Ihr

Freund

_Anton Hardenberg_.

=Hauch, Johann Carsten von.=

Geb. 1791 zu Fredrikshold in Dänemark, als Prof. der Aesthetik an

der Kopenhagener Universität angestellt. Verfasser _zahlreicher_

Tragödien, unter denen sich auch ein Bajazet, Tiberius, _Gregor_

der VII., u. a. m. zum Theil vaterländische befinden. Seine

Erzählungen werden in Deutschland gern gelesen. Tiecks Antheil

gewann er hauptsächlich durch das episch-dramatische Gedicht: die

Hamadryaden (1830), obwohl, wie aus dem Datum dieses Schreibens

hervorgeht, sie schon lange vorher in persönlich-freundschaftlichen

Beziehungen gestanden.

_Copenhagen_, d. 17. Decbr. 1827.

_Mein edler Freund!_

Schon lange hatte ich beschlossen an Sie zu schreiben, nur daß ich

plötzlich in eine Menge von Verrichtungen hineingeworfen wurde, die

zum Theil meine übrigen Pläne durchkreutzten, hat mich davon bis

jetzt abhalten können. Ich hoffte immer Ihnen meinen _Gregor_

überschicken zu können, muß aber jetzt die Uebersetzung aufschieben,

jene Hoffnung aber ist auch ein Grund, warum ich nicht geschrieben.

-- Wie alles was von einem Manne kömmt, dessen Ansehen bedeutend

genug ist, um jedes von seinen Worten Gewicht zu geben, so war auch

ein übertriebener Bericht Ihres Urtheils über meine Gedichte mir hier

vorangeeilt. -- Er wurde von einigen Zeitungsschreibern aufgefangen,

und hat für mich den unangenehmen Erfolg gehabt, daß eine schonungslose

Reaction dadurch hervorgerufen wurde. -- Schiefe Aufnahme aber und

ungerechten Tadel muß ein Jeder ertragen lernen, der öffentlich

hervortreten will; tüchtigere Männer als ich, ja selbst die Besten

haben es ertragen müssen, so kann ich es wohl auch.

Es that mir sehr leid, daß ich in Berlin Ihren Herrn Bruder nicht

sehen konnte; ein unglücklicher Zufall, von meinem Beine verursacht,

zwang mich in Berlin beynahe ohne Ausnahme das Zimmer zu hüten,

Umstände riefen mich hernach schnell fort, so daß ich beynahe keinen

Gebrauch von den freundlichen Briefen machen konnte, die ich Ihrer

Güte verdankte. Ich schmeichle mir aber immer mit der Hoffnung Berlin

und Dresden wiederzusehen. -- Es trifft sich so glücklich, daß ich

mitunter ein halbes Jahr keine Vorlesungen zu halten brauche, diese

Zeit werde ich gewiß nicht unbenutzt vorbeyschlüpfen lassen, sollten

auch einige Opfer um einen Freund wie Sie wiederzusehen nöthig seyn,

es verlohnt sich wohl die Mühe. -- Ich lese diesen Winter über zwey

Wissenschaften, Physik und Zoologie. Das erste Mahl am wenigsten

nimmt so Etwas die ganze Zeit in Anspruch. Anstatt zu dichten muß ich

Physisch-mathematische Vorlesungen halten. -- Wenige Dichter sind

vielleicht in der fatalen Lage gewesen.

Unsre kritische Litteratur geht in der späteren Zeit so ziemlich

denselben Gang wie die Deutsche. Schiefe gezierte Recensionen, wo

mit einigen Redensarten vornehm gespielt, wo Wahrheit und Natur als

unanständig, prosaisch und gemein verschrien, und doch jede Aeußerung

einer frischen Phantasie verspottet, jeder ernste Gedanke mit dem

Nahmen Mystik verketzert wird; wo man keinen Ausdruck recht findet,

bis er zur Geschrobenheit herausgedrechselt worden, wo der Cothurn so

hoch verlängert wird, daß die Dichter auf Stelzen einhergehen, sind

in der Tages-Ordnung. -- Rhetorische kalte Trauerspiele machen großes

Glück. Wir haben einen Dichter, der drey oder vier Tragoedien jedes

Jahr wie von der Kanzel herab predigt. An der Seite eines Andern steht

ein Recensent, der bey jedem neuen Werke versichert, daß der Verfasser

sich jetzt selbst überboten habe, oder daß der reinste Mondenglanz

der Sittlichkeit dieses anmuthige Werk bekränze. Vom schmutzigen

Sonnenlichte kann in solchen zarten Bildern nicht die Rede seyn. Wenn

Jemand sein Gedicht einen geschichtlichen Roman nennt, meint der feine

Recensent, es wäre doch besser, wenn der Verfasser es eine Romantische

Geschichte genannt hätte. -- Es giebt wenige Dichter bey uns, die nicht

von guten Freunden mit dem Nahmen genialisch geschmückt worden sind.

