_Breslau_, 17. Septbr. 1822.
_Verehrtester Freund_;
Sie werden mich sehr undankbar schelten, daß ich nach so viel
empfangener Gastfreundschaft seit Jahr und Tag nichts habe von mir
vernehmen lassen. Aber Sie wissen wohl, der Mensch ist eine undankbare
Creatur, und ich will mich durch nichts anders entschuldigen, als
daß ich noch immer hoffte selber wieder in das jetzo für mich so
vielfach anziehende Dresden zu kommen. Leider ist dazu jetzo Aussicht
und Jahrszeit vorüber, und ich sende nur durch Freund Holtey den
herzlichsten Gruß und diesen schwarzen Dank für so viel Gutes, Schönes
und Liebes, das ich durch Sie und Ihren Zauberkreis genossen und noch
daran zehre. Kurz gedenke ich nur, daß ich die Heimkehr glücklich
nach meinem Sinne, der auf Abweichung gefaßt war, vollführt, -- über
die Basaltburg von Stolpen nach Rumburg, dann zu Fuß nach Zittau,
auf die Felsenburg des Oybin, über die Basaltburg des Friedländers
(dessen wahres Bildniß dort zu sehen) und Kloster Haindorf in das
heimliche Liebwerda, dann bergauf über die weit ins Flachland schauende
Tafelfichte (wenn es nicht eine märchenhafte _Teufels_fichte,
wie ich auf der Karte fand) und die Iserkämme, nach Flinsberg, und
so wieder am Fuße des Gebirges hin nach dem Warmen Bronnen, der mir
ein Jungbronnen sein sollte: aber es war anders beschlossen, und
kaum vom halbnächtlichen Marsche ausgeruht, trat Steffens herein und
wiegelte mich mit seinen mineral. Studenten zu einer Gebirgsfahrt
auf; und abermals giengs hinauf, über den abgesperrten Kochelfall,
auf den Riesenkamm, zu der stürmischen Sturmhaube, den schneelosen
Schneegruben, deren Basalte wir jedoch nicht erklimmen konnten, zu
den Elbquellen, die wir Ihnen nicht zurückhalten wollten, zu den
Gebirgsseen, endlich hinauf zur Koppe und Kuppel des ungeheuren Doms,
wo uns im Scheine der Morgensonne auf die Schneefelder der Wolken
gegen Böhmen hin, noch das leibhafte Rübezahlgespenst und Gespinst, in
den vom Sturme ausgezogenen und nach dem schönen Schlesischen Thale
gewehten Wolkenflocken mit seiner wilden Jagd auf dreibeinigen Rossen
(unsere Schatten mit dem Wanderstabe) erschien, und uns sogar noch
mit runden Regenbogen und Heiligenscheinen auf jenem Wolkenschnee
verblenden wollte: wir aber stiegen getrost hinauf zur Kapelle und
beteten an, nicht den Teufel, obwohl den der uns die Herrlichkeit
seiner Welt aufthat. Wir mußten freilich wieder hinunter, stiegen noch
in ein Bergwerk, und blieben in Schmiedeberg, wo uns die Studenten mit
Stadtmusik ein Vivat zur glückl. Beendigung der Bergfahrt ausriefen;
ruhten am Sabbath bei den gastlichen Alberti’s; dann wir (Proff.
mit York) weiter über Landshut und das merkwürdige Grüssau nach
Adersbach, dem versteinten Breslauer Wollmarkt und der Spottlarve
der Sächs. Sandsteinschweiz: weiter nach dem neufreundl. Cudowa, wo
mehre Collegen sich verjüngen wollten, aber sich fortzankten; und nun
zurück über die Heuscheur (die ernsthafte Fortsetzung von Adersbach)
und schöne Bergmauern, Braunau, das lachende Thal von Tannhausen, nach
Charlottenbrunn und dem freundlichen Waldenburg, -- wo mehrtägige Ruhe
bei den gastlichen Alberti’s, Durchfahrt des Berges (wie Herzog Ernst)
im Altwasser Steinkohlen-Werk, Alberti’s treffl. Spinnmaschiene, die
herrl. Burg Neuhaus, des frommen Greises Waagen schöne Bildersamml.
und dort eine Nachmittagspredigt unsers gottbegeisterten Scheibel,
welche uns alle in Thränen auf die Knie warf, bis der Vollmond uns
heimleuchtete. -- Zum Uebergange in die gute Stadt Breslau war ein
fröhliches Mahl in Fürstenstein. -- Und seitdem sitze ich nun noch
hier, und lese und schreibe und bin fröhlich und guter Dinge, auch
leidlich gesund seit dem Luft-Bade. Der Tristan ist zwar abermals
in der Geburt unglücklich gewesen und verbrannt -- eine etwas zu
starke Rezension -- steigt aber wie ein Phönix aus der Asche. Die
Niebel.-Uebersetz. 2te Ausg. erscheint bald in Frankf. a. M., das
Heldenbuch Bd. 2 hier, und die Heldenbilder, soweit sie fertig, anbei:
der Schluß nächstens. Viele Grüße an alle die lieben Ihrigen und an
Raumers; diesen schreibe ich nächstens besonders: heute nur, daß heute
Middeldorpf abermals sein Magnifiker College geworden. Steffens ist in
Berlin. Herzlich Lebewohl.
Der Ihrigste _v. d. Hagen_.