ergebenster Diener
_L. Gmelin_.
=Görres, Jakob Joseph von.=
Geb. am 25. Januar 1776 zu Koblenz, gest. am 29. Januar 1848 in
München; als ob der ehemalige Jakobiner und nachmalige Ultramontane
Eile gehabt hätte, das verhängnißvolle Jahr vor Eintritt der Monate
Februar und März zu verlassen!
Ueber was, und was Er geschrieben... beinahe wäre zu fragen erlaubt:
über was er nicht geschrieben? Deutschland -- Europa und die
Revolution -- Christliche Mystik! Aphorismen über Kunst -- wie
Mythengeschichte der asiatischen Welt! „Anathasius“ -- wie die
deutschen Volksbücher! -- Ein Philologe und ein Journalist! --
Ein mächtiger Geist; ein ächter deutscher Mann; und dabei doch
auch fanatisch für Don Carlos von Spanien und dessen Legitimität!
Revolutionair und Absolutist in einer Person! -- Dieser sein Brief
mit allen humoristischen Absonderlichkeiten und genialen Blitzen
ist recht sein eigen.
_Strasburg_, 1. August 1823.
Es ergiebt sich endlich die Gelegenheit, eine altergraue Briefschuld
abzutragen. Ich hatte schon im vorigen Jahre Metzlern aufgetragen,
Ihnen meine letzte Schrift zuzuschicken, nicht damit sie den
Quark lesen sollten, sondern um eine solche Gelegenheit vom Zaune
herabzubrechen. Aber da hat sich der alte Briefadam, den Sie auch gar
wohl kennen, hineingelegt, und die Sache um ein paar Tage verschieben
machen, darüber war die Versendung gemacht, und es im Uebrigen beym
Alten geblieben. Wie mir aber nun Prof. Bruch von hier gesagt, daß er
über Dresden nach Norden gehe, habe ich ihn mir sogleich zum Bothen
bestellt, und er hat, wie nun eine Hand die Andere wäscht, mich
gebethen, ihn bey der Gelegenheit bey Ihnen einzuführen, was ich ohne
Bedenken thue, da er ein wackerer, gescheidter Mensch, und durch seine
Familie von Cöln her noch ein halber Landsmann ist.
Hinter ihm komme ich selber dann herein, und setze mich auf ein paar
Augenblicke zu Ihnen hin, oder stelle mich vor Sie, wie damal unten,
und nachdem erst alle Thüren und Fenster wohl verschlossen sind, des
Zugwinds wegen, können wir von allerley reden, am nächsten von Ihnen.
Ich habe vor einigen Tagen im Dresdner ordinari Wochenblatt aus Ihrem
Munde gehört, wie Sie krank gewesen, wovon das Letzte Wort freylich
wieder gut macht, was das Erste schlimm gemacht, ohne jedoch den
Uebellaut des Ganzen für mein Ohr auszutilgen. In demselben Blatte lese
ich mit Erbauung die Flickschusterey, die Sie am teutschen Theater
treiben, und entschuldige und beschönige damit aufs Beste die Meinige,
die ich aus ähnlicher Liebhaberey und mit gleicher Hoffnungslosigkeit
am teutschen Reiche seither ausgeübt. In der That verhalten sich
Beyde wie Szene und Parterre, die sich wechselweiße zuhorchen und
die Misere einander beklatschen, wir Beyde aber sind als Critici
engagirt, und unser Amt ist, die Seligen unglücklich zu machen und so
zu beunruhigen, damit, daß wir ihnen die gute alte Zeit vorhalten,
uns selber aber criticiren wir einander mit nichten, weil ~monachus
monachum non decimat~. Zwar schien es mir, als ob Sie in Ihrer
neulichen Narrennovelle mir in etwas in mein Gebieth hinübergepfuscht
hätten; inzwischen beruhige ich mich damit, daß ich ja auch, wenn
es mir einfällt, im Namen des teutschen Theaters eine Critik Ihrer
Theatercritik schreiben kann, was aber freylich Alles zuletzt nur zu
einer wechselseitigen Aufreibung ausschlagen würde.
Sie verlangen nun wohl auch einige Nachricht von unserm Thun und
Treiben hier in der Fremde zu erhalten. Sie wißen die Stadt Strasburg
ist der Hauptort der ehemaligen Landgrafschaft Elsaß, unter 48° und
einigen Minuten Nordbreite, Stadt und Festung von mehr als 50000
Einwohnern bey starker Garnison, besitzt ein berühmtes Münster in der
sogenannten gothischen Bauart, einige andere ansehnliche Kirchen,
darunter die von St. Thomas mit dem schönen Monument des Marschalls
von Sachsen, eine protestantische und katholische Academie, Präfectur,
Tribunalien, ein neues geschmackvoll erbautes Theater, fünf und
vierzig Brücken, über die verschiedenen Arme der Preusch, viele
Fabricken und Manufacturen und sehr aufgeklärte, gebildete, beyder
Sprachen erfahrene, aufgeweckte Einwohner, die fleißig die Bibliotheken
und andere öffentliche Bildungsorte besuchen. Dort sitzen wir nun
mit Kind und Kegel wie Wasserlinsen auf der reichlich ausgegossenen
Feuchtigkeit des Landes schwimmend, und darum frisch grünend wie
die Wälle, und ruhig wartend, ob es der selbst übergeschnappten
Direction gelingt, die Bewohner Ihres Convictes mit denen wir in
Liaison stehen, wieder zurecht zu bringen; in welcher Erwartung man
sich schon etwas Geduld einlegen muß. Der Mann, wie gesagt, giebt
sich mit den Comödianten ab; die Frau härmt sich heimlich ab, daß sie
ganz wohlbeleibt wird, die Kinder kränken sich, daß sie Beyden über
die Köpfe wachsen, Alle grüßen jedoch in ihrem Harme aufs herzlichste
nach Dresden hinüber, und laden zur Besichtigung der eben ausgelegten
Herrlichkeiten aufs freundlichste ein.
Die erste Tracht unseres Briefwechsels ist somit abgehoben, und wenn
Sie nun in andern vier Jahren wieder eine Antwort schreiben, so können
wir nach und nach eine schöne Titanencorrespondenz einleiten, wo die
Riesenbübchen da stehen und sich die Briefschaften wie Bälle aus
einem Welttheil in den Andern, und einem Jahrhundert ins Andere zu
werfen. Behalten Sie sich gesund und frisch, damit Sie den ablangen
vieljährigen Umlauf noch recht oft zurücklegen, und es gescheidter
machen als jener Burgsdorf, der doch hoffentlich nicht der Ihrige seyn
wird, von dem ich vor Monathen in der Hamburger Zeitung den Sterbfall
angekündigt gelesen.