_Jena_, 29. Mai 1829.
_Mein theurer, geliebter Freund_,
Wenn ich im Laufe des alltäglichen Lebens mich so ziemlich an den
Verlust meines Gehörs gewöhnt habe und manchmal wohl dem Himmel danke,
daß ich mit gutem Vorwande mich manchen langweiligen Unterhaltungen
entziehen darf, so fehlt es doch nicht an Gelegenheiten, wo ich diesen
Verlust, trotz der Gewohnheit so langer Jahre, sehr schmerzlich
empfinde. Schmerzlicher selten, als bei Ihrer vorjährigen Anwesenheit
in Jena. Ich bin nicht anmaaßend genug, um die Unterhaltung eines
Mannes, auf den so Viele ein Recht zu haben glauben, für mich allein in
Anspruch zu nehmen, und auf ein Gespräch mit Mehreren muß ich leider
gänzlich Verzicht thun. Aber selbst die wenigen Augenblicke, welche
Sie mir zu schenken gütig genug waren, konnte ich nicht so benutzen,
wie ich gewünscht hätte. Es ist eine der schlimmsten Folgen meiner
vieljährigen Harthörigkeit, daß ich allmählig auch das Sprechen fast
ganz verlernt habe; daher fühle ich mich immer verlegen, wenn ich
einmal in den Fall komme, mich mit ausgezeichneten Männern unterhalten
zu können. Ich begreife nun vollkommen, warum die Taubgeborenen auch
stumm seyn müssen; und ich fürchte fast, wenn ich noch länger lebe,
werde ich am Ende genöthigt seyn, mich auch in ein Taubstummen-Institut
zu begeben.
Dennoch hat Ihr Wiedersehen, mein bester Tieck, mir unbeschreibliches
Vergnügen gemacht, um so mehr, da es auf den herrlichen Brief folgte,
den ich zu lesen und wieder zu lesen nicht müde werde. Wie oft haben
diese herzlichen, trostreichen Worte mich schon erquickt! Wohl bedarf
ich in meiner isolirten Lage solcher Aufmunterung, wenn ich nicht ganz
den Muth verlieren soll.
Der neue Calderonband, den Sie hier im Mscrpt. durchsahen, wird nun
hoffentlich gedruckt in Ihren Händen seyn. Ihre Ansicht des Dichters
stimmt so ganz mit der meinigen überein, daß ich schon aus diesem
Grunde mich nicht enhalten konnte, Ihnen das Buch zu senden. Einen
ganz reinen Genuß, wie die Alten, wie Shakspeare, Cervantes und Goethe
in seinen besten Werken, wird Calderon uns nie gewähren. Er ist und
bleibt durch und durch Manier, wenn gleich diese Manier eine edlere und
vornehmere ist, als z. B. die der Franzosen. Ueber die Locken Absalons
habe ich schon manche widersprechende Urtheile hören müssen. Einige
tadeln sehr scharf, daß ich ein so indecentes Stück übersetzt habe;
Andere billigen und loben meine Wahl. Es freut mich, Ihnen sagen zu
können, daß Goethe unter diesen Letzten ist. Vielleicht giebt es wenige
Stücke, welche die Vorzüge Calderons in ein so helles Licht setzten.
Selbst die Charakteristik, deren Mangel man sonst dem Dichter wohl
nicht ohne Grund vorwirft, scheint mir sehr vorzüglich. Wie herrlich
ist, vor allen, der Charakter Davids dargestellt; mit wie treffenden
Zügen die Verschiedenheit der Gemüthsart seiner Söhne bezeichnet.
Dagegen fehlt es auch nicht an den Mängeln, die bei C. gewöhnlich zu
finden sind. Dahin rechne ich besonders (den Gregorismus nicht zu
erwähnen) den ungeheuern Ueberfluß an gemachten, stehenden Phrasen, die
sich bei jeder ähnlichen Gelegenheit wiederholen. Dies geht so weit,
daß ich glaube, wenn von den 108 Schauspielen C.’s etwa ¼ ganz auf
uns gekommen wäre, von den übrigen aber nur der Plan, so würde man aus
dem erhaltenen Viertel den ganzen Rest fast wörtlich wiederherstellen
können. So hat z. B. der dritte Akt des Absalon in der Hauptsituation
die größte Aehnlichkeit mit dem dritten Akt von ~La vida es sueno~.
Hier wie dort ein Sohn, der sich gegen den Vater empört; ein Vater, der
vor dem Sohne flieht; ein Feldherr, der den Sturm beschwören will; ein
Gracioso, der es mit keiner von beiden Parteien verderben mag u. s. w.
