Es gehört einige Dreistigkeit zu, nach so langem Schweigen zum
erstenmahl wieder mit einer Bitte zu erscheinen, und doch sündige
ich auf das Bewußtseyn Ihrer Güte hin, und komme bittend, liebend
und glaubend, weil der Größe des Genius die des Gemüths nicht leicht
nachsteht, ich komme Ihnen, verehrter Tieck die Angelegenheit meines
Freundes Gubitz an das Herz zu legen, und Ihnen zugleich Nachricht von
der _nahen_ Erscheinung meines Werkes zu geben, und Sie vorläufig
mit dem Innhalt bekannt zu machen. Da ich von meinen bisherigen
Arbeiten abgeschnitten lebe, habe ich dies Werk ganz aus meiner
Stimmung in dieser Zeit hervorrufen müßen, um die wachsende Ungeduld
der Unterschreibenden zu befriedigen. Es enthält viele Gedichte, ein
kleines Lustspiel in Versen, und eine romantische Geschichte, welche
ich die _Mahnung unsrer Zeit_ nenne. Unter den Gedichten ist viel
Lyrisches, und manche Romanze, Legende und Volkssage, die der _drey
Schwäne_ nach Gottschalk ist eine der gelungensten. Einige Blätter,
überschrieben _aus meinem innern Leben_ habe ich aus Briefen von
1814 an einen Freund genommen und habe überhaupt das Ganze der Arbeiten
in Prosa aus der frischesten Zeit gegriffen. Ich hoffe das freundliche
Zutrauen der Theilnahme nicht getäuscht zu sehn. Das Manuskript wird
jetzt abgeschrieben, und geht dann sogleich an Engelmann in Heidelberg
ab, der den Druck schön und schnell, und die Versendung pünktlich
besorgen wird, das Lustspiel: _Rembrand’s Todt_ dichtete ich
1813, hab es bis jetzt ruhig liegen laßen, und kann es zum Glück in
Heidelberg aus einem Fach meines Büreaus nehmen und drucken laßen,
denn ich kann mich nicht entschließen, die Fülle meiner Papiere der
Post zu vertrauen, und dem Zufall des Fortschickens Preis zu geben,
und überdem sehn ich mich nach meinen grünen Bergen zurück. Hier ist
kein poetisches Leben, die südteutsche Gegend hat, wenn nicht immer in
den Menschen, doch in Quell Blume Epheu Trümmer und Bergen die Poesie,
hier fehlts an Menschen und an der Natur zugleich. Freylich ist mir das
Leben schaal geworden seit ich von Friedrich und Dorotheen getrennt
bin, wenn gleich auch dies noch nicht ganz das Rechte war, weil ich
selbst damahls erst hätte anders seyn müßen.
Meine Rechtsangelegenheit, von welcher Sie, Verehrter Freund! in
öffentlichen Blättern manches gelesen haben werden, scheint ihrem
seligen Ende zu nahen. Es scheint stark dahin gearbeitet zu werden,
daß sie zerrinne: ~as water is in water~. Was läßt sich dazu thun?
Ich habe in der ganzen Angelegenheit unaussprechlich gelitten, und die
Erfahrungen auf dieser Laufbahn hatten mich so abgelöst vom Leben daß
es einer solchen Anregung bedurfte als die der Ehre und Rechtlichkeit,
um noch dichten und so mein Wort lösen zu können. Es liegt etwas
Süßes in meinem heißen Sehnen nach Ruh. Bis zum Weinen schweben mir
meine grünen Berge vor Augen, und als ich nach Heidelberg schrieb, um
meine Abreise nach Berlin, und die mir zugefügten Abscheulichkeiten
zu melden, war meine ganze Klage das Eine Wort: ich werde dies Jahr
die Mandeln nicht blühen sehen! Wer weis, „wann ich sie wieder blühen
sehe!“ In Bouchers Treibhause haben sie nichts für mich! Ich weiß nicht
ob Sie schon von unserm Bauern _Johann Adam Müller_ erfahren,
der hier unerwartet angekommen, und neuen Krieg geweissagt? Ich kenne
den redlichen Mann, und mir ist noch unvergeßen, wie er am 14. Dez.
