungen halte ich zwar noch ebenso aufrecht,

sie ist ein zu verwöhntes Mädchen, die Verhältnisse sind allzu

verschieden -- aber -- trotzdem! Du weißt, wie ich Phrasengeklimper

verabscheue; jedoch habe ich die Agneta wirklich von Herzen gern, ich

bewundere ihre anziehende sympathische Erscheinung, ich bewundere

ihren festen, ehrlichen, vorurtheilslosen Charakter. Die Eltern haben

mich freundlich, ja herzlich empfangen, zum ersten Male zeigte Agneta

einige Befangenheit, und wenn Du mich nicht für zu eitel hältst,

dürfte ich hinzufügen, eine kleine Bewegung bei meiner Ankunft. Mr.

Farringham frühstückte auf der Durchreise im Club mit Hoyen und hat

sich zweifellos eingehend über meine äußeren Verhältnisse erkundigt. So

weiß er, daß ich, obwohl jetzt in bescheidener Lage, doch bestimmt auf

ein nach deutschen Begriffen großes, nach englischen Begriffen immerhin

genügendes Vermögen zu rechnen vermag. Agneta würde wohl vom Vater

eine angemessene Zulage bekommen, ist aber keine eigentliche „Partie“,

so daß man mich Gott sei Dank nicht zu den vom Ausland hergereisten

Erbinnenjägern zählen könnte, und aus gleich guter Familie sind wir ja

beide.

Heute Abend wäre es fast zur Erklärung gekommen, doch hatte man

unseliger Weise die Pastorsfamilie zu Tisch geladen. Während die braven

Töchter des Reverend vierhändig spielten, konnte ich den Augenblick

benutzen; ich stand neben Agneta in einer dunklen Ecke und bemerkte,

wie ihre Hände zitterten; aber die Mädchen spielten zu aggressiv, zu

haarsträubend schlecht und brachten mich gänzlich und complet aus der

Fassung!

[Illustration: Im Harting Hall Garten]

So stehen also vorläufig die Sachen, und nun, liebste Armgard, sei

recht nett gegen mich und mache bei den Eltern wie beim Onkel ganz

gehörig Stimmung, falls möglicher Weise eine Verlobungsnachricht

eintreffen sollte. Sie wird Dir ausnehmend gefallen, nämlich die

Schwägerin, gerade Du wirst besonders gut zu ihr passen. Ich umarme

Dich von Herzen.

Dein treuer

Udo.

XVI.

Harting Hall.

Liebste Armgard!

In fliegender Hast einige Worte, die Dich hoffentlich gleichzeitig mit

meinem Brief von heute Morgen erreichen. Bitte, betrachte letzteren

voreiligen Erguß als nie geschrieben, als nicht existirend -- es ist

ganz, ja gänzlich anders gekommen.

Kismet!

Dein philosophisch gefaßter, aber doch recht begossener

Udo.

XVII.

Harting Hall.

Du wirst wissen wollen, liebe Armgard, wie und warum es so kam.

Gestern früh war ich eingeladen worden, mit den Willoughby Greene's zu

frühstücken und einige Musterfarms zu besichtigen. Erst gegen fünf Uhr

konnte ich mich loseisen, verließ zu Anfang des Parks meinen kleinen

Selbstfahrer und ging etwas sentimental bewegt im Gefühl, daß „es“

heute zur Sprache kommen müsse, durch den Garten aufs Haus zu. Die

großen Saalthüren stehen offen, ich trete hinein: das Farringham'sche

Ehepaar sitzt gerührt auf dem Sopha, und Agneta lehnt sich verklärt an

die Schulter eines mir den Rücken zukehrenden Mannes! Eine peinliche

Stille entsteht, Agneta fährt zurück und wendet sich ab, das fremde

Individuum beugt sich über einige auf dem Tisch stehende Photographien,

Mr. Farringham bekommt einen heftigen Hustenanfall, er verschwindet

mit würdeloser Eile, nur die Hausfrau faßt sich, kommt mir ruhig

und freundlich entgegen und stellt mir Mr. Ranleigh Barton, den

Bräutigam ihrer Tochter, vor. Der Raum, die Leute, Alles kam mir einen

Augenblick sehr fremdartig vor; ich verbeugte mich tief gegen das Paar,

sagte einige Glückwünsche her und verließ das Zimmer. Oben bei mir

angekommen, warf ich mich in einen Stuhl, ergriff ein Buch, versuchte

zu lesen, kam aber mit dem besten Willen nicht über die erste Seite

hinaus. Nach einiger Zeit -- ob nach einer halben oder ganzen Stunde,

ahne ich nicht -- klopft man; ich rufe „herein“, da steht Agneta in der

offenen Thür! Wir errötheten beide, sie stammelte und stockte und bat

mich schließlich, ihr in den Garten zu folgen.

