II.

_Hamburg_, 30. October 1846.

_Hochverehrter Herr!_

Mit innigstem Entzücken erhielt ich so eben Ihr freundliches Schreiben,

in dem Sie meinen Wunsch wegen Durchlesung des Mspt. so herablassend

erfüllen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie bei Ihrer so vielseitigen

Thätigkeit und Beanspruchung sich meiner Sache annehmen würden,

und da ich ein Engagement in die Nähe Bremen’s nach Bremerhaven

angenommen, so gab ich das Mspt. einem Freunde, der es gern lesen

wollte, und mir Aussicht wegen eines Verlegers versprach. Jenes

Zigeunerkünstlerengagement in Bremerhaven ist in meinem so höchst

contrastreichen Leben des Allerseltsamste, und wiewohl diese etwas

excentrische Reise mir jezt an Erfahrungen und Bildern eine wahre

Humorfundgrube ist, so war sie doch in der Gegenwart ein wahrhaft

grauenvoller Anblick des Lebens und Treibens reisender Bühnen. Wann

wird diese schmachvolle Theatermisère in Deutschland einmal enden? Wann

wird eine wahrhaft kunstsinnige Leitung junger Talente ähnlich wie

in Frankreich auch bei uns eine anständige Theaterschule begründen?

Ja wären es noch Sheakspearische „Zettels“ diese Schneider und

Schuster-Directoren -- aber es sind eben nur Gauner und Gaukler. Ich

habe dort freilich Rollen genug zu spielen gehabt, auch mit 5 Musikern

und 1½ Singstimme den Freischütz dirigirt, aber das Kunstinstitut

widerte mich schon am ersten Tage namenlos an. Die Methode des Spielens

war ziemlich holzhackermäßig. Früh 6 Uhr bekam man eine Rolle von 2-12

Bogen, die Probe war 10 Uhr und die Vorstellung davon am nämlichen

Tage. Dennoch spielten sie Alle so, als wären sie Ludwig Devrient’s,

und Einige versicherten mich, ihr Genie werde schrecklich verkannt.

Gott sieht das Herz an! würde Sancho bei ihrem Spiele gesagt haben,

die Polizei steckte aber den Einen ein, weil er Gaunerrollen im

Leben studirte. Dabei behauptete der Director, seine Bühne sei eine

Kunstbühne, und versprach mir, mich zu bilden; als ich beim Hinausgehen

gerührt nach meinem Taschentuche suchte, war es leider verschwunden.

Und solcher Bettelbanden giebt es hunderte, bei denen oft gute Talente

und Grund und Boden, in Schlamm und Koth versinken. Ich hätte mich

verachten müssen, wäre ich bei dem Packe geblieben, gebe aber die

Anschauungen dieser ewigdenkwürdigen Reise nicht verloren, sondern

denke, sie einst zu gestalten. Wiewohl ich Aussichten nach Schleswig

habe, so ist doch das Verhältniß dort etwas unsicher, und den Weg

durch Winkelbühnen gebe ich entschieden auf. Lieber die kleinsten

Rollen, aber nur bei einer anständigen Bühne. Da ich Gottlob Mittel

habe, um neben Klavierstunden anständig zu leben, so wird sich wohl

früher oder später etwas Solides für mich finden. Inzwischen wird

es mir beinahe Lebensbedürfniß über mein Buch einen Aufschluß zu

bekommen. Ich hab’ es sogleich hieher zitirt, und schicke es dann

sogleich, mag es nun zum Feuertode oder zum Drucke verdammt werden. Sie

müßten meine Verehrung für Sie, großer, tiefsinniger Meister, kennen,

das namenlose dithyrambische Jauchzen, das Ihr einziger Humor mir

verursachte, so oft seine Töne meinem Ohre erklangen, Sie würden dann

gewiß meine Scheu und Verlegenheit selbst hinter meiner unbescheidnen

Bitte erblicken. Gleichwohl mußte ich’s wagen, um nur etwas klar

über mich, d. h. über mein Buch zu sehen. Es ist eine musikalische

Symphonie, und wenn Sie ihr „Nein“ aussprechen, gilt es mir mehr, als

wenn sämmtliche so genannte moderne Humoristen und Dichter es für

den Druck reif sprächen. O wer doch den Zauber Ihrer wunderbarschönen

tiefsinnigeinfachen Sprache hätte -- den Zauber Ihrer Formenwelt --

o was sind gegen Ihren ewig jungen Genius diese sämmtlichen modernen

deutschen Humorepigonen. Soviel weiß ich entschieden, daß Sie mein

ganzes Wesen schon aus meinem flüchtigen Briefe divinirt haben,

denn wenn mit irgend einem Menschen, so treiben Selbstbewußtsein

und bewußtloser Humor, Vorsatz und Absichtslosigkeit mit mir tolle

Scherzotänze. Alle diese Widersprüche zur Harmonie zu leiten, ist

Aufgabe meines Lebens, folglich auch meines Buch’s. Dringend bitte ich

Sie, es wie ein Vater zu lesen, dem ein unmündiges Kind sein erstes

selbstgeschaffnes Spielwerk zeigt -- o schon tausendmal habe ich Ihre

lieben, lieben Zeilen durchlesen mit heiligem Entzücken, wie wohl thun

sie mir, der geistig so ganz, ganz allein steht. Nicht als ob ich mir

irgend wichtig vorkäme, aber in meinem Elemente mögte ich bald mehr

leben als bisher, und das will im Grunde doch jeder Mensch. Nur der

lichte Farbenbogen des luftigen Humor’s, der hell auf dunkler Wolke

steht, entschädigt mich mit seinem Wunderglanze für tausend geistige

Leiden -- und wie selig würde ich sein, wenn der Humorrausch, der

all mein Wesen mitten in Wüsten frisch und rege erhält, wirklich aus

dem reinen Urdasee mir emporschäumte und nicht aus dumpfem Sumpfe

voll Irrlichter! Haben Sie nochmals tausend, tausend Dank für die

freundliche Bereitwilligkeit und Herablassung und verzeihen Sie einem

aufrichtigen Verehrer Ihres Genius seine Kühnheit. Möge die Mutter

Natur Ihnen Ihre wunderbar-schöpferische Jugendfülle unversehrt

erhalten, und mögten Sie in den Herzen derer, die Ihre Werke innig

verehren, Ersatz finden für tausend Leiden, die ein unkünstlerisches

Zeitalter oft Ihrem wunderseltsamen Geiste verursachen mag. Dankbar

küsse ich Ihre seegnende Hand, und bin mit aufrichtiger tiefer

Verehrung und Dankbarkeit

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 319 / 326 题