Und so kommt es denn, daß in beiden Stücken die Personen fast wörtlich
dieselben Redensarten im Munde führen.
Der _Vorschlag_ ist gewiß eins von C.’s besten Mantel- und
Degen-Stücken, obwohl es auch hier an auffallenden Aehnlichkeiten, z.
B. mit der ~Dama duende~ und ~Los empeños~, nicht fehlt. Sonderbar,
daß diese Gattung in Deutschland so wenig ansprechen will, da doch in
ihr, wie ich glaube, C. sich am reichsten und eigenthümlichsten zeigt.
Es ist nicht zu läugnen, daß alle Personen seiner heroischen Stücke,
in welchem Lande und zu welcher Zeit diese auch spielen, im Grunde
nur verkleidete Spanier aus dem Zeitalter Philipps IV. sind. In den
Lustspielen sind diese gerade an ihrer rechten Stelle; und hier will
man sie nicht dulden, da man doch auf dem deutschen Theater mit allen
übrigen Nationen sich recht gut verträgt.
Wir schicken nun diesen Band gleichsam als ~enfant perdu~ in die
Welt hinaus, um zu versuchen, ob die sehr erloschene Theilnahme des
Publikums sich einigermaaßen wieder beleben läßt. Der Verleger klagt
jämmerlich über den elenden Absatz. Es gehört zu den seltsamsten
Widersprüchen unsrer Zeit, daß, obwohl Jeder weiß, _wer_ und _wie_ man
recensirt, dennoch die Recensionen einen so entschiedenen Einfluß
auf den Absatz eines Werkes haben. Die ersten Bände des Calderon, in
den meisten kritischen Blättern mit Beifall angezeigt, haben schon
zum zweitenmal gedruckt werden müssen; die letzten, von welchen die
öffentliche Kritik wenig oder gar keine Notiz genommen, sind noch
im Ueberfluß vorräthig. Ich zweifle sehr, daß dieser Band größere
Aufmerksamkeit erregen wird, und aller Wahrscheinlichkeit nach werden
mit ihm meine ~Curae Calderonicae~ beschlossen seyn.
Sie haben Wilh. Schlegel in Bonn gesehen. Allerdings wäre sein Urtheil
über meine Verdeutschungen mir besonders wichtig; allein obwohl ich
ihm die früheren Bände des Calderon, die Umarbeitungen des Tasso und
den neuen Ariost zugesandt, hat er alle diese Sendungen nie mit einem
einzigen Worte erwiedert. Die alte Zeit unsers Zusammenlebens in Jena
und Dresden scheint ganz aus seinem Gedächtniß verschwunden zu seyn,
sonst würde er doch wohl irgend ein Zeichen seines Andenkens gegeben
haben. Oder scheinen ihm meine Bestrebungen aller Theilnahme so ganz
unwürdig? „Wenn ich ein wenig Sanscrit nur verstände!“
Daß Fr. Schlegel so plötzlich, in Ihrer Nähe, aus dem Leben scheiden
mußte, hat mich um Ihrentwillen tief erschüttert. Und überdies, er war
ja doch auch ein Genosse jener unvergeßlichen Zeit von 1797-99, an die
ich noch immer nicht ohne Sehnsucht zurückdenken kann. Zwar muß ich
gestehen, geliebt habe ich ihn niemals, und das Thun und Treiben seiner
späteren Jahre war mir von Herzen zuwider. Was hat nur diesen eminenten
Geist auf so bedauernswürdige Abwege leiten können? Ich habe ihn zu
lange gekannt, um annehmen zu können, daß es eigne, reine Ueberzeugung
war; wenn er auch zuletzt vielleicht sich selber weiß machte, er glaube
das alles, was er Andere glauben machen wollte.
Auch mir hat der Tod wieder ein schmerzliches Opfer abverlangt; ich
habe einen Bruder in Hamburg verloren, der mir von allen meinen
Geschwistern der liebste war. Dadurch ist auch die Reise nach H., die
ich mir für diesen Sommer fest vorgenommen hatte, auf eine traurige
Weise vereitelt worden.
Wie sind Sie denn durch diesen furchtbaren Winter gekommen, und durch
diesen rauhen Frühling, der eigentlich nichts als ein etwas gelinderer
Winter ist? Ich hoffe, Sie haben sich besser gehalten als ich; zwei
Monate lang war ich krank und zu allem unfähig.
Leben Sie wohl, mein geliebter Freund; und wenn es möglich ist,
schenken Sie mir bald einige Zeilen. Von ganzem Herzen