_Baaden_ in _Oesterreich_ den 11ten July 1818.
_Verehrtester Freund!_
Ich habe einen Brief an Sie vor mir liegen, den ich, nachdem ich lange
auf die versprochne Recension des Voßischen Shakspeare gewartet, im
April d. J. ausführlich genug schrieb; ich weiß nicht, warum ich immer
zauderte ihn abzuschicken. Endlich erfuhr ich, daß diese Uebersetzung
noch gar nicht erschienen sey, und ich beschloß Ihnen von Neuem zu
schreiben. Den Hafner so wie den 1ten B. der Jahrbücher schickte ich
vorläufig durch die Gesandtschaft an Reimer in Berlin, ich hoffe, Sie
werden diese Bücher erhalten haben. Meines Bruders Werke werde ich
Ihnen, wenn ich wieder nach Wien komme, zusenden, ich fürchtete das
Paket zu groß zu machen. Wollten Sie nicht die Güte haben, irgend ein
anderes Werk zur Beurtheilung zu übernehmen, bis Sie vielleicht 2
oder 3 Bände Shakespears zur Hand haben? Vielleicht Solgers Gespräche
über das Schöne? Sie haben jetzt den 1ten B. der Jahrbücher bereits
durchsehen können, so daß ich kaum bemerken darf, daß die Recensionen
so lang seyn können, als Sie es nur immer für nöthig halten; je mehr
und weitläuffiger Sie sich über Ihre eigenen Ansichten verbreiten
wollen, desto besser ist es, weil man gern ein, in so fern dieß bey
Anzeigen fremder Werke möglich ist, durch sich selbst bestehendes Werk
in diesen Jahrbüchen liefern möchte. Auch wäre es sehr schön, wenn Sie
Bouterweck sogleich vornehmen wollten; denn erscheine nun ein neuer
Band oder nicht, so ist der Gegenstand so wichtig, daß er auch ohne
Veranlassung der Erscheinung eines neuen Bandes für die Jahrbücher mehr
als geeignet ist.
A. W. Schlegel hat sich für jetzt entschuldigt, und liefert nichts,
Friedrich Schlegel hat mir eine Schaar Bücher vorgeschlagen, aber
bis jetzt noch nicht eine Zeile geliefert. Ich bitte hierinn Ihren
Freunden nicht nachzuahmen, sondern einem nur das Beste der Kunst
und Wissenschaft bezweckenden Institute auch durch Ihre Beyträge
beförderlich zu seyn. Ich ersuche auch A. W. Schlegel das alt deutsche
Theater anzuzeigen, und weiß jetzt nicht, wem ich es übergeben soll.
Den Phantasus werde ich, wenn der 4. B. erscheint, im Ganzen anzeigen,
ich that es nicht gegenwärtig, weil ich nicht sogleich den Böttiger
durch die Anzeige des gestiefelten Katers kränken wollte, da er in
Hinsicht der Entstehung der Jahrbücher sich einiges Verdienst erworben.
Seine Briefe an mich sind, ich weiß nicht soll ich sagen lächerlich
oder ärgerlich; denn er muntert mich immer auf, ihm Geheimniße zu
vertrauen, die nicht existiren; und obwohl er aus dem ersten Bande
der Jahrb. hätte sehen können, daß sie ein ganz harmloses Werk sind,
schreibt er doch an andere: ob er auch trauen dürfe? Eben so fürchtet
er die Censur unaussprechlich, und doch schreibt er in einem Fache, dem
die strengste Censur nicht leicht beykommen kann.
