17. Dez. 1816 _Berlin_.

Es gehört einige Dreistigkeit zu, nach so langem Schweigen zum

erstenmahl wieder mit einer Bitte zu erscheinen, und doch sündige

ich auf das Bewußtseyn Ihrer Güte hin, und komme bittend, liebend

und glaubend, weil der Größe des Genius die des Gemüths nicht leicht

nachsteht, ich komme Ihnen, verehrter Tieck die Angelegenheit meines

Freundes Gubitz an das Herz zu legen, und Ihnen zugleich Nachricht von

der _nahen_ Erscheinung meines Werkes zu geben, und Sie vorläufig

mit dem Innhalt bekannt zu machen. Da ich von meinen bisherigen

Arbeiten abgeschnitten lebe, habe ich dies Werk ganz aus meiner

Stimmung in dieser Zeit hervorrufen müßen, um die wachsende Ungeduld

der Unterschreibenden zu befriedigen. Es enthält viele Gedichte, ein

kleines Lustspiel in Versen, und eine romantische Geschichte, welche

ich die _Mahnung unsrer Zeit_ nenne. Unter den Gedichten ist viel

Lyrisches, und manche Romanze, Legende und Volkssage, die der _drey

Schwäne_ nach Gottschalk ist eine der gelungensten. Einige Blätter,

überschrieben _aus meinem innern Leben_ habe ich aus Briefen von

1814 an einen Freund genommen und habe überhaupt das Ganze der Arbeiten

in Prosa aus der frischesten Zeit gegriffen. Ich hoffe das freundliche

Zutrauen der Theilnahme nicht getäuscht zu sehn. Das Manuskript wird

jetzt abgeschrieben, und geht dann sogleich an Engelmann in Heidelberg

ab, der den Druck schön und schnell, und die Versendung pünktlich

besorgen wird, das Lustspiel: _Rembrand’s Todt_ dichtete ich

1813, hab es bis jetzt ruhig liegen laßen, und kann es zum Glück in

Heidelberg aus einem Fach meines Büreaus nehmen und drucken laßen,

denn ich kann mich nicht entschließen, die Fülle meiner Papiere der

Post zu vertrauen, und dem Zufall des Fortschickens Preis zu geben,

und überdem sehn ich mich nach meinen grünen Bergen zurück. Hier ist

kein poetisches Leben, die südteutsche Gegend hat, wenn nicht immer in

den Menschen, doch in Quell Blume Epheu Trümmer und Bergen die Poesie,

hier fehlts an Menschen und an der Natur zugleich. Freylich ist mir das

Leben schaal geworden seit ich von Friedrich und Dorotheen getrennt

bin, wenn gleich auch dies noch nicht ganz das Rechte war, weil ich

selbst damahls erst hätte anders seyn müßen.

Meine Rechtsangelegenheit, von welcher Sie, Verehrter Freund! in

öffentlichen Blättern manches gelesen haben werden, scheint ihrem

seligen Ende zu nahen. Es scheint stark dahin gearbeitet zu werden,

daß sie zerrinne: ~as water is in water~. Was läßt sich dazu thun?

Ich habe in der ganzen Angelegenheit unaussprechlich gelitten, und die

Erfahrungen auf dieser Laufbahn hatten mich so abgelöst vom Leben daß

es einer solchen Anregung bedurfte als die der Ehre und Rechtlichkeit,

um noch dichten und so mein Wort lösen zu können. Es liegt etwas

Süßes in meinem heißen Sehnen nach Ruh. Bis zum Weinen schweben mir

meine grünen Berge vor Augen, und als ich nach Heidelberg schrieb, um

meine Abreise nach Berlin, und die mir zugefügten Abscheulichkeiten

zu melden, war meine ganze Klage das Eine Wort: ich werde dies Jahr

die Mandeln nicht blühen sehen! Wer weis, „wann ich sie wieder blühen

sehe!“ In Bouchers Treibhause haben sie nichts für mich! Ich weiß nicht

ob Sie schon von unserm Bauern _Johann Adam Müller_ erfahren,

der hier unerwartet angekommen, und neuen Krieg geweissagt? Ich kenne

den redlichen Mann, und mir ist noch unvergeßen, wie er am 14. Dez.