-- Die besten Worte werden so gemißbraucht. In der That Oehlenschläger

steht doch hoch und allein in unsrer Litteratur, wenn man ihn mit

diesen Zwergen vergleicht. -- Auch Heiberg giebt eine Zeitung aus, wo

viele gemischte Sachen stehen, aber nicht ohne treffende Bemerkungen.

-- Wäre seine Seele so tief, als sein Geist leicht beweglich und

gewandt, könnte er gewiß was Tüchtiges leisten. -- Sonst ist bey uns,

wie gesagt, Plattheit und Versunkenheit wunderbar gemischt; ich weiß

einen Fall, wo einer von unsern Autoren, der nicht unberühmt ist,

angefragt hat, ob nicht das Licht aus den Augen einer Katze herlänglich

wäre um einen Liebesbrief darin zu lesen. Mir scheint in der Erfindung

etwas Herculisches zu liegen, man konnte wohl darunter ~non plus

ultra~ schreiben. Wer kann so Etwas überbieten! Ein unglücklicher

König, ein Held und Liebender ist so weit gekommen, daß er kein Licht

hat, nichts, nur die Augen einer Katze. Was sind alle die Bettlerkönige

des Euripides dagegen! kann Jemand sein eignes Bestreben naiver

parodieren. -- Sie hatten recht: Nicolai war ein tüchtiger Mensch

gegen diese. Lieber ein wirklicher consequenter prosaischer, als so

ein poetischer Esel zu seyn. Der Erste bleibt doch in seinen Gränzen,

schüttelt den Kopf, macht ein philosophisches Gesicht, begnügt sich

mit seinen Disteln, und treibt sein Geschäft ganz erträglich. --

Von Oehlenschläger und Rahbek viele freundliche Grüße. -- Vergeben Sie,

edler Freund, mein Stillschweigen zuvor und mein langes unnöthiges

Schwätzen jetzt. Viele Grüße an Ihre liebenswürdige Familie, an den

braven Dahl und an den Herrn v. Irgensberg, wenn Sie ihn sehen. Ich

empfehle mich Ihrem freundlichem Andenken.

Der Ihrige

_C. Hauch_.

~P. S.~ Ich bitte sehr den Herrn Grauhling zu grüßen, und mich bey ihm

zu entschuldigen, daß ich ihm noch nichts für seine Zeitung geschickt

habe. -- Künftiges Frühjahr bekomme ich Zeit, und werde dann das

Versäumte einhohlen. --

=Hauff, Wilhelm.=

Geb. am 29. Nov. 1802 zu Stuttgart, gest. am 18. Nov. 1827.

-- Von seinen Werken gedenken wir mit besonderer Verehrung an

folgende: Lichtenstein, ein Roman, 3 Bde. -- Phantasieen im Bremer

Rathskeller. -- Mittheilungen aus den Memoiren des Satans. --

_Märchen_ (viele Auflagen). -- H’s. „Sämmtliche Werke“ wurden in 36

Bändchen von Gust. Schwab herausgegeben. --

Der Mann im Monde, eine Parodie Clauren’scher Manier, und

die Controvers-Predigt gegen diesen Modeschriftsteller gaben

Veranlassung, erstere zu einem Processe, letztere zu einer

komischen Scene. Hauff war, etwa ein Jahr vor seinem Tode,

in Berlin gewesen, wo er eben besagte, zwar witzige, aber

furchtbar grobe, stellenweise cynische Controverspredigt in der

litterarischen („Mittwochs-“)Gesellschaft vorlesen ließ. Bald nach

ihm fand sich Fr. _Haug_, der bekannte Epigrammatist, dabei aber

der sanfteste, friedfertigste alte Herr, in Berlin ein. Geheimer

Hofrath _Heun_ (Clauren) bewohnte zur Zeit im Thiergarten eine

Villa; was der ehemalige Berliner „Sommerplaisir“ nannte. Vor

dieser saß er eines schönen Abends mit seiner Nichte auf einer

an die Straße herausragenden „Altane“ beim Thee, als Haug mit

einem andern Herren des Weges kam, welcher Letztere den Gast

unterrichtete, daß auf jenem Holzgerüste der Autor der Mimili

throne. Haug verlangte vorgestellt zu werden, der Berliner beeilte

sich solchen Wunsch zu erfüllen, Clauren (etwas harthörig) verstand

_Hauff_, und schnaubte Beide von Oben herab zornig an, fragend:

wie man sich eines so plumpen Scherzes zu unterfangen wage? Haug

zog mit einer langen Nase, länger als die von ihm hundertfach

bespöttelte „Wahl’sche“ davon.

