II.

_Weimar_, den 2t. Januar 1824.

Ew. Wohlgeb.

Haben mich mit Ihrem werthen vertraulichen Briefe gar sehr erfreut,

wogegen ich den empfohlnen wackern Mann freundlich aufgenommen, und,

obgleich nur kurze Zeit, mich mit ihm gern unterhalten habe. Ein Jeder

den Sie mir senden soll mir gleicherweise lieb seyn.

In dem nächsten Hefte von Kunst und Alterthum finden Sie ein heiteres

wohlgemeintes, obgleich flüchtiges Wort über Ihre _Verlobten_.

Merkwürdig ist es immer daß von den zerstückelten Gliedern unsers

anarchischen Literatur- und Kunstwesens gar manche sich zu der

frömmelnden Fahne sammeln, welche freylich die Schwachen am Geiste und

an Talenten sektenartig in Schutz nimmt. Schade ist es dabey doch immer

daß so manche löbliche Fähigkeit und Fertigkeit auf diesem falschen

Wege, wohl erst gewisse Vortheile, später aber großen Nachtheil

empfindet; wie ich aufs deutlichste in vielfachen Einzelnheiten die

zu mir gelangt ungern gewahr werde. Wenn denn aber wie man sich

nicht verbergen darf gegen dieses nur seicht und immer seichter sich

verbreitende Gewässer nicht zu wirken ist, so halt ich’s doch für gut,

ja für nöthig von Zeit zu Zeit ein öffentliches Zeugniß zu geben, daß

man anders denkt, wie es denn auch in Ihrer Novelle ganz am rechten

Platz geschehen.

Sollten Sie von manchem was Sie öffentlich auszusprechen geneigt

wären mir baldige Kenntniß geben, so würde ich es dankbar empfangen;

bey der nothwendigen Beschränkung, in der ich mich halten muß um nur

einigermassen übernommene Pflichten zu erfüllen, trifft auch das Beste

spät bey mir ein, da dem minderen aller Zugang ganz und gar versagt ist.

Laßen Sie uns ja bey dieser Gelegenheit wohl betrachten, welchen großen

Werth es hat mehrere Jahre neben einander, wenn auch in verschiedenen

Richtungen gegangen zu seyn. Waren die früheren Zwecke redlich und

ernstlich, so neigen sie sich in späteren Tagen wieder von selbst zu

einander, besonders wenn man gewahren muß daß die nachfolgenden in

solchen Divergenzen hinauszuschwärmen geboren sind, die kein Begegnen

mit dem was wir für das Aechte und Wahre halten, jemals hoffen lassen.

Gern erwähn’ ich auch Ihrer fortgesetzten Vorlesungen, wodurch Sie

Geist und Sinne unserer früheren Tage, auf die wir immer mit einigem

Wohlgefallen zurückzusehen berechtigt sind, lebendig zu erhalten wissen.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 243 / 326 题