1814 nach Heidelberg kam uns Napoleons nahe Landung und den Krieg im
Frühjahr zu verkünden, welche der Geist ihm offenbart. Ich habe Müller
diesmahl einen Mittag und Abend bey mir gesehn, und eine kleine Auswahl
meiner liebsten Freunde und Freundinnen um ihn her vereinigt. Die
Rührung und Anerkennung des Kreises sind mir unvergeßlich, denn dieser
schlichte treuherzige Mann, so ganz Natur und Reinheit, so ruhig, so
still beseeligt im Bewußtseyn der göttlichen Einwirkung erinnert immer
an Schillers Ausspruch:
_Das findet in Einfalt ein kindlich Gemüth._
Dies Zeichen, daß sich Gott der Welt wiederum unmittelbar naht,
das seit neun Jahren sich schon in den Erscheinungen dieses Mannes
bewährt, der Zeitlebens nur rechtlich, fromm und einfach war, rührt
und beseeligt mich, und giebt allen meinen Gedanken ein neues Leben.
Ich habe immer nur die Kunst für göttliche Offenbarung und Eingebung
gehalten, und alles künstlerische Streben nur für den Drang die Nebel
zu zerstreuen, die das innere Auge umziehn. Welch ein Trost wenn die
göttliche Offenbarung in das Leben tritt, und es uns vergönnt ist, in
die Zukunft zu schauen, um unser Herz vorzubereiten, auf künftiges,
nahes, unerläßliches Weh. Die Mächtigen haben nicht für die Beruhigung
der Völker gearbeitet, keine Treu ist belohnt, kein Opfer anerkannt
worden, unser reinstes Herzblut ist vergebens gefloßen. Wie könnt’ es
denn so bleiben? Doch vielleicht sind Ihnen Müllers neue Weißagungen
noch nicht bekannt, ich gebe sie Ihnen treu aus seinem Munde:
Eh die Baumblüthe aufbricht beginnt der Krieg, er endigt noch im May.
Wiederum werden es die Preußen ausfechten. N. kommt fort, im Süden von
Frankreich bricht die Empörung aus, in Frankreich ist der Krieg, dort
findet Napoleon sein Grab in der dritten unermeßlich blutigen Schlacht.
Frankreich wird in drey Stück getheilt. Einen der wichtigsten Punkte
der Offenbarung will Müller nur dem König sagen, den er noch nicht
gesehn. Mein ganzes Gemüth wird tief von seiner Ruhe erschüttert, mit
welcher er ausspricht: _Das hab ich gesehen_. Meine Freundinnen
wendeten sich weg, und weinten, es sind fromme sehr in Einklang
ausgebildete Frauen und Mädchen. Der begeisterte Blick, und die milde
Gemüthlichkeit dieses Mannes werden selbst von herzlosen Spöttern
geachtet. Wenn ich mich selbst noch gegen einen festen Glauben an die
Wahrheit seiner Gesichte waffne, so mag ich doch nicht zweifeln. Daß
es ihm selbst heiliger Ernst ist, darüber ist kein Zweifel mehr, doch
halten ihn noch Viele für getäuscht. Die Zeit wird aufklären, ob Gott
uns wiederum, wie in der Vorzeit unmittelbarer Annäherung würdigt,
und dadurch die Seelen wecken und sich zuwenden will! Dieser heiße
Wunsch macht mich geneigter zum Glauben an die wahrhafft göttliche
Sendung dieses Mannes, als die Thatsachen selbst, die bereits dafür
zeugen. Ich habe mein Selbst der Zeit geweyhet, alles Eigne streb ich
zu vernichten, daß jeder Pulsschlag dem Ganzen angehöre, mich schmerzt
nur das Elend der Völker, mich kann nur das erfreuen, was ich noch
Gutes vermag, und mit heißen Thränen bitt ich oft den Herrn daß er die
Menschen an sich ziehe, damit ein Jeder sein Ich vernichte, und in
himmlischer Liebe wiedergeboren werde. Von dem Allen habe ich Ihren
Schrifften, vornähmlich der Genoveva sehr viel zu danken, und dem
Sternbald. Die ersten Stimmen klangen daraus in mein Herz, und der
Grundton, den sie geweckt klingt nun durchs Leben fort. Gute Nacht!
geben Sie mir ein freundliches Zeichen, ich sehne mich längst schon
danach.
Thiergarten No. 50.
_Helmine_.