Wie sehr mich das, was Sie mir über meine dramatischen Arbeiten
schrieben, aufgemuntert hat, kann ich unmöglich sagen. Daß ich ganz
Ihre Ansicht des historischen Schauspiels habe, glaubte ich schon
während Ihrer Anwesenheit in Wien aus manchen Aeusserungen zu bemerken;
mir ist dieselbe so zu sagen, natürlich, und gar nicht die Folge eines
besonderen Studiums, obgleich ich jetzt bereits viele Jahre auf die
solidere Begründung derselben verwendet habe. Es wäre sehr zu wünschen,
daß Ihr so lang erwartetes Werk über Shakespeare endlich erschiene,
denn ausser so manchen höchst schätzbaren Beyträgen zur Kenntniß der
Werke selbst und zur Erklärung mancher Einzelnheiten, wird wohl
damit das erstemal, seit über den Dichter geschrieben worden, eine
erschöpfende Ansicht seiner Wesenheit oder poetischen Eigenthümlichkeit
an das Licht treten. Ich habe einmal versucht in Fr. Schlegels Museum
eine Entwickelung des Shakespearschen Schauspiels vom historischen
Standpunkte aus, als den diesem Dichter wesentlichen, zu geben, und Sie
würden mich sehr verbinden, wenn Sie mir hierüber Ihre Meynung eröffnen
wollten.
Was meine Schauspiele betrifft, so muß ich hier vorläufig bemerken,
daß sie freylich nicht ganz jene historische Treue haben, welche ein
strenger Verehrer der Geschichte fordern könnte; ich glaube aber, daß
sie im _historischen Style_ geschrieben sind: nämlich nach jener
Ansicht des Dichters, nach welcher nicht eine Idee durch dramatische
Einkleidung poetisch realisirt werden will, sondern nach welcher
das Gegebene, die Handlung als bereits realisirtes Ideal des Lebens
aufgefaßt, und in dieser Ansicht als solches dargestellt wird. Hierinn
unterscheidet sich, wie ich glaube, die historische Dichtung von der
romantischen wie von der antiken, und es gibt auf diese Weise noch
eine dritte Dichtungsform, nämlich die historische. Weil ich etwas
dergleichen in der Vorrede zum 1ten B. meiner dram. Dichtungen sagte,
hat ein Recensent der Leipzig. Lit. Zeit. (ich vermuthe Adolf Müllner,
der Verf. der Schuld) im Juny- oder Julyhefte vor. Jahres sich sehr
anmaßend über mich lustig gemacht, wie er überhaupt diese Dramen aus
einem sehr willkürlichen Standpunkte beurtheilte, und mit mir wie mit
einem Schuljungen sprach.
Ferner muß ich bemerken, daß diese meine Dichtungen Bruchstücke eines
ausgedehnten Ganzen sind, welches die Zeit Leopolds des Glorreichen bis
zur Ankunft Rudolfs von Habsburg umfassen soll. Ich werde daher klüger
auch nichts mehr drucken lassen, bis ich das Ganze auf einmal geben
kann. Alles wird sich in drey Haupttheile bringen lassen: Leopold der
Glorreiche, Friedrich der Streitbare, Ottokar. Die erste Abtheilung hat
durchaus mehr den Charakter des Lustspiels im edlern Style, und ich
denke ihr sogar den Kaspar v. Rastenberg, den Sie in österr. Mundart
lasen, nach vorhergegangner Umarbeitung einzuverleiben. Die Kunringer
sind der Uebertritt aus der heitern Zeit Leopolds in die ernste und
arbeitsvolle Friedrichs, und wie in diesen Kunringern das heitere
Heldenthum untergeht, glaubte ich auch den lustigen Auswuchs jener
Zeit, Herrn Kaspar sammt Gefolge in einer, allerdings das Trauerspiel
parodirenden Weise, als dessen absolutester Gegensatz, seinem Ende
zuführen zu sollen. Ich glaube nicht, daß Sie, theuerster Freund,
nach dieser Auseinandersetzung H. Kaspar und die Seinen weiter in den
Kunringern anstössig finden werden. Daß die feindlichen Söhne Sie nicht
so, wie Bela, angesprochen haben, finde ich zwar leider nur ganz der
Sache angemessen, glaube aber, daß die wahre Ursache darinn liegt, weil
dieß Stück, wie mir scheint, den Eindruck eines Fragments macht; denn
ein historisches Schauspiel in 3 Akten ist beynahe etwas lächerliches.
