VI.

_Dresden_ d. 26/11. 47.

_Mein theurer Freund!_

Von unsrer Freundin Fr. v. Lüttichau erfuhr ich gestern _was_

Sie betroffen und es drängt mich Ihnen ein Freundeswort als Zeichen

dessen zu senden was ich bei dieser Nachricht für Sie empfand und was

immerfort in mir nachdröhnt! -- Jeder Glockenschlag des Todesläutens

geliebter oder verehrter Menschen rührt immer eigenthümlich an dem

Vorhange welcher die großen Geheimnisse der Seele und alles Lebens

verhüllt -- nicht daß er den Vorhang zu heben vermöchte aber er

durchzittert ihn mit einer Ahnung von dem _was_ er verbirgt und es

wird deutlicher in uns daß hinter ihm wie vor ihm nur _ein_ Leben

und _ein_ Geist sich bethätigen könne und indem die Thräne aus

unserm Auge sinkt, wird sie zugleich zum Thau welcher eine eigne große

Freudigkeit als Blüthe erschließt, und _Das_ ist es was wir den

eigentlichen _Trost_ nennen dürfen.

_So_, denke ich mir, ist es in Ihrer Seele und nur _das_

wollte ich Ihnen aussprechen und Ihnen die Hand drücken und sagen daß

Sie mir theuer und verehrt sind! und somit kein Wort weiter als daß

auch die Meinigen Ihnen treuste Theilnahme senden!

Briefe an Ludwig Tieck (1/4) Erster Band · 第 176 / 326 题