_Prag_ 19. Juny XIX.
_Wohlgeborner,
Hochgeehrtester Herr Professor!_
Wenige Monate nach Ihrer Abreise von hier, benutzte ich die Erlaubniß,
die Sie mir ertheilt, Ihnen Nachricht von meiner Existenz geben zu
dürfen -- ich erfuhr nie, ob Ihnen jener Brief zugekommen sey, und
erhielt keine Antwort; später erfuhr ich durch Liebich, daß Sie sehr
krank seyen, und endlich, Sie hätten eine neue Reise unternommen --
so verschob sich ein zweiter Versuch bisher immer; aber nun kann ich
mir die Freude nicht versagen, Ihnen meine Mährchen (die, wenn etwas
aus ihnen geworden, es doch einzig Ihnen zu verdanken haben) zugleich
mit der Geschichte ihrer Umstaltung zuzusenden. Sie waren so gütig mir
zuzutrauen, daß ich im Stande seyn würde, sie nach den höhern Ansichten
dieser Gattung, die ich von Ihnen empfing, zu verändern; aber ich hatte
dennoch mehrere Jahre nicht den Muth dazu, bis es mir endlich im Herbst
1817 vorkam, als sey mir plötzlich ein Licht aufgegangen, und ich mit
so viel Muth und Freudigkeit arbeitete, daß die Arbeit sehr schnell von
statten ging. Empfangen Sie hier, was ich geliefert, und sprechen Sie
das Urtheil, ob ich Ihr Vertrauen einigermaßen gerechtfertigt habe,
oder ob Sie mit Bedauern einsehen, daß Sie mir mehr Kraft zutrauten,
als ich besitze.
Auch das Trauerspiel, dessen Plan sie einst lasen, (doch hoffe ich,
Sie würden ihn in dieser Umstaltung kaum wieder erkennen, denn ich
habe nur die Grundzüge beibehalten) ist vollendet, und wenn unsre gute
Stadt in einer directen Verbindung mit Ihrem Aufenthaltsort, oder
wenigstens mit Frankfurt an der Oder stünde, so würde ich so frei
gewesen seyn, auch über dieses mir Ihr Urtheil zu erbitten. Graf Herzan
-- welcher den redlichen Mahner bei mir macht, wenn ich faul bin --
war damit zufrieden, und mehrere, zum Theil strenge Kritiker sprachen
Bemerkungen über dasselbe aus, mit denen ich zufrieden seyn kann. Wenn
ich nicht irre, so äußerten sie einst (was ich selbst befürchtete),
der weissagende Knabe werde zu wenig thätig, gleichsam nur als Chorus
erscheinen -- mit Vergnügen kann ich Ihnen sagen, daß dieß nicht der
Fall ist, und Hebenstreit -- der strenge Gegner Müllners und der
Schicksalstragödien -- meinte, ich würde nichts aus dem Jungen bringen,
und gestand mir, als er fertig war, das habe er nicht erwartet.
Sie sehen, daß ich ein wenig in das Ding vernarrt bin, wie es
gewöhnlich mit den jüngsten Kindern geht -- je nun! es ist seiner
öffentlichen Prüfung entgegen gegangen und Directionen und Publikum
werden mich vielleicht bald eines andern belehren; es ist einstweilen
in Wien verboten worden, weil es -- eine Schicksalstragödie ist, und
nach Dresden und Berlin habe ich es auch gesandt, wir wollen sehen, was
daraus wird.
Was halten Sie von Grillparzer? ich wäre sehr begierig, Ihr Urtheil
über seine Ahnfrau und Sappho zu hören; auch Graf Herzan -- der sich
Ihnen herzlich empfiehlt -- würden Sie durch diese Mittheilung eine
große Freude machen.