Diesen Uebelstand habe ich von Anfang her empfunden, weiß mir aber nicht
recht zu helfen. Es wäre zwar leicht, zwischen dieses Stück und der
dramatischen Scene, Heinrich der Grausame, einen Akt einzuschieben,
und so ein Stück von 5 Akten zu erhalten; die 3 ersten Akte dieses
neuen Schauspiels hätten dann aber nur 8 Tage Entfernung vom Sch.
Bela, und die letzten 2 würden einen Zeitraum von beyläufig 4 Jahren
umfassen. Dem Heinrich d. Grausamen habe ich keineswegs unrecht gethan.
Sie scheinen mir überhaupt die Familiengeschichte der Babenberger mit
der des ungrischen Hauses damaliger Zeit zu verwechseln, denn unter
den Babenbergern findet sich, die Vorgänge mit Heiner d. Grausamen
abgerechnet, kein Zwiespalt. Friedrich d. St. hat sich nie etwas gegen
Vater und Geschwister zu Schulden kommen lassen, und was ~Petrus
de Vineis~ gegen ihn z. B. in Hinsicht der Mutter vorbringt, sind
eben nur Herrn Peters Lügen. Uebrigens ist die von Ihnen gegebene
Darstellung Fr. d. St. gewiß sehr treffend, und Sie werden finden daß
ich ihn im Ganzen eben so auffaßte; einiges was diesem im Tode Fr. d.
St. durch zu große Weichheit widersprechen mag, rührt noch von der
ersten jugendlichern Bearbeitung her, und ich werde es in der Folge
berichtigen. Mehr Unrecht, den Kunringern gegenüber, konnte ich nicht
in seine Schaale legen, ohne das poetische Gleichgewicht zu zerstören.
Heinrich Lichtenstein hatte den Fehler, etwas geitzig zu seyn doch
war er ein guter Feldherr. Sein Haus ist übrigens ein der österr.
Geschichte so wichtiges, daß man wohl die demselben gebührende Ehre auf
Heinrichs Haupt legen konnte. Mit dem Ganzen dieser Lust- Schau- und
Trauerspiele will ich eigentlich den Untergang der edlern deutschen
Heldenzeit in der prosaischeren Verstandesepoche des angränzenden
Jahrhunderts darstellen, doch eine Aussicht auf deren Wiedererneuerung
offen lassen.
Dieß ist dasjenige, was ich Ihnen, verehrtester Freund, über meine
Ansichten und Zwecke bey Dichtung dieser Schauspiele sagen zu sollen
glaubte, theils um mich zu rechtfertigen, theils um guten Rath von
Ihnen zu empfangen. Ich bin übrigens der Meynung, daß, obgleich
die Zeit dazu Veranlassung zu geben scheint, man dennoch bis jetzt
noch gar keinen Sinn für das historische Schauspiel habe, und daß
ich daher wenigstens für jetzt, wenn ich von dem eingeschlagenen
Wege nicht abgehe, nicht zum Volksdichter berufen seyn könne. Weil
übrigens das Theater von meinen Schauspielen keine Notiz nimmt; indem
ich dort nicht als Bittsteller mit meinen Manuscripten erscheinen
und den Schauspielern den Hof machen mag, so nimmt auch das nächste
Publikum, die Wiener Lesewelt, von mir als Schauspieldichter keine
Notiz, und die Herren und Damen von Hof z. B. mit welchen ich in meinen
jetzigen Verhältnißen oft zusammen treffe, wissen nicht einmal, daß
ich etwas dergleichen geschrieben, welches ich auch weder wünsche
noch verlange. Glücklicher Weise bin ich in einer so unabhängigen
Lage, daß ich meinen Ideen, ohne durch dergleichen gehemmt zu werden,
folgen kann. Daß ich aber nicht etwa aus einem kleinlichen Verdruße
über die Unaufmerksamkeit auf meine Schauspiele die Meynung gewonnen
habe, daß man keinen Geschmack an historischen Werken finde, werden
Sie leicht glauben. Wo gefallen die eigentlichen historischen
Schauspiele Shakespeares? Schillers Stücke haben nicht wegen ihres
