I.

_Stuttgart_, 1. Julius 1827.

Der angenehme Besuch, mit welchem Sie, mein verehrter Freund, mich vor

zwei Jahren überraschten, hat mir so viel Freude gemacht, daß ich mir

gleich vornahm, Ihnen auf irgend eine Weise meine Erkenntlichkeit zu

bezeigen. Ich hatte kaum gehofft, daß Sie sich meiner und der Stunden,

die wir in einer längst verschwundenen Zeit zusammen verlebten,

noch erinnern würden; um so weniger, da andre Freunde aus jener mir

unvergeßlichen Periode von meinem Vorhandenseyn schon lange keine Notiz

mehr nehmen zu wollen scheinen. Desto mehr erfordert Ihr freundliches

Andenken meinen Dank.

Hoffentlich werden die drei ersten Bändchen der umgearbeiteten

Ariost-Uebersetzung, die der Verleger Ihnen zusenden sollte, schon

längst in Ihren Händen seyn. Mögen Sie dieselben freundlich aufgenommen

haben und sich dabei zuweilen eines Freundes erinnern, der Ihnen

seit langer Zeit herzlich zugethan ist, der Ihnen so vielen, reichen

Genuß verdankt. Alle Gaben, die Sie uns so reichlich gespendet, habe

ich mir mit der größten Freude angeeignet, vor allen die herrlichen

Novellen, und unter diesen wieder den unübertrefflichen Cevennen-Kampf,

dessen Vollendung von so Vielen sehnlichst erwartet wird. Auch Ihren

kritischen Bemühungen bin ich mit der größten Aufmerksamkeit gefolgt.

Sollte Ihre Stimme auch für jetzt, wie die eines Predigers in der

Wüste, zu verhallen scheinen: sie dringt dennoch durch und weckt in

Manchem die Ahnung, ja die Erkenntniß des Besseren. Sie werden nicht

ermüden, wie Lessing leider ermüdet; Sie sind ja der Einzige, auf den

die deutsche Bühne die Hoffnung einer besseren Zeit zu gründen vermag.

Für eine andre Gabe bin ich Ihnen mehr als die Uebrigen verpflichtet;

ich meine Solgers Briefwechsel. Die Freude an Ihren eigenen Briefen,

die ich zu lesen und wieder zu lesen nicht müde werde, theile ich zwar

mit Allen; aber in Solgers Briefen geht Einiges mich allein an. Die

beifälligen Aeußerungen des trefflichen Mannes über meine Bestrebungen

haben mich um so mehr erfreut, je unpartheiischer sie zu seyn scheinen;

denn persönlich habe ich ihn leider wenig gekannt und bin nie in irgend

einer Verbindung mit ihm gewesen. Das Eine Wort „er arbeitet in seinem

Beruf“ hat mich schon oft ermuntert auf einer Laufbahn, die nicht zu

den belohnendsten gehört. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn ich

wüßte, daß Sie, mein theurer Freund, diesem Ausspruche beistimmten!

Ob der neue Ariost Sie dazu veranlassen wird, weiß ich freilich nicht.

Zwar wenn Fleiß und Sorgfalt allemal das Gelingen verbürgten, könnte

ich wohl mit einiger Ruhe das Werk aus meinen Händen lassen; denn

gewiß nicht weniger Mühe und kaum weniger Zeit, als auf die erste

Uebersetzung, habe ich auf die Umarbeitung verwandt. Nur wenige Stanzen

sind ganz unverändert geblieben, die meisten durchaus neu gearbeitet,

die größere Zahl der übrigen hie und da ausgebessert. Allein indem ich

diese Bände gedruckt vor mir sehe, fühle ich nur zu wohl, wie viel noch

zur Vollendung fehlt, und ich darf nicht hoffen, auch nur das erreicht

zu haben, was an meiner letzten Bearbeitung des befr. Jerusalem zu

billigen seyn mag -- die Aufgabe war freilich unweit schwieriger; denn

Tasso’s gehaltener Ernst ließ sich in unsrer Sprache und in einem so

gebundenen Versmaaße leichter nachbilden, als Ariosts immer wechselnde

Laune. Dazu die strengen Gesetze, die ich mir vorgeschrieben habe;

ich meine die durchgängige Reinheit der Reime und die Vermeidung des

Hiats. Ich bin weit entfernt, von dem deutschen Original-Dichter

die genaueste Beobachtung dieser Gesetze zu verlangen; allein der

Uebersetzer kann, wie ich glaube, in Ansehung der Form nicht strenge

genug seyn, da der Stoff ihm geschenkt wird.

