II.

_Prag_ 19. Juny XX.

_Verehrtester Herr und Freund!_

Empfangen Sie vor allem meinen herzlichen Dank für die große Freude,

die Sie mir durch Ihren lieben, gütigen Brief gemacht haben -- es ist

mir ein großer Stein vom Herzen, seit ich mir schmeicheln darf, Sie

seyen nicht ganz unzufrieden mit den Veränderungen, die ich gemacht

-- Ja selbst Ihr Tadel ist mir doppelt angenehm, weil ich selbst, als

ich die Mährchen gedruckt zur Hand bekam, etwas Aehnliches zu bemerken

glaubte. -- Daß Sie sich nun in Dresden befinden ist mir sehr lieb, da

ich doch nun eher wieder hoffen darf mich eines Zusammentreffens zu

erfreuen, und, wenn Sie unsre gute alte Stadt nicht besuchen, gewiß

trachten werde, einmahl einen Ausflug nach Ihrer freundlichen Elbstadt

zu machen. Auch Graf Herźan, welcher sich Ihnen herzlich empfiehlt,

hofft gewiß Sie diesen Herbst dort zu besuchen, er war sehr vergnügt,

endlich wieder einmahl etwas von Ihnen zu hören, nachdem wir uns so

unzählige Mahle von Ihnen unterhalten und das Jahr 1813 zurückgewünscht

hatten (doch er wahrscheinlich ohne Verwunderung.) Leitenberger wohnt

wieder hier und seine Adresse ist: „Auf dem Roßmarkt im Marmorhaus.“

Auch für die Bekanntschaft des würdigen und kunstsinnigen Herrn

Superintendenten Spieker bin ich Ihnen sehr dankbar und bedaure

nur, daß die Kürze seines Aufenthaltes mir nicht erlaubte, ihm mehr

dienstlich zu seyn, auch ließ das unfreundliche und unsichere Wetter

eine Fahrt auf den Karlstein nicht wohl zu.

Ich darf mir wohl kaum schmeicheln, daß Sie mir so bald wieder ein

paar Zeilen schenken werden, doch kann ich Sie versichern, wenn

Sie eine Viertelstunde daran wenden wollen, einen frohen Menschen

zu machen, so thun Sie es gelegentlich einmahl wieder, und sollten

Sie in den nächsten Monaten der Abendzeitung ein Mährchen: „St.

Stephens Freydthof“ finden, so lassen Sie mich doch wissen, ob ich

vor- oder rückwärts gegangen, ob ich das Mährchenschreiben aufgeben

oder fortsetzen soll? Hätte ich nicht gefürchtet, Ihre Güte zu sehr

zu mißbrauchen, so würde ich Ihnen einen dramatischen Versuch, dessen

ich schon in meinem vorigen Briefe erwähnte, mittheilen -- doch ich

bescheide mich, Ihnen nicht zu viel von Ihrer kostbaren Zeit zu rauben

-- möchten Sie uns doch recht bald und mit recht viel beschenken. Ihre

Genoveva ist noch nicht hier in Prag. Graf Herzan und ich warten mit

Schmerzen darauf.

Ich muß schließen, denn ich soll diesen Brief Ihrem Freunde heute noch

ins Theater bringen -- von dem er Ihnen selbst erzählen mag, es wird

nicht viel Tröstliches seyn.

Ich empfehle mich Ihrem gütigen Andenken und bin mit Freundschaft und

inniger Verehrung

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 229 / 326 题