sich hin und wieder dem Historischen nähernden Charakters Beyfall
gefunden. Man verlangt in Trauerspielen meistens nur Ueberschwung der
Leidenschaft, Partheyanregung für diesen oder jenen Helden, und kann
die im historischen Dichter, auch bey der dargestellten höchsten
Erschütterung dramatischer Personen, vorwaltende Ruhe des Gemüthes
weder vertragen noch auch begreifen. Ich glaube aber darum keineswegs,
daß es um das Theater so schlimm stehe, als manche behaupten wollen;
denn es findet sich für vieles Schöne viel Sinn, wenigstens im Wiener
Publikum, und unter andern wäre jetzt der wahre Zeitpunkt das spanische
Theater auf der Bühne geltend zu machen. Im Auffassen des Komischen
feinerer Art zeigt sich ein zartes Gefühl, und ein sehr richtiger Tact:
Trauerspiele, wenn deren bewegendes Prinzip aufgeregte Leidenschaft
ist, oder wenn ihr Werth in einer gewissen stillern Ueberschauung des
Lebens und seiner Verhältniße beruht, sind jederzeit sicher, begriffen
und mit Liebe aufgefaßt zu werden. Es hat sich jetzt hier ein junger
Dichter, Herr Grillparzer, hervorgethan, dessen zweytes Werk, ein
Trauerspiel: Sappho, mit einem Beyfalle, wie ihn nur immer der größte
Dichter erwarten könnte, aufgenommen wurde. Die Erfindung ist schwach,
die Ausführung aber sowohl in Sprache als Charakterzeichnung ein
vollgültiger Beweis seines Dichterberufes; und obwohl man viel zu
übertriebnen Lärm dieses Stücks wegen erhoben hat, glaube ich doch daß
es weit besser sey, als wenn man, herkömmlicher Weise, ein rühmlich
in die Bahn tretendes Talent verunglimpft, und nur von dessen Blößen
gesprochen hätte. Ich höre überdieß, daß er sehr bescheiden ist, und
sich keineswegs auf dieß Werk, welches er nur als einen Versuch gelten
lassen will, etwas zu gute thut. Er hat einen Jahrgehalt von 1000 F.
sammt Zulagen, so daß er jährlich auf 2000 F. oder mehr kommen wird,
erhalten, um sich mit Musse der Dichtkunst widmen zu können.
Ich ersuche Sie sehr, mich nicht so lange auf eine Antwort warten
zu lassen, als ich unseligerweise mir zu Schulden kommen ließ; denn
ein Brief von Ihnen ist mir über alles werth. Wollten Sie mich nicht
benachrichtigen, was im 4ten B. des Phantasus erscheinen wird? Den
Fortunat bewundre ich insbesondre wegen der sinnreichen Auflösung der
Schwierigkeit, aus all diesen verschiedenen Elementen ein Ganzes zu
formen, welches Sie durch die eingeflochtenen, auf den verschiedenen
Punkten der Reise wieder zum Vorschein kommenden Personen der Heimath,
bewirkt haben. Ich glaube aber jetzt, daß das Ganze nicht in zwey,
sondern in 3 Schauspiele hätte gesondert werden sollen, wo dann
freylich im 2ten eine, vom Buche (mehr als der Charakter Ihrer Dichtung
verstatten mag) unabhängige Erfindung hätte eintreten müßen. Wenn das
Donauweibchen vollendet würde, wäre es eine schöne Sache. Ich habe im
2ten B. der Jahrbücher bey Gelegenheit der Sängerfahrt, einiges darüber
gesagt, mich aber nicht so herauslassen können, als ich wünschte, weil
weniger gedruckt ist, als ich aus Ihrem Munde in Wien vernommen habe.
Ich bitte der Jahrbücher, und mehr noch meiner eingedenk zu seyn.
Mit Hochachtung und Freundschaft
_Collin_.
Ich ersuche mir die Briefe, meines unstetten Aufenthalts wegen, an
die Gerold’sche Buchhandlung in Wien zu schicken, wie Sie mit dem
ersten thaten.