Mit meinen Calderonischen Uebersetzungen ist es wahrscheinlich aus.

Malsburg (dessen reinem Eifer ich übrigens alle Gerechtigkeit

widerfahren lasse) hat meinem Unternehmen den ersten Stoß versetzt,

den zweiten der jämmerliche Bärmann, nicht durch die Vorzüglichkeit

(obwohl auch diese ihre Lobpreiser gefunden hat), sondern durch die

Wohlfeilheit seiner Uebersetzungen. Das Publicum ist mit Calderon

übersättigt, zumal wenn es für den Band mehr als 6 Groschen bezahlen

soll. Meine Uebersetzung _liegt_, wie der Verleger sich ausdrückt.

So liegt auch der Tasso seit geraumer Zeit, und dem Ariost wird es

wahrscheinlich nicht besser gehen. Meine guten Verleger verstehen sich

nicht auf’s Posaunen, und ich noch weniger; und so müssen wir den

Gewinn den Nachdruckern und den Ruhm den Nachübersetzern überlassen.

Unter den letzten steht der fingerfertige Herr Streckfuß obenan,

der durch seine vielen litterarischen Freunde meine Uebersetzungen

meistens zu verdrängen gewußt hat. Als dieser Edle seinen Ariost

herausgab, machte er mir in vollem Ernste den Vorschlag, wer von

uns zuerst stürbe, sollte seine Arbeit dem Ueberlebenden zu freier

Benutzung vermachen. Da ich hierauf nicht einging, hielt er vermuthlich

bei seinem Tasso eine ähnliche Formalität für überflüssig und

_benutzte_ den meinigen dermaßen, daß er einen große Menge von

Versen theils wörtlich, theils mit ganz geringer Abänderung, in seine

Uebersetzung aufnahm. Ich habe mich für diese Freibeuterei nicht weiter

gerächt, als durch einige _ungedruckte_ Xenien, die freilich nicht

in die Kategorie der zahmen gehören; z. B.

Höflich trug er sich an zu Rolands Erben im Todfall;

Unter den Lebenden, grob, hat er den Tasso beerbt.

Nicht den Fuß nur allein streckt Streckfuß, auch wohl die Finger

Streckt er, wenn es ihm frommt, aus nach des Anderen Gut.

* * * * *

Wünschest Du Brutus zu sehen mit Pantalon, Frack und Cravatte

Als Zierbengel, so lies Dante von Streckfuß verdeutscht.

* * * * *

Wie du auch streckest den Fuß, Streckfuß, du erreichest ihn nimmer,

Denn zum erreichen reicht, Füße zu strecken, nicht hin.

* * * * *

Nähm’ er die Verse zurück, die du ihm gestohlen, so gliche

Dein Jerusalem, Freund, einem durchlöcherten Sieb.

* * * * *

Es versteht sich, daß diese Expectorationen ganz _unter uns_

bleiben. --

Ich stehe jetzt im Begriff, das gute Schwabenland zu verlassen, und

gegen Ende Augusts haben Ihre Gedanken (wenn sie sich diese Mühe geben

wollen) mich wieder in unserm alten Jena zu suchen. Das Stuttgarter

Klima ist meiner Gesundheit so nachtheilig geworden, daß ich nicht

wagen darf, noch einen vierten Winter hier zu verleben. Nach Jena

kehre ich zurück, weil ich dort noch manche Freunde, meine Bücher,

meine Wohnung und ganze Einrichtung habe. Mich an einem fremden Orte

niederzulassen, hindert mich hauptsächlich mein übles Gehör, das mir

den größten und besten Theil des Lebens verpfuscht hat. Sonst würde

Dresden mich vor allen reitzen.

Daß mein guter Bruder in Frankfurt gestorben ist, wird Ihnen

wahrscheinlich nicht unbekannt seyn. Für ihn selbst zwar ist der Tod

kein Unglück zu nennen; er hat lange und schwer gelitten. Ich aber

habe an ihm einen sehr treuen Freund, eine sichere Stütze verloren. Er

hat mir oft gerühmt, wie freundlich Sie sich seiner angenommen haben,

als er vor zwei Jahren, aus dem Marienbade zurück kehrend, in Dresden

erkrankte. Nehmen Sie auch dafür meinen innigsten Dank!

Leben Sie wohl, mein theurer Freund, und bewahren Sie mir auch in

Zukunft ein wohlwollendes Andenken.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 255 / 326 题