_Dresden_ d. 24t. März 1847.
Gern hätte ich Ihnen, mein innig verehrter Freund und Meister, von dem
Gelingen meines Unternehmens mit Ihrem Blaubart gemeldet. Ich habe
gezögert, weil ich einem Scheine von Hoffnung dafür traute, aber ich
sehe nun wohl, ich muß den sehr liebgewordenen Plan fallen lassen.
Man weicht meiner wiederholten Anregung aus, es ist auch Alles so
anders geworden, daß einem Unternehmen, das sich vor dem Alltäglichen
auszeichnet, wenig Gelingen zu prophezeien wäre. Ich habe mich und
den Blaubart auf das zweite Gebiet zurückgezogen, welches ich als die
Erbschaft Ihres Wirkens in Dresden mir angeeignet. Aus der von Ihnen
eingeschlagenen dramaturgischen Bahn verdrängt, habe ich versucht Ihren
Platz als Vorleser einzunehmen, so wenigstens, daß Ihr Gedächtniß
bei Ihren Freunden und Anhängern durch mich immer wieder angefrischt
werde. So habe ich denn in diesem Winter eine Reihe guter Stücke vor
empfänglichen und reifen Zuhörern von einem Lesepulte aus in Scene
gesetzt und dargestellt und zweimal den Blaubart zum Ergötzen und zu
wahrhafter Erschütterung zahlreicher Zuhörer vorgetragen. Dieser Erfolg
ist nun freilich nicht so umfassend als ein theatralischer, aber er
ist sichrer und hat tiefer ergriffen. So habe ich die Genugthuung, daß
Ihr Geist hier immer gegenwärtig wirkend fortlebt. Freilich ist er mir
auch gerade jetzt unausgesetzter nahe als jemals. Die Geschichte der
deutschen Schauspielkunst, welche ich zu bearbeiten unternommen habe,
bringt, je weiter und tiefer ich forsche, alles was ich von Ihnen je
über das Wesen unsrer Kunst vernommen habe, mir wieder frisch in die
Gedanken und läßt so Vieles, was mir sonst Zweifel machte, zu völliger
Ueberzeugung werden. Mit dem was Sie über die Entwicklung der deutschen
Bühne hier und da in Ihren Werken ausgesprochen -- leider ist es nur
viel zu wenig für mein Bedürfniß -- fühle ich mich immer mehr und mehr
in Uebereinstimmung gerathen, so daß ich Ihre Anschauungen als die
allerunfehlbarsten habe erkennen lernen. Ein Jeder, der gewissenhaft
forscht, wird Ihre Ansichten als die einzig passenden Schlüssel
erkennen, durch welche man zu der einfachsten und natürlichsten
Erkenntniß der Dinge gelangt. Durch meine geschichtlichen Forschungen
bin ich erst in vollständige Uebereinstimmung mit Ihnen gekommen, jetzt
erst habe ich verstehen gelernt, was ich seit 1822 aus Ihrem Munde
gehört. Es ist alles so wie Sie es gesagt haben und Keiner hat die
Dinge mit so deutschem Herzen für die deutsche Kunst empfunden wie Sie.
Ungeblendet von literarischen Glorien haben Sie immer dem Gedeihen der
Kunst nachgefragt, Sie haben die Sache der deutschen Schauspielkunst
im Herzen getragen, an die doch das Gedeihen des Theaters geknüpft
ist, Sie haben auf nur gesunde und naturgemäße Entwicklung gedrungen.
Jetzt wo ich die Ueberfülle des geschichtlichen Stoffes von den
geistlichen Spielen an bis in die Göthe-Schillersche Schule zu Weimar
durchgearbeitet habe, jetzt ist es mir klar geworden, wie ungeheuer
Recht Sie mit so Vielem hatten, wovor ich oft gestutzt. Ich weiß, es
freut Sie, daß mir die vollständige Erkenntniß davon aufgegangen und
daß ich sie als meinen Dank Ihnen ausspreche, -- darum halte ich nicht
zurück. Ich hoffe Sie sollen mit meinem Buche nicht unzufrieden sein,
denn wenn Sie auch viel daran vermissen werden, den guten Willen und
getreuen Sinn für die Sache für welche ich arbeite, wird niemand besser
würdigen können, als Sie.
Wie oft sehne ich mich nach Ihrem Rathe, Ihren Nachweisungen aus dem
Schatze Ihrer Kenntniße auf diesem Gebiete, wie viel vollständiger
würde mein Buch in Ihrer Nähe werden. Darauf muß ich nun freilich
verzichten. Mich tröstet es, daß ich der erste bin, der einen Weg
durch die Ruinenwüste bahnt, so wird von mir auch fürs erste nur die
gangbare Straße gefordert werden können.
Den Nachrichten zufolge, welche wir zuletzt von Ihrem Befinden erhalten
haben, trifft dieses Blatt Sie in leidlichem Wohlsein. Hoffentlich
wird der Sommer und Ihr Aufenthalt in Potsdam Sie wieder vollständig
erfrischen. Vielleicht kann ich mich doch so einrichten, bevor ich
meinen ersten Band drucken lassen, zu Ihnen zu kommen und Ihren Rath
über Einiges zu erbitten. Möchte es mir schon deshalb vergönnt sein, um
mich von Ihrem Wohlergehen überzeugen zu können.
Leben Sie wohl, hochverehrter Mann, und gedenken Sie meiner mit dem
alten Wohlwollen
ganz der Ihrige
_Eduard Devrient_.
=Devrient, Carl.=
Wenn _Emil_ Devrient, der „ewige Jüngling,“ die bis in’s Alter
blühende Macht des Schönen in theatralischer Kunst personificirt;
wenn _Eduard_ den Werth besonnen-wirkender theoretischer
Studien zur Geltung bringt; dann dürfen wir _Carl_, der drei
Brüder ältesten, (denn er schlug schon die Befreiungskriege mit,
und kehrte von Wunden geziert wieder heim,) als den nächsten Erben
seines Oheim’s im Genialen betrachten. Carl hat Rollen gehabt,
-- manchmal nur einzelne Scenen, -- wo er, begeistert, zu wahrer
Begeisterung hinriß. Aber seine Darstellungen waren ungleich. Er
hing vom Augenblick, von dessen Stimmungen ab. Es ist vorgekommen,
daß er bei Gastspielen als Räuber Moor -- als Lear -- als Hamlet in
einem Akte die größten Reminiscenzen aller Theaterfreunde überbot,
-- daß er im andern, durch irgend welche Zufälligkeit gestört,
wichtige Momente fallen ließ, und sich selbst nicht ähnlich
blieb. Dennoch wird er mit vollem Rechte als eine Zierde des K.
Hoftheaters zu Hannover geschätzt, und ist allgemein geachtet und
beliebt wegen seines geraden, männlichen Charakters.