_Leipzig_, den 18. März 1823.
_Hochverehrter Herr und Meister!_
Das wehmüthige Gefühl, welches jeden Gebildeten ergreift, wenn er hört,
daß ein Mann wie Sie, der ganz Deutschland mit seinen Werken erfreut,
an schmerzlicher Krankheit leiden muß, kann ich Ihnen nicht schildern;
könnte ich Ihre Gicht nur auf meine jungen Schultern laden!
Gewiß beurtheilen Sie zwar nicht mein Lustspiel, aber mich selbst
zu strenge, wenn Sie glauben, daß ich mich noch jetzt in solchen
Gemeinheiten gefalle; das Stück entstand ja mit dem Gothland zugleich
in einer Periode, die nun schon wenigstens in soweit vorüber ist, daß
ich neulich, als ich im Stillen mein Trauerspiel durchsah, glühend roth
wurde. Ich hoffe, daß Sie mich in meinem neuesten Producte, welches ich
Ihnen bald zu übersenden gedenke, in mehrfacher Hinsicht nicht wieder
erkennen. Jugendlicher Keckheit, die ihre Narrethei einsieht, pflegt
man ja von allen Fehlern am leichtesten zu verzeihen, und ich bitte
zagend um Nachsicht.
Vielleicht hat selten Jemand seinen gewählten Beruf so ungern
verlassen als ich. Ich habe mich deshalb seit einem Jahre an Hohe und
Niedere gewendet, und ich weiß, daß ich mich niemals völlig von den
Wissenschaften loszureißen vermag, aber Sie haben sicher schon zum
Theil aus meinem vorigen Briefe wahrgenommen, wie wenig ich auf diesem
Wege eine Beförderung erwarten darf, und sollte ich einst so glücklich
seyn, Sie mündlich kennen zu lernen, so bin ich überzeugt, daß Sie
selbst mich gleich nach unserer ersten Unterredung zu meinem Vorhaben
ermuntern werden.
Ueber mein etwaiges Talent zur Bühne wage ich mich nicht weiter
auszulassen, weil ich dabei zu leicht in den Schein der Selbsthudelei
verfallen möchte: ich versichere nur ganz einfach, daß ich meine
Stimme ohne Anstrengung vom feinsten Mädchendiscant bis zum tiefsten
Basse moduliren kann, und daß der höchste Tadel, welchen man in
Gesellschaften über meine Darstellung aussprach, darin bestand, daß
ich die Charactere beinahe zu scharf und eigenthümlich aufgriffe
und im Tragischen den Zuschauer zu sehr erschreckte. Auch lautet es
läppisch, aber ich muß es doch sagen, daß ich in dem Augenblick keine
Rolle wüßte, die ich mir nicht binnen zwei Wochen zu spielen getraute;
mindestens zweifle ich nicht, daß, wenn ich z. B. den Hamlet oder Lear
gut sollte darstellen können, ich den Falstaff oder Dupperich nicht
weniger gut agiren würde; ja es scheint beinahe, als vermöchte nur
diese Allgemeinheit mein Gemüth in steter Frische erhalten. Da ich aus
Westphalen bin, wo man das Hochdeutsche im Gegensatz zum Plattdeutschen
um so reiner ausspricht, und da ich noch dazu drei Jahre lang in
Leipzig und Berlin auf meine Mundart geachtet habe, so brauche ich
wegen meines Dialekts wohl nicht bange zu seyn.
Wie gerne ich übrigens klein anfangen und mich in alle Schranken fügen
werde, kann ich Ihnen nicht genug versichern, und wenn Sie nun gar sich
herablassen wollten, mich während dieser Zeit der Niedrigkeit bisweilen
Ihrer Belehrung zu würdigen, so hätte ich Ursache, der gesegnetsten
und einflußreichsten Periode meines Lebens entgegen zu blicken. Und
bekäme ich auch nur eine Gage von 200 rthlr., so würde ich in diesem
Falle selbst den reichsten Banquier in Deutschland nicht beneiden.
Aber leider! leider! -- ich zittere, indem ich es niederschreibe, und
ich würde es nimmer thun, wenn es sich nicht um _Alles_ handelte --
muß ich Sie ersuchen, mir, wenn es möglich ist, wenigstens mit _einem
einzigen_ Worte und zwar -- -- mit der nächsten Post zu antworten.
Sie können ja von Ihrem Bedienten bloß das Wörtchen „Hoffnung“ oder
„wahrscheinliche Anstellung“ in den Brief schreiben lassen, -- es soll
mir genug seyn, und ich weiß dann doch, wie ich mich hier zu verhalten
habe. Auch verlange ich ja gar nicht Gewißheit, sondern nur die
Aussicht, ob ich in Dresden, wenn ich mich als solchen bewähre, wie ich
mich in diesem Briefe darstelle, vielleicht ein Unterkommen, bei dem
ich nicht zu Grunde gehe, finden kann. -- Nebenbei liegt ein Brief von
dem Herrn Professor Wendt, welcher mich auf Ihre gütige Empfehlung sehr
freundlich empfing; den Herr ~Dr~. Wagner habe ich bis jetzt noch nicht
treffen können. -- Ich stürze für Sie in’s Feuer.
Ihr
gehorsamster _Ch. D. Grabbe_.
(Addresse: Fleischergasse, ~nro~. 241.)