IV.

_Breslau_, d. 17. März 1818.

_Verehrtester Freund_;

Entschuldigen Sie gütigst, daß ich nicht eher geantwortet habe: ich

gedachte Ihnen zugleich allerlei mitzuschicken z. B. der Wolfdietrich,

aber er ist leider noch nicht fertig. Dann waren auch in Ansehung der

literar. Aufträge noch allerlei Erkundigungen nöthig; ich antworte aber

jetzo, so gut ich kann.

Zuförderst ist Max sehr geneigt, auf _alle_ ihre Plane einzugehen;

nur sind noch einige Schwierigkeiten.

1) Die Karten, die mir und meiner Frau und meinen Zuhörern, denen

ich sie als besten Kommentar der Nibel. gezeigt, ungemeine Freude

gemacht, habe ich an Max für die gefoderte Summe von 10 Friedrichsd.

von Gold verkauft. Es frägt sich aber zuvor, ob Sie mit der Art der

Bekanntmachung zufrieden sind. Sogleich ein wirkliches Kartenspiel

darnach machen zu lassen, würde großen Aufwand und viel Zeit erfodern,

da es doch würdig geschehen muß. Der Vorschlag ist also eine Farbe

und Heldenreihe nach der andern in einem taschenbuchartigen

Bilderbuche auszugeben, neben einer kurzen Darstellung des jedesmaligen

Sagenkreises in besonderer Beziehung auf die gewählten Helden. Artus

soll den Reigen anheben und Karl beschließen. Und diese Erzählung am

liebsten selber zu übernehmen, oder doch anderweitig zu genehmigen,

ist nun die Anfoderung. Sind auf diese Weise alle 4 Reihen da, so

können die Platten auch noch durch Hinzufügung der Kartenzeichen zu

einer Ausgabe des Ganzen als ursprüngliches Kartenspiel (ähnl. den

Cotta’sch. Kartenalmanachs) angewendet werden, zu welcher Sie das dazu

erfundene Spiel mittheilen und auch Tod und Teufel hergeben müßten.

Ein geschickter und sinniger Zeichnenlehrer _Schall_ ist endlich

glücklich zur Ausführung gefunden und übernimmt sie mit Liebe: seine

Schüler sollen sie unter seinen Augen nach einem eigenen neuen Muster

ausmalen. Ich denke mir die Lust der Jugend dabei: die Alten müssen

bei diesem Spiel auch wieder jung werden. Dieß ist vielleicht der

angenehmste Weg, alle für das vaterl. Alterthum zu gewinnen. So klein

die Bilder sind, so sind sie im großen Styl und bekunden den Bildhauer,

den Helden unter den Künstlern; und für die alten Helden und Heldinnen

sind sie wahrhaft typisch: und daran haben wol beide Brüder gleichen

Antheil.

2) Die Sammlung Altenglischer Schauspiele, so ist dieß wol ein

Unternehmen, das den Verleger Ihres zu hoffenden Werkes über Shakspeare

zunächst angeht, da es als Schule und Beispielsamml. dazu dienen soll.

Haben Sie nun wegen des letzten schon anderweitig (etwa mit Reimer)

unterhandelt? Und vor allen ist noch die Frage, soll diese Samml.,

wie Ihr Altengl. Theater, in _Uebersetzung_ oder in der Ursprache

erscheinen? Darüber ist Ihr Brief dunkel; ich vermuthe das erste, und

dazu wäre Max geneigter, als zum letzten: das Werk über Shakspeare,

worauf wir alle schon so lange harren, müßte aber dabei sein.

3) Wegen der Englischen Romane ist nachgeforscht worden, ob sie

schon übersetzt sind, bis jetzo aber nichts davon bekannt: und Max

ist sehr willig dazu; nur wünscht er, daß Sie etwa kleine Vorrede

oder Anmerkungen mit _Ihrem Namen_ dazu geben, oder noch lieber

als Herausgeber aufträten. Wer ist denn der Uebersetzer? Er soll

verschwiegen bleiben.

4) Auch die Tieckisch-Solgerische Zeitschrift will Max gern in der

verlangten Art übernehmen; nur wünscht er, daß erst zu _Michaelis_ das

erste Stück erscheinen möchte. Es sollte mir sehr lieb sein, wenn es

hier erschiene, und gern will ich auch etwas beisteuern, in so lieber

Gesellschaft zu erscheinen: ich mißtraue mir nur, etwas würdiges

dazu liefern zu können. -- Wenn Solger in den Ferien zu Ihnen kömmt,

oder gar schon dort ist, so können Sie ja wohl alles vorbereiten und

einleiten. Grüßen Sie ihn herzlich von mir, und nächstens würde er

die versprochenen Bücher bekommen. Wie gerne wäre ich auch in diesen

schönen Tagen, die wahre Frühlingsboten sind, bei Ihnen in Ihrem

Zauberschlosse!

Besprechen Sie doch auch mit Solger die Ausgabe der _Kleisti_schen

Werke, weshalb ich schon an Sie beide auch für Max geschrieben. Es ist

endlich Zeit, daß dieser Edelstein erkannt werde.

5) Endlich, die Sammlung von Erzählungen, Novellen, Mährchen,

Schauspielen, was es sei, so ist von Ihnen alles willkommen (z. B.

auch die _ganze_ Donaunymphe, wovon der herrliche Anfang in der

Sängerfahrt). Sie sollen, wie sich versteht, an der Spitze stehen.

Steffens hat einige Mährchen oder Erzählungen (z. B. die, woraus

Schellings Darstellung in Terzinen herrührt) dazu versprochen; aber

es ist unsicher, da er jetzt mit den Zerrbildern der Zeit beschäftigt

ist; in welche sich jetzo die Turnfehde einmischt (durch Passow’s

Turnziel). Dann giebt Raumer einige geschichtl. Schaustücke; und ich

werde mit einigen ganz bescheidenen Mährchen hinterdrein kommen. Wegen

des Honorars wünscht Max, Sie möchten für das Mskpt. einen runden Preis

annehmen, da er es in sehr kleinem Format drucken will, und nicht

wie den, auch zu großen, Phantasus, den Sie als Norm genommen: oder

2 Louisd. für einen solchen kleinen Bogen annehmen. Schicken Sie nur

recht bald alles was Sie irgend haben und geben wollen. Max wird es

alsbald honoriren. Auch antworten Sie recht bald auf alles: am besten,

Sie thun beides zugleich.

Bald hoffe ich den Wolfdietrich zu bezwingen. Jetzo sitze ich tief

in meinen Reisepapieren, die zu redigiren: ich liefere dazu ein

Urkundenbuch aller Denkmale des Mittelalters, die ich unterwegs

gefunden und gesammelt. Auch beginnt nun endlich das große Heldenbuch

in der Ursprache (von _Gudrun_ habe ich Ihnen wohl schon geschrieben?),

da Reimer endlich das Papier dazu sendet. Der Druck geschieht hier.

Schreiben Sie mir doch, was Ihnen von meinen Büchern noch fehlt, und

es fliegt sogleich zu Ihnen. Nun liebster Freund, leben Sie wohl und

gesund; meine Frau grüßt Sie herzlich. Behalten Sie mich lieb.

Der Ihrigste

_v. d. Hagen_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 265 / 326 题