Erst am nächsten Tage ward der Irrthum aufgeklärt und Clauren

stattete dem unschuldigen Stuttgarter eine Deprecations-Visite ab.

_Stuttgart_, 30ten März 1827.

_Mein sehr verehrter Herr!_

Sie erinnern Sich vielleicht, wenn Sie die Unterschrift dieses Briefes

lesen, meiner noch als eines jungen Mannes der Sie während seines

Aufenthalts zu Dresden zuweilen besuchen durfte. Wie gerne ich immer

kam, haben Sie vielleicht gesehen; war es mir doch als ich von Dresden

wegging, als sey ich nur in Ihrem Hause gewesen. Ich mache die alte

Erlaubniß geltend, Sie an diesem Abend wieder zu besuchen: o daß ich

den kleinen heiteren Zirkel wiedersehen, die Stimmen alle hören könnte,

welchen ich so gerne lauschte! Doch eine Stimme möchte ich vor allen

vernehmen: es ist die Ihrige -- über mich.

Sie haben mich beym Abschied wohlwollend aufgefordert fleißig zu

seyn; ich habe es versucht und wieder versucht, aber ich fand, es

fehlt mir der Muth. Als ich unbekannt mit der Welt in Schwaben lebte,

war ich muthig, unverdrossen; als ich Länder und treffliche Männer

gesehen hatte und an Erfahrungen reicher heimkehrte, begann der Muth,

das Selbstvertrauen mir zu mangeln. Nun ist der Frühling wieder über

unsern Bergen aufgegangen und ich fühle mich kräftiger, wenn nicht

vertrauensvoller. Doch ehe ich mich an die Arbeit wage, will ich zuvor

Sie fragen, ob Sie glauben, daß es räthlich sey zu beginnen?

Ich möchte nemlich die Kämpfe in Tyrol im Jahre 1809 in den Rahmen

eines Romans fassen. Ich liebe Gegend und Volk jener Berge und in

neueren Zeiten scheint mir kein Bild so intereßant, als dieser Streit

zwischen reinem Patriotismus und dem Ehrgefühl einer stolzen Armee,

zwischen redlichen, einfältigen Sitten und den Erfindungen und Künsten

der Menschen.

Ich fühle nun in mir ein Bedürfniß nach Trost und Ermunterung zu

diesem Werk, und lieber laße ich das Bild in seinen ersten Umrißen,

als daß ich es ohne Ihre Zustimmung beginne. Diese Bitte um ein Paar

Zeilen guten Rathes könnte sonderbar und lästig erscheinen, wenn es

nicht von alten Zeiten her Sitte gewesen wäre, daß die Jünger ihre

Meister um Rath fragten. Auf das Urtheil öffentlicher Critik, wie sie

_gewöhnlich_ heut zu Tage betrieben wird, darf ich umsoweniger

hören, da sie mir zuweilen ohne Grund schmeichelte, mich zu verwunden

suchte, ohne mir meine Blößen anzudeuten.

Sie wohnen zu hoch über dieser Region, als daß die Stimmen zu Ihnen

drängen; Sie vernehmen sie wie ein sonderbares, undeutliches Murmeln;

ob für eine einzelne, bittende Stimme aus der Ferne Ihr Ohr geöffnet

sey, habe ich versucht auch auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu

gelten.

Ich wünsche Sie möchten versichert seyn, daß mich zu diesem Briefe,

welchen ich zu schreiben einige Tage zauderte, nur ein offenes,

redliches Herz und jene Bewunderung, jenes ehrfurchtsvolle Zutrauen

bereden konnten, womit ich bin

Mein sehr verehrter Herr!

Ihr ganz ergebener

~Dr.~ _Wilhelm Hauff_.

=Hebbel, Friedrich.=

Geb. zu Wesselburen in Dithmarschen am 18. März 1813, gest. in Wien

am 13. December 1863.

Was der zweite dieser Briefe an Innigkeit des Gefühls -- bei

einem so exclusiven und zurückhaltenden Manne wie Hebbel zweifach

bedeutsam -- kund thut, das kam aus wahrem, aufrichtigsten Herzen.

Zwei verschiedenere Menschen kann es auf Erden kaum noch geben,

als Tieck und Hebbel ihrem Seyn, Wesen und Dichten nach gewesen

sind. Dennoch erkannten sie sich und waren gerecht gegen einander.

Mit tiefer Rührung pflegte Hebbel von seinem letzten Besuche bei

Tieck zu erzählen, wo dieser ihm aus dem Krankenbette heraus die

Hand gereicht, ihn „vor seinem Abscheiden von der Erde“ noch

einmal begrüßt, und ihm _Lebewohl_ zugerufen hatte: „für

_dieses_ Leben!“

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 301 / 326 题