1814 nach Heidelberg kam uns Napoleons nahe Landung und den Krieg im

Frühjahr zu verkünden, welche der Geist ihm offenbart. Ich habe Müller

diesmahl einen Mittag und Abend bey mir gesehn, und eine kleine Auswahl

meiner liebsten Freunde und Freundinnen um ihn her vereinigt. Die

Rührung und Anerkennung des Kreises sind mir unvergeßlich, denn dieser

schlichte treuherzige Mann, so ganz Natur und Reinheit, so ruhig, so

still beseeligt im Bewußtseyn der göttlichen Einwirkung erinnert immer

an Schillers Ausspruch:

_Das findet in Einfalt ein kindlich Gemüth._

Dies Zeichen, daß sich Gott der Welt wiederum unmittelbar naht,

das seit neun Jahren sich schon in den Erscheinungen dieses Mannes

bewährt, der Zeitlebens nur rechtlich, fromm und einfach war, rührt

und beseeligt mich, und giebt allen meinen Gedanken ein neues Leben.

Ich habe immer nur die Kunst für göttliche Offenbarung und Eingebung

gehalten, und alles künstlerische Streben nur für den Drang die Nebel

zu zerstreuen, die das innere Auge umziehn. Welch ein Trost wenn die

göttliche Offenbarung in das Leben tritt, und es uns vergönnt ist, in

die Zukunft zu schauen, um unser Herz vorzubereiten, auf künftiges,

nahes, unerläßliches Weh. Die Mächtigen haben nicht für die Beruhigung

der Völker gearbeitet, keine Treu ist belohnt, kein Opfer anerkannt

worden, unser reinstes Herzblut ist vergebens gefloßen. Wie könnt’ es

denn so bleiben? Doch vielleicht sind Ihnen Müllers neue Weißagungen

noch nicht bekannt, ich gebe sie Ihnen treu aus seinem Munde:

Eh die Baumblüthe aufbricht beginnt der Krieg, er endigt noch im May.

Wiederum werden es die Preußen ausfechten. N. kommt fort, im Süden von

Frankreich bricht die Empörung aus, in Frankreich ist der Krieg, dort

findet Napoleon sein Grab in der dritten unermeßlich blutigen Schlacht.

Frankreich wird in drey Stück getheilt. Einen der wichtigsten Punkte

der Offenbarung will Müller nur dem König sagen, den er noch nicht

gesehn. Mein ganzes Gemüth wird tief von seiner Ruhe erschüttert, mit

welcher er ausspricht: _Das hab ich gesehen_. Meine Freundinnen

wendeten sich weg, und weinten, es sind fromme sehr in Einklang

ausgebildete Frauen und Mädchen. Der begeisterte Blick, und die milde

Gemüthlichkeit dieses Mannes werden selbst von herzlosen Spöttern

geachtet. Wenn ich mich selbst noch gegen einen festen Glauben an die

Wahrheit seiner Gesichte waffne, so mag ich doch nicht zweifeln. Daß

es ihm selbst heiliger Ernst ist, darüber ist kein Zweifel mehr, doch

halten ihn noch Viele für getäuscht. Die Zeit wird aufklären, ob Gott

uns wiederum, wie in der Vorzeit unmittelbarer Annäherung würdigt,

und dadurch die Seelen wecken und sich zuwenden will! Dieser heiße

Wunsch macht mich geneigter zum Glauben an die wahrhafft göttliche

Sendung dieses Mannes, als die Thatsachen selbst, die bereits dafür

zeugen. Ich habe mein Selbst der Zeit geweyhet, alles Eigne streb ich

zu vernichten, daß jeder Pulsschlag dem Ganzen angehöre, mich schmerzt

nur das Elend der Völker, mich kann nur das erfreuen, was ich noch

Gutes vermag, und mit heißen Thränen bitt ich oft den Herrn daß er die

Menschen an sich ziehe, damit ein Jeder sein Ich vernichte, und in

himmlischer Liebe wiedergeboren werde. Von dem Allen habe ich Ihren

Schrifften, vornähmlich der Genoveva sehr viel zu danken, und dem

Sternbald. Die ersten Stimmen klangen daraus in mein Herz, und der

Grundton, den sie geweckt klingt nun durchs Leben fort. Gute Nacht!

geben Sie mir ein freundliches Zeichen, ich sehne mich längst schon

danach.

Thiergarten No. 50.

_Helmine_.

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 181 / 326 题