II.

_Dresden_ 1. Febr 1848.

_Mein hochverehrter, würdiger Freund_

Erst heut kann ich Ihnen danken, ich war körperlich leidend. Ich lese

Ihren Brief immer wieder mit Freude und Rührung, auch mit Stolz. Wie

liebevoll ist Ihr Lob und Ihre Sorge um mich so weise. Vor Allem

giebt mir eine Stelle zu denken. Sie fürchten, zu Vieles in meinen

Stücken könne Erlebtes sein. Das ist zwar nicht der Fall, für die

Valentine fand ich den ethischen Inhalt allerdings in meinem Leben,

beim Waldemar ist Alles erfunden, bis auf ein Paar kleine schlechte

Witze; aber es ist doch etwas Bedenkliches dabei, und Ihre Bemerkung

hat mir’s wieder in die Gedanken gebracht, ohne daß ichs vollständig

zu begreifen vermag. In meiner Art Charaktere zu empfinden und

darzustellen, ist etwas Eigenthümliches, was nicht normal ist, etwas

Ueberschüssiges, das den idealen Gestalten eine Portraitphysiognomie

giebt. Das schadet ihrer Idealität, jedenfalls erschwert es dem

Schauspieler die Darstellung. Was ist das? Ist das ein Ueberfluß, den

Zeit und Praxis wohl mildern können, oder ists nicht vielmehr ein

Mangel, ein organischer Fehler in der Gestaltung? Es scheint mir aber

diese Eigenthümlichkeit daher zu kommen, daß ich mit vielen kleinen

Strichen zeichne, deren ich mich nicht erwehren kann, weil sie mir

schnell und lustig aus der Feder laufen; das giebt einen Schein von

innerem Reichthum, hinter dem sich wohl Dürftigkeit verbergen kann. Es

ist eine Art Arabeskenzeichnerei, bei der ich mir sehr klein vorkomme,

wenn ich sie gegen die einfachen, kühnen und großgeschwungenen Linien

Shakespearscher Conturen halte. Und ich fürchte sehr, dieser Uebelstand

wird mich verhindern, dem Theater viel zu werden und Großes in unsrer

Kunst zu leisten. Ich versuche mich aber nächstens an einem Stoff mit

großen Leidenschaften, um dahinter zu kommen, wie es mit meiner Kraft

steht. Wohl aber erkenne ich, daß in der gegenwärtigen Schlaffheit und

Nichtswürdigkeit des dramatischen Schaffens mein Beruf ist, die Fahne

künstlerischer Wahrheit und Ehrlichkeit zu tragen, bis ein Bessrer

kommt, der sie mir aus der Hand nimmt. Das wird mir vielleicht weh

thun, es soll mich nicht verwirren.

Mein Unglück ist, daß ich allein stehe, sehr allein, ich entbehre

der Förderung durch Mitstrebende zu sehr. Mit den Andern habe ich

wenig gemein. -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --[10]. „Der Gelehrte“ war

eine 4 Jahre alte, aufgestutzte Uebung im Vers, er ist nicht fertig

geworden, weil ich dieser Manier gram wurde. -- -- -- -- -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --. Und wohin ich sehe, zur

Zeit nirgend ein Mann, mit dem ich Hand in Hand gehen möchte. Ihre

liebevolle Theilnahme ist mir ein rechter Sonnenblick. Und wenig fehlt,

so käme ich nach Berlin und Ihnen auf den Hals, um von Ihrer Nähe das

zu erbitten, was mir an meisten fehlt, eine Künstlerseele. Sie selbst

würden wenigstens die Empfindung haben, Jemandem recht wohl zu thun,

und ich würde um Vieles reicher und stärker. Und doch, obgleich ich

frei bin, wie ein Vogel, kann ich in Berlin auf die Länge schwerlich

froh sein, ich kann diesen Wust von Thorheit und Arroganz, der sich um

die dortigen Theaterzustände gelegt hat, nicht vertragen. -- -- -- --

-- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --. Und das

Alles müßig ansehn zu müssen! Sie sind glücklich, Sie haben die Ruhe

und Sicherheit eines großen, starkbewegten Lebens in sich, und wenn

das Völkchen zu Ihren Füßen Dummheiten macht, bis an Ihr Haupt reichen

sie nicht. Sie sehen aber muß ich, und will ich, und bald. Sobald die

Witterung milder wird, komme ich nach Berlin und da Sie mir erlauben

Sie zu sehen, will ich dies zu meinem Hauptzweck machen, und mich nicht

darum kümmern, ob der Waldemar grade gegeben wird. Erwarte ich doch

auch wenig von der Aufführung in Berlin. Die Viereck kenne ich gar

nicht, ich werde aber Ihrer Andeutung nach ihr die Rolle geben lassen.

Und Sie selbst wollen ihr dabei helfen. Das macht mich sehr froh und

ist mir ein gutes Omen und innig danke ich Ihnen im Voraus dafür.

Möchte der Winter Ihnen ohne die Belästigungen vergehn, die er uns

Allen bringt. So ödes Licht und die Natur so schmutzig, man lebt doch

nie mehr in der Hoffnung, als im Winter. Das ist recht die Zeit dazu,

Pläne zu machen. Auch ich habe welche. Zuerst komme ich nach Berlin,

zu Ihnen; dann schreibe ich zwei übermüthige Stücke, eins nach dem

andern. Das erste soll ein Volksstück werden, ich habe unser Märchen

vom schlafenden Dornröschen zu Grunde gelegt, und lasse vier schnurrige

Gesellen darnach ausziehn. Das Ganze soll so sehr als möglich der

herrschenden Form der Wiener Possen sich anschließen, damit die

Laune und Satyre, über die ich etwa commandiren kann, nicht zu sehr

befremdlich werde. Dies Stück ist schon einmal gemacht[11], aber es ist

zu sehr Skizze geblieben, ich muß es lustiger, burlesker austreiben.

Dazu warte ich auf Uebermuth. -- Das Zweite soll was Großes werden, und

ich kann sehr ausführlich melden, was es Alles werden soll, da ich noch

über nichts im Klaren bin.

Leben Sie wohl, mein lieber, hochgeehrter Mann, bleiben Sie mir hold,

ich bin

mit inniger Verehrung

Ihr

treu ergebener

_Freytag_.

=Genast, Eduard.=

Dieser mit vollem Recht geachtete dramtische Sänger und Darsteller

hat seinen Lebenslauf in dem vielgelesenen Buche: „Aus dem

Tagebuche eines alten Schauspielers“ selbst geschildert, und es

dürfte nicht schwierig sein, in demselben die Beziehungen auf beide

hier mitgetheilte Briefe zu finden. Er verbindet und vermittelt

durch dasselbe gewissermaßen drei Generationen, von seinem (in

_Trachenberg_, auf Fürst Hatzfeldts schlesischem Schlosse --

nicht wie er schreibt: Drachenberg -- geborenem) _Vater_,

Schillers später nie mehr erreichtem Kapuziner, bis zu seinem

neuerdings mit verdientem Glücke in der Litteratur aufgetretenem

_Sohne_, dessen Roman: „Das hohe Haus“ viele Freunde gefunden

hat.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 223 / 326 题