VIII.

_Dresden_, d. 13t. July 1846.

Wie lange ist es schon, daß ich Ihnen, hochverehrter Mann, schreiben

wollte! Zuerst in der Freude meines Herzens über die reiche Erndte, die

meine Saat auf dem von Ihnen urbar gemachten Felde mir eingetragen.

Ich verschob es um immer reichere Resultate Ihnen vorlegen zu können

und Ihnen zu beweisen, daß all Ihre üblen Prophezeihungen nicht

eingetroffen seien. Dann kam eine andre Zeit, wo ich Ihnen schreiben

wollte aus tief verletztem Herzen und Ihnen gestehen, daß Sie

Recht gehabt mit Ihren Vorhersagungen, wo ich meine Ungläubigkeit

rechtfertigen wollte, weil man gewisse Dinge nie glauben darf, bis man

sie nicht erlebt, weil es edler ist unter ihrer Erfahrung zu erliegen,

als ihre Möglichkeit im Voraus anzunehmen. Und doch, da ich Ihnen von

den Verhältnißen hier nichts zu sagen wußte, was Sie nicht wußten,

habe ich Ihnen den Ausdruck der ersten Bitterkeit erspart. Besser

kann ich mir die Fortdauer Ihrer unschätzbaren Theilnahme verdienen,

wenn ich Ihnen sage, daß die Erfahrungen, die ich hier gemacht, und

die von keiner noch so schmerzlichen meines Lebens überwogen werden,

dennoch den Werth der Resultate nicht verringern, die ich aus meiner

Wirksamkeit gezogen. Ich habe mich überzeugt, daß die besten Pläne

ausführbar sind, daß es weder an Kräften noch gutem Willen bei den

Schauspielern, noch an bereitwilliger Empfänglichkeit im Publikum

fehlt, um die deutsche Bühne auf die Höhe der Forderungen unsrer Zeit

zu heben. Es ist eben nicht die Schuld unsrer Bühne, daß sie nicht mehr

taugt; auch das ist ein Trost. -- Habe ich mich in meiner Regieführung

in That und Gesinnung als Ihren Jünger gefühlt und gezeigt, ja gerade

um deswillen eine ehrenvolle Anfechtung erfahren, so hoffe ich sollen

Sie mich in einer literarischen Arbeit Ihnen ebenso getreu erfinden,

der ich mich jetzt mit allem Eifer hingegeben habe. Ich versuche mich

an einer Entwicklungsgeschichte der deutschen Schauspielkunst. Wie

oft bedaure ich aber dabei nicht in Ihrer Nähe zu sein! Von welcher

Wichtigkeit müßten mir Ihr Rath, Ihre Andeutungen, Ihre Auskunft sein!

Nun muß ich mir einsam forthelfen, finde hier auch nicht alles von

Büchern, was mir nöthig wäre. Indessen steht mein Sinn so sehr auf

diese Arbeit, daß ich nicht davon kann.

Eine andre Angelegenheit liegt mir noch am Herzen, es ist die

Künstlerlaufbahn meiner Tochter, deren Neigung ich denn doch, nach

langem heftigen Kampfe nachgegeben habe und an der Intensität ihres

Talentes wohl erkenne, daß ich nicht anders durfte. Herr von Lüttichau

hat sie angestellt und so soll sie unter meinen Augen ihre Schule

machen.

Es ist eigenthümlich, daß das Mädchen an Ihren Gedichten die ersten

bedeutenden Zeugen ihrer Fähigkeit gefunden. Als neunjähriges Kind

erregte sie als Rothkäppchen unsre Aufmerksamkeit, in den Scenen

des Blaubart, die wir vor unsrer Abreise von Berlin bei Lenne’s

aufführten, erschien ihr Beruf schon unzweifelhaft. Gern möchte ich

nun, daß sie an dieser Rolle sich bald öffentlich versuchte. Das

Original aufzuführen, wie es in Berlin bei der mehr verbreiteten

literarischen Bildung möglich war, scheint mir hier in Dresden nicht

gerathen. Sie selbst, verehrter Mann, kennen ja das hiesige Publikum

genug, um meine Bedenken zu theilen. Möchten Sie mir wohl erlauben,

dem Gedichte die Form zu geben, die mir der Stimmung hier und den

Kräften unsrer Bühne angemessen scheint? Sie billigten vor 3-4 Jahren

die Bearbeitung, welche ich Ihnen vorlegte, wollen Sie mir gestatten

in dieser Weise Herrn von Lüttichau die Aufführung vorzuschlagen? Ich

würde dann Tauberts Musik benutzen, aber mit einigen Modificationen,

denn mir scheint, daß er das Gedicht zu sehr eingeengt hat durch

melodramatische Behandlung. Das würde ich mit ihm bereden. Sobald

mit Ihrer Bewilligung mein Plan gelingt, dem Gedichte die populaire

Wirkung zu sichern, die ich davon erwarte, so werde ich bei der

ferneren Verbreitung die Bestimmung über die eingehenden Honorare Ihnen

anheimstellen, wie ich es schon bei dem ersten thun werde.

Wollen Sie also, verehrter Mann, das Vertrauen erneuern, mit welchem

Sie schon vor mehreren Jahren mir eine Einrichtung des Gedichtes

übertrugen, so würden Sie mich ebenso hoch ehren als erfreuen und meine

Tochter würde Ihnen eine der schönsten Gelegenheiten danken ihr Talent

zu bilden. Ich bitte um einige Zeilen, die mir Ihre Willensmeinung kund

thun und hoffe, daß Sie meine Bitte _bald_ gewähren.

Meine Frau und Tochter empfehlen sich Ihnen auf das Angelegentlichste.

Darf ich bitten die Frau Gräfin Vinkenstein an unsre hochachtungsvolle

Ergebenheit zu erinnern?

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 203 / 326 题