[Illustration]

Schweigsam gingen wir die Treppen hinunter und schweigsam über den

Rasen nach den hohen, dunkeln Taxushecken, welche in verschlungenen

Wegen die üppig durcheinander blühenden Blumenbeete umgeben. Das

Sprechen schien ihr schwer zu fallen; endlich begann sie mit unsicherer

Stimme, sie wünsche gerade mir aufrichtig und offen zu sagen, wie es

mit dieser plötzlichen Verlobung stehe. Vor acht Jahren hatte sie

ihren Bräutigam bei dessen Vetter, dem Staatsminister Ralph Barton,

getroffen, er war dort als Privatsecretär angestellt und hatte seine

junge Frau soeben in einer Anstalt für unheilbare Geisteskranke

untergebracht. Bald entdeckten er und Agneta gemeinsame Anschauungen,

Interessen und Bestrebungen, und sie wurden eng befreundet; da auf

einmal vermied er, ihr zu begegnen, und sie ahnte und billigte die

Ursache. Er ließ sich nach Australien versetzen, lange Zeit über

vernahm sie kein Sterbenswörtchen von ihm, dann, vor wenigen Jahren,

erhielt sie einen im ruhigen, kameradschaftlichen Ton ihrer ersten

Bekanntschaft gehaltenen Brief, und nun schrieben sie sich von Zeit zu

Zeit über ihre Beschäftigungen, über neue Bücher, über die Anregungen

des Tages. Die einstige, nie gestandene, von beiden befürchtete Gefahr

schien so vollständig vorüber, als wäre sie nie gewesen. Sie zögerte.

„Ich betrachtete ihn als meinen wahren, aufrichtigen Freund, der sich

ebenso über meine eventuelle Verlobung gefreut hätte, wie ich, wenn

seine Frau genesen, zu ihm heimgekehrt wäre. Vor drei Monaten ist

die Aermste, ohne daß wir es bis heute erfahren haben, gestorben,

und sobald er sich frei machen konnte, verließ er Australien. Erst

wollte er mir von dort aus seine veränderte Lebenslage mittheilen,

zog dann vor, allmälig zu sehen, wie die Sachen bei uns ständen, kam

aber schließlich, einem plötzlichen Drange folgend, gleich nach seiner

Ankunft, unangemeldet, vor einigen Stunden hier an... Es hat sich

dann gleich gemacht... Ich glaube gar nicht, daß Sie sich vorstellen

können, wie glücklich wir sind!... Es lag mir besonders daran... gerade

Ihnen... dies Alles zu sagen.“ Schweigend hatte ich zugehört, während

sie mir dies mit ruhiger, etwas befangener Schlichtheit erzählte; jetzt

schüttelten wir uns lange, herzlich und ausdrucksvoll die Hände, worauf

sie mich verließ und nach Hause ging.

Anstandshalber konnte ich meinen Rückzug nach London nicht allzu

hastig ergreifen; doch möchte ich kaum behaupten, daß der gestrige

Abend übertrieben gemüthlich gewesen sei. Mrs. Farringham war zwar

reizend tactvoll und aufmerksam, und nach Tisch entführte mich der

Hausherr zu einer Partie Billard. Während er anschrieb und mir den

Rücken zuwendete, sagte er nach einigem Räuspern, seiner Ansicht nach

hätte Agneta mich recht schlecht behandelt; doch habe sie mir wohl

selber Alles auseinandergesetzt; im Uebrigen wäre ich ein „~first rate

fellow~“. Mit diesem, in Mr. Farringham's Mund fast überschwenglich

erscheinenden Lob schloß seine erste und letzte vertrauliche

Mittheilung.

Begreiflicherweise sah ich mir den Barton mit nicht ganz unkritischen

Augen an und gestehe offen, daß es mich ein klein wenig freute, weit

größer, vielleicht auch etwas hübscher als er zu sein. Doch kann ich

wiederum nicht leugnen, daß er einen angenehmen, intelligenten Eindruck

macht; was er bei Tisch über australische Verhältnisse erzählte,

hatte durchweg Hand und Fuß und wurde mit angemessener Bescheidenheit

vorgetragen. Ja, ich will noch ein weiteres Zugeständniß machen

-- Agneta und er passen ganz selten gut zu einander, erscheinen

unglaublich glücklich, wenn auch, Gott sei Dank, in weniger

demonstrativer Auffälligkeit als es in Deutschland üblich.

Meine Gefühle haben einen mich selbst auf das Höchste überraschenden

platonischen Anstrich erhalten. Augenscheinlich bin ich ein furchtbar

nüchterner Mensch, denn in allen anständigen Romanen und Trauerspielen

trifft regelmäßig das genaue Gegentheil ein -- aber ich muß ehrlich

gestehen, daß ihre offenkundige Liebe zu einem Anderen in mir eine

entschiedene Gelassenheit neben aller ungeminderten bewundernden

Achtung für sie hervorruft.

Noch immer glaube ich, daß wir beide eine wirklich ganz glückliche Ehe

hätten eingehen können; das reiche, volle Verständniß dieser beiden

gleichgearteten, gleichgesonnenen Wesen wäre uns aber nie in dem Maße

zu Theil geworden, wird gewiß nur den Wenigsten zu Theil.

Auch ist mein Leben noch nicht abgeschlossen, ich ahne nur klarer als

früher, was möglich, was erreichbar sein könnte -- wer weiß!

Dein treuer

Udo.

[Illustration]

Udo in England: Eine Reiseerzählung · 